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Inhalt

(Einführung)

Erster Teil

Zweiter Teil

Dritter Teil

(der ganze
Roman als
PDF)

Wegerichs Heft - ein Roman


Dritter Teil

 

 

So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom – und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu.

F. Scott Fitzgerald, Der große Gatsby

 

Wer in Frieden leben will, muß in den Ruinen leben wie die Narren.

Farid od-Din Attar, Die Sprache der Vögel



1

 

Daß die Zeit fließe, ist eine Konvention, die wir im Nichtbesitz körperlicher Vorstellungen von etwas Unkörperlichem, dem Unkörperlichen an sich, hinzunehmen gewohnt sind, weil uns der Versuch, darüber nachzudenken, kaum weiter als zu der Einsicht führt, daß, während wir nachdenken, die Zeit wiederum nichts anderes tut, als zu fließen.

Schnürer legte den Papierstapel auf einen Bücherstapel und sah zu, wie sich das oberste Blatt einige Zeit sammelte, um endlich mit einer eleganten Schwungbewegung seitlich vom Schreibtisch zu Boden zu segeln. Er ließ dem Blatt seinen Willen, weil er das Interesse daran sofort nach dem Öffnen des Briefumschlags verloren hatte. Vor dem Fenster ließ sich eine Amsel von ihrer Freude über das reiche Angebot an Efeubeeren überwältigen, stieß einen jauchzenden Schrillton aus und flatterte, über sich selbst erschrocken, in ungelenker Eile davon. Schnürer trank seine Kaffeetasse leer, lehnte sich zurück und betrachtete seinen Nabel.

Eine seltsame Wunde, dachte er, die nie verheilt und doch nicht schmerzt. Die Vorstellung, daß er sein ganzes Leben lang am Bauch eine offene Verbindung zwischen seinen inneren Organen und dem Dreck und Lärm der Außenwelt spazieren trug, einen möglichen Ein- oder auch Ausgang für Dinge mit unsagbaren Eigenschaften und Folgen, erschien ihm vollkommen absurd. Die wesentliche Eigenschaft innerer Organe, dachte er, ist ihre Unsichtbarkeit. Sie sind immer da, sind uns näher als der geliebteste Mensch (wenn es einen solchen gibt) und doch weiter entfernt als Afghanistan und der Mond.

Er dachte an einen früheren Bekannten, dessen Gesicht links von der Nasenwurzel deformiert war und der ihm erzählt hatte, daß er bei einem Autounfall ein Stück Schädelknochen verloren hatte. Theoretisch, hatte der Bekannte gesagt, könne ihm jemand einen Finger in die weiche Stelle bohren und ihn damit töten oder zumindest mit einer einfachen Handbewegung sein Auge herausholen. Wahrscheinlich aufgrund dieser Erzählung hatte Schnürer einen Traum gehabt, an den er sich jetzt plötzlich körperlich und bildlich erinnerte: Da war seine Schädeldecke abgegangen, aus unbekanntem Anlaß, und sein Gehirn, das einer geschälten Mandarine ähnelte, hatte schutzlos in seiner Schale – dem Kopfbecher, wie er einem ebenfalls schädeldeckenlosen Traumgefährten mit erhobenem Zeigefinger erklärt hatte, – gelegen. Nüchtern und ohne die geringste Aufregung hatte er begriffen und dem (auch innerhalb des Bezugssystems seines Traumzustands nicht näher bekannten) Traumgefährten erklärt, daß man, um beider Leben zu retten, einen Arzt finden müsse, damit dieser die Kopfschale mit einer stählernen Schädeldecke (in jenem Traumland offenbar ein handelsübliches Accessoire) verschließe. Auf dem Fußweg dorthin (die bergige Landschaft hatte nichts aufzuweisen, was die Nähe eines Krankenhauses möglich scheinen ließ) hatte er jedoch zu seinem Entsetzen bemerkt, daß bei jeder prüfenden Berührung seines Gehirns mit den Fingern dieses mehr auseinanderfiel, bis er schließlich die einzelnen Mandarinenschnitze herausnehmen konnte – und dies zu seinem noch größeren Entsetzen auch tat. Nun, erklärte er dem Traumgefährten, dem dasselbe widerfahren war und der daher ebenfalls mit den Händen voller nässender Gehirnmandarinenschnitze vor ihm stand, sei man sicherlich nicht mehr zu retten, denn die einzelnen Schnitze würden sich nie mehr sinnvoll zusammensetzen lassen. Es sei schade, daß dies kein Traum sei, aus dem man erwachen könne, hatte er noch gesagt und war erwacht, mit der höchst eigenartigen Gewißheit, sterben zu müssen, zwar nicht jetzt, aber doch irgendwann.

Einen Augenblick lang verspürte Schnürer Lust, sich einen Finger in den Nabel zu bohren, um herauszufinden, wie weit er hineinkäme in sich selbst und was dann passieren würde. Doch schon als er den kleinen, gespaltenen Buckel in der Vertiefung berührte, empfand er in seinem Inneren ein Ziehen, das er als Warnsignal deutete, an gewisse Dinge nicht zu rühren. Daß der Mensch sein Inneres ständig mit sich herumführte, ohne je dorthin vordringen zu können, ohne für gewöhnlich auch nur in der Lage zu sein, den Wunsch danach zu empfinden, erschien ihm noch absurder als die lebenslänglich offene Wunde selbst (von der er wußte, daß die Fälle, in denen sie sich entzündete und zu eitern begann, gar nicht so selten waren). Nicht etwa als trüge man ein Gefäß mit sich, das man niemals öffnen durfte, nein: Man selbst war das Gefäß und lebte doch nur auf der Außenseite.

Die Amsel war zurückgekehrt, äugte vorsichtig zum Fenster herein, befand Schnürer für harmlos und machte sich mit nicht zu unterdrückendem Freudengezwitscher über die Efeubeeren her. Schnürer stellte seinen Kopf ab, hob das Blatt Papier vom Boden auf und überflog es noch einmal. Halblaut sagte er das Wort „Versorgungsausgleich“ vor sich hin, einige Male, wodurch es immer unsinniger klang, indem sich zunächst die Silben „Vers“ und „saus“ aus dem Verbund lösten und Geräusche hinterließen.

Seine Frau hatte, nachdem das Haus endgültig von Schnürers Sachen geräumt war, einen trotzigen, per E-Mail geführten Streit um die Geldbeträge begonnen, die sie von verschiedenen Verwandten und Freunden zur Hochzeit geschenkt bekommen hatten. Schnürer hatte ihr Kopien von Kontoauszügen geschickt, um zu belegen, daß die Gesamtsumme damals einvernehmlich aufgeteilt worden war. Weil er sich davon jedoch selbst erst im Laufe der Überprüfung einigermaßen überzeugt und ihr andererseits, wie es seine Art war, bereits zuvor eine etwas ungehaltene und nicht gänzlich richtige Erläuterung der Aufteilung gegeben hatte, war sie mit keiner seiner Erklärungen einverstanden gewesen, hatte aber endlich auf weitere Darlegungen verzichtet und damit, so schien es ihm, unwiderlegbar beweisen wollen, daß er ein Lügner und jedenfalls unzuverlässig war. In ihrer letzten diesbezüglichen Mitteilung Ende Juli 2001, also vor fast einem Dreivierteljahr, hatte sie ihn aufgefordert, nicht so zu tun, als hätte er durch die Ehe Verluste erlitten, schließlich habe er zwei Jahre lang umsonst wohnen können und durch die gemeinsame Veranlagung steuerliche Vorteile genossen.

Obwohl Schnürer (der damals nicht in der Lage gewesen war, auf solche Invektiven einzugehen) auch jetzt nicht die geringste Lust hatte, über derlei Dinge nachzudenken, dachte er doch lange genug darüber nach, um sich eingestehen zu müssen, daß ihn die Unterstellung, er sei unredlich und habe sich bereichern wollen, immer noch ärgerlich machte. Noch verärgerter indes war er gewesen, als einige Monate später, Wochen nach Angelikas Tod, als er am allerwenigsten damit gerechnet hatte und, in diffusen Vorgängen der Trauer und Ergründung (von denen wir noch sprechen werden) befangen, nicht das geringste damit anfangen konnte, eine E-Mail von seiner Frau eingetroffen war, in der sie ihm mitgeteilt hatte, sie verstehe zwar, daß er in ihr „den ‚Buh-Mann“ sehe, wünsche sich aber trotzdem, daß sie eines Tages „ein normales Gespräch unter Freunden führen“ könnten. Schnürer hatte den Text mehrmals gelesen, immer wieder, jedesmal fassungsloser. Freundschaft?

„Was uns verbindet“, hatte er, über sich selbst verwundert, dem Computerbildschirm erklärt, „ist mein Haß auf einen Menschen, dem ich alles, mein ganzes Leben, geben wollte, und der dieses Alles mit kaltem Blick einige Zeit geprüft, für unwert befunden und ohne weiteres in die Mülltonne geworfen hat. Was uns außerdem verbindet, ist deine vollkommene Gleichgültigkeit anderen Menschen gegenüber, die ich von Anfang an bemerken hätte müssen, aber nicht bemerkt habe, weshalb ich wahrscheinlich auch den, der ich damals war, hasse, weil mich seine Dummheit vier Jahre meines Lebens gekostet hat. Was uns nicht verbindet, nie verbunden hat und nie verbinden wird, ist Freundschaft.“ Der Bildschirm hatte auf seine Worte – Angehörige jener Kategorie, deren Zweck sich mit ihrer Aussprache erfüllt hat – nicht reagiert. Zu einer schriftlichen Antwort war Schnürer danach nicht fähig gewesen.

„Die wollte sich richtig streiten, das gehört dazu“, hatte Neitzl gesagt. „Und du Depp spielst den Pazifisten. Hättest du ihr halt anständig Dampf gemacht.“

Schnürer hatte ihn darauf hingewiesen, daß es keinen Grund zum Streiten gab, weil sie sich damals im Mai, als der Mail-Streit um Geld plötzlich aufgeflammt war, längst einig gewesen waren, die Ehe als Irrtum abzuhaken, den man am besten schnell und unkompliziert aus der Welt schaffte (wovon er, ohne dies genau zu wissen, auch ihrerseits ausgegangen war).

„Damals im Mai!“ hatte Neitzl gelacht und ihm in schnoddrigen Worten erklärt, Frauen „tickten“ nun einmal anders, zumindest „solche“: „Wenn die jemanden absägen, wollen sie Widerstand spüren. Sonst wollen sie ihn irgendwann auf einmal wieder zurück. Weil sie glauben, sie sind reingelegt und in Wirklichkeit selber abgesägt worden.“

Für Schnürer war das eine große Portion zuviel Psychologie gewesen. Vennemann hatte eingewandt, ihn habe „das ganze Drama“ sowieso dermaßen überrascht, daß er „aus allen Wolken gefallen“ sei, weil Schnürer und seine Frau doch immer „so ein harmonisches Bild abgegeben“ hätten, ein Bild der gegenseitigen Gewißheit, des Kümmerns und blinden Einverständnisses. Ein Bild, hatte Schnürer gesagt, könne täuschen, besonders wenn die Harmonie eine einseitige Veranstaltung sei. Und wenn das Bild nicht täusche, sagte er weiter, wieder einmal Angelikas durchscheinendes Gesicht vor Augen (immerhin lächelnd inzwischen), komme die Welt auf andere Weise daher und schlage alles kaputt, was sie treffen könne. Vennemann hatte, seinerseits erschrocken über den plötzlichen Stimmungsumschwung des Freundes, geschwiegen.

Das Blatt, das er immer noch in der Hand hielt, teilte Schnürer neben einigen Details den Gerichtstermin für die Scheidung mit: 28. Mai 2002. Schnürer beschloß, die Angelegenheit so hinter sich und zu Ende zu bringen, wie sie (nach seinem einleitenden, wohl atavistisch zu deutenden Zusammenbruch) begonnen hatte: in ungerührter Passivität, die man – wer auch immer; es ging ja niemanden etwas an – als Souveränität deuten mochte. Im Grunde, sagte er sich, kam diese Sache ganz recht, weil sie ihm Gelegenheit gab, sein Auftreten vor Gericht zu proben, um in dem früher oder später anstehenden Prozeß gegen Wegerich nicht wieder so zu versagen wie in der Verhandlung gegen seine beiden Untermieter.

Er erinnerte sich an den absurden Nervenkrieg, der unter Beteiligung seines Rechtsanwalts Grünberg und eines Mitarbeiters des „Mieterbundes“, in den die Untermieter sofort nach Schnürers Drohung mit einer Räumungsklage eingetreten waren, in schriftlicher Form und ansonsten schweigend geführt worden war. Da es in den Klagen neben der Räumung auch um die verweigerte Miete für August und die erste Hälfte des Septembers gegangen war, hatte der Gerichtstermin stattgefunden, obwohl die Untermieter die Wohnung bereits geräumt hatten. Der Anwalt der Untermieter, ein beleibter Rüpel, der nicht davor zurückgeschreckt war, den Richter zu unterbrechen (ohne daß dieser sich darüber beschwert hätte), und dessen wesentliches Tätigkeitsgebiet (wie Schnürer später aus Zeitungsberichten erfahren hatte) darin bestand, im Auftrag dubioser bis krimineller Hausbesitzer deren Anwesen zu „entmieten“, hatte mit seinem Auftreten Schnürer – der sich seit Angelikas Tod in einem fragilen Zustand zwischen Lähmung und Hysterie befunden hatte, in den eine wie auch immer geartete Realität höchstens nadelstichartig vordringen konnte – so aus der Fassung gebracht, daß seine Argumentation entgleist und die Verhandlung in ein wechselseitiges Geschrei ausgeartet war, in dem der Richter sehr früh Partei für die Gegenseite ergriffen und Schnürer am Ende nur einen Teil seiner Forderungen zugesprochen hatte (den sein Anwalt schließlich durch einen Gerichtsvollzieher hatte eintreiben lassen, da der Gegenanwalt auf Mahnungen und Nachfragen nicht reagiert und diese wohl auch nicht an seine Mandanten weitergeleitet hatte).

Vennemann und Neitzl waren als Zeugen aufgetreten. Neitzls Aussage, er habe Schnürer Mitte August bei dringend nötigen Renovierungsarbeiten geholfen (der Trockenlegung eines alten Wasserschadens im Bad und dem Abschleifen des Küchenbodens), wertete der Richter als Beleg für die Behauptung der Untermieter, die Wohnung sei unbewohnbar gewesen. Vennemann sagte, er habe seit dem frühen Mai von der Zusage der Untermieter, Ende Juli auszuziehen, gewußt, sei jedoch bei dem diesbezüglichen Gespräch nicht dabeigewesen, woraufhin ihn der Richter fragte, weshalb er sich als Zeuge melde, wenn er nichts auszusagen habe, was Vennemann mit hilfloser Verwirrung quittierte.

Schnürer, für den Gerichte bis dahin abstrakte Orte technischer Verrichtungen und regelgetreuer Vorgangseinleitungen zur Auflösung unrechtmäßiger Blockaden gewesen waren, für die es genaueste Vorgaben in Form von Gesetzen und Ausführungsbestimmungen gab, hatte einsehen müssen, daß er sich gründlich getäuscht hatte. Ein Gericht, fand er nun, unterschied sich von einem Fußballplatz nur dadurch, daß der Schiedsrichter die Tore erzielte. So sei das nun einmal, hatte Neitzl danach, als sie in der Gerichtskantine noch einen Kaffee beziehungsweise ein Bier getrunken hatten, geseufzt. Man müsse für so etwas eine „Drecksau“ sein, die (glücklicherweise, wie er schnell hinzufügte) weder Schnürer noch sein Anwalt sei. Grünberg hatte wortreich und begütigend widersprochen und am Ende zugestimmt.

Man muß, dachte Schnürer, kämpfen, um die Realität zu dem zu machen, was sie ist: Ergebnis verworrener, ineinander verschlungener, einander bedingender, auslösender, beeinflussender Absichten, Handlungen, Reaktionen. „Um zu erkennen, was ist“, sagte er zu seinem Bildschirm, „muß man klarmachen, was passiert ist. Der Umgang mit Tatsachen erfordert die Herstellung der Eindeutigkeit ihrer Entstehung. Da die Dinge sind, wie sie sind, gibt es kein ‚vielleicht und ‚ein bißchen. Man muß wissen, wie die Dinge sind, und dazu ist es nötig, herzuleiten, wie sie geworden sind.“

Er spürte, wie er sich in einer Denkspirale verfing, brach die formulierende Überlegung daher ab und versuchte, seinen Kaffee auszutrinken, was, da die Tasse bereits leer war, nur symbolisch gelang: Er schluckte Kälte, und wieder erschien Angelikas Gesicht, diesmal die trotzig-melancholische Version. Laut schimpfend flog die Amsel davon.

 

 

 

2

 

Er sah sie oft, nachts vor allem, aber auch bei Tageslicht, wenn ihm für lange Augenblicke die Verbindung zur meist verbissen lärmenden, manchmal auch ruhigen, immer aber in aggressiver Konkretheit auftretenden Welt der Dinge entglitt. Ihr Gesicht erschien ihm als eigentümliches Vexierbild: Versuchte er den Blick auszurichten, um Details zu fangen, so zerflossen sie, und am Rande seines Sehfelds wurde anderes deutlicher, was er wiederum nicht zu fixieren vermochte. Sie sprach nicht oft, lächelte bisweilen, blickte seltener verloren, als sorgte sie sich hilf- und wortlos um ihn, und immer war es ihm unmöglich, zu erkennen, was sie dachte und worauf ihr Erscheinen zurückzuführen war. Über letzteres sann Schnürer nicht gerne nach, aus Furcht, eine Ergründung des Phänomens könnte dieses vertreiben und beenden oder den Nachweis erbringen, daß er dabei war, verrückt zu werden.

In die Erinnerungen, die ihn ohne Vorbereitung überfielen als Lawinen sinnloser, da nicht in eine Ordnung und einen tröstenden oder erhellenden Zusammenhang zu bringender Bilder und Empfindungen, drängte sie sich nicht. Wenn der Strom begann, war er allein, und nicht immer hatte das, was da kam, unmittelbar mit ihr zu tun. Es war jedoch nicht weniger schmerzhaft, ein Bild ihres Gartens vorgeführt zu bekommen, wie er ihn vom Fenster der Vorstadtwohnung aus betrachtet hatte, im trüben Spätsommerlicht daliegend (als wäre er immer schon als Erinnerung gedacht gewesen, nie im Lauf der Welt enthalten), als den Moment erneut erleben zu müssen, als er von ihrem Tod erfahren hatte, die Tage und Nächte zu rekapitulieren (was er in diesem Fall als Regisseur des eigenen Gedächtnistheaters tat), als er vergeblich gewartet hatte, ihre letzte Botschaft, den Zettel, den er in einer Schublade verwahrte, wie um ihn zu konservieren, wieder und wieder zu lesen (laut: „Es ist alles geklärt, und ich liebe dich. Endlich: A.“) und sich auszumalen, was geschehen war, nachdem sie den Stift weggelegt hatte (nein: eingesteckt; da war kein Stift gewesen, oder trog das Bild des Küchentisches, das er, wenn er die Augen schloß, in photographischer Schärfe vor sich sah, als wäre das Möbel eine Emanation ihrer selbst?). Warum, warum, warum war er weggegangen? beschimpfte und quälte er sich und überschüttete sich mit brennendem Haß für seinen Trotz, der ihn aus dem Haus getrieben hatte, statt dazubleiben, Angelikas Freund zur Rede zu stellen, ihn hinauszuwerfen aus der Wohnung, aus ihrem Leben, sie festzuhalten, endlich zu beginnen, was bis dahin nur als Möglichkeit einen vagen, von falschen Reaktionen beschädigten Anfang genommen hatte und nun endgültig und für alle Zeiten unmöglich, ausgeschlossen und zu Ende war. Er sei selbst schuld, sagte er sich immer wieder, wenn die Aufführung (nach einem Wirbel schrecklicher, nie gesehener Vorstellungen von dem, was bei dem Unfall, während der endlosen Zehntelsekunden ihres Sterbens, mit ihrem Körper geschehen war, was sich in ihrem Kopf abgespielt haben mochte) das Finale erreichte, mit leeren, der Zeit entrissenen Bildern unfaßlicher Verlorenheit und endlich der gegenständlichen Schwärze dessen, was da jetzt war, was ihn jetzt im Leben halten sollte: Dinge, Vorgänge, die ihn selbst als irgendwie funktionierenden Mechanismus einbanden in einen Ablauf, der wo auch immer hinführen mochte.

Als er gelernt hatte, die hin und wieder aufflackernde Ahnung zu entkräften, er sei Opfer einer elterlichen Intrige geworden, einer vorgetäuschten Tragödie mit dem Ziel, ihm die Tochter zu entziehen (was ihm jedesmal nach dem Erwachen Schamröte ins Gesicht trieb, wenn er sich unwillkürlich an die unbestreitbar echte Verzweiflung der Mutter erinnerte), als ihn bleiche, leere, von richtungslosen Gedankenfäden durchzogene Tage gezwungen hatten, mit der Tatsache zu leben, daß sie tot war, hatte ihn eine nüchterne Kälte erfüllt, die an jugendliche Zustände von extremem Trotz (mit der Hintergrundgewißheit, das Leben sei sinnlos und böse) erinnerte, jedoch weit darüber und über alles, was er kannte, hinausging. Man hatte ihm das einzige, was wichtig war, gestohlen, erkannte er, und da diese Einsicht nicht mehr zu vertreiben gewesen war, hatte sie ihn umgetrieben. Bei den wenigen Gelegenheiten, als er sich über Angelika äußerte, nannte er ihren Freund nun den „Mörder“, der ihm absichtlich, bewußt und unter Hinnahme des eigenen Verlöschens (was ihn auch jeder Zugänglichkeit für Reue und Strafe entzog) entrissen habe, was er selbst nicht habe behalten können.

Er müsse vorsichtig sein, daß er nicht paranoid werde, hatte Neitzl gesagt, und selbst wenn seine aberwitzige Vermutung zutreffe, sei sie doch wertlos, weil die Erkenntnis notwendigerweise ohne Folgen bleiben werde, außer für ihn, und dies mit Sicherheit nicht im guten Sinne. Schnürer hatte herb gelacht, dem Freund versichert, er komme schon zurecht, und das Thema abgewürgt.

Es gelang ihm jedoch auch weiterhin nicht, Ruhe zu finden. Unablässig drehte sich sein Denken, dessen wenige technisch funktionable Bereiche derweil mit der Erstellung minderer Texte zur Sicherung des Lebensunterhalts befaßt waren, um das, was geschehen sein mochte, und immer wieder irgendwann drehte es sich so schnell, daß er die Arbeit einstellen und lange Spaziergänge unternehmen mußte, um der inneren Bewegung eine äußere entgegenzusetzen.

Eine dauerhafte Linderung blieb aus; es gelang ihm auch nicht, sich in langen Nächten in der schweigenden Wohnung taub zu trinken, obwohl er es versuchte, und erst als er eines Vormittags mit trübem, pulsierendem Kopf erwacht war, sich schlagartig an ein Telephongespräch mit Angelikas Mutter erinnernd, das er in der Nacht geführt haben mußte und in dem er verzweifelt und wirr versucht hatte, sie zur Erstattung einer Anzeige wegen Mordverdacht zu überreden, wurde ihm klarer, daß er sich mäßigen mußte.

Es kostete ihn ein gewaltiges Maß an Überwindung, nach Erreichen eines subjektiven Zustands der Ausnüchterung die Mutter ein weiteres Mal anzurufen und ihr darzulegen, „diese Sache“ belaste ihn, da er ähnliches noch nie erlebt habe, über die Maßen, er denke jedoch, sich nun „im Griff“ zu haben. Die Mutter schwieg eine lange Weile, in der beider Atem aus einer synkopischen Verschiebung in Gleichzügigkeit überging, was nur Schnürer bemerkte; er scheute jedoch davor zurück, den merkwürdigen Rhythmus zu stören.

Sie habe sich schon gedacht, sagte die Mutter endlich mit ungewöhnlich tiefer, auf erschreckende Weise an Angelika erinnernder Stimme, daß das mit der Nachhilfe nicht alles gewesen sei. Sie wolle und könne ihm keinen Vorwurf machen, fügte sie nach einer vergeblichen Pause hinzu; es klang ein bißchen wie eine Frage. Schnürer hatte nicht geantwortet, sich vorsichtig verabschiedet und ihr „alles Gute“ gewünscht.

 

 

 

3

 

Zwei Wochen vor dem Scheidungstermin erhielt Schnürer eine E-Mail von seiner Frau. „Unsere Scheidung steht ja nun bald an“, schrieb sie und fragte, ob er, „nachdem das alles auch noch zu einer unmöglich frühen Stunde stattfinden“ werde, es nicht „angemessen“ fände, den Anlaß zumindest „mit einem anständigen Kater und fetten Kopfschmerzen zu begehen und vielleicht am Vorabend zusammen was zu trinken?“

Schnürer staunte, sagte aber sofort zu, vor allem weil es ihn reizte, seiner Frau zu demonstrieren, daß er, wenn schon natürlicherweise nicht glücklich, dann doch zumindest zufrieden und vor allem zufriedener als zu ihrer gemeinsamen Zeit lebe. Er vermutete, daß sie ähnlich dachte, und war sich bewußt, daß diese Regung kindisch war, aber er konnte sich einerseits sowieso nicht dagegen wehren, so zu empfinden, und andererseits vermutete er, daß jeder andere Mensch genauso oder ähnlich handeln würde. Er kannte die Lust an dieser milden Form des Renommierens von früheren Beziehungen, er kannte sie eigentlich schon aus der Zeit, als er bei seinen Eltern ausgezogen war, Hals über Kopf und doch kaum überraschend, weil der achtzehnjährige Schnürer sich bereits als Sechzehnjähriger geweigert hatte, irgendein Detail seines Lebens mit den Eltern zu besprechen, auch nicht auf eindringliches Nachfragen hin, was vor allem seine Mutter so wütend gemacht hatte, daß sie ihrerseits schließlich nur noch mit bitteren Vorwürfen und ebenso hilf- wie zwecklosen Befehlen an ihn herangetreten war.

Sein Vater hatte sich meistens herausgehalten, ihn jedoch gelegentlich unter vier Augen zur Rede gestellt und nach seinen „Problemen“ gefragt, woraufhin Schnürer stets gesagt hatte, er habe keine Probleme, was dann auch den Vater zur Verzweiflung gebracht hatte. So war es eines Abends wieder einmal zu einer gesamtfamiliären Auseinandersetzung gekommen, an der er lediglich durch Anwesenheit, nicht jedoch verbal teilgenommen hatte, was dazu führte, daß seine Eltern miteinander zu streiten begannen und sich endlich ihre erzieherischen Versäumnisse gegenseitig so ausführlich und vehement darlegten, daß Schnürer fürchtete, nunmehr Zeuge des Scheiterns ihrer Ehe zu werden.

Da er seine Eltern damals zwar haßte, aber auch liebte, hatte er schließlich doch den Mund geöffnet und gebrüllt, sie hätten überhaupt keinen Fehler gemacht, abgesehen vielleicht von dem Fehler, ein Kind zu bekommen, und es sei alles seine Schuld, weil er schlicht und einfach nicht das geringste Interesse habe, über sein Leben zu reden (was so oder so nur auf ahnungslose dumme Sprüche und unangebrachte Verhaltensmaßregeln hinauslaufe), andere daran teilnehmen zu lassen oder am Leben anderer teilzunehmen.

In diesem Fall, hatte seine Mutter mit schneidender Stimme gesagt, sei es das beste für alle, wenn er so schnell wie möglich gehe. Das werde er tun, hatte Schnürer gesagt, ein paar Alltagsutensilien (Rasierzeug, Zahnbürste, Tagebuch, je einen der generationsüblichen Romane von Sartre und Camus – obwohl er nicht vorhatte, einen von beiden zu lesen) eingepackt und war bei einem Freund (dessen Loslösung vom Elternhaus auf gleiche Weise ein paar Monate früher stattgefunden hatte) untergekommen. Ein knappes Jahr lang hatte er sich am Telephon verleugnen lassen und kein Wort mit seinen Eltern gesprochen, dann war er der Bitte seiner Mutter um ein Treffen nachgekommen und hatte in einem Wirtshaus um die Ecke seiner neuen Bleibe (die mittlerweile durch den Zuzug einer dritten Person zur „WG“ geworden war) den ganzen Abend mit ihr geredet, offenbar erfolgreich, weil sie fortan (als sich der Kontakt wieder normalisierte) stets für ihn Partei ergriff und die Meinung vertrat, er sei (von kindischen Residualen abgesehen, die sie indes zu schätzen schien) erwachsen und in der Lage, sein Leben ohne Einfluß von außen zu führen.

Wenn Schnürer darüber nachdachte, kam er zu dem Ergebnis, daß er seinen Eltern erst nahegekommen war, als er sich von ihnen entfernt hatte. Es war dieser Gedanke jedoch von schaler Banalität, und weil Schnürer ohne Zweifel keine Neigung mehr verspürte, seiner Frau nahezukommen, vertrieb er ihn wieder.

Seine Frau schlug ein Lokal in der Nähe der Münchner Freiheit vor, von dem Schnürer noch nie gehört hatte, was ihm ganz recht war, weil er keine große Lust hatte, zufällig Bekannte zu treffen. Obwohl er absichtlich zehn Minuten zu spät kam, mußte er weitere zehn Minuten auf seine Frau warten, was er mindestens geahnt und deshalb ein Buch mitgenommen hatte (Gilbert Adairs „A Closed Book“, das er bereits kannte und das ihm daher auch die Möglichkeit geben mochte, Gesprächspausen zu füllen, indem er von der Erzähltechnik des Romans schwärmte, der fast ausschließlich aus Dialogen bestand).

Als seine Frau kam, fühlte er sich sehr zu seinem Mißfallen wie bei einem Rendezvous; es gelang ihm nicht, unbeteiligt zu warten und in dem Buch zu blättern, bis sie ihre Jacke an die Garderobe gehängt und den Barkeeper am Tresen begrüßt hatte. Dann stand sie am Tisch, strahlte ihn verbissen an und sagte „Na?“, was Schnürer als unbeholfenes, versuchsweise förmliches Echo zurückgab. Sie erzählte, dies sei eine ihrer neuen Stammkneipen; der Wirt (den Schnürer für den Barkeeper gehalten hatte) sei im Neben- oder Hauptberuf Bildhauer, und ihr neuer Freund (dessen Tätigkeit darin bestehe, Immobilien in Ostdeutschland zu kaufen, sie steuerbegünstigt renovieren zu lassen und gewinnträchtig weiterzuverkaufen) habe ihm zu Ausstellungen in Dresden und Berlin verholfen. Schnürer fiel dazu nicht mehr ein als ein animiertes „So?“, woraufhin sie das Thema für erledigt erachtete und „Und?“ sagte.

„Na ja“, sagte Schnürer, es sei vieles schwierig, aber auch gut. Ob er endlich einen Job habe, fragte sie, was ihn aus der Bahn warf, weil er die Frage erwarten hätte müssen, sich jedoch keine Antwort zurechtgelegt hatte. Er tue dies und das, sagte er (und ärgerte sich, weil ihm diese Uneindeutigkeit, auf die er eigentlich stolz zu sein beabsichtigt hatte, etwas peinlich war); er schreibe eben seine Kolumnen und „nebenbei Sachen“, Übersetzungen, Kritiken für diesen und jenen, das sei alles weiters kein Problem. Sie nickte und schwieg, und obwohl Schnürer vermeiden hatte wollen, nach ihrer Arbeit zu fragen, tat er es nun doch und hörte sich den halbstündigen Monolog über die wegen hervorragender Leistungen verkürzte Probezeit, diverse durch ihre Initiative ins Leben gerufene Projekte und untaugliche Kollegen geduldig an, mit einem gelegentlichen Nicken und dem mißlungenen Versuch eines überlegenen Lächelns (das ihm, wenn er sich recht erinnerte, noch nie gelungen war). Endlich schloß sie ihren Bericht mit dem Fazit, es sei alles toll, aber enorm anstrengend, und manchmal wisse sie nicht mehr ein und aus und sei „total erledigt“.

Schnürer hatte sich die Frage, wieso sie überhaupt arbeite, wo sie doch neben dem Vermögen ihrer Eltern nun auch noch das sicherlich nicht geringe Einkommen ihres neuen Lebensgefährten zur Verfügung habe, eigentlich ebenfalls verkneifen wollen, aber jetzt, wo ihm der Wirt mit einem freundlichen Lächeln (für seine Frau) das dritte kleine Glas Bier an den Tisch brachte, stellte er sie doch. Wenn sie sich vorgenommen hatte, ihm nicht zu sagen, eine solche Frage sei typisch für ihn, so hielt sie sich an ihren Vorsatz. Sie lächelte verkniffen triumphierend und sagte, sie könne schließlich ihr Leben nicht sinnlos „vergammeln“. Einen Augenblick lang war Schnürer in Versuchung, gehässig nachzufragen, ob es denn nicht sinnvoller wäre, ihren Job jemandem zu überlassen, der das Geld dringender brauche, aber diesmal gelang es ihm, auf die Bremse zu treten.

Was eigentlich aus seinem tollen Magazinprojekt geworden sei, fragte seine Frau, und Schnürer (der insgeheim wohl hoffte, endlich von Angelika erzählen zu dürfen, was ihn zugleich reizte und ängstigte und damit noch mehr reizte) sagte, das sei eine lange Geschichte. Es sei ja auch ein langer Abend, sagte sie, und so erzählte Schnürer: Es habe sich bei Wegerich, was niemand geahnt habe, um einen Betrüger gehandelt (ihr zumindest sei „dieser Typ“ gleich nicht ganz geheuer gewesen, sagte sie), dessen Plan es gewesen sei, sich ein Konzept für eine Zeitschrift erstellen zu lassen, ohne dafür zu bezahlen, wofür er eine Firma gegründet und diese dann, als es sich nicht mehr vermeiden ließ, Rechnungen zu bezahlen, zur Vermeidung der Bezahlung insolvent gemeldet habe.

Er sei eben, das müsse sie sagen, sagte seine Frau, „echt naiv“. Das könne schon sein, sagte Schnürer, aber erstens habe er gar keine Lust, ein „abgebrühter Business-Kerl“ zu werden, und zweitens sei er nicht als einziger auf den Schwindel hereingefallen, wenn auch, wie er gestehen müsse (er spürte, wie ihn dieses Geständnis unter dem Einfluß von drei Bier – der Wirt brachte gerade das vierte – belustigte), mit dem größten Schaden, den er jedoch nicht hinnehmen werde. Zu glauben, man könne aus solchen Leuten etwas herausholen, sagte seine Frau, sei ja wohl noch naiver.

Schnürer legte ihr die Einzelheiten dar: Es sei so gut wie hieb- und stichfest belegt, daß Wegerich bei der Durchführung seines Plans Fehler gemacht habe, zum Beispiel den, ihn schon zu einem Zeitpunkt mit der Erstellung des Konzepts zu beauftragen, als eine Firma noch nicht einmal im Traum existiert habe, und im übrigen gebe es auch noch Vennemann und Neitzl, die das alles bestätigen könnten, weil sie dabeigewesen seien.

Wie es Vennemann gehe, wollte seine Frau wissen, und Schnürer sagte, es gehe ihm so weit gut (von „den Frauen“ einmal abgesehen), weil es ihm gelungen sei, seine alte Stelle als Redakteur jener Lokalzeitung wiederzubekommen, wenn auch mit gekürztem Gehalt, was aber jetzt sowieso üblich sei. Schlechter getroffen habe es Neitzl, der seit der CULT-Pleite arbeitslos sei. Von Neitzl, sagte seine Frau, habe sie so etwas erwartet, weil das „auch so ein Durchhänger“ sei. Hingegen habe sie doch Lust, mal wieder mit Vennemann zu reden, der ja, was er, Schnürer, hoffentlich wisse, ursprünglich nicht seinem, sondern ihrem Freundeskreis angehört habe, was aber nichts ausmache, weil sie sich sowieso „verändert“ und den Kontakt zu den „Leuten von damals“ weitestgehend abgebrochen habe.

Schnürer spürte ein Aufwallen von Erregung, antwortete jedoch nichts, weil er schon wieder ein neues Bier bestellen mußte. Seine Frau erhielt ohne Bestellung das dritte Glas von einem Wein, den Schnürer, ohne ihn probiert zu haben, für überteuert hielt. Sie, sagte seine Frau, habe wirklich große Lust, mal wieder mit Vennemann zu reden; am besten rufe er, Schnürer, ihn gleich an.

Er holte sein Mobiltelephon aus der Jackentasche, wählte Vennemanns Nummer und übergab seiner Frau das Gerät. Amüsiert hörte er mit an, wie seine Frau dem offenbar vollkommen verwirrten und konsternierten Vennemann erklärte, sie sei gerade dabei, sich mit seinem besten Freund, der gleichzeitig ihr Exmann sei, sinnlos zu betrinken, und er möge sich keine Sorgen machen, sie werde ihm „schon nichts antun“. Nach einer Reihe belangloser, fragmentarisch formulierter Fragen (die so schnell auf ihn einprasselten, daß Vennemann mit Sicherheit keine Zeit hatte, sie auch nur annähernd sinnvoll zu beantworten) reichte sie Schnürer das Telephon zurück und sagte, er solle „das machen“, weil sie nun dringend auf die Toilette müsse. Schnürer erklärte dem fassungslosen Vennemann, es sei dies der Vorabend seiner Scheidung, und er sitze mit seiner Frau zusammen, um „die Ehe ordnungsgemäß zu Ende zu bringen“. Er solle um Himmels Willen keine Dummheiten machen, sagte Vennemann, und Schnürer versicherte ihm, dies sei „schon rein körperlich“ so gut wie ausgeschlossen, weil er bereits betrunken sei. Er werde ihm überdies so bald wie möglich Bericht erstatten. Nicht ganz beruhigt verabschiedete sich Vennemann.

Das sei ja auch ein „Kauz“, sagte seine Frau, als sie von der Toilette zurückkehrte. Der mache sich wohl Sorgen, daß sie ihn „ein letztes Mal verführen“ wolle oder irgend so etwas. Schnürer grinste, trank sein Bier aus und fragte, was sie noch vorhabe. Sie müsse noch in ein anderes Lokal, sagte seine Frau, weil sie dort gegen halb eins ihren Freund erwarte, aber wenn er wolle, könne er gerne mitgehen und ihr „Gesellschaft leisten“. Ob sich bei ihm „noch nichts Neues ergeben habe“, fragte sie unvermittelt, und Schnürer, wieder einmal komplett überrumpelt, sagte, dies sei momentan nicht so wichtig. Das war gelogen, dachte er, aber nun war es zu spät, die Geschichte zu erzählen, und eigentlich ging die Sache seine Frau überhaupt nichts an.

Er grub einen Packen Geld aus seiner Hosentasche (er hatte praktisch alles mitgenommen, was er in bar besaß, ohne genau zu wissen, warum), aber sie sagte, das sei „schon in Ordnung“. Draußen wartete sie, bis er (wobei ihm mehrmals der Schlüssel aus der Hand fiel) sein Rad aufgeschlossen hatte, dann gingen sie die Leopoldstraße entlang – die Turmuhr einer Kirche zeigte Schnürers zusammengekniffenen Augen, daß es bereits nach halb eins war, was ihn erleichterte, weil er punktgenau mit dem Verlassen des Lokals und dem ersten Zug frischer Straßenluft jedes Interesse an einer weiteren Unterhaltung mit seiner Frau verloren hatte.

Ihr Freund, so stellte sich heraus, hatte Verspätung. Das sei bei ihm beruflich bedingt und normal, sagte sie und bestellte nach langer Beratung mit dem Kellner einen anscheinend nach einem Phantasieort benannten österreichischen Wein, von dem Schnürer spontan vermutete, daß er aus Bulgarien oder Holland kam (er selbst nahm ein dunkles Bier). Es fiel ihm schwer, ein Gespräch zu beginnen, und so hob er einfach sein Glas, nickte ihr zu und sagte etwas Unverfängliches über das Leben. Sie wandte sich nach rechts und nach links und stellte fest, die Kneipe sei „urig“, was Schnürer nicht bestätigen konnte. Er ließ sich statt dessen in einen sinnlosen, zunehmend verwirrten und mit zunehmender Verwirrung nicht mehr aufzuhaltenden Sermon über gastronomische „Mechanismen“, vorgetäuschte Originalität sowie unheilvolle Verknüpfungen zwischen lokalen Klatschmedien und Event-Unternehmern hineintreiben, der wahrscheinlich darauf hinauslaufen sollte, eine Symmetrie mit Wegerichs Verhalten aufzuzeigen, den er aber schließlich, als er in seinem sinnlosen Geplapper selbst den Faden verloren hatte, mit einer Handbewegung abbrach.

Seine Frau sagte, ohne ihn anzuschauen, das sei ihr ziemlich egal, aber er sei da wohl „ganz schön versessen“, und als Schnürer gerade dabei war, die Geschichte von Wegerichs Heft noch einmal zu erzählen, blickte er von seinem Glas auf und stellte fest, daß seine Frau nicht mehr allein war, sondern seit ungewisser Zeit an einem kahlrasierten Mann Ende vierzig hing, den Schnürer spontan als „Dynamiker“ beschrieben hätte und der ihm mindestens je einen Meter größer und breiter erschien, als er selbst war.

Das sei alles total interessant, sagte der Mann und befreite sich aus der Umschlingung durch Schnürers Frau, um ihm die Hand zu reichen, aber langsam werde es doch Zeit, „den Heimathafen anzulaufen“. Schnürer überlegte kurz, ob es möglich sei, sich anzuschließen, um das Gespräch fortzusetzen, weil er über das zentrale Problem der ganzen Sache – Wegerichs Ideologie eines ausschließlich an inszenierten, kulturell folgenlosen Ereignissen orientierten Vorwegnahme- und Reklamejournalismus – noch gar nichts gesagt hatte, bekam dann, als ihm klar wurde, daß überhaupt kein Gespräch stattgefunden hatte, einen Lachanfall und bestellte lauthals ein weiteres Bier.

Man sehe sich also morgen, sagte seine Frau, dann waren zwei Hände zu schütteln und eine zuklappende Tür, schummrig gelb erleuchtet, zu betrachten. Schnürer schlug sein Buch auf, aber er war zu vertraut mit der Geschichte und sowieso zu betrunken, um zu lesen, und so blätterte er nur, als wäre er im Begriff, eine Entscheidung über den eventuellen Erwerb des Romans zu fällen, und wollte sich zuvor von dessen Qualität überzeugen. Seltsam, dachte er, man kauft immer Sachen, die man nicht kennt. Wenn man sie dann kennt, stellt man sie weg.

„Wie konnte ich nur so blind sein“, las er. „Jetzt nämlich, und Gott sei mein Zeuge, wie ich Gottes Zeuge bin, jetzt spiele ich nicht länger mit Worten.“

Ein kluger Gedanke, dachte Schnürer. Wer mit Worten spielt, hat von vorneherein verloren. Man läßt ihn reden, dann schreitet man zur Tat. Er rekapitulierte die Schriftsätze seines Anwalts Grünberg an Wegerich, die er auswendig kannte: „Erhebe ich im Namen meines Mandanten … das Glas, bla bla bla!“ Ansprüche, dachte Schnürer. Man spricht etwas an, man spricht jemanden an, dann spricht dieser zurück, und so weiter. Alles vollkommen egal, bla bla bla. Sennscheider hatte gesagt, es werde das beste sein, „diesen Kerlen ein paar aufs Maul zu hauen“, aber das sei nun einmal unkultiviert und daher zu vermeiden, und wert seien die es sowieso nicht. Wer etwas wert ist, dachte Schnürer, möchte ich nicht entscheiden müssen.

„Los geht’s! 3.000 tolle Tips!“ las er, und tatsächlich: Es war ein CULT-Heft, was da am Zeitungsständer hing. Schnürer stand auf, wankte zu dem Gestänge und holte sich das Heft. Die „3.000 Tips“, die die Titelseite versprach, waren keine neue Idee; mit derselben Schlagzeile war bereits die letzte Ausgabe, an der Schnürer mitgearbeitet hatte, erschienen, im August 2001. Gemeint war nicht etwa eine vierstellige Zahl außergewöhnlicher Hinweise auf atemberaubende Sonderveranstaltungen – nein, es war schlicht der Programmteil, der, wie Wegerich damals errechnet hatte, aus annähernd viertausendsechshundert Einträgen bestand (zu denen selbstverständlich auch Hausfrauenkurse an der Volkshochschule, Nähstunden für alleinstehende Senioren, die Schulberatung der Verkehrspolizei sowie jeder einzelne Eintrag im Fernsehprogramm gehörten). Das, hatte Wegerich damals getönt, seien alles „Gestaltungsmöglichkeiten“, die „herausgestellt“ werden müßten.

Da in dem Heft nichts stand, was sich zu lesen lohnte, blätterte Schnürer das Impressum auf und stellte zu seinem Erstaunen fest, daß nicht mehr Wegerich, sondern dessen Lebensgefährtin Inhaberin der Firma CULT Print GmbH war. Unglaublich, dachte er, ohne zu wissen, was es bedeutete.

Dann begriff er: Wegerich hatte die Firma auf seine Freundin umgeschrieben, für den Fall einer Verurteilung wegen Betrug oder sonst etwas, die nicht nur eine empfindliche Geldstrafe mit sich bringen, sondern auch bedeuten würde, daß er für lange Zeit nicht mehr die Stellung eines Geschäftsführers innehaben und eine Firma leiten durfte. So war er einigermaßen sicher: Seine Freundin würde ihren Namen hergeben und ihm die Leitung der Geschäfte überlassen, um dann eines Tages, wenn es soweit wäre, ihm die Firma wieder zu übertragen. Ein schlauer Plan, dachte Schnürer und kochte vor Wut.

Er trank sein Bier aus, bezahlte und trat auf die Straße, wo ihm die Luft jetzt wärmer erschien als zuvor. Vor dem Lokal stand ein Paar, das in komplizierten, wechselnden Umarmungen damit beschäftigt war, sich gegenseitig zu kitzeln und dabei neben Kichergeräuschen Kunstbegriffe einer intimen, zärtlich-ironischen Geheimsprache („Dididi! Bu bu!“) auszustoßen. Schnürer betrachtete die schlanke, blonde Frau, das elegant geschnittene, zarthell verletzliche Gesicht, das, wie er fand, viel eher seinem Typ entsprach als die etwas derben, resoluten Züge seiner Frau. Vielleicht, dachte er, waren die Verletzlichkeit und Zärtlichkeit, die er da zu erkennen glaubte, auch nur vorgetäuscht, möglicherweise unbewußt, ach was. Das Paar bemerkte die Musterung, stellte seine Aktivitäten ein und ging, einander nunmehr umschlingend, um sich vor einer unvermeidlichen Zukunft zu bewahren, mit schwebenden Schritten davon.

 

 

 

4

 

Diese Sache, dachte Schnürer, als er endlich auf seinem Fahrrad saß, sich vom Bürgersteig abstieß und schwankend losfuhr, hört nie auf. Sie ist eine Spirale nach außen, die nie endet, sondern immer weitere Kreise zieht. Vielleicht, überlegte er, würde es hilfreich sein, Wegerichs Lebensgefährtin prophylaktisch schon mal zu verklagen, für den Fall, daß Wegerich am Ende belegen wollte (oder gar könnte), es sei nicht er, sondern sie, die hinter dem ganzen Plan stecke und ihn angestiftet habe. Er könnte auch Briefe an Anzeigenkunden und freie Mitarbeiter schreiben, um sie zu warnen, mit was für Leuten sie es bei CULT zu tun hatten.

Am Ende wäre es wahrscheinlich am besten, gar nichts zu tun und den Dingen ihren Lauf zu lassen, aber das konnte auch die schlechteste Verhaltensmöglichkeit sein, wenn man das Vorgehen der Staatsanwaltschaft zum Maßstab nahm. Die hatte geglaubt, sie brauche wegen eines Betruges gar nicht erst zu ermitteln, weil die aufgrund seiner Andeutungen über die Praktikantin Castell vermutete Lohnsteuerhinterziehung leichter nachzuweisen sei. Dann hatte sich herausgestellt, daß die Sache mit der Lohnsteuer zwar „grenzwertig“, aber aufgrund unsicherer Zeugenaussagen nicht vollständig zu belegen war, also hatte die Staatsanwältin, mit der Schnürer im Februar telephoniert hatte, die Ermittlungen nicht etwa in die Richtung des Betrugs zurückgelenkt oder überhaupt erst begonnen, sondern gänzlich eingestellt und ihm mitgeteilt, er habe da „wohl schon recht“ und es sei das Insolventmelden und Neugründen von Firmen „in diesen Kreisen durchaus üblich“ und selbstverständlich grundsätzlich auch kriminell, aber eben ohne eingehendere Ermittlungsarbeit nicht nachzuweisen, welchselbige jedoch unterbleiben müsse, weil ein positives Ergebnis nicht von vorneherein zu garantieren sei und man sich im negativen Fall für die umsonst verursachten Kosten intern und möglicherweise sogar öffentlich verantworten müsse. Jedenfalls sei sie jederzeit dankbar für weitere Hinweise, woraufhin ihr Schnürer erklärt hatte, er sei weder Privatdetektiv noch Polizeibeamter und könne deshalb auch nicht irgend etwas ermitteln, geschweige denn Verdächtige zum Verhör vorladen, was ja nicht einmal der Staatsanwaltschaft gelungen sei, weil es heutzutage offenbar genüge, einfach seine Adresse durchzustreichen oder einen Anwalt mit Akteneinsicht zu beauftragen, um von einer Vorladung zur Vernehmung verschont zu bleiben. Er solle das nicht so eng und so bitter sehen, hatte die Staatsanwältin geseufzt; man sei eben überlastet.

Schnürer stellte fest, daß es ihm wieder einmal gelungen war, einfach loszufahren und seinen Heimweg zu verfehlen. Er war, während er darüber sinnierte, daß die Staatsanwältin auf gänzlich andere Weise geseufzt hatte, als Neitzl dies zu tun pflegte (ungeduldig, beschwichtigend), bereits in Freimann angekommen und beschloß, um den tobenden nächtlichen Güterverkehr zu meiden, quer durch das unter anderem von Wegerich bewohnte Kasernengelände zurückzufahren. Daß er von dieser Gegend wohl nicht loskomme, dachte er belustigt, sprach es laut vor sich hin, erschrak über die schiffsähnlich heulende Hupsirene eines vorbeirasenden Lastwagens mit Anhänger und überquerte die Straße pflichtbewußt, sein Rad schiebend, an der Ampel.

Nachdem er den hinteren, nördlichen Teil des Areals, einen Komplex mit mehreren Sportplätzen, die möglicherweise immer noch militärischen Zwecken dienten, durchquert hatte, tauchte Schnürer in dichten, schwarzen Baumbestand ein und verlor das Empfinden der Weite der Nacht und der Ruhe des eben noch stahlgrau in hoher Ferne gewölbten Himmels. Zu hören war nur das dumpfe, sporadisch an- und abschwellende Dröhnen der Verkehrsadern, die in unsinnig sturer Betriebsamkeit Dinge in alle Richtungen und wieder zurück pumpten. Schnürer blieb neben einem Baum stehen und versuchte sich zu orientieren, was ihm auf dem dunklen Gelände, auf dem er sich schon nach einigen der langen Abende bei Wegerich ausgiebig verfahren hatte, erwartungsgemäß nicht gelang. Zwar bildeten die Fahrwege ein weitgehend rechteckig angeordnetes Netz, an dem die Gebäude in durchgehender Numerierung angeordnet waren, doch führten einige gebogene Straßen dazwischen hindurch und außen herum; zudem lag das Haus, in dem Wegerich wohnte, etwas vom Weg zurückgesetzt.

Nach zwei vergeblichen Runden fand er es dennoch. Wegerichs Auto stand in der Auffahrt; es war das einzige, was bedeuten mochte, daß seine diversen Untermieter oder Mitbewohner nicht zu Hause oder mittlerweile überhaupt ausgezogen waren. Schnürer lehnte sein Rad an einen Baum auf der anderen Straßenseite, stützte die Arme in die Hüften, stand da und betrachtete das schweigende, dunkle Haus.

Er versuchte, zornig zu werden, fand jedoch nichts, was einer solchen Gefühlsanspannung entsprochen hätte. Die Motorhaube von Wegerichs Auto war kühl. Schnürer schlich zu der zweiflügeligen Eingangstür aus undurchsichtigem Sicherheitsglas. Daneben war das Klingelschild mit vier Knöpfen; er vermochte nicht zu erkennen, ob dort neue Namen oder überhaupt etwas stand; die aufgeklebten Zettel mit Namen waren mehrmals abgerissen, überschrieben und überklebt worden. Ein Konglomerat, dachte er und ließ das Wort in seinem Kopf zergehen: ein halbdurchsichtiges Gespinst.

Er ging am Auto vorbei an der Front des Hauses entlang und blickte in die schwarzen Fenster, die ihm eine Karikatur seiner Silhouette entgegenhielten. Möglicherweise war Wegerich gar nicht da; denkbar war auch, daß ein Hinweis des ehemaligen CULT-Autors Schiller (der herausgefunden zu haben glaubte, daß Wegerich ein Gebäude bewohnte, in dem das Wohnen überhaupt nicht erlaubt war, weil sämtliche Häuser auf dem Gelände von dessen Besitzer, einer Landesbehörde, als künstlerisch zu nutzende Arbeitsräume ausgewiesen und entsprechend günstig vor allem an Maler, Bildhauer und Musiker, aber auch an einen islamischen Gebetsverein und andere Interessensgruppen vermietet waren) zu einer Untersuchung geführt hatte, die Wegerichs zwangsweisen Auszug zur Folge gehabt haben konnte.

Das war Unsinn, begriff Schnürer schlagartig, da er doch soeben an Wegerichs Auto vorbeigegangen war; er schüttelte den Kopf über seine eigene Dummheit. Wahrscheinlich, dachte er, wäre es in diesem Zustand das beste, nach Hause zu fahren und viele Stunden zu schlafen. Bevor er um die Ecke des Hauses herumging, warf er einen Blick auf sein Fahrrad. Es lehnte am Baum und war nicht abgeschlossen. Auf diesem Gelände, hatte Wegerich ihm einst vorgeschwärmt, müsse man nichts absperren; hier herrsche „der alte Hippiegeist“, man begegne einander vertrauensvoll und rücksichtig. Schnürer war davon nicht überzeugt, aber, dachte er, selbst wenn hier noch mehr Gestalten vom Kaliber Wegerichs wohnten oder sich herumtrieben, hatte er doch nichts zu befürchten. Wegerich mochte ein Betrüger sein; ein Fahrraddieb war er mit Sicherheit nicht, und seine instinktive, typische Scheu vor körperlicher Gewalt würde ihn wahrscheinlich sogar im Falle eines Ausbruchs hysterischer Wut davon abhalten, fremdes Eigentum zu beschädigen. Außerdem schlief er sowieso, still und seelenruhig, in der Gewißheit, es werde sich, wie stets, früher oder später alles zu seinen Gunsten wenden, wenn er nur an ein paar Fäden zog, Einflußverbindungen in Gang setzte und abwartete. Da, dachte Schnürer, hast du dich geirrt, diesmal.

Er stand nun an der schmalen, fensterlosen Seite des Gebäudes vor der Mauer, hinter der Wegerichs „Garten“ lag, wo alles begonnen hatte. War er wirklich so naiv gewesen, wie seine Frau meinte? Hatte er nicht von Anfang an geahnt, daß die Geschichte böse enden würde, oder bildete er sich das nur rückblickend ein, indem er die Entwicklung jetzt, da sie alternativlos war, zu ihrem möglicherweise unschuldigen, jedenfalls aber scheinbar alles weitere eindeutig determinierenden Keim zurückverfolgte?

Er glaubte, seinen Augen nicht trauen zu können, als er die hölzerne Leiter entdeckte, die an der Mauer lehnte. Das sei wahrscheinlich eine Einladung, murmelte er halblaut und wiederholte das Wort: eine freundliche Einladung, die er nicht abschlägig bescheiden könne. Mit einem prüfenden Tritt auf die unterste Sprosse und einem vorsichtigen Rütteln stellte er fest, daß die Leiter alt und wackelig war, aber hielt und trug, und dann stieg er hinauf, bis er über die Mauer schauen konnte.

Da war nichts zu erkennen. Schnürer wartete und starrte ins Leere, bis aus dem bleiernen Dunkel Konturen hervortraten, die dem Auge Gelegenheit gaben, dazwischenliegende Flächen und Verbindungen zu ergänzen. Er sah den Tisch mit den vier Stühlen, die vier Fenster, in denen ein stahlgrauer Widerschein seine freudlosen Bewegungsübungen trieb, und die schwarze Terrassentür, die, so schloß Schnürer, deshalb vollständig schwarz war, weil sie in einem anderen Winkel zu ihm stand als die Mauer und die Fenster. Sie war folglich nicht geschlossen, nur angelehnt.

Er kletterte, balancierte, ließ sich von der Mauer gleiten, verschätzte sich in der Höhe, streckte die Beine zu früh durch, weshalb beim Auftreffen auf dem Boden unter dem kauernden Buschgestrüpp ein schneidender Schmerz in seine Knie fuhr. Er verhielt eine Weile, während es in seinem Kopf pumpte und brauste, als säße dort ein ungleich größerer Widerpart seines Herzens, unterdrückte ein Stöhnen und schnaufte so qualvoll, daß er fürchtete, man könne ihn kilometerweit hören.

Als der schreiende Jammer in seinen Knien abgeklungen war, machte er vorsichtig, um nicht gegen etwas zu stoßen, was Laut geben würde, ein paar langsame, tapsende Schritte. Er fühlte sich wie ein Einbrecher und bemerkte mit einem Schauder, daß er ein Einbrecher war oder zumindest – wenn man den Garten, an den im rechten Winkel zu Wegerichs Haus ein weiteres Gebäude anschloß (das jedoch keinen Ausgang nach hinten hatte), als öffentliches Gelände ansah – den Verdacht erwecken konnte, im Begriff zu stehen, ein solcher zu werden. Der Raum hinter der Terrassentür, den Wegerich an den Wochenenden, an denen er die Aufsicht über seine mittlerweile sechsjährige Tochter auszuüben hatte, als „Gastkinderzimmer“ nützte, war von außen betrachtet so vollständig dunkel, daß sich, nachdem Schnürer minutenlang durch den Spalt hineingestarrt hatte, immer noch nichts Sichtbares herausschälen wollte. Er drückte leicht gegen den Griff der Glastür, die geräuschlos nachgab. Schnürer trat hinein; innerhalb weniger Sekunden fiel der Schleier der Nacht von seinen Augen, und er konnte Gegenstände ausmachen und sich orientieren.

Er stand auf einem dicken, hellen Teppich neben einem Bett; auf der rechten Seite des Raumes erkannte er eine lange Kommode, an die er sich von früheren Besuchen erinnerte. Die Tür zum Flur stand offen. In dem großen Vorraum, wo das Fest zum Erscheinen der CULT-Erstausgabe stattgefunden hatte, sah er nichts, nur den Steinboden, die Eingangstür und eine weitere Flügeltür, die in einen anderen, seiner Erinnerung nach nicht von Wegerich bewohnten Teil des Gebäudes führte. Wahrscheinlich war sie verschlossen; er prüfte es nicht nach, weil ihn nicht interessierte, was dahinter lag, und weil seine Turnschuhe auf dem Steinboden ein leises Quietschen verursachten, mit dem er sparsam haushalten wollte. Der Flur war mit altem, seit vielen Jahren nicht mehr gebohnertem Linoleum belegt, auf dem er fast lautlos gehen konnte.

In der Küche gab es nichts zu sehen. Neben dem Spülbecken standen ein paar gestapelte Teller, der große Holztisch im hinteren Teil des Raumes war, soweit Schnürer das erkennen konnte, leer, abgesehen von einer randlosen Pfütze Nachtschein. Er überlegte, ob er eine Nachricht hinterlassen sollte, verwarf den Gedanken jedoch. Wenn er jetzt plötzlich dem erwachten Wegerich gegenüberstünde, wäre dieser wahrscheinlich so überrascht, daß Schnürer fliehen und den Vorfall später rundweg abstreiten könnte. Ertappte ihn Wegerich nicht (was er, ohne genauer darüber nachzudenken zu wollen, allen anderen Möglichkeiten vorzog), wäre eine Botschaft ohne wenigstens verschlüsselte Nennung des Urhebers witzlos. Gäbe er sich indes zu erkennen, würde das Geständnis seine Position in dem Rechtsstreit empfindlich schwächen – das ehrliche Opfer eines Betrügers als skrupelloser Einbrecher –, womöglich würde er angeklagt und fände sich selbst als Verbrecher vor Gericht wieder. Entsetzt über die Vorstellung der möglichen Folgen seines nächtlichen Eindringens geriet er aus dem Gleichgewicht, streckte die Hand aus, um sich zu fangen, – und bemerkte gerade noch, daß er dabei war, sich auf dem Tellerstapel abzustützen, riß den Arm weg, fiel dadurch mit seinem ganzen Gewicht gegen die Spüle, verlor vollends die Balance, setzte sich unfreiwillig auf den Boden und kippte dann auch noch nach hinten um, so daß er für einen Moment am Boden wippte wie ein umgedrehter Käfer, was insgesamt und in allen Einzelschritten ein derartig lächerlicher Vorgang war, daß er ein hechelndes Kichern nicht unterdrücken konnte und sich blitzartig wünschte, Wegerich möge sofort in der Tür stehen und ihn sehen, damit man gemeinsam lachen und den ganzen anderen Unfug vergessen könnte. Als das Wippen beendet war und er sich zur Seite gerollt hatte, war der Gedanke auch als Erinnerung undenkbar.

Immerhin war es Schnürer gelungen, den peinlichen Sturz einigermaßen leise durchzuführen. Er zögerte mit dem Aufstehen, lauschte mit angehaltenem Atem, hörte nichts, rappelte sich hoch, ohne sich irgendwo festzuhalten, um nicht womöglich noch ein Möbelstück voller Porzellan und Blech umzuwerfen oder eine hinterlistige Schublade herauszureißen, in der sich unweigerlich der Besteckkasten befände, der sich daraufhin mit dem Geräusch eines zusammenstürzenden Baukrans auf den Boden erbräche.

Als er nach ausgiebigen, zur Vermeidung von Stöhnseufzern atemlos absolvierten gymnastischen Verrenkungen endlich wieder stand und dem aufwärtsgerichteten Brausen seines Blutkreislaufs lauschte, spürte er erneut einen Impuls, laut loszulachen. Er schüttelte den Kopf, um sich zu sammeln, und schlich zurück in den Flur. Gegenüber lag Wegerichs Arbeitszimmer, das dieser (da er seine Arbeit stets in mindestens zwei Büros zu tun pflegte) zeitweise ebenfalls vermietet hatte. Millimeterweise drückte Schnürer die Klinke und fand, als er sie endlich unten hatte, die Tür verschlossen, was ihn so enttäuschte, daß er beinahe die Klinke einfach losgelassen hätte. Nachdem sie in behutsamer Hilfestellung in ihre Ausgangsposition zurückgekehrt war, wandte er sich nach rechts, wo es immer dunkler wurde, und versuchte die nächste Tür. Sie war nicht geschlossen, nur angelehnt. In dem Spalt, der sich langsam verbreiterte, herrschte vollkommene Schwärze. Wiederum blieb Schnürer stehen und starrte, bis sich ein paar weiche, kaum kontrastierte Kanten zeigten, die dies oder das darstellen mochten. Er trat ins Zimmer, aber es wurde nicht heller. So muß es sein, wenn man blind ist, dachte er, schob seine Füße behutsam vorwärts und bewegte ebenso langsam und zögernd die gestreckten Arme vor seinem Gesicht (das, wie ihm einfiel, ein solches jetzt gar nicht war) hin und her, um eventuelle tiefhängende Deckenlampen und ähnliches zu ertasten. Mit Grauen dachte er an das scheppernde Mobile aus klingenden Blechröhren, das seine Frau einst an der Eingangstür des Vorstadthauses befestigt hatte.

Dann, in der vermuteten Mitte des Zimmers angelangt, sah er doch etwas: einen nicht wirklich hellen, jedoch mindestens dunkelgrau schimmernden Fleck, unscharf, aber deutlich abgegrenzt. Er schlich näher hinan, und als er Wegerichs Gesicht erkannte, fuhr ihm ein solcher Schreck in die Glieder, daß er unwillkürlich die Arme sinken ließ und sich konzentrieren mußte, um nicht wieder umzukippen und zu Boden zu stürzen, was diesmal mit Sicherheit verheerende Folgen gehabt hätte. Wegerich schlief fest und fast geräuschlos; sein Atem verursachte ein feines Zischen mit erstaunlich langen Pausen, in das sich hin und wieder ein kaum hörbares Pfeifen mischte. Schnürer betrachtete das Gesicht, das – offenbar allein – auf einem Kissen lag, regungslos, die dünne Decke bis knapp unters Kinn gezogen. Es war bleich wie ein winterlicher Mond, weich, die Augen mühelos geschlossen, der Mund einen kleinen, ernsten Spalt weit geöffnet (daher wohl das Pfeifen). Wegerichs drahtiges Lockenhaar war länger, als Schnürer es in Erinnerung hatte; er schien frisch rasiert zu sein. Wer rasiert sich denn vor dem Einschlafen? dachte Schnürer. Er begann zu pulsieren und zu vergessen, wo er war.

Es war denkbar und möglich, Wegerich zu töten; so real schien die Vorstellung, daß das, was Schnürer vor (wahrscheinlich) wenigen Minuten noch für die Wirklichkeit gehalten hatte, kaum mehr war als die Erinnerung an eine Fernsehsendung. Man konnte ihm eine Stricknadel oder ein Schaschlikstäbchen ins Ohr einführen; es würde sich anfühlen (und anhören) wie ein Messer, das durch einen Apfel fährt. Möglicherweise würde Wegerich, wenn es nicht schnell genug ginge, noch kurz erwachen, sich fragen, was da mit ihm geschehe. Vielleicht hätte er sogar noch Zeit, den stechenden Kopfschmerz zu erfassen; zuordnen und verstehen aber würde er ihn nicht mehr können, denn für so etwas brauchte man ein funktionierendes Gehirn. Während sein Körper einige Zuckungen durchführen würde, zöge vor seinem inneren Auge ein Wirrwarr von Bildern vorbei, eine sinnlose Schau, die sich ihm dann überstülpen und langsam verblassen, endlich ersetzt würde durch tiefes Dunkel, an dessen Ende (man kennt diese Geschichten) ein greller Lichtpunkt einen Tunnel simulierte, als tauchte man in eine von der Stromversorgung getrennte Bildröhre hinein. Eventuell wäre Wegerich noch in der Lage, den Wunschgedanken zu formulieren, dies sei nicht das Ende, sondern erst der Anfang. Dann würde es kalt, alles.

Konnte er den Tod überhaupt erreichen? Gab es ihn überhaupt, jenen dunklen Keller, hinter dessen tiefster Falltür sich verzweifeltem Wahn zufolge unendliche Wiesen des Lichts öffnen? Möglicherweise nicht. Wenn das Leben ein Ende haben sollte, mußte hinter diesem Ende etwas sein. Man müßte also leben, um hinter das Ende zu sehen, was den Tod bei jeder Gedankendrehung ein kleines Stückchen nach vorne verschöbe, wie jene Schildkröte, der der erschöpfte Achilles sich schließlich ergab. Wenn es ein Ende gibt, dachte Schnürer, dann liegt es in ebenso weiter und gleichzeitig absolut gegenwärtiger Ferne wie die letzte Kommastelle der Kreiszahl Pi. Die Zeit, flüsterte es in den bemoosten Randbezirken seines Bewußtseins, verformt sich zur Hyperbel: Sie nähert sich der Linie mit dem Namen Null immer mehr, fließend und verbleichend lockt und neckt sie sie, scheinbar bereit, mit einem körperlosen Seufzen aufgesogen zu werden, doch graziös schwingend in der Gewißheit, ihr bis ans Ende alles Seins nie nahe genug zu kommen. Der letzte Tag des Lebens, noch seine letzte Stunde unwirklicher Abschiede wäre ein rasender Rummelplatz gegen die letzte Sekunde, die sich dehnte und dehnte, bis ihr tausendster Teil so unendlich lang erschiene, daß man vergäße, was Dauer ist.

Unsinn, antwortete eine andere Gedankenstimme: Einmal ist Schluß. Sie zeigte Schnürer Bilder, die das sekundäre Erleben säumen wie Gucklöcher in einem Spiegelkabinett: zerfetzte, geköpfte, restlos verblutete Körper, nutzlose Lappen von Fleisch mit zerschmetterten Knochensplittern, die ihre finalen Regungen absolvieren, während ihnen schon von medizinisch ausgebildeten Fleischern der organische Inhalt von Brustkorb und Bauchhöhle sowie die Augäpfel herausgeschnitten werden, um anderen, die auf der Standspur einer Autobahn in ihrem Blut liegen und noch ein bißchen mehr leben, eingenäht zu werden. Das Leben endet mit dem Tod, und mag auch das moderne Leben (zumindest für die Außenstehenden) ein bißchen früher enden als früher (sechzehn Muskelkontraktionen, erinnerte sich Schnürer undeutlich, waren nach der zur Zeit gültigen Definition mit dem Tod „vereinbar“), – es endet jedenfalls, und was in den Gräbern liegt, ist Aschenstaub, Seifenschleim und bröseliges Mineralgemenge. Darin sollte sich noch jemand Gedanken über Sekunden und die Tragweite ihrer elementaren Bruchteile machen? Wenn es aus ist, sagte die Stimme (und drohte mit einer Projektion von Angelika), ist es aus!

Aber wer wollte das sagen? Nimmst du, dachte Schnürer, die Uhr mit hinüber? Wer soll sie denn aufziehen, wenn dich die Kräfte verlassen? Erinnere dich an die ersten Jahre deines Lebens: jeder Tag ein ganzer Sommer, jede Stunde ein Mysterium ohne Anfang. Geh weiter zurück, und Stunden werden zu Tagen, Sekunden zu Jahren. Jeder Mensch hat seine eigene Zeit. Niemand kann sich an den Beginn erinnern, weil er unendlich weit zurückliegt. Es gab nie einen Anfang. Es gibt auch kein Ende. Wegerich zu töten, war vollkommen sinnlos, weil dieser nur für ihn (und den Rest der Welt, mit dem er momentan jedoch keine Verbindung aufzunehmen bereit war) verschwände, sich selbst aber bis ans Ende der Ewigkeit erhalten bliebe. Ich bin, dachte Schnürer, nicht ganz dicht.

So stand er da und wußte nicht, was er tun sollte außer starren, und ebenso plötzlich wie heftig spürte er, daß er dringend urinieren mußte. Ich könnte ihm ins Bett pinkeln, dachte Schnürer und fand den Gedanken so außergewöhnlich obszön und unverschämt, daß er unsichtbar errötete. Wegerich würde am nächsten Morgen (immerhin) aufwachen und mit fassungslosem Schrecken (und ohne die leiseste Ahnung, daß sein Tod als Alternative die Nacht in seiner Nähe verbracht hatte) glauben, er habe das Malheur im Schlaf selbst angerichtet. So etwas konnte einem Menschen alles Selbstvertrauen rauben – die Ahnung, die Ausscheidungsvorgänge des eigenen Körpers nicht im Griff zu haben, machte den freizügigen Umgang mit anderen Menschen annähernd unmöglich. Schnürer wußte das, weil es ihm mit sechs oder sieben Jahren selbst zugestoßen war: Da hatte er bei seiner Großmutter übernachtet und war an einem blaugläsernen Wintermorgen in einer Pfütze erwacht, deren Befüllung immer noch im Gange war. Er hatte sich undeutlich an einen Traum erinnert, in dem er nach langem Irren und Suchen endlich eine Toilette gefunden hatte, und vor diesem Traum hatte er in der folgenden Zeit (einige Tage lang, begünstigt durch den Umstand, daß diese bei seiner Großmutter ein durch gemeinsame Mahlzeiten, einen gelegentlichen Gang zum Lebensmittelgeschäft und Abende vor dem Fernseher nur notdürftig strukturiertes Reservat von Tagträumen und ineinander wuchernden Gedanken war) eine so panische Angst gehabt, daß er vor dem Schlafengehen im Notfall eine Stunde lang zitternd und schlotternd auf der eiskalten Klobrille gesessen war und die Frostblumen am schmalen, hohen Fenster betrachtet hatte, um noch den letzten Tropfen aus sich herauszupressen, für den Fall, daß der Traum wiederkäme (was nie mehr passiert war, ihn von Zeit zu Zeit aber immer noch erschreckte).

Er könnte, dachte er, Wegerich auch wecken und dem erschrockenen Schlafflüchtling erklären, daß er auf das ihm zustehende Geld pfeife. Ich schenke es dir, magst du glücklich damit werden, könnte er sagen. Was damit gewonnen wäre, das ließ sich nicht so einfach zu Ende denken. Und was, fiel ihm ein, wenn ich hier umkippe und einschlafe und er mich morgen früh findet?

Der schlafende Wegerich kniff für einen Sekundenbruchteil die geschlossenen Augenlider zusammen und ruckte mit dem Kopf, als hätte er etwas gehört. Dann lag er wieder still da, und Schnürer, obwohl er seinen Harndrang nur mit Mühe unterdrücken konnte, bekam Lust, sich dem Gesicht zu nähern. Der Atem wurde lauter, das Pfeifen war, weil Wegerich den Mund jetzt geschlossen hatte, nicht mehr zu hören. Schnürer schnupperte vorsichtig und erkannte, umflort von Knoblauchdunst, ein Rasierwasser, das er in letzter Zeit häufig gerochen hatte. Wieder zuckten Wegerichs Lider, die linke Braue fuhr nach oben und zurück, und unter der Decke fand eine geringfügige Umdisposition statt. Dann lag er wieder still.

„Du wirst schon sehen“, flüsterte Schnürer, „warte nur.“

Eine Reaktion erfolgte nicht.

Jetzt konnte er sich nicht mehr beherrschen, verließ das Zimmer, so schnell es lautlos ging, die Hand im Schritt zusammengepreßt, das Gesicht verzerrt. Im Flur stieß er mit dem rechten Fuß gegen etwas, ein Schränkchen oder einen kleinen Beistelltisch, etwas rutschte herunter, Schnürer hob es auf (es war ein Heft) und rannte, ohne noch auf Geräusche zu achten, nach draußen, quer durch den Garten in den entferntesten Winkel von angrenzendem Haus und Mauer, sprang, fiel wieder herunter (weil er sich mit dem Heft in der Hand natürlicherweise nicht festhalten konnte), warf das Heft über die Mauer, sprang erneut, zerrte sich über die Kante und ließ sich drüben einfach fallen, landete auf Kies, auf den Füßen, den Knien, den Händen und endlich auch noch auf dem Gesicht (das er immerhin so weit zur Seite drehte, daß sich die kantigen Steinchen schmerzhaft in seine Schläfe prägten und die Nase unversehrt ließen), blieb am Boden liegen und drückte sich die kalten Fingerspitzen gegen die Augen, die so heiß waren, als hätte sie das Starren im Dunkeln überlastet, brachte sich dann langsam, um nicht ohnmächtig zu werden, zum Stehen, sah das Heft lesebereit aufgeschlagen im Gras liegen. Es war die aktuelle Ausgabe von CULT mit der Schlagzeile „Los geht’s! 3.000 tolle Tips!“.

Er ging den Kiesweg entlang zur Straße, schlich um die Ecke des Hauses herum, stieg auf sein Rad und fuhr los. Als er das Gelände der ehemaligen Kaserne verlassen hatte und ein Stück die Straße entlanggefahren war, blieb er stehen, sprang ins Gebüsch, erleichterte sich und ergab sich dann einem Lachkrampf, der nicht nachlassen wollte, bis er endlich in Erschöpfung ertrank.

Das CULT-Heft warf er, als er in seine Straße einbog, in einen Papierkorb.

 

 

 

5

 

Die Prozedur am nächsten Tag ging noch schneller vonstatten, als Schnürer erwartet hatte. Eine Richterin Mitte fünfzig, die Schnürer (der den Vorgängen nur undeutlich folgen konnte) an eine aufgedrehte, besserwisserische, in ihre weiße Dienstleisteruniform wurstartig hineingeschnürte Frau aus der Waschmittelreklame seiner Jugend erinnerte, stellte ein paar Fragen, die sie selbst beantwortete, sagte dann etwas zum „Versorgungsausgleich“ und erklärte die Ehe, da sie nach einer Gesamtdauer von gut drei Jahren, in der das gesetzlich vorgeschriebene Trennungsjahr bereits enthalten sei (und, dachte Schnürer, um mehr als fünfzig Prozent übererfüllt), als unwiderruflich und endgültig gescheitert zu betrachten sei (Schnürer und seine Frau nickten synchron, ohne es zu bemerken), für geschieden.

Danach bot Schnürer seiner Frau und ihrem Anwalt an, noch einen Kaffee trinken zu gehen, aber ihr Vorrat an Gemeinsamkeit war wohl mit dem Abend zuvor endgültig aufgebraucht, und der Anwalt schien ihn sowieso unsympathisch zu finden, was, wie das oft geschieht, im selben Moment, als es Schnürer auffiel, schon gegenseitige Gültigkeit erlangt hatte.

Er fuhr nach Hause und schlief auf dem Sofa ein, erwachte abends kurz, trank ein Glas Wasser und schlief im Bett weiter bis zum folgenden Morgen. Erst als der Eindruck, es könne sich bei den Begebenheiten der vergangenen Nacht auch um einen Traum handeln, glaubwürdig wurde, entschloß er sich, aufzuwachen und aber auch die Traumvariante auf keinen Fall jemandem zu erzählen. Er rief Vennemann an und berichtete ihm, daß er nun wieder Junggeselle sei. Vennemann schlug vor, darauf am besten gleich ein Bier zu trinken, wurde jedoch auf einen anderen Tag vertröstet.

Einige Tage später hielt Schnürer eine „Ausfertigung“ des „Endurteils“ in der Hand, deren Deckblatt ihn darauf hinwies, daß es wegen des „Versorgungsausgleichs“ („Vers!“ hallte es in seinem Kopf, „saus!“) in dem Prozeß – und möglicherweise ohne sein Wissen während der gesamten Zeit seiner Ehe – neben seiner Frau und ihm weitere Beteiligte gegeben hatte, nämlich:

„1. Bundesversicherungsanstalt für Angestellte, Postfach, 10704 Berlin“

sowie

„2. Bundesversicherungsanstalt für Angestellte, Postfach, 10704 Berlin“.

Auch dies war absurd, obwohl ein leicht zu übersehender Zusatz zwei unterschiedliche Versicherungsnummern erwähnte. An dem Prozeß (von der Ehe ganz zu schweigen) hatte keine der beiden Nummern und auch kein Abgesandter einer Versicherungsanstalt teilgenommen.

Es waren dies Dinge, sagte er sich, die jeden Tag tausendmal passieren: Menschen treffen sich, berühren sich, essen aus einem Topf, schlafen in einem Bett, stellen dann fest, daß ihnen das nicht gefällt, und übertragen sich in Entgeltpunkte umgerechnete Rentenanwartschaften. Da gab es nichts zu widersprechen; auch ihm hatte es nicht gefallen. Dennoch wäre er nie auf die Idee gekommen, sich scheiden zu lassen, so wie er nie auf die Idee gekommen wäre, die Mitarbeit an Wegerichs Heft von einem Tag auf den anderen vollständig abzubrechen, nachdem seine Rechnungen überfällig gewesen waren. Er fragte sich, ob er nach dem Auszug aus der elterlichen Wohnung (den man im Rückblick über das weite Tal der Erfahrungen auch als trotzige Affekthandlung deuten konnte) überhaupt je auf eine Idee gekommen war und etwas in die Hand genommen hatte.

 

 

 

6

 

Und nun schien ihm noch mehr zu entgleiten, obwohl vieles davon in Bahnen lief, die, offenbar selbstbestimmt, Dinge an ihr Ziel führten, ohne daß ein Steuern notwendig gewesen wäre. Wenn ich nur, dachte er von Zeit zu Zeit, die Gewißheit über den Ausgang von Einzelheiten in ein vorausschauendes Ahnen der Ausgänge anderer Dinge wandeln, übertragen könnte.

Der Schriftverkehr zwischen Grünberg, Wegerichs Anwalt Redders und dem (dabei meist nur als Empfänger beteiligten) Landgericht München, den Schnürer in Kopie erhielt, gab seinem ansonsten ohne Ufer dahinfließenden Leben Anhaltspunkte, brach die paralysierende Gleichgültigkeit, in der er seine Tage verstreichen ließ, ohne recht viel mehr zu tun, als aus dem Fenster zu schauen, auf Anfrage ein paar unbeteiligte Zeilen zu diesem oder jenem zu verfassen und zu warten, ohne zu wissen, worauf er warten konnte. Kochende Wut erfaßte ihn, wenn wieder ein Schreiben eintraf, in dem Redders mitteilte, sein Mandant habe dieses nie getan, jenes nicht gesagt, sei als Privatperson für die Belange einer längst nicht mehr existenten Firma keineswegs verantwortlich, bedauere Schnürers Verlust sehr, habe sich jedoch nichts vorzuwerfen.

Stundenlang saß er dann am Schreibtisch und formulierte mit zunehmender Begeisterung für die juristische Ausdrucksweise, die ihm außerordentlich logisch, klar und argumentativ zwingend erschien, Entgegnungen, die sich über viele Seiten erstreckten und die Grünberg mit dem begütigenden Hinweis, es handle sich bei einem solchen Briefverkehr um einen ganz normalen Vorgang, den man nicht weiter ernstnehmen müsse, auf wenige Zeilen kürzte und an Redders schickte. Oft hinterließ auch die Lektüre von Grünbergs knappen Erwiderungen ein Gefühl des Ärgers bei Schnürer: Es müsse ein für allemal alles gesagt werden, dachte er, um den Sachverhalt in seinem ganzen Umfang und in zwingender Verständlichkeit darzustellen. Immer wieder schärfte ihm Grünberg ein, er solle sich keine Sorgen machen; Richter hätten sowieso keine sonderlich große Neigung, derartige Texte zu lesen, wichtig sei vielmehr nur der Eindruck, den man vor der Verhandlung hinterlasse. Da sei er angesichts der zunehmenden Tendenz des gegnerischen Anwalts, in die Ecke gedrängt zu wirken und mit Entgleisungen zu reagieren, zudem nachweislich falsche Tatsachenbehauptungen aufzustellen, die man jeweils kühl und sachlich entkräften könne, guter Dinge. Man müsse nun vor allem besonnen bleiben und dürfe sich auf keinen Fall ebenso echauffieren wie die Gegenseite.

Schnürer sah ein, was er meinte, aber diese Einsicht widersprach seiner Sicht der Dinge und der Weise, wie mit ihnen zu verfahren war, insgesamt. So verging fast ein Jahr, das ansonsten aus farblos schimmerndem Nichts bestand.

 

7

 

Angelika lächelte. Schnürer schloß die Augen, um sie deutlicher zu erkennen, was ihm jedoch nicht gelang: In sich sah er nur funkelnde Schlieren von Rot und Schwarz, und plötzlich überkam ihn ein so heftiges Verlangen, zu weinen, daß sich seine Brust zusammenkrampfte und der Mund fast schmerzhaft verzerrte. Er krümmte sich, ballte die Fäuste, kniff die Lider zusammen, als wollte er die Tränen aus seinen Augäpfeln quetschen, aber es kamen keine Tränen. "Was?" stöhnte er, "warum?"

Vielleicht, dachte er, als der Anfall vergangen war und er die Augen wieder öffnen konnte, werde ich verrückt von der Einsamkeit. Es war das erste Mal seit der Trennung von seiner Frau, daß ihm dieses Wort in den Sinn kam. "Ich bin einsam", sagte er zu seinem Bildschirm, prüfte die Wirkung der Worte, die in ihm nachhallten, und fand sie leer und unangemessen. Es muß eine Lösung geben, dachte er, und langsam wurde es dunkel, bis er, ohne etwas getan oder sich auch nur bewegt zu haben, in völliger Finsternis saß.

8

 

Er müsse, sagte Neitzl, "langsam Obacht geben" und vielleicht ein bißchen weniger trinken, weil er sonst am Ende noch im Vollrausch zu seiner Verhandlung gegen Wegerich erscheinen werde. Das sei egal, sagte Schnürer, weil man diesen Prozeß notfalls auch im Tiefschlaf führen könne. Er, sagte Schnürer, fühle sich in Gerichtssälen mittlerweile wie zu Hause, was auch kein Wunder sei, schließlich hätten praktisch sämtliche Verbindungen, die er in den letzten fünf Jahren eingegangen war, am Ende vor Gericht geführt, von seiner Ehefrau über seine Untermieter bis hin zu Wegerich. Er solle, sagte Neitzl mit einem Lächeln, sich da besser nicht zu sehr eingewöhnen, weil es auch noch ein anderes Leben gebe.

Das, dachte Schnürer, war sicherlich richtig, aber es fiel ihm zeitweise schwer, die Vorgaben und Umrisse jenes anderen Lebens zu erkennen. Immer wieder ertappte er sich dabei, wie er in scheinbar müßiger Gedankenleere versank und dabei tatsächlich juristische Aussagegebäude zu errichten begann: "Wie bereits fest-gestellt wurde, ist der Sachverhalt in dieser Hinsicht eindeutig belegt, indem der Beklagte selbst eingeräumt hat, daß seine Angaben …" Seine Versuche, derartigen Satzungetümen ihren Wirklichkeitsgehalt abzuringen, mündeten in neue Formulierungen, die immer vielschichtiger und verschachtelter gerieten, bis endlich die Frage, um was es eigentlich gehe, dazwischentrat, diesmal ausgesprochen von Vennemann, der gleichzeitig das Glas hob und Schnürer damit die Möglichkeit gab, die Stoptaste zu drücken.

Im Grunde, sagte er nach einem langen Schluck, gehe es nur um Geld. "Nur" sei gut, sagte Vennemann mit ausgebreiteten Augenbrauen, schließlich sei dieses Geld eine ganze Menge Geld. Geld sei Geld, warf Neitzl ein; diese Feststellung ließ sich mit einem knappen Nicken beantworten.

Sie saßen um einen Tisch in einem Wirtshaus, das Neitzl vorgeschlagen hatte, weil man dort vor "dem Szenegesocks" sicher sei (und, vermutete Schnürer, weil sein Fußweg dorthin in knapp drei Minuten zu bewältigen war). Die Bedienungen trugen einheitliche Schürzen wie in altmodischen Betriebskantinen, der riesige Gastraum verzweigte sich nach hinten in mehrere Nebenräume, wo es dunkel war und die Stühle umgedreht auf den Tischen standen. Es gab keine Musik, die Besetzung war spärlich (eine Familie mit zwei mißmutigen Kindern, die von den Kellnerinnen alle paar Minuten darauf hingewiesen wurden, wie wichtig es sei, ihren Schnitzelteller vollständig leerzuessen; zwei dürre Männer um die fünfzig, die in viel zu weiten Anzügen hingen, gelegentlich versonnen nickten, eine filterlose Zigarette nach der anderen rauchten und ansonsten schwiegen; eine alte Frau, die sich die Reste ihres Schweinebratens in Aluminiumfolie einpacken ließ und sich vom gesamten Personal verabschiedete, als sie ihren Dackel hinausführte). Das sei schon eine trostlose Atmosphäre, stellte Schnürer fest, fand das Lokal andererseits höchst gemütlich und ließ sich von Neitzl belehren, hierher komme eben "der normale Mensch".

Ein solcher Mensch, sagte Schnürer, habe durchschnittlich noch nie etwas von einem CULT-Magazin gehört und werde davon auch nie etwas hören. Davon sei bei einer Auflage von mittlerweile (wie ein Kollege über "Kontakte" erfahren habe) nur noch ungefähr viertausend Exemplaren auszugehen, sagte Venne-mann. Einer der beiden Jungen am Nebentisch teilte seiner Mutter mit, er habe keine Lust auf Salat. Nachdem die Mutter zu Animationszwecken eine Gabel davon gegessen hatte, wollte er von dem Rest erst recht nichts mehr wissen; er esse nichts, an was sie schon "herumgelutscht" habe. Neitzl bestellte die nächste Runde.

Er, sagte Schnürer, finde es sehr beruhigend, daß es "den normalen Menschen" überhaupt noch gebe. Den werde es immer geben, sagte Neitzl, nur gehe ihm in letzter Zeit der Zugang zur Öffentlichkeit immer mehr verloren. Alles sei beherrscht von "diesem Circus", dem lächerlichen Gewirre und Gehüpfe der hysterischen "Eventmafia". Schon deshalb sei er dafür, "diese ganze Scheiße" so komplett zu ignorieren wie nur irgend möglich. Vennemann lachte schallend: Das habe er mal wieder so fein formuliert und auf den Punkt gebracht, wie es nur ein Neitzl könne. Im Prinzip, sagte Schnürer, finde er aber nach wie vor die Idee reizvoll, ein Magazin für eben diese normalen Leute zu machen. Selbst wenn man sich ausnahmsweise auf betriebswirtschaftliches Denken einlasse, könne man sich leicht ausrechnen, daß bei einer ungefähren Gesamtpopulation der "Eventmeute" von - äußerst gutwillig geschätzt - etwa zwanzigtausend in München gut einskommazweineun Millionen Menschen übrigblieben, die, obwohl sie ständig mit dem wirren Müll bombardiert würden, damit nichts zu tun haben wollten, sondern lieber zu erfahren wünschten, was in der Stadt vorgehe und vorfalle und vorgegangen und vorgefallen sei, in der Stadt, in der sie lebten und die als die ihre zu erfahren ihnen durch die "Medienhegemonie" der "Reklamemafia" inzwischen so gut wie total unmöglich sei.

Jetzt, seufzte Neitzl, solle er nicht schon wieder mit „seinem Schmarr’n“ daherkommen (mit dem er, streng betrachtet, selbst dahergekommen war). Das sei aber wichtig, beharrte Schnürer. Die „Mainstreampresse“ schütte einen Tag für Tag mit Panikmache zu, weil die heilige Privatsphäre in Gefahr sei, von wildgewordenen Überwachungsfanatikern invadiert und zerstört zu werden, andererseits bekomme aber kein Mensch mit, daß es einen „öffentlichen Raum“, von dem soviel die Rede sei, wenn es um sogenannte Kunst gehe, in Wahrheit praktisch nicht mehr gebe. Vennemann nickte ernst und bestellte mehr Bier. Man brauche, sagte Schnürer, bloß einmal mit einem wachen Gedächtnis und offenen Augen in die Stadt hineingehen: Wo es früher Nischen gegeben habe, in denen unkontrollierte Kultur entstehen und fröhlich leben habe können, sei heute alles „zugeknallt“ mit Reklame, und niemand rege sich darüber auf, weil es gar niemand bemerke. Das möge ja alles sein, sagte Neitzl, aber das Rad der Menschheitsentwicklung sei nun einmal nicht zurückzudrehen. Er persönlich glaube an gar nichts mehr, und das, was Schnürer meine, gebe es ja durchaus noch, zum Beispiel bei sommerlichen „Hausfesten“ in Hinterhöfen im Westend, wo sich alles mögliche tue. Aber niemand, sagte Schnürer, erfahre davon etwas. Das sei ja auch für niemanden interessant, sagte Neitzl. Es gehe, genau betrachtet, noch nicht einmal jemanden etwas an; es könne doch jeder sein eigenes Hinterhoffest veranstalten, und früher sei auch nicht alles besser gewesen. Sie sollten sich nicht streiten, wandte Vennemann ein, wo sie doch im Grunde derselben Meinung seien, und er würde es besser finden, noch einmal die Zeugenaussagen durchzugehen.

Also gingen sie ein weiteres Mal den Hergang der Geschichte durch, und wieder mußte Schnürer nachhelfen, Unterlagen und Aufzeichnungen aus seiner Tasche ziehen, Daten in alten Taschenkalendern prüfen, weil sich Neitzl und Vennemann offensichtlich an so gut wie gar nichts mehr erinnern konnten oder mochten. Wenn er mit diesem Repetitorium den Zweck verfolgte, Zeugen zu beeinflussen, dann war ihm dies zumindest nicht bewußt; er glaubte aufrichtig an die Realität, die sich aus schriftlichen Fossilien herleiten ließ und dabei zu immer überzeugenderer Eindeutigkeit gerann. Das werde dann wohl schon so gewesen sein, sagte Neitzl, und Schnürer spürte, wie ihn die Gleichgültigkeit des Freundes zornig machte, und wieder zeigte er mit dem Finger, diesmal wortlos, auf zwei Daten in seinem Kalender, und Neitzl zuckte mit den Schultern und schaute ihn sorgenvoll an. Ob er noch nie daran gedacht habe, daß Wegerich möglicherweise "ein Depp" sei, aber kein Verbrecher, daß hinter seiner Vorgehensweise sehr wohl auch reine Dummheit, Naivität und schließlich Verzweiflung stecken konnten.

Das sei schon möglich, wollte Schnürer sagen, schüttelte dann aber den Kopf und sagte, das sei kaum möglich, und selbst wenn eine solche Deutung denkbar sein sollte, ändere das an der Sache nichts. Man könne sich der Bezahlung eines Auftragnehmers nicht mit dem Hinweis entziehen, man sei zu dumm für so etwas. Vielleicht, sagte Neitzl, tue Wegerich die ganze Sache inzwischen leid. Das meine er ja wohl nicht ernst, sagte Schnürer, und Neitzl seufzte, er sei heilfroh, Schnürer nicht zum Prozeßgegner zu haben, und möglicherweise sei es einfach Wegerichs Schicksal, zu scheitern. Ein Schicksal, sagte Schnürer, gebe es zur Zeit nur in Berlin; hier in München seien das allerhöchstenfalls Geschichten. Neitzl verzog das Gesicht, dann lachte er.

Es gebe, sagte er, zwei Erlebnisweisen von Zeit und Welt. Die eine sei die sozusagen physikalische, die auf Ziele, Ergebnisse, Abläufe, Prozesse, Vorankommen, Entwicklung, Reife und Vergehen orientiert sei (und in der das moderne Paradoxon ruhe, daß man immer weiter wolle, obwohl man wisse, wo man am Ende ankomme). Die könne man als das Nichts bezeichnen. Die andere sei die ruhende, periodische, auf ungeometrische Weise runde, in der sich alles, wenn auch anders, wiederhole und gleichbleibe, in der alle Orte und Zeiten gleichzeitig da seien und man sich bis zu einem gewissen Grad aussuchen könne, wo und wann man gerade sei. Diese andere Erlebnisweise, sagte Neitzl und hob das Glas, würde er das Alles nennen.

Das Scheitern beruhe darauf, daß man sein Leben lang versuche, die beiden Erlebnisweise in Einklang zu bringen, und nicht einsehen wolle und könne, daß das unmöglich ist.

 

 

 

9

 

Was ihn vielleicht am meisten im Leben erschreckte, war das Gedächtnis, vielmehr: waren die Lücken, die es ließ und die ihm erst viele, viele Jahre später auffielen, wenn es zu spät war, sie zu füllen, wenn er versuchte, Dinge vor sich zu sehen, die ihm doch immer gegenwärtig gewesen zu sein schienen.

Er erinnerte sich zum Beispiel so deutlich, als könnte er sich darin bewegen, an einen von weißgoldenem Licht durchfluteten Vormittag in einem Klassenzimmer gegen Ende seiner Grundschulzeit; er erinnerte sich an die Lehrerin, an ihr Gesicht; ohne es beschreiben zu können, sah er es vor sich; er erinnerte sich an seine Bank und an die spöttisch tadelnden Worte der Lehrerin über das Durcheinander, das viele Zeug, das in das Fach unter der Tischplatte hineingestopft war: Hefte, Bücher, Zettel, Krimskrams; er sah das Fach vor sich, erinnerte sich an sein Entsetzen über den Gedanken, daß er all das zu Fuß oder mit dem Rad heimschaffen würde müssen; und doch konnte er sich nicht an einen einzigen dieser Gegenstände erinnern. Waren es alte Schulsachen gewesen, Comichefte, Jugendromane, Enid-Blyton-Bücher, Klebebilder mit Autos und Flugzeugen und die dazugehörigen Sammelalben? Und so saß er da und kam der Sache nicht näher, blind umkreiste er ein leeres Loch, so leer, daß es nicht einmal dunkel oder hell werden wollte.

 

 

 

10

 

Der Tonfall des juristischen Dialogs war stetig schärfer geworden. Schnürers Behauptung, es sei im April 2000 ein Vertrag zwischen ihm und der Privatperson Wegerich zustande gekommen, sei „nicht nur objektiv falsch“, schrieb Redders Anfang März 2003, sondern müsse „als bewußte, am gewünschten Ergebnis des nur zu diesem Zweck in Gang gesetzten Verfahrens ausgerichtete Lüge verstanden werden“. Es handelte sich dabei, vermutete Schnürer, um einen Einschüchterungsversuch, dessen Ziel sowohl das Gericht als auch er selbst war (und mit ihm die Zeugen – „die Beweisangebote“, schrieb Redders weiter, legten „die Vermutung nahe, daß die in praktisch allen verfahrensrelevanten Punkten als einzige angebotenen Zeugen Vennemann und Neitzl auch Unwahres bestätigen würden, um ihrem Freund, dem Kläger zu helfen“).

Wenn, dachte Schnürer, es Redders’ Absicht war, ihn zu verwirren, so konnte er ihm einen gewissen Teilerfolg nicht abstreiten: Zwar kristallisierte sich seine Sicht der Abläufe, je mehr er mit deren Formulierung beschäftigt war, immer deutlicher heraus, doch fiel es ihm zunehmend schwer, genau wiederzugeben, wie Wegerich und Redders die Sache sahen.

„Die Klage“, schrieb Redders, erweise sich „bei gebotener näherer Hinsicht als vergeblicher Versuch des Klägers, Vertrauenspersonen zu mißbrauchen, indem er sie als Zeugen aufbietet, um einen Geschehnisablauf vorzutäuschen, wonach der Beklagte als Privatperson ihm ein Honorar schulden soll, und auf diese Weise den zweifellos bedauerlichen Ausfall seiner tatsächlichen Forderung durch die Insolvenz der CULT Print GmbH zu kompensieren. Dem Klagevertreter ist dringendst zu raten, seinen Mandanten an die prozessuale Wahrheitspflicht zu erinnern und ihr auch selbst nachzukommen. Die fortgesetzten Bemühungen der Gegenseite, mit immer neuen, am gewünschten Ausgang des Verfahrens orientierten Darstellungen immer neue Wege zu finden, den Beklagten persönlich in Haftung zu nehmen, stellen nach § 263 StGB den Versuch eines Prozeßbetrugs dar. Der Beklagte behält sich diesbezüglich ausdrücklich Erstattung einer Strafanzeige vor.“

Im Mai, drei Tage nachdem er die Vorladung zu der (zuvor mehrmals verschobenen) Verhandlung, die nun endlich im Juli stattfinden sollte, erhalten hatte, schrieb er auf Grünbergs Rat hin an die Staatsanwaltschaft eine „Gegenvorstellung zur Einstellungsverfügung“: Die Ermittlungen seien dringend wieder (oder nunmehr endlich ernsthaft) aufzunehmen, zumal der damals angegebene Grund für die Einstellung des Verfahrens (die wegen eines anderen Vergehens zu erwartenden Strafen) zweifellos weggefallen sei, indem sich die von der Staatsanwaltschaft behelfsweise vermutete Lohnsteuerhinterziehung nicht beweisen habe lassen. Es sei, faßte Schnürer zusammen, seiner Ansicht nach eindeutig erwiesen, daß Wegerich von Anfang an nicht vorgehabt habe, ihn (und andere Geschädigte) zu bezahlen, und lediglich zu diesem betrügerischen Zweck (sowie zur kostenlosen Erlangung eines umsetzungsfähigen Konzepts für ein Stadtmagazin) die Firma CULT Print GmbH gegründet habe.

Die Antwort der Staatsanwältin kam Anfang Juni und war eine Enttäuschung, abgesehen von dem zweifelhaften Erfolg einer deutlichen Bestätigung von Schnürers Vorbehalten (indem zu den behaupteten „erneut umfangreichen Ermittlungen“ auch die Befragung eines gar nicht mit diesem Fall befaßten Insolvenzgutachters gezählt wurde – eine Verwechslung, die Schnürer vermuten ließ, die „Ermittlungen“ hätten sich auf eine kurze Durchsicht beliebig herausgegriffener Akten beschränkt). Eine „Zahlungsunwilligkeit“ der CULT Print GmbH, schrieb die Staatsanwältin, sei nicht nachweisbar; vielmehr seien Lohnzahlungen „in großer Höhe erfüllt“ worden, womit ein Betrug ausscheide. Es bleibe deshalb bei der Entscheidung, das Verfahren einzustellen, wovon die Verfolgung von Schnürers Ansprüchen „im Zivilrechtswege“ unberührt bleibe. Die abschließende Aufforderung, er möge, falls er mit dieser Entscheidung nicht einverstanden sei, dies bis 31. August schriftlich mitteilen, damit die Akten der „übergeordneten Behörde“ vorgelegt werden könnten, ignorierte Schnürer, ohne dies beschlossen zu haben. Der Brief lag so lange auf seinem Schreibtisch, bis er ihn vergaß, und auch danach lag er da noch geraume Zeit.

 

 

  

11

 

Hin und wieder begegnete er seiner ehemaligen Frau auf der Straße, da sie, als wollte sie den Nachweis irgendeines schwer zu deutenden Systems führen, mit ihrem nun nicht mehr so neuen Lebensgefährten (der somit länger durchgehalten hatte als Schnürer selbst und die meisten seine Vorgänger) in eine Wohnung gezogen war, die nur fünfhundert Meter Luftlinie und vier Straßenecken von Schnürers Wohnung entfernt lag. (Bei einem dieser Zufallstreffen hatte sie ihm euphorisch eingeschärft, er müsse sich die Wohnung und vor allem die nach ihren eigenen kreativen Vorstellungen höchst sehenswert gestaltete Küche unbedingt anschauen, dann aber sogleich hinzugefügt, ein Umzug in nächster Zeit sei zu erwarten.)

Es wäre ungerecht, Schnürers Überzeugung in Zweifel zu ziehen, er habe die irrtümliche Beziehung überwunden (die nun länger zurücklag, als sie gedauert hatte). Daß er bei der letzten derartigen Begegnung, als sie und ihr Lebensgefährte an einer Ampel am nördlichen Rand von Schwabing mit dem Fahrrad plötzlich neben Schnürer standen und sich ihm ungefragt anschlossen, da ein Stück gemeinsamen Weges zu absolvieren war, in solche Verwirrung geriet, daß er die ganze Dreiergruppe in eine von zwielichtigen Speditionsfirmen und Massagesalons wahrscheinlich nicht ganz grundlos gebildete Sackgasse lotste, führte er im nachhinein auf die auch ohne persönliche Bindung wirksame Macht seiner Exfrau zurück, Menschen einzuschüchtern und mit diffusen Schuldgefühlen zu beladen. Vielleicht ließen sich daraus sozialpsychologische Schlüsse ziehen, aber Schnürers Interesse an derlei Übereinkünften war rudimentär.

Und doch kehrte Schnürer in Gedanken zu seiner Frau zurück, manchmal, wenn er beim Herumwühlen in erinnerungsbeladenen Gegenständen und Papieren die Gedanken schweifen ließ und in den Schlieren von vergangenen Träumen und traumhaften Vergangenheiten Muster zu erkennen versuchte.

Ein Mensch, der nichts fühlt, dachte er, nimmt sich einen Menschen, von dem er glaubt, daß er ebenfalls nichts fühlt, um Dinge zu erleben; das kann nicht gutgehen.

Was ist aus uns geworden? fragte er in pathetischer Laune, um gleich darauf, weniger pathetisch, hinzuzufügen: Warum ist nichts aus uns geworden? Und dabei wußte er es doch; er konnte sich doch erinnern, wie sie war. Er erinnerte sich, wie sie nach der Trennung und nachdem sein Auszug aus dem Haus abgeschlossen gewesen war, versucht hatte, ihn zur Herausgabe von Geld zu bewegen, das sie zur Hochzeit geschenkt bekommen hatten. Und er erinnerte sich, wie sie keine drei Wochen nach der Schenkung einen Vermögensberater ins Haus bestellt und ihm das Geld überantwortet hatte, auf daß er sie reich mache; er sah den Mann vor sich, wie er ein Photo auf den Tisch legte, das einen extravaganten Sportwagen zeigte – seinen „Traum“, wie er hinzufügte, den er sich mit Hilfe einer guten „Vermögensstrategie“ erfüllt habe –, und mit gespielter Verschmitztheit sagte, sie beide hätten doch sicherlich auch so einen Traum; er erinnerte sich an ihr eifriges, überzeugtes Nicken mit schmalem Mund, an seinen unterbliebenen Einwand, sie werde doch dank ihren Eltern eines Tages von selbst reich; und er erinnerte sich, wie er in gleichfalls gespielter Verweigerung gesagt hatte, er habe nur einen einzigen Traum: nie mehr arbeiten, sobald wie möglich, und wie der Berater genickt hatte: Da sei er auf einem guten Weg.

12

 

Der Ort der letzten gemeinsamen Handlung Schnürers und seiner Frau lag in Sichtweite; nun kam aus dieser Richtung sein Anwalt Grünberg, seitwärts gebeugt von der schweren Tasche und deshalb nicht in der Lage, einen ordnungsgemäßen Rhythmus zwischen Laufen und Gehen zu finden. Als er Schnürer erkannte, strahlte er sein gewohntes Strahlen: große Freude, die auf einem Fundament aus schweren Sorgen tanzt.

Schnürer hatte sich viele von Grünbergs Geschichten angehört, über einige sogar in seiner Kolumne (andeutungsweise und selbstverständlich ohne Namen zu nennen) berichtet; es waren Tragödien, die der Schmirgel des juristischen Alltags nicht ihrer manchmal furchterregend grauenvollen, manchmal nur beispielhaft ärgerlichen Schrammen, Kerben und Auswüchse zu entledigen vermochte. Während sie die weitläufigen Treppen in den ersten Stock des Justizpalasts hinaufstiegen, unterrichtete Grünberg seinen Mandanten über den momentanen Stand eines anderen Verfahrens, von dem er ihm bei einem gemeinsamen Nachmittag im Biergarten erzählt hatte: Es war die Geschichte eines vierzigjährigen Vaters, der sein Kind über Monate hinweg geschlagen, getreten, gegen Wände geworfen und auf jede nur erdenkliche Weise mißhandelt, den Zweijährigen schließlich (wie sich erwies: zum Sterben) in ein Krankenhaus gebracht hatte und nun wegen Mordes vor Gericht stand. Daß Grünberg (dessen Prozeßstrategie auf „Körperverletzung mit Todesfolge“ gründete) den Fall überhaupt übernommen hatte, obwohl Freunde, Kollegen und seine eigene Frau auf die Ankündigung indigniert bis entsetzt und mit heftigem Abraten reagierten, war weder einem ausgeprägten Streben nach einer öffentlichen Karriere (Blitzlichtgewitter, ein Wald von Mikrophonen) noch einer abseitigen Form von Empathie geschuldet, sondern schlicht der Herkunft des Angeklagten aus einem ungarischen Dorf: Grünbergs Eltern kamen ebenfalls aus Ungarn (allerdings aus Budapest), und seine fließende Beherrschung ihrer Heimatsprache war einer der Gründe für ein aus Empfehlungen wachsendes Netzwerk in entsprechenden Kreisen, die sich hauptsächlich innerhalb von Gefängnismauern drehten.

Grünbergs gelegentliches Stöhnen, seine Beteuerungen, wie gerne er einmal einen Millionenbetrüger mit dienlichen Verflechtungen im wirtschaftlichen und politischen Adel verteidigen würde, mochten trotz Augenzwinkern (Prosit!) glaubwürdig klingen; Schnürer meinte dennoch zu wissen, daß das Engagement seines Anwalts, den er mittlerweile, ohne zu zögern, als Freund bezeichnet hätte, ernst und verzweifelt war. Haarsträubende Details von spurlos im Labyrinth bayerischer Haftanstalten verschwundenen minderjährigen Mandanten, unschuldig zu lebenslangem Aufenthalt im Gefängnis verurteilten Verschwörungsopfern und geradezu absolutistisch maßregelnden Richtern, die ein vertrauliches Gespräch (auf ungarisch) zwischen Anwalt und Angeklagtem mit der Bemerkung „Nicht zu fassen, was sich in deutschen Gerichtssälen herumtreibt!“ unterbrachen, hatten seine Hochachtung über das freundschaftlich induzierte und gebotene Maß hinaus wachsen lassen.

Grünbergs Schwäche, wußte Schnürer, war folgerichtig, daß er sich verzettelte, nur halb vorbereitet oder (dies vermutete er) bei ungünstiger Gelegenheit auch vollkommen schimmerlos vor Gericht antrat; das erfüllte ihn wie gewohnt mit einer gewissen Sorge, die Grünberg zu vertreiben suchte, mit beruhigender Stimme: Es werde schon alles gutgehen, er sei zuversichtlich, und schließlich habe man mit den diversen Schriftsätzen im Vorfeld eine ganze Reihe von Dingen bereits klargestellt, die man zwar anfechten, aber nur schwer widerlegen könne. Davon war Schnürer jedoch nach wie vor nicht gänzlich überzeugt.

Neitzl und Vennemann trafen gemeinsam ein, begrüßten Schnürer und Grünberg, entfernten sich wieder ein Stück, setzten sich auf eine Bank gegenüber dem Zuschauereingang des Gerichtssaals – als könnte die Ausstrahlung von Vertrautheit unter den gegebenen Umständen den Eindruck einer verbotenen gemeinsamen Strategie erwecken – und unterhielten sich leise.

Auch Michalski war als Zeuge vorgeladen worden; mit schwingendem Schritt eilte er zehn Minuten vor Verhandlungsbeginn heran, freudig grinsend, wurde sich dann jedoch offenbar bewußt, daß die anwesenden Personen keinen Grund zu besonderer Freude gaben, nickte kurz und lehnte sich an die Wand, um einige kaum merkliche Peinlichkeitszuckungen durchzuführen.

Schnürer war Michalski begegnet, lange vor dem Prozeß und offenbar auch lange genug nach der CULT-Pleite, um diesem keine Angst mehr einzuflößen – andererseits war das forsche Auftreten Michalskis, der bei einer Veranstaltung (zu der eine Münchner Kulturinstitution geladen hatte, um zu feiern, daß es ihr unter Einsatz immenser, angeblich jedoch nie ausreichender Finanzmittel gelungen war, fünf Jahre alt zu werden) zunächst eine Viertelstunde an einem Stehtischchen in etwa zwei Meter Abstand zu Schnürer verbracht und ihm mehrmals verstohlene Blicke zugeworfen hatte, dann endlich an ihn herangetreten war mit dem Ausruf: „Jahallo!“ (Schnürers Nichtreaktion hatte ihn sichtlich aus der Fassung gebracht, die er mit der Überprüfungsfrage „Schnürer, gell?“ wiederzuerlangen suchte), – vielleicht war dieses seltsame Gehampel schlicht und einfach mit Michalskis „Persönlichkeitsstruktur“ zu erklären. Schnürer mußte sich gestehen, daß er nichts von Michalski wußte, von seinem Leben, seinen Wünschen, Träumen, Erfahrungen, Enttäuschungen. Möglicherweise, dachte er, war dies ein Mensch, der einem leid tun konnte, weil er sich aus einem merkwürdigen Pflichtgefühl heraus stets in Situationen begab, die ihn überforderten.

Schnürer hatte ihn angeschaut, seinen Blick von Michalskis lose zerflockendem Haaransatz unter Umgehung des Gesichts nach unten wandern und absichtlich in der Gegend seiner Genitalien zur Ruhe kommen lassen (wofür eine leichte Verbeugung zur Seite nötig gewesen war), dann genickt und Michalski nicht weiter beachtet. Nach einer kurzen Pause hatte dieser gefragt, ob Schnürer „für eine schreibende Zunft hier“ sei; Schnürer hatte sich die Gegenfrage, wie viele solche „schreibende Zünfte“ es innerhalb des Münchner Burgfriedens seiner Meinung nach gebe, verkniffen; erleichtert hatte ihm seine weitergehende Ignoranz (nach einem zweiten Wanderblick von den Einzelhaaren zum schmalen Becken) der Oberbürgermeister, der gleichzeitig ans Mikrophon getreten war, um seine Jubiläumsrede wie gewohnt mit einer genüßlich kolportierten Anekdote einzuleiten. Als Schnürer nicht weiter reagierte, hatte sich Michalski unsicher zappelnd und schwankend auf die Suche nach einem anderen Tisch gemacht, jedoch keinen gefunden, weil der einzige halbwegs freie von der umfangreichen Gestalt eines prominenten „Publizisten“ mit grauer Löwenmähne (der, wie Schnürer fand, aussah wie eine Kreuzung aus Richard Wagner und einer jener alten Frauen, die sich zur Erlangung einer Existenzberechtigung mit einem Schleier eingebildeter Wichtigkeit verhüllen) derart raumfüllend besetzt war, daß er eingeschüchtert einen Bogen um ihn getanzt hatte und endlich in einer Ecke zum Stehen gekommen war. Es wäre Schnürer schwergefallen, sein Verhalten gegenüber Michalski nicht als Anlaß nachgetragenen Mitleids zu werten; aber schließlich hatte er beschlossen, den Mann für den gegenwärtigen Augenblick und die daran anschließende augenblickliche Gegenwart einfach zu vergessen.

Als der Richter bereits den Saal aufgeschlossen hatte und darin verschwunden war (Schnürer wäre ihm sofort gefolgt, unterließ es aber, weil sonst niemand Anstalten machte), erschienen Wegerich und der Anwalt Redders, ein Mann von stämmiger Statur, etwa in Wegerichs Alter, mit kahlrasiertem Schädel und einer Mischung aus Mißmut und erprobter Schärfe im Gesicht. Sie näherten sich langsam (ungewöhnlich langsam für Wegerich, dachte Schnürer), sprachen leise; Redders machte hackende Bewegungen mit der linken Hand (die rechte trug einen edlen, relativ neuen Aktenkoffer); dann schwiegen sie, blickten die inhomogene Versammlung überdrüssig an und nickten kurz.

Wegerich war braungebrannt wie immer, sah aber, fand Schnürer, erschreckend aus, was Neitzl und Vennemann bestätigten, indem sie bei seinem Auftritt synchron die Augenbrauen nach unten und die Mundwinkel nach oben (Neitzl) zogen beziehungsweise umgekehrt (Vennemann): Sein einst streng geschorenes schwarzes Lockendrahthaar hing wie dickes Wollgewebe bis auf die Schultern hinab, er schien leicht gebeugt und hatte stark abgenommen, was seine Gesichtszüge schlaff werden ließ und ihm den melancholischen Ausdruck einer bestimmten Hunderasse gab, deren Name Schnürer nicht einfiel. Die Tür wurde geöffnet; in vorsichtigem Abstand betraten die vier Gruppen (von denen einer nur eine Person angehörte: Michalski) den Saal, aus dem die Zeugen umgehend wieder verwiesen wurden, um draußen zu warten.

Zunächst wurde über fehlende, angeblich nicht zugesandte, angeblich doch zugesandte und nachzureichende Schriftsätze und Anlagen diskutiert, was Schnürer in schläfriger Halbaufmerksamkeit mehr ertrug als verfolgte. Dann wandte sich der Richter, ein gütig wirkender älterer Herr mit gemütlichem Lächeln, an Schnürer und bat ihn, zu erläutern, wo, wie und wann seiner Ansicht nach der in Frage stehende Vertrag zustande gekommen sei. Schnürer, der sich mit einer genauen Datierung dieser Vereinbarung bisher nicht befaßt hatte, studierte in peinlicher Überrumpeltheit die von ihm selbst erstellte Chronologie und entschied sich für den Tag der ersten gemeinsamen abendlichen Verabredung mit Wegerich, Neitzl und Vennemann. Eine Woche danach habe er Wegerich einen präzisen Vorschlag für eine Struktur der zu erstellenden Zeitschrift vorgelegt und damit das Vertragsangebot angenommen. An jenem Abend, sagte Schnürer auf Nachfrage des Richters, sei auch über seine Entlohnung gesprochen worden, obwohl ihn das damals nicht sonderlich interessiert habe, weil Art und Umfang der Tätigkeit noch nicht abzusehen gewesen seien. Wegerich habe das Thema von sich aus ins Gespräch gebracht und darauf hingewiesen, im Falle einer eventuellen Unterfinanzierung sowie auch überhaupt gebe es die Möglichkeit der Ausgabe von „Anteilscheinen“ an der geplanten, dann aber doch nicht zustande gekommenen Aktiengesellschaft. Seine Tätigkeit, sagte Schnürer, habe sich noch vor Gründung der GmbH dem Ende zugeneigt und sei mit der schließlich getroffenen Honorarvereinbarung weitgehend abgeschlossen gewesen.

Wegerich hing über dem Tisch, versetzte mit gelegentlichem Kopfschütteln seine Haarmatte in steife Schwingungen. Sein Anwalt hielt den Kopf gesenkt, den Mund gespitzt, spielte mit einem Kugelschreiber und schien an etwas anderes zu denken.

Auch seine Fragen an Schnürer wirkten lustlos, als könnte er sie, wenn nötig, selbst in Schnürers Worten beantworten. Er schien die Verhandlung für eine Farce zu halten, die ihn anwiderte und an der er nur gezwungenermaßen teilnahm. Schnürer beschloß, über die Motivation eines derartigen Verhaltens nicht weiter nachzudenken, solange keine Überraschungen passierten.

Nach ihm war Wegerich an der Reihe. Sichtlich bemüht um einen motivierten Tonfall, der die von ihm unterstellte kreative Begeisterung der Konzeptarbeit widerspiegeln sollte, erläuterte er, es sei in der Startphase des Projekts von allen Beteiligten bereitwillig und ohne nähere Absprachen freiwillige Arbeit investiert worden, indem sie sich an verschiedenen Kompetenzstellen eingebracht hätten, um die Sache voranzutreiben. Von Bezahlung sei nie die Rede gewesen, man sei vielmehr allerseits und aufgrund langjähriger Freundschaftsbeziehungen davon ausgegangen, daß bei einem erfolgreichen Durchstarten des Projekts jeder seinen Platz darin finden werde. Es habe sich jedoch erwiesen, daß seine Versuche, Risikokapital zu akquirieren, aufgrund des überraschenden Zusammenbruchs der bis dahin florierenden Geldmärkte im Sommer 2000 vergeblich gewesen seien. Daraufhin habe er das Projekt aufgegeben, weil er keine Möglichkeit der Realisation mehr gesehen habe. Überraschend sei dann einige Monate später der Herausgeber einer anderen Zeitschrift, Michalski, an ihn herangetreten und habe vorgeschlagen, sich „zusammenzutun“.

Schnürer lauschte aufmerksam, machte Notizen und mußte sich mit einem Anflug von Schwindelgefühl eingestehen, daß es Wegerich offenbar immer noch (oder erst recht in seinem jetzigen Zustand, der nüchterne „Betroffenheit“ auszustrahlen vermochte) gelang, derart überzeugend, ehrlich und verbindlich zu wirken, daß sich sein jeweiliger Widerpart auf peinliche Weise schuldig fühlen mußte, wenn er seiner Darstellung (die Schnürer erschreckend plausibel fand) eine andere Sicht der Dinge entgegensetzte. Er prüfte seine Chronologie, blätterte in seinem alten Taschenkalender, stellte fest, daß einige entscheidende Angaben Wegerichs falsch waren, und spürte, wie die Wut über das einstudierte Lügentheater in ihm wallte. Andererseits konnte er nicht sicher sein, ob Wegerich das, was er vorbrachte, nicht wirklich glaubte. Wenn man sich selbst eine Geschichte erzählt, dachte er, die zum Teil wahr ist, und sie oft genug wiederholt, gewinnen auch die unwahren Teile an Wirklichkeit. War er nicht überzeugt gewesen, seine Frau zu lieben? Könnte er nicht jetzt, im nachhinein, beschwören, sie nie geliebt zu haben? War eine Entwicklung, eine Situation vorstellbar, in der es ihm denkbar erschiene, Angelika nie geliebt zu haben?

Erschrocken bemerkte er, daß er im Begriff war, in einen Abgrund zu stürzen. Um sich zu sammeln, blätterte er in seinem Kalender, schüttelte den Kopf und tat so, als wollte er etwas zu Grünberg sagen, winkte dann jedoch ab.

Wegerich erklärte soeben, der mit Schnürer vereinbarte Zahlungsbetrag sei als Honorar für dessen Tätigkeit für die neu gegründete Firma ab Mitte März 2001 gedacht gewesen. Der Kläger, sagte der Richter, habe dargelegt, diese Tätigkeit sei bereits Mitte April so gut wie beendet gewesen. Ob der Beklagte wirklich behaupten wolle, er sei bereit gewesen, einen derart hohen Betrag nur für die letzten Tage einer über einjährigen Tätigkeit zu bezahlen, die ansonsten und bis dahin unentgeltlich erbracht worden sei? Schnürer mußte lächeln, Wegerich brauste auf: Von Tagen könne nicht die Rede sein, Schnürer sei bis zum Eintritt der Insolvenz Mitglied der Redaktion gewesen, habe als solches rund um die Uhr gearbeitet, im übrigen gehe es hier um die Entlohnung der Konzipierung und Entwicklung eines Magazins, das sei etwas ganz anderes als bloße Redaktionsarbeit. Wann der präzise Beginn dieser Entwicklungsarbeit anzusetzen sei, fragte der Richter, merklich kühler. Der Beginn der Entlohnung, sagte Wegerich, sei mit Gründung der GmbH anzusetzen. Das sei seines Erachtens präzise genug, und er habe dies bereits mehrmals gesagt. Das von Schnürer genannte Datum, bei dem das Honorar vereinbart worden sei, könne er nicht sicher bestätigen. Es sei ihm auch nicht mehr erinnerlich, wo dieses Treffen stattgefunden habe, aber es sei in freundschaftlicher Atmosphäre verlaufen. Ob er dabei als Vertreter der GmbH aufgetreten sei, fragte der Richter, und Wegerich sagte, das sei doch selbstverständlich.

Woraus sich sein Handeln für die GmbH bei diesem Treffen ergebe, fragte der Richter. „Woraus“, rief Wegerich, „ergibt sich denn, daß Sie hier als Richter auftreten?“

Schnürer hatte das Gefühl, auf etwas Weichem, Diffusem zu sitzen, als hätte sich sein Stuhl in Gummi verwandelt. Einen Moment lang rechnete er, ohne zu wissen, ob so etwas überhaupt möglich war, mit dem Abbruch der Verhandlung. Aber der Richter ließ sich seine Empörung kaum anmerken, wiederholte Wegerichs Frage ins Diktiergerät und fragte Wegerich, ob er dem Kläger gesagt habe, daß er als Vertreter der GmbH handle. Das habe er selbstverständlich, sagte Wegerich. Die Vorhaltungen seien absurd. Jeder habe das gewußt. Zudem seien die Geschäftsräume der GmbH eindeutig als solche gekennzeichnet gewesen und Schnürer dort ein und aus gegangen.

Grünberg hob die Hand, erhielt das Wort und fragte Wegerich, ob es richtig sei, daß der Kläger bereits im Jahr 2000 an einem redaktionellen Konzept gearbeitet habe. Wie ein trotziger kleiner Junge antwortete Wegerich, er habe nicht die geringste Ahnung, was Herr Schnürer im Jahr 2000 gemacht habe.

Der Richter ließ den Zeugen Neitzl hereinrufen, fragte ihn, ob er mit einem der Anwesenden verwandt oder verschwägert sei, und sprach dann Satz für Satz ein Destillat von Neitzls Antworten in sein Handmikrophon: Er kenne Schnürer seit dem Studium; dieser habe ihm im April 2000 von dem Kulturmagazin erzählt und ihn zu einem Treffen eingeladen, an dem außerdem Vennemann (den er zuvor ein- oder zweimal gesehen habe) und Wegerich (der ihm bis dahin völlig unbekannt gewesen sei) teilgenommen hätten. Wegerich habe gefragt, ob Vennemann und er Interesse an einer Mitarbeit hätten. Daraufhin habe man sich mehrere Male getroffen; im Sommer 2000 sei dann in und nach einem Workshop ein „Dummy“ der Zeitschrift produziert, aber nicht fertiggestellt worden. Um Organisationsstruktur und Finanzierung habe er sich nicht gekümmert, das sei Wegerichs Sache gewesen. Im Herbst habe dieser mitgeteilt, daß für die „große Form“ des Projekts nicht genug Geld da sei. Wegerich habe ihm jedoch zugesichert gehabt, ihn für das Projekt einzustellen, wodurch er Mitarbeiter von Wegerichs anderer Firma geworden sei, um unter dem Titel Business Developement an dem Magazin weiterzuarbeiten. Konkrete Ergebnisse habe diese Arbeit nicht erbracht. Nachdem sich überraschend die Möglichkeit ergeben habe, das Projekt in „kleiner Form“ doch zu verwirklichen, habe man dies getan; der Kläger sei allerdings mit der Entwicklung des Konzepts nicht zufrieden gewesen und habe, da ihm die Ausrichtung zu kommerziell gewesen sei, sich im Frühjahr 2001 weitgehend aus der Sache zurückgezogen. Der Kläger sei ursprünglich als leitender Redakteur vorgesehen gewesen, habe diese Tätigkeit aber im Rahmen des veränderten inhaltlichen Konzepts nicht mehr ausüben wollen, wodurch er, Neitzl, gewissermaßen gezwungen gewesen sei, diese Funktion selbst zu übernehmen. Für Schnürer sei in der Redaktion von Anfang an kein Arbeitsplatz vorgesehen gewesen, und er sei so gut wie nie anwesend gewesen. Ihm habe das nicht sehr gefallen, er habe es aber notgedrungen akzeptiert. Wegerich habe nach Erscheinen des ersten Hefts auf noch mehr „Jugendlichkeit“ und „Modernität“ gedrängt, wodurch es zu permanenten Konflikten gekommen sei. Zudem habe es offenbar sehr früh finanzielle Schwierigkeiten gegeben, da sich Autoren bei ihm über ausbleibende Zahlungen beschwert hätten. Die Redaktion sei schließlich zur Kündigung bereit gewesen, was sich aber durch die Ende Juli eingetretene Insolvenz erledigt habe. Seit Ende seiner Tätigkeit für das Magazin habe er den Beklagten nicht mehr gesehen.

Vennemann gab eine in Einzelpunkten leicht variierte Wiederholung von Neitzls Aussagen zu Protokoll. Auch ihn fragte Grünberg, ob er etwas über die Honorierung von Schnürers Mitarbeit wisse, und auch Vennemann sagte, er wisse etwas von fünfundzwanzigtausend Mark und einigen weiteren monatlichen Zahlungen, womit die Projektarbeit im Vorfeld der Verlagsgründung abgegolten werden sollte.

Nachdem Vennemann den Saal verlassen hatte, rief der Richter zu Schnürers Überraschung Wegerichs „Finanzchef“ Mayer als Zeugen auf. Dieser gab an, er sei von Beruf „inzwischen“ Rechtsanwalt und habe früher gemeinsam mit dem Beklagten eine Firma gehabt. Die Idee, ein bundes- oder europaweites Kulturmagazin zu produzieren, sei während der Arbeit für diese Firma entstanden. Man habe alle verfügbaren Kräfte für das Projekt mobilisiert, Mitarbeiter, Bekannte und deren Bekannte. Zunächst sei es darum gegangen, kreativ darüber zu reden, ob und wie ein solches Projekt verwirklicht werden konnte. Für den kreativen Bereich sei der Beklagte zuständig gewesen, er habe sich „eher“ um die Finanzierung gekümmert. Kapital oder Zusagen von Kapital habe es damals jedoch noch nicht gegeben, dies sei auch allen weiteren Beteiligten mitgeteilt worden. Man habe „erst einmal Ideen gesammelt“, schließlich habe man nicht, „wenn es dann nichts wird, einen Haufen Rechnungen bezahlen“ wollen. Nachdem sich herausgestellt habe, daß das Projekt so nicht zu verwirklichen sei, habe er, Mayer, sich aus der Sache zurückgezogen, seine Beteiligung an der anderen Firma aufgegeben und sich wieder auf sein Studium konzentriert. Von Honorarabsprachen zwischen dem Kläger und dem Beklagten wisse er nichts, das hätten diese wohl privat geklärt. Andererseits habe seiner Erinnerung nach der Beklagte nie etwas persönlich bezahlt, höchstens einmal einen Bewirtungsbeleg oder eine Tankquittung „ausgelegt“. Daher halte er es für unwahrscheinlich, daß der Beklagte dem Kläger persönlich ein Honorar zugesichert habe, ohne dies in irgendeiner Weise über eine seiner Firmen zu regeln. Mit Sicherheit sagen könne er zu dieser Frage freilich nichts.

Wegerich beugte sich über den Tisch und schien zu einer Frage ansetzen zu wollen, schüttelte dann aber kurz den Kopf und schwieg. Der Zeuge Mayer wurde entlassen. Er verabschiedete sich von Schnürer und Wegerich mit einem unsicheren Lächeln und angedeuteten Handbewegungen, die sich gegenseitig zu stören schienen. Schnürer fragte sich, ob Mayer die sonderbare Aktionsvermischung einstudiert hatte, um sympathisch zu wirken, oder ob er sympathisch wirkte, weil er keine seiner Bewegungen einstudiert hatte.

Er habe, flüsterte Grünberg Schnürer zu, während der Zeuge Michalski aufgerufen wurde, noch nie eine so ausführliche und lange Verhandlung in einem Zivilprozeß erlebt. Ob das ein gutes Zeichen sei, fragte Schnürer. Möglicherweise, sagte Grünberg.

Michalskis Auftritt geriet noch wirrer, als Schnürer erwartet hatte. Herausfordernd aufrecht saß der dünne Mann in der Mitte des Saals, signalisierte bei der Belehrung über die strafrechtlichen Folgen einer Falschaussage durch eine deutlich sichtbare Bewegung des Adamsapfels seine Nervosität, verstrickte sich sodann in Widersprüchen und wirkte dabei wie ein Schüler, der unvorbereitet in eine Prüfung geraten ist. Als er von der Gründung der GmbH berichtete, tat er dies als „wir“, gab jedoch auf die Frage des Richters an, er wisse nicht mehr genau zu sagen, wer „wir“ gewesen sei: Es könne sich dabei um ihn als Person, aber auch um die Projekt-Kultur GmbH gehandelt haben, deren alleiniger Gesellschafter allerdings wiederum er sei. Grünbergs Frage, ob die Projekt-Kultur GmbH zum Zeitpunkt der Firmengründung schon existiert habe, brachte ihn gänzlich aus dem Konzept; er begann zu stottern, senkte ruckartig den Kopf, massierte sich die Stirn, bis ihn der Richter aus seiner erbärmlichen Lage befreite, indem er sagte, dies sei in diesem Fall nicht so wichtig, er möge sich bei Gelegenheit in Ruhe Gedanken über derlei Dinge machen und sie in eine Ordnung bringen.

Von dem Kläger, berichtete Michalski weiter, wisse er, er sei als feste journalistische Honorarkraft vorgesehen und auch tätig gewesen. Aus der Tatsache, daß der Kläger seine Rechnungen an die CULT Print GmbH gestellt habe, ergebe sich seiner Ansicht nach, daß dem Kläger bewußt gewesen sei, für wen er arbeite und wer sein Auftraggeber sei. Zudem gebe es in jedem Magazin ein Impressum, aus dem die Rechtslage ersichtlich werde. Von einer Umadressierung von Rechnungen sei ihm nichts geläufig, er habe sich jedoch aus „konzeptionellen“ Belangen weitgehend herausgehalten und diese dem Beklagten überlassen.

Der Richter fragte, ob das Bezahlen von Rechnungen Michalskis Ansicht nach etwas „Konzeptionelles“ sei und ob nicht er, wie dies aus mehreren Zeugenaussagen hervorgehe, gerade für den Bereich dieser Abwicklungen zuständig gewesen sei. Wieder geriet Michalski durcheinander, zuckte merklich mit Kopf und Gliedern und sagte, dies sei „an sich“ schon richtig, er habe sich jedoch keine Gedanken um den genauen Charakter des Arbeitsverhältnisses mit dem Kläger gemacht. Seiner Ansicht nach sei die GmbH dessen Auftraggeber gewesen.

Er berichtete weiter von einem Ideenaustausch zwischen dem Beklagten und ihm im Januar 2001, der zu einem Letter of Intent geführt habe, einer Art Vorvertrag, der als juristische Fixierung der Firmengründung zu betrachten sei. Ob es diesen Vorvertrag in schriftlicher Form noch gebe, fragte Grünberg, und Michalski sagte, das wisse er „nicht genau“. Der Beginn der operativen Tätigkeit der neuen GmbH sei beim Einzug der Gruppe um den Beklagten in die Räume der Redaktion anzusetzen, mithin im Frühjahr 2001. Genaueres wisse er nicht mehr, es sei jedoch „sicherlich“ allen Beteiligten klar gewesen, daß das neue Projekt von einem neuen Träger herausgegeben werde. Über Honorarvereinbarungen zwischen Kläger und Beklagten könne er nichts sagen, er wisse nur etwas von der ungefähren Größenordnung der Beträge, würde sich aber wundern, wenn sich herausstellte, daß die Vereinbarung mit jemand anderem als der GmbH geschlossen worden sei. Ob es möglich sei, daß der Kläger der Meinung gewesen sei, in persönlichem Auftrag des Beklagten und nicht für die GmbH tätig gewesen zu sein, müsse man den Kläger selbst fragen. Ihm, Michalski, sei nicht ersichtlich, weshalb Herr Wegerich in dieser Angelegenheit als Privatmann gehandelt haben sollte, da dies für ihn keinen Vorteil gehabt hätte. Er wolle betonen, daß man von einem Journalisten mit Berufserfahrung eigentlich erwarten könne, daß er sich bei einer Vereinbarung unter Geschäftsleuten darüber klar werde, wer sein Auftraggeber sei. Es könne zwar sein, daß er persönlich mit dem Kläger nie über die genaue Firmierung der GmbH und deren Tätigkeitsfeld und Verantwortungsbereich gesprochen habe, dies sei jedoch kein Wunder, weil er den Kläger, da dieser in den Redaktionsräumen so gut wie nie anzutreffen gewesen sei, nur wenige Male gesehen und sich diese Begegnungen weitestgehend auf Begrüßungen beschränkt hätten. Zu intensiven Gesprächen sei es nie gekommen.

Nachdem Michalski, der dabei verwundert wirkte, als hätte er erwartet, seine Befragung beginne nun erst richtig, hinausgegangen war, fragte der Richter, sichtlich ermüdet, da sich der Vormittag längst über den Mittag hinausgeneigt hatte, die Anwälte, ob sie zu den Aussagen der Zeugen Stellungnahmen abgeben wollten. Beide erklärten, dies, wenn es nötig sein werde, lieber in schriftlicher Form zu tun. Grünberg bat den Richter, zu prüfen, ob es eine Grundlage für Vergleichsgespräche gebe; Redders hob die Hand und schüttelte stumm den Kopf, ohne von seinen Akten aufzublicken.

Draußen verabschiedete sich Schnürer von Grünberg, mit einem Gefühl schwebender Erschöpfung, das durch das aufmunternde Lächeln des Anwalts verstärkt wurde. Es war brutheiß und dunstig, leichter Gewittergeruch lag in der schweren Luft. Während er zu Fuß nach Hause ging (was, ohne daß ihm dies bewußt wurde, fast eine Stunde dauerte), versuchte sich Schnürer vorzustellen, er habe die letzten zwanzig Jahre nur geträumt, was ihm so mühelos gelang, daß er einen Augenblick lang nahe daran war, die Illusion als Wirklichkeit anzunehmen. Er verspürte eine krampfartige Sehnsucht nach Sonne, Chlorwasser, billigen Süßigkeiten, zerlesenen Comicheften und der gedankenlosen Aura fließender Gegenwärtigkeit, die er greifbar nah wähnte, bis ihm mit einem Schlag bewußt wurde, daß die leere, nicht zu füllende Stelle in dem Trugbild Angelika war.

Verzweifelt versuchte er, ihr Gesicht erscheinen zu lassen, und wußte doch, daß das nicht gelingen konnte, wenn sie es nicht von sich aus tat.

 

  

 

13

 

Die Tage nach der Verhandlung verbrachte Schnürer auf Angelikas alter Matratze (die einst die seiner Untermieterin und zuvor seine eigene gewesen war) liegend damit, sich zu fragen, was in dem Gerichtssaal geschehen war.

Das Zimmer hatte sich in den zurückliegenden zwei Jahren so gut wie nicht verändert: Noch immer stand da sein alter Kleiderschrank, in dem noch immer zwei Fächer mit einigen T-Shirts, zwei Hosen und ein paar Socken von Angelika belegt waren. Nicht einmal die halbvolle Tamponschachtel, die Schnürer erst Wochen nach Angelikas Tod entdeckt hatte, als sich seine Hände zum erstenmal tiefer in den Schrank gewagt hatten, war entfernt worden; sie sah abgegriffen aus, ohne je abgegriffen worden zu sein, und sie würde an ihrem Platz bleiben, bis …

Den Satz „bis sie zurückkommt“ wagte Schnürer nicht zu Ende zu denken, weil er fürchtete, der Weg in den Wahnsinn bestehe aus kleinen Stufen, die man, ohne es zu bemerken, eine nach der anderen bestieg, sich dabei dem Ziel auf stets gleichbleibend großer, unüberwindbarer Distanz wähnend.

Wenn er den Kopf nach hinten beugte, sah er die einsame Grünlilie, die er inzwischen mehrmals umgetopft hatte und die ihre wuchernden Ausläufer in einer undurchdringlichen Abform natürlicher Ordnung über das ganze Fensterbrett ausgebreitet hatte und bis zum Zimmerboden hinunter streckte. Vielleicht, dachte Schnürer, war es mit dieser Geschichte ähnlich: Sie wuchs und wuchs, wurde dabei aber selbst nicht größer, sondern bildete ein Durcheinander von immer neuen, verwirrenden Seitentrieben, die, mit genügend Abstand betrachtet, allesamt identisch und nichts anderes als Nachbildungen der ursprünglichen Sache waren, sich jedoch, je näher man ihnen kam, immer weniger auf die Urform zurückführen ließen. Was in der Verhandlung gesprochen worden war, hatte sicherlich mit der Wahrheit, die hinter allem steckte und die er selbst erlebt hatte, zu tun; es waren Details, aus unterschiedlichen Blickwinkeln dargestellt, die jeweils für sich eine Geschichte ergaben, die mehr oder weniger große Ähnlichkeit mit der „wirklichen“ Geschichte aufwies. Je öfter man sie aus verschiedenem Munde hörte, je mehr Zeit seit den Geschehnissen verging, desto größer wurden die Unterschiede, weil jeder sich an etwas anderes erinnerte, den Rest der Wahrheit vergaß und die dabei entstehenden Lücken mit Folgerungen und Ableitungen füllte aus dem, an was er sich zu erinnern glaubte. Vielleicht war Wegerich tatsächlich überzeugt von dem, was er sagte, hatte die undatierten Verträge, die Gespräche, all das vergessen und durch anderes ersetzt. Möglicherweise wußte Michalski wirklich nicht mehr, ob er oder eine Firma oder eine Firma, die er war, eine Geschäftsbeziehung mit Wegerich gehabt hatte.

Und was, dachte Schnürer, wenn es sich bei ihm selbst nicht anders verhielt? Er hatte seine Chronologie, auf die er sich verließ, aber Tage, dachte er, bestehen aus vierundzwanzig Stunden, ein Treffen ist nie nur ein Treffen, und die Sätze, an die man sich erinnert, sind immer nur ein winziger Bruchteil dessen, was gesprochen wurde, von den anderen Dingen zu schweigen. Woraus hatte seine Ehe bestanden? Aus den Tagen, die er einsam, verzweifelt, wartend im leeren Haus verbracht hatte? Woran war sie gescheitert?

Wenn Angelika noch lebte, dachte er, entsetzt über die bloße Möglichkeit eines solchen Gedankens, wäre sie sicher nicht mehr mit mir zusammen. Er wiederholte den Gedanken, um sich zu quälen, um zu prüfen, wieviel er ertragen konnte. Der Impuls, sich selbst ein lautes „Nein!“ entgegenzuschreien, wurde so stark, daß er aufsprang, ins Bad lief, vor dem Spiegel stand und sich dabei betrachtete, wie er das Gesicht so lange verzerrte, bis endlich Tränen kamen, zwei oder drei. Wofür leide ich? fragte er sich.

„Du hast etwas vergessen“, sagte Angelika.

 

 

 

14

 

Die Welt hatte sich gründlich verändert. Die Schaumblasen exponentiell wachsender Geld- und Wertsummen, die Wahnsinnige von weit größerem Kaliber als Wegerich angerührt hatten, waren zusammengefallen und als echtes Geld auf einigen wenigen Konten gelandet. Die meisten Menschen hatten sich damit abgefunden, aus ihren Träumen vom plötzlichen Reichtum geweckt worden zu sein; emsig, verbittert und befeuert von einem neu entfachten Nationalstolz erhöhten sie ihre Arbeitsintensität, opferten einen großen Teil ihrer Freizeit für unbezahlte Überstunden und ließen sich, wenn der Prozeß sie ausgeschieden hatte, bereitwillig und verschämt die staatlichen Almosen kürzen, um dazu beizutragen, daß zumindest die wenigen Vermögen weiterhin exponentiell wuchsen.

Das Vermögen oder auch nur das Einkommen Wegerichs war von letzterem Phänomen offensichtlich nicht betroffen, wie sich an den Vorgängen und Schriftwechseln, die der Gerichtsverhandlung folgten, Schritt für Schritt immer deutlicher erwies. Zwei Monate nach dem Schauspiel (als solches erschien es Schnürer in der Erinnerung: Alle Beteiligten, auch er selbst, hatten Rollen gespielt, die im besten Fall Destillationen wahrer Eigenschaften, Absichten und Ansprüche waren) erhielt er – einen Tag vor Angelikas zwanzigstem Geburtstag, wie er zu seinem Entsetzen erst nach der Lektüre des Schriftsatzes bemerkte – per Einschreiben („Im Namen des Volkes!“) ein Urteil zugestellt, in dem der Beklagte verurteilt wurde, an den Kläger 14.208 Euro „nebst Zinsen hieraus in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz“ zu zahlen. Die Kosten des Rechtsstreits habe der Beklagte zu tragen. Als „Entscheidungsgrund“ nannte der Richter, der Beklagte habe seine Behauptung, er sei gegenüber dem Kläger bei den Verhandlungen über dessen Honorar als Vertreter einer Firma aufgetreten, nicht beweisen können. Das Gericht habe sich nicht davon überzeugen können, daß der Kläger zu diesem Zeitpunkt über die Existenz einer solchen Firma informiert gewesen sei.

Wegerichs Anwalt Redders legte gegen das Urteil Berufung ein und begründete diese gegenüber dem nunmehr zuständigen Oberlandesgericht damit, daß das Urteil des Landgerichts „offenkundig falsch und deshalb aufzuheben“ sei. Das vierzehnseitige Schreiben enthielt jedoch (außer der Behauptung, Schnürer habe in der Verhandlung selbst zu Protokoll gegeben, er sei im Januar 2001 über die Absicht zur Gründung einer Firma informiert gewesen, diese sei daher für die Folgezeit zwingend und eindeutig als sein Geschäftspartner anzusehen, was das Gericht nicht zur Kenntnis genommen und somit einen eklatanten Rechtsfehler begangen habe, der für sich schon hinreiche, die Aufhebung des Urteils unumgänglich zu machen) nichts, was Schnürer neu erschien, sondern lediglich sprachlich verschärfte Wiederholungen dessen, was Redders bereits in seinen Schreiben vor der Verhandlung immer wieder betont hatte: Es sei zum Zeitpunkt der Honorarvereinbarung in der Medienbranche und darüber hinaus in der gesamten Stadt hinlänglich bekannt gewesen, daß es ein neues, in den letzten Stufen planender Vorbereitung stehendes Magazin gebe, das von einer neuen Firma herausgegeben werde. Daraus gehe eindeutig hervor, daß die Vereinbarung nicht zwischen Schnürer und Wegerich, sondern zwischen Schnürer und dieser Firma geschlossen worden sei. Das ergebe sich auch daraus, daß Schnürer die Mahnungen zu seinen Rechnungen an die CULT Print GmbH adressiert habe. Erst nachdem er erfahren habe, daß die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens mangels Masse abgewiesen wurde, sei Schnürer (der nicht namentlich, sondern als „Berufungsbeklagter“ genannt wurde, womit, wie er fand, ein erstaunlicher, möglicherweise beunruhigender Rollentausch stattgefunden hatte) dazu übergegangen, den „Berufungskläger“ persönlich in Haftung zu nehmen, und habe dazu Sachverhalte „verdreht“ und „wahrheitswidrig manipuliert“.

Schnürer meinte, aus der in dem Schreiben auf fast jeder Seite wiederholten Feststellung, das Urteil sei als fehlerhaft aufzuheben, eine gewisse Verzweiflung herauszulesen, aber er war sich dessen nicht sicher. Grünberg versicherte ihm am Telephon, er sei „zuversichtlich“, was den Ausgang der Berufung angehe, hege jedoch angesichts der vorgebrachten Argumente den Verdacht, es gehe Wegerich in erster Linie darum, eine Zahlung so lange zu verzögern, wie es nur gehe. Möglicherweise sei er mittlerweile in weitere, auch persönliche finanzielle Schwierigkeiten geraten und versuche auf diese Weise zu vermeiden, seine Stellung als Geschäftsführer und eventuell noch vorhandene Anteile an der Firma zu verlieren. Er wolle nicht den Teufel an die Wand malen, sagte Grünberg, aber es sei nicht auszuschließen, daß Schnürer von dem Geld, das ihm zustehe, nichts oder nur einen Teil sehen werde.

Schnürer spürte, wie er von einer tiefen Müdigkeit erfaßt wurde, und war einen Augenblick lang versucht, die ganze Sache aufzugeben und einfach zu vergessen (was indes, wie ihm nicht erst klarwerden mußte, beides ganz und gar unmöglich war, weil die weiteren Abläufe längst nicht mehr seiner Verfügungsgewalt unterstanden). Sein Bemühen um rückwirkende Gewißheit, um Herstellung oder Definition und Herausarbeitung einer erinnerten Wirklichkeit, schien ihm sinn- und zwecklos. Man hat mir, versuchte er sich einzuschärfen, einen Teil meines Lebens genommen und ihn verzerrt, verwandelt in etwas Unechtes, Unwahres, Irrelevantes, Falsches, und alles, worum es geht, ist, die Einheit des Ganzen wiederherzustellen, um weiterleben zu können. Aber wie, fragte er sich, sollte es möglich sein, durch das Erscheinen einer Zahl auf einem Kontoauszug (und möglicherweise nicht einmal das) etwas wirklich werden zu lassen, von dem er selbst nicht mehr zu wissen glaubte, ob es nicht wenigstens teilweise nachträglich konstruiert war, aus Motiven, die keine Gründe, sondern Folgen waren?

Ein paar Tage später erhielt Schnürer Grünbergs Erwiderung an das Oberlandesgericht, in der ein weiteres Mal erläutert wurde, was bereits bis zur Unkenntlichkeit sprachlicher Detailverschiebungen erläutert worden war. Redders antwortete erneut mit acht Seiten geringfügig variierter Repetition, die Schnürer nur noch überfliegen konnte, weil sich die Sätze vor seinen Augen wanden und drehten und den Kadaver der Wahrheit, den festzuhalten er sich vergeblich mühte, durch die Aufführung einer grotesken Parodie zu verspotten schienen.

Es blieb nicht das letzte solche Schreiben. Schnürer ignorierte alle weiteren. Sein Interesse an dem ganzen Komplex widerstreitender Beschwörungen, das er als geradezu feurig in Erinnerung hatte, als wäre es darum gegangen, die Wirklichkeit, die zu beweisen war, überhaupt erst zu errichten, ermüdete zusehends, da aus den sprachlichen Schöpfungsversuchen nichts weiter zu entstehen schien als neue sprachliche Konstrukte zur Erläuterung von Vorgängen und Zusammenhängen, von denen sie sich längst entfernt und ein eigenes Leben begonnen hatten.

 

 

 

15

 

Wenn das Telephon läutete, hob er nicht mehr ab, weil es ihn quälte und wütend machte, Maschinenstimmen lauschen zu müssen, die ihm mit schlecht vorgetäuschter Begeisterung erklärten, er müsse nur eine Taste drücken, um sich eine Gewinnchance zu sichern. Als er eines Abends reflexartig doch abhob, fragte Neitzl, warum er „seit Ewigkeiten nichts hören lasse“ und wo er sich „die ganze Zeit herumtreibe“. Er mache nichts, sagte Schnürer, was der Freund mit einem ernüchterten „Aha“ quittierte und fragte, ob er wenigstens zwischendurch Zeit gefunden habe, mal an einem Kiosk vorbeizugehen und festzustellen, daß es CULT offenbar nicht mehr gebe.

Schnürer, der von nichts wußte, erfuhr mit zunehmend erhitztem Gesicht, Neitzl habe im Dezember bemerkt, daß in seinem Supermarkt kein CULT-Heft ausliege, woraufhin er „nur so“ nachgefragt, man ihm aber nichts Näheres sagen habe können. Es sei wahrscheinlich „aus“. Anfang Januar sei nun aber ebenfalls kein Heft dagewesen. Ein Kioskinhaber habe ihm gesagt, das sei wohl eingestellt worden, es stehe zumindest nicht auf seiner Lieferungsliste.

Das müsse man eigentlich feiern, versuchte Schnürer zu scherzen, war jedoch zu schockiert (und das Sprechen zuwenig gewohnt), um überzeugend zu wirken. Neitzl unterbrach sein antwortendes Schweigen mit einem betretenen „Hm“ und schlug vor, sich „wenigstens“ mal wieder zu treffen und ein bißchen zu „ratschen“; man müsse ja nicht gleich „in Schadenfreude ausbrechen“, zumal solange „der Stand der Dinge“ gar nicht sicher sei. Sie verabredeten sich für einen der nächsten Abende, und Neitzl versprach, Vennemann ebenfalls Bescheid zu geben.

Als sie sich dann an dem runden Tisch gegenübersaßen, in der Kneipe, wo Schnürer Vennemann einst am Rande des Wortgewirrs eines längst in alle Himmels- und Lebensrichtungen verwehten Stammtischs kennengelernt, ihm später vom Ende seiner Ehe berichtet und ihn noch später zum Zeugen einer vollkommen absurden, von Wut und Verzweiflung über Angelikas Verschwinden und Verschwundenbleiben befeuerten Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Chefredakteur Schaffel hatte werden lassen, wollten ihre Gesichter nicht recht fröhlich werden. Es war, als wären in dem fragilen Konstrukt ihrer dreiseitigen Beziehung einige von vielen feinen Streben brüchig geworden oder bereits gebrochen, ohne daß sich sagen ließe, welche das waren und was sie verbanden. Schnürer fühlte sich überfordert von Neitzls beharrlichen Versuchen, etwas über sein Leben, seinen Alltag in Erfahrung zu bringen; es gelang ihm nicht, sich selbst ausreichend darüber klarzuwerden, was er tat und wie er die Zeit verbrachte, um es in Worte zu fassen, die anderen eine Vorstellung zu vermitteln vermochten.

Was auch immer ich sage, dachte er, ist sinnlos, weil es erst dadurch zu einer Information wird, daß es auf Vorstellungen und Bilder trifft, die nicht meiner, sondern seiner Erfahrung entstammen, und damit ist es nicht mehr mein Leben, über das er etwas erfährt, sondern sein eigenes oder im Grunde gar keines. Er gab ein paar nichtige Anhaltspunkte, sagte, er sei viel zu Hause und denke nach, wisse aber nicht recht zu formulieren, worüber; und Neitzls Blick wurde sorgenvoller, zugleich ungeduldig und schließlich überdrüssig. Er müsse ja nicht reden, wenn er nicht wolle, sagte er. Vennemann schien verunsichert von der merklich wachsenden Spannung, hob das Glas und empfahl, sich (wieder) zu vertragen, und Schnürer fiel auf, daß er selbst noch gar nicht danach gefragt hatte, wie es den beiden eigentlich gehe. Der Versuch, dies in einen Satz zu fassen, der gleichzeitig harmlos plaudernd wirken, die Vertrautheit wieder herstellen und dem Einholen brauchbarer Auskünfte dienen würde, erschien ihm (zumal er für eine solche Frage keinen Anschlußpunkt fand) anstrengend bis zur Unmöglichkeit. Er schwieg, betrachtete sein Glas, versuchte ein Lächeln, das, wie er sofort zu wissen glaubte, überheblich aussehen mußte, weshalb er es gegen einen nachdenklichen Blick eintauschte und endlich feststellte, daß er sich ganz falsch fühlte und nicht wußte, was er machen sollte, weil er weg wollte und andererseits sich nach einer Nähe sehnte, die nur noch als erinnerte Ahnung spürbar war. Was mache ich hier? fragte er sich, und warum er nicht hier sei und wo er sei.

Der Abend endete damit, daß Vennemann auf die Uhr schaute, etwas von einem Termin am nächsten Morgen sagte, Schnürer und Neitzl ein letztes Mal verzerrte Vertraulichkeit entgegenlachte, zahlte und ging. Schnürer berichtete Neitzl kurz von dem demnächst bevorstehenden zweiten Prozeß, der ihn wahrscheinlich mehr belaste, als er selber wisse, ohne daß er sich wirklich darauf konzentrieren oder auch nur geordnet daran denken könne; er wisse es selbst nicht. Neitzl nickte sorgenvoll und sagte, Schnürer solle sich melden, wenn er „wieder ganz da“ sei, und ihm auf jeden Fall mitteilen, wie die Sache ausgegangen sei, wenn sie denn nun irgendwann endlich einmal an ein Ende kommen werde.

Als Neitzl die Kneipe verlassen hatte und Schnürer alleine am Tisch saß, fiel ihm ein, daß kein Wort über das offenbar nicht mehr erscheinende CULT-Heft gesprochen worden war. Er bestellte ein weiteres Bier, das er zur Hälfte trank, dann legte er abgezähltes Geld neben sein Glas und ging.

 

 

 

16

 

Wenn das Erinnern ein Vorgang ist, der im Augenblick der Entstehung von Bewegungen, Empfindungen, Veränderungen bereits begonnen hat und also den Ritt auf dem rasierklingenschmalen Wellenkamm des Augenblicks als bewußte Erfahrung weniger mit einbezieht als voraussetzt, dachte Schnürer, wird es kein Wunder sein, daß ich mich an das, was hier geschieht, nie wirklich erinnern werde können. Er warf Wegerich, der ihm diesmal nicht gegenüber, sondern am Tisch links von ihm saß, heimliche Blicke zu, während die Richterin, eine würdevolle Frau mit kurzen grauen Locken, die keinen Versuch unternahm, sich ein Lächeln abzuringen, den Sachverhalt in sehr knappen Worten zusammenfaßte. Links und rechts von ihr saßen zwei weitere Richter, auch sie in schwer zu schätzendem Alter zwischen Ende fünfzig und einer möglicherweise für dieses Amt unüblich hoch festgelegten Pensionsgrenze, den Blick regungslos auf die beiden Kontrahenten und ihre Anwälte gerichtet.

Schnürers Aufmerksamkeit erschien ihm selbst wie ein mäandernder, sich vielfach verzweigender Fluß von Eindrücken, die sich überlagerten und ineinander übergingen. Er sah Wegerichs Profil vor dem Fenster, dann überblendete das grellweiße Februarlicht alles Gegenständliche, wuchs pulsierend über den Rahmen hinaus, zog sich wieder zurück und hinterließ Wände, Mobiliar, dunkle Menschengestalten, aus denen sich Farbkontraste und endlich Gesichtszüge herausschälten; dann begann die Metamorphose auf andere Weise von neuem. Er warf zufällige Blicke auf dies und jenes, las ein paar Zeilen in den vor ihm liegenden Papieren (Er gebe, hatte Redders geschrieben, irgendwann, „seinem Befremden Ausdruck“), schloß ein Auge, um anhand einer zweidimensionalen Darstellung der Situation Formvergleiche anzustellen.

Es sei, sagte die Richterin, unbestreitbar, daß den Berufungskläger die Beweislast treffe, was sein Auftreten als Vertreter einer Firma und nicht als Privatperson bei den Verhandlungen mit dem Berufungsbeklagten über dessen Honorar angehe. Der Wille, im Namen eines Unternehmens zu handeln, müsse für die andere Partei hinreichend deutlich erkennbar sein. Dies sei in dieser Angelegenheit bei Abschluß der Honorarvereinbarung nach Einschätzung des Gerichts nicht der Fall gewesen, hingegen weiche man insofern vom Urteil des Landgerichts ab, als der Berufungsbeklagte zum Zeitpunkt der Rechnungsstellung über die weiteren monatlichen Zahlungen sich hinsichtlich seiner Tätigkeit für die Firma Klarheit verschafft haben könnte und für diese dann wohl auch nicht mehr umfänglich tätig gewesen sei, weshalb der Vorschlag ergehe, sich auf eine Zahlung von 18.500 Mark, umzurechnen in 9.459 Euro, zu einigen. Wenn sich die Parteien mit ihren Anwälten beraten wollten, könne die Sitzung hierfür kurz unterbrochen werden.

Eine Unterbrechung sei nicht nötig, sagte Schnürer, er sei mit einer solchen Regelung einverstanden. Wegerich, der bis dahin schweigend und zusammengesunken auf seinem Stuhl gesessen war, rappelte sich unvollständig auf, schien sich kurz zu sammeln, und als er dann kopfschüttelnd sagte, er verstehe nicht, was hier passiere, und könne eine Einigung auf Grundlage abwegiger Behauptungen unter keinen Umständen akzeptieren, richtete sich die Ansprache, die nichts mehr von seiner früheren Souveränität, aber auch nichts mehr vom Trotz der ersten Verhandlung hatte, sondern wie ein Appell mühsam unterdrückter Verzweiflung wirkte, an niemanden als die Tischplatte, auf der seine Arme immer noch ruhten. Die ganze Stadt, sagte er, habe gewußt, daß ein neues Magazin im Entstehen sei, für das er als Geschäftsführer mit Dutzenden, ja Hunderten von Menschen gesprochen und verhandelt habe, ohne daß irgendeiner dieser Partner sein Engagement für die Sache in so grotesker Weise mißverstehen habe wollen wie der Berufungsbeklagte. Das alles sei „von vorne bis hinten absurd“.

Er sank wieder zusammen, und die Richterin erklärte ihm mit einiger Schärfe, aber ohne merkliche Verärgerung, er möge sich dies lieber noch einmal überlegen, weil die Gesetzes- und Sachlage eindeutig sei und sie nicht vorhabe, in dem im Falle einer Ablehnung nötig werdenden Urteil von dem Vorschlag abzuweichen, er dann jedoch einen größeren Anteil an den Verhandlungskosten tragen müsse. Wegerich schüttelte stumm den gesenkten Kopf. Die Richterin und ihre stummen, marionettenartigen Beisitzer zogen sich zur Beratung zurück.

Nur ein paar Minuten lang blieben Schnürer, Grünberg, Wegerich und Redders sich selbst überlassen; niemand sprach derweil ein Wort, nur Grünberg wagte ein feines, aufmunterndes Lächeln zu seinem Mandanten. Dann öffnete sich die Tür hinter dem Richtertisch, das Gericht nahm wieder Platz, und die Richterin, nunmehr mit einer Emotionslosigkeit, als ginge sie all dies nichts an (was es wohl auch nicht tat, vermutete Schnürer), verkündete, der in dem ursprünglichen Urteil festgesetzte Zahlungsbetrag werde auf 9.459 Euro geändert, die Berufung in allen weiteren Punkten zurückgewiesen. Von den Kosten beider Verfahren habe der Kläger einen Anteil von 41, der Beklagte von 59 Prozent zu tragen. Eine Revision sei nicht zulässig.

„Das war’s“, sagte Grünberg nickend, und da hatte Schnürer für einen Augenblick das Gefühl, er erwache aus einem Traum in tiefen, von weichem Licht erfüllten Schlaf.

 

 

 

17

 

Grünbergs Vermutung, Wegerich wolle die Zahlung so lange wie möglich hinauszögern, erwies sich als richtig, und das änderte sich auch nach dem Urteil nicht. Als vier Wochen verstrichen waren, ohne daß Wegerich auf die Aufforderung zur Begleichung des Betrags reagiert hätte, erhielt Schnürer eine „Mahnwegmitteilung“ und erfuhr, daß Grünberg einen Gerichtsvollzieher beauftragt und „Antrag auf Abgabe einer eidesstattlichen Versicherung“ gestellt hatte. Das Blatt enthielt eine Reihe weiterer Sätze, die nicht angekreuzt und somit unzutreffend waren, was er im Falle der Aussage „Es erging Haftbefehl, der zur Vollstreckung gegeben wurde“ erleichternd fand, ohne zu wissen, warum.

Zwei Monate nach der Verhandlung, als Schnürer von einem Spaziergang durch die schmutzüberkrusteten, kraftlos im Staub vergehenden Reste des letzten Frühlingsschnees zurückkehrte, auf ungewisse Weise froh, keiner Menschenseele (außer ein paar in blecherne Transportkisten verpackten Exemplaren, die er in dieser Darreichungsform nicht als solche wahrnahm) begegnet zu sein, fand er in der Post die Kopie eines „Vollstreckungsprotokolls“, mit dem er zunächst nicht das geringste anfangen konnte, bis er das Blatt umdrehte: Der „Schuldner“, stand da, sei „bei drei Versuchen zu verschiedenen Tageszeiten in seiner Wohnung bzw. seinem Geschäftslokal nicht anzutreffen, die Räume verschlossen“ gewesen, obwohl der letzte Termin drei Wochen vorher schriftlich angekündigt worden sei. Deshalb werde nun das Verfahren zur Abnahme der eidesstattlichen Versicherung eingeleitet. Der Schuldner (dem also wohl ebenfalls eine Mitteilung über den vergeblichen Versuch, ihm Geld oder versteigerungsfähige Wertgegenstände zu entziehen, zugesandt worden war) wurde „dringend empfohlen“, sich mit dem Gläubiger oder dessen Vertreter in Verbindung zu setzen, weil als nächster Schritt nach Erteilung eines richterlichen Durchsuchungsbeschlusses die zwangsweise Öffnung seiner Wohnung erfolgen und dafür erneut eine dreistellige Kostensumme fällig werde. Erst als er das Blatt Tage später erneut studierte, um dem Wirrwarr dunkler Informationspartikel und handschriftlich eingetragener Zahlen und Kürzel auf der Vorderseite vielleicht doch etwas entnehmen zu können, bemerkte er, daß Wegerichs Anschrift eine andere war als die, die er kannte.

Grünberg, dem Schnürer bei einem Mittagessen in gedämpfter Fröhlichkeit begegnete, wobei er selbst außer einem Glas Wasser nichts verzehrte, fragte Schnürer, ob die Möglichkeit bestehe, daß Wegerich sich „absetze“, ins Ausland gehe oder untertauche. Schnürer sagte, er wisse nur, daß Wegerichs Heft offenbar seit Dezember oder Januar nicht mehr erscheine, habe aber keine Ahnung, was er seitdem mache, wie es dazu gekommen sei, ob Wegerich auf eventuelle familiäre Vermögenswerte (er erinnerte sich an eine vage Andeutung in Bezug auf seinen Vater, der in Norddeutschland als Unternehmer tätig gewesen oder noch war) zurückgreifen könne und was er überhaupt mache.

Im Handelsregister, berichtete Grünberg einige Wochen später, sei die CULT Print GmbH nach wie vor verzeichnet, dies müsse aber nicht heißen, daß die Firma noch irgendeine Geschäftstätigkeit ausübe. Wegerich sei unter der neuen Anschrift zwar gemeldet, laut Auskunft des Gerichtsvollziehers fehle jedoch sein Name am Klingelschild, da es sich um die Wohnung seiner Lebensgefährtin handle, die diese zugleich als Geschäftsräume nutze; in welcher Form, wisse er nicht, da sie offiziell nur Inhaberin der CULT Print GmbH sei, als deren Geschäftsführer Wegerich fungiere. Wie dies alles zusammenhänge und was es bedeute, werde sich in der nächsten Zeit erweisen.

 

 

 

18

 

An langen, stillen Abenden, die er nicht mit Lesen, sondern mit Blättern verbrachte – rechts ein schwindender Stapel, links ein wachsender –, legte er Listen der Bücher an, die er im Rahmen seiner „Rückführung“ zu lesen gedachte. Es ging, hatte er sich vorgenommen, darum, den ursprünglichen Zustand seines Lebens wiederherzustellen, Gefühle, Stimmungen und Einstellungen wiederzufinden, die in ihm gewesen waren (nein: die das gewesen waren, was er war), bevor er seine ehemalige Frau und Wegerich kennengelernt und sich von ihnen in etwas undefinierbar Fremdes verstricken hatte lassen. Daß es sich dabei mehr um einen von Nostalgie und Selbstmitleid getriebenen Schwindel handelte als um den ernsten Versuch, zu ergründen, worin sein Leben bestanden, was sich geändert hatte und weshalb er sich nach Zeiten zurücksehnte, die ihm nun von schwereloser Zufriedenheit erfüllt schienen (wo es doch auch in ihm selbst Anlässe und Motive für Brüche und Veränderungen gegeben haben mußte), ahnte Schnürer, weil er derartige Experimente anflugweise schon öfter durchgeführt hatte (er erinnerte sich an einen Nachmittag mit Angelika am See). Diesmal aber wollte er systematisch vorgehen und hatte zu diesem Zweck bereits vor Monaten – als die Herbstsonne noch milchig gelb über den Bäumen und Häusern hing und er mittägliche Spaziergänge damit zubrachte, Melodien wiederzufinden, die einst den jugendlichen Schnürer auf einsam verliebten Wegen durch einen anderen Stadtteil begleitet hatten – begonnen, systematisch alte Tagebücher zu lesen, auf der Suche nach Details, von denen ihm, obwohl er meinte, die Texte auswendig zu kennen, erstaunlich viele so völlig unvertraut waren, als entstammten sie tatsächlich einem anderen Leben. Was ihn indes am meisten erstaunte und worin er schließlich das entscheidende Element zu sehen beschloß, war die offenbar totale Abwesenheit jeglicher Gedanken, die sich darauf richteten, etwas absichtlich herbeizuführen. Was dem fünfzehnjährigen Schnürer geschehen war, das war ihm, so schien es, einfach geschehen, ohne anderen Gründen zu folgen als dem, daß es eine (zufällige) Ursache gab. Er hatte die Dinge beobachtet, erlitten, hingenommen, mit Sicherheit hatten die meisten davon ihn in irgendeiner Weise geprägt und verändert, und das Fehlen einer Vorstellung von den Ergebnissen eigenen bewußten Handelns hatte ihn nicht nur alles intensiver erleben lassen, sondern auch schlimme Vorkommnisse im Gedächtnis mit romantischer Kühle aufgeladen und sie zu Zielen seiner widerspenstig erwachsenen Sehnsucht werden lassen. Dieses Phänomen reichte weit über Kindheit und Jugend hinaus; noch das Wiederhören des Soulschlagers, mit dem seine Frau in jener Nacht wenige Tage vor der Bekanntgabe ihres Entschlusses, ihn zu verlassen, in hypnotischer Beharrlichkeit das ganze Haus beschallt hatte (sein Gedächtnis projizierte ihm dazu ein Bild von ihr, das er nie gesehen hatte: Da saß sie am Boden des Wohnzimmers, die Beine untergeschlagen, mit leerem Blick ein altes Photo betrachtend, die Darstellung von etwas, was sie mit einer solchen Trostlosigkeit und Trauer infizierte, daß es der Scheinerinnerung nicht gelang, die Abbildung gegenständlich werden zu lassen), ließ ihn eine alcyonische Ahnungslosigkeit spüren, von der er sich wünschte, sie möge ihn erfüllen und überwältigen.

Wie er sich mit Musik in Stimmungen versetzte, hoffte er, durch Lesen mentale Zustände wiedererwecken zu können. Zunächst notierte er nur Namen (Achternbusch, Adair, Agejew, Asenhuber ...), die er später in eine sozusagen antichronologische Ordnung zu bringen gedachte. Sein Literaturbestand war gewaltig; mehr als einen halben, manchmal auch nur einen viertel Alphabetbuchstaben schaffte er selten pro Nacht, und schon bei C waren es weit über hundert Bücher, deren erneute (und teilweise erstmals vollständige) Lektüre er notwendig fand. Er lachte über sich selbst und den Gedanken, es bis zum Ende seiner (linearen) Lebenszeit womöglich gar nicht bis an den Anfang zu schaffen. Was aber, wenn er lange vorher fertigwurde?

In einem Taschenbuch von Isaac Asimov fand er den Satz „Sterbinski ist vor dreißig Jahren gestorben“, den er ungeheuerlich lustig fand. Inzwischen, dachte er, ist nicht nur Sterbinski tot (der nie gelebt hat), sondern auch sein Schöpfer. Und es würde nicht mehr lange dauern, dann wären wohl auch die meisten Menschen gestorben, die je von Sterbinskis Tod erfahren hatten. Was, fragte er sich, passiert mit aus der Mode gekommenen Büchern, deren Leser alle nicht mehr leben? Gibt es sie noch? Verschwinden die Geschichten aus der Welt, obwohl sie noch da sind, als Möglichkeit, in verstaubten Exemplaren, die vergessene Ecken unbesuchter Räume in Bibliotheken bevölkern?

Daß es Dinge, die niemand je sah, dennoch gab, wagte er nicht zu bezweifeln (weil hinter diesem Gedanken ein allzu verführerischer Abgrund lauerte). Dinge jedoch, die es nicht gab, – konnte es die geben, wenn niemand da war, der sie, indem er sie wenigstens zur Kenntnis nahm, in die Welt brachte? Mußte es dann nicht auch die Myriaden von (noch) nie erzählten Geschichten geben und die Wirklichkeit gänzlich ungreifbar werden?

Es schien ihm ein leuchtend moderner Gedanke, daß im Zeitalter des Bestsellers, in dem die meisten Menschen dieselben paar Bücher lesen (und sie meist, nachdem sie die Lösung des neuerdings „Plot“ genannten Rätsels erfahren haben, umgehend wieder vergessen), die Welt immer leerer werde, bis endlich nur noch eine Geschichte übrigbliebe, die niemand mehr lesen müßte, weil jedes einzelne Leben genau ihrem Muster folgte.

 

 

 

19

 

An milden Vorsommertagen erzählte sich Schnürer Geschichten, phantasierte sich hinein in und zugleich hinaus aus der Welt: Da hatte er unterschiedlichste funktionelle Rollen zu spielen, war Fußballprofi und Wahlkandidat, und immer wieder geriet ihm dabei Angelika an die Seite, von der sie im Laufe der Erzählung auf tragische Weise entfernt wurde.

Er wünschte sich, auch tot zu sein, weil Liebe nur einen Sinn hat, wenn einer der beiden überlebt, um zu trauern, und weil er nicht wollte, daß diese Liebe, nun, da sie vorbei war, noch einen Sinn haben konnte. Sie sollte sinnlos sein, zwecklos, folgenlos, unverständlich, dunkel für immer, und dazu mußte auch er sterben.

Wie aber konnte er dies bewerkstelligen? Seinem Körper Wunden zuzufügen, die ein Erlöschen der Lebensvorgänge zur Folge hätten, war vorstellbar, jedoch, dachte Schnürer, wäre der Weg vom Gedanken zur Ausführung ein unendlich kurzer im Vergleich zu der Distanz, die zwischen der nicht mehr rückgängig zu machenden Tat und ihrer Folge läge und in deren Verlauf die Einsicht stünde, daß zwar die Handlung, nicht aber ihre Konsequenz beabsichtigt war. Unweigerlich wäre sein Tod somit die Auswirkung eines Unfalls, was ihn in Schnürers Augen (die nichts davon mehr sähen) mit einer negativen Tragik auflud, die seine Rolle, seinen Anteil unangemessen überhöhte. Nein, er mußte leben, denken, fühlen und träumen, um den Skandal der Sinnlosigkeit erhalten und überwinden zu können. Solange er lebe, dachte er, werde Angelika nicht vergehen, und dieser Gedanke erschien ihm tröstend und zugleich so maßlos kitschig, daß er ein bitteres Lächeln über sich selbst nicht verweigern konnte.

 

 

 

20

 

Nach einigem weiteren Schriftverkehr, an dem Schnürer nicht teilnahm, sondern lediglich kurze Blicke auf das verwirrende Hin und Her von Beträgen, Paragraphen, Terminen warf, erschienen kurz nacheinander, zunächst ohne weitere Nachricht, zwei vierstellige Zahlen auf seinem Kontoauszug, die er lange betrachtete, wobei sie eine gleichermaßen übersetzte Art changierender Körperlichkeit annahmen. Abwechselnd lächelnd, gleichgültig. niedergeschlagen, kalt, tröstlich schienen sie seinen Blick zu erwidern, wollten ihm jedoch nicht mehr sagen als das: daß sie da waren und daß damit etwas zu Ende war.

Inzwischen war ein weiterer Sommer angebrochen und bemühte sich nach Kräften, sein ganzes Arsenal theatralischer Effekte zur Aufführung zu bringen. Drückender Sonnenschein zehrte an den Kräften der Welt und bleichte den kraftlosen Himmel, Hagelkörner tanzten wie Miniaturen von Tennisbällen auf überfluteten Straßen, die hinterher Spiegelbilder apokalyptischer Wolkengebirge zersplitterten; kühler Wind sammelte sich in den Schattenrissen fröstelnder Menschen und Gegenstände, dann fiel tagelang an- und abschwellender Dauerregen, und Schnürer, der auf nichts wartend am Fenster stand, ahnte eine verlassene, menschenleere Welt der fernsten Zukunft, in der Zeit keine Gültigkeit mehr hatte.

Er ging auch bei schönem Wetter kaum noch aus dem Haus, nur um Lebensmittel einzukaufen, korrespondierte ansonsten stumm und elektronisch mit seinen Auftraggebern, ließ Radiosprecher schlafende Räume mit sinnlosen Botschaften erfüllen, schaltete abends gelegentlich den Fernseher ein, verließ aber gleich wieder das Zimmer und lauschte den unverständlichen Geräuschfolgen von fern.

Die Lektüre seiner Tagebücher erreichte die Zeit, da er seine Frau kennengelernt und dies in einigen knappen Sätzen vermerkt hatte, denen die entflammte Euphorie, die Protokolle früherer Verliebtheiten in gewaltigem (wenngleich repetitivem) Wortreichtum durchpulste, fast gänzlich fehlte. Mit der Feststellung, er und seine (noch zukünftige) Frau verbrächten ihre freie Zeit in „stiller Gemütlichkeit“, endeten die handschriftlichen Aufzeichnungen über sein Leben, und über die Kluft von fast sechs Jahren hinweg meinte er das Schwingen eines geräuschlosen Nachhalls wahrzunehmen, das ihn weniger ratlos machte als daß es seiner Ratlosigkeit eine (nicht greifbare) Form verlieh.

Wie konnte es ihm gelingen, Anhaltspunkte dafür zu finden, was seither passiert war? Auf sein Gedächtnis durfte er nicht vertrauen, weil er wußte, daß es ihm jedes gewünschte Bild zeigen und es mit dem geforderten Sinngehalt füllen würde, dies jedoch nichts mit den damaligen, sondern ausschließlich mit jetzt wirkenden Zuständen und Vorgängen zu tun hatte. Er blätterte in den in einer Schreibtischschublade gestapelten Bündeln von Papier, die von dem Verfahren gegen Wegerich zurückgeblieben waren, wie die leere Hülle einer Spinne in der Zimmerecke zurückbleibt, aber es war zu anstrengend, die vielen widersprüchlichen Beschreibungen und Behauptungen wiederzulesen, zumal da er nicht mehr festzustellen vermochte, welche der Darstellungen und Folgerungen auf tatsächlich Geschehenes schließen ließen. Und dann gab er es auf, nach seinem Leben zu suchen.

Der nunmehr ohne Dämme mäandernde Strom der Erinnerung schwemmte Fetzen und Splitter an, verlorene Begegnungen in vergessenen Jahren, interessierte, amüsierte, überraschte, neugierige, irritierte, einladende Blicke, die erwidert worden, aber folgenlos geblieben waren. Schnürer machte sich klar, daß die beteiligten Menschen längst andere waren, daß auch er ein anderer sein mußte (aber wer?), und verzehrte sich nach einer Möglichkeit, dorthin, in diesen oder jenen Augenblick zurückzukehren und einen anderen Weg einzuschlagen, der wohin auch immer, jedenfalls nicht hierher führen (oder geführt haben) würde.

Er betrachtete freudlose Portraitphotos auf Internetseiten, die der „Partnervermittlung“ dienen sollten, zeitgefrorene Gesichter aussichtsloser Frauen, die untergebracht zu werden hofften, die davon träumten, den Rest ihrer Jahre mit einem ganzen Leben füllen zu können, einem vollkommen anderen als dem, das sie begonnen und abgebrochen und wieder begonnen hatten und nicht ertrugen.

Manchmal wandte er den Blick vom Bildschirm, sah Formen, die ihm etwas sagen zu wollen schienen, betrachtete die Füße seines Kleiderschranks und versuchte herauszufinden, welche Stimmung damit verbunden war. Verwundert hob er wolkenartig angehäufte Staubkonglomerate vom Boden, fragte sich, wie sie entstanden waren und ob es möglich war, den kaum erkennbaren Einzelteilen beim Vorgang der Zusammenballung und Sichtbarwerdung zuzusehen.

 

 

 

21

 

Dann wurde es ruhig.

 

 

 

22

 

Schnürer lauschte in die Stille hinein, als wollte er in der Geräuschlosigkeit doch Vorhandenes ergründen, eine Struktur oder Bestandteile, und zu seiner Überraschung gelang es ihm nach einiger Zeit tatsächlich, etwas zu erkennen: ein Muster, manchmal körnig wirkend, dann von Wellen gekräuselt, glatt oder porös. Seine Vernunft bemühte sich, ihm mitzuteilen, daß es sich dabei um Geräusche handelte, Wasserhähne, Gasleitungen, Wind im Kamin, in der nahen Ferne vorbeifahrende Autos, menschlichen Atem auch, jenseits von Wänden, Böden, Decken, wenn nichts mehr hinreichte, aber er wollte daran glauben, den gestaltlichen Charakter einer Form von Nichts begriffen zu haben, was anfangs vielleicht ein Spiel war.

Immer wieder durchsuchte er das fast leere Zimmer, und je mehr Zeit verging, desto undenkbarer wurde es, Angelikas Mutter anzurufen und sie um ein Photo ihrer Tochter zu bitten oder zu fragen, wo ihr Grab sei. Es könnte die Greifbarkeit gewesen sein, vor der er Angst hatte, wahrscheinlicher aber war es auch in diesem Fall das Sprechen selbst, das ihm stetig schwerer fiel, so sehr, daß er in alltäglichen Situationen, etwa bei Begegnungen im Treppenhaus und beim Einkaufen, kaum noch erschrak, wenn ihm anstelle der angebrachten Floskel („Guten Morgen“ oder „Danke“) nur gestammelte Rudimente gelangen („Grb“, „Hap“ und ähnliches).

Grellblaues Blinken lockte ihn ans Fenster: Draußen standen ein Wagen der Feuerwehr mit nicht ausgefahrener Leiter und eine Ambulanz. Ob es in dem Haus gegenüber brannte, konnte Schnürer nicht erkennen, aber da kein Löschfahrzeug zu sehen war, hielt er das für unwahrscheinlich.

Es war nicht zu auszumachen, was vorging. Das Konzert der Blaulichter flackerte synkopisch und übergoß die nächtliche Szenerie mit kühler Schärfe. Eine Vordertür des Krankenwagens stand offen, Schnürer meinte, Funkverkehr hören zu können, sah jedoch keinen Menschen, bis eine Polizeistreife eintraf und die Alarmbeleuchtung um ein weiteres Blinken verstärkte.

Die Neugier, die ihn erfaßte wie ein plötzlicher Rausch, wie die augenblickliche Entrücktheit, die sich einstellt, wenn man bemerkt, daß ein wenige Meter entferntes Auto direkt auf einen zusteuert, war für Schnürer, der sich seit Wochen für nichts interessiert hatte, was außerhalb seiner vier Wände vorging, so ungewohnt und belebend, daß er, ohne einen Sekundenbruchteil zu zögern, beschloß, ihr nachzugeben. Er zog, da er nackt war, Hose, T-Shirt und Schuhe an, steckte seinen Schlüssel ein und trat ins Treppenhaus, in dessen grauem Halbdunkel ebenfalls das Blaulicht zuckte. Ohne zu wissen, warum, schlich er so leise wie möglich zur Eingangstür, öffnete sie einen Spalt und wich zurück, als sie weiter aufgedrückt wurde.

„Danke“, sagte das Mädchen, und ob es ihm etwas ausmache, wenn sie kurz hier warte.

Auf was sie warten wolle, im dunklen Treppenhaus, fragte Schnürer, und der Satz gelang ihm, weil er nicht darauf achtete, einigermaßen. Auf nichts, sagte sie, sie wolle nur warten. Schnürer schwieg eine Weile, starrte ins zuckende Helldunkel, erkannte von ihrem Gesicht nur ungefähre Konturen, glaubte jedoch zu sehen, daß ihr Blick ziellos den Boden absuchte, ohne etwas finden zu wollen. Ob ihr kalt sei, fragte er; sie hielt sich selbst umklammert, nickte und sagte ein leises „Ja“. Sie könne mit zu ihm in die Wohnung kommen, sagte er, er werde ihr gerne einen Tee kochen oder was immer sie wolle. Sie wolle nichts, sagte sie, komme aber gerne mit, weil sie hier ja nicht herumstehen könne.

Er führte sie in die Küche, schaltete Licht an; sie setzte sich an den Tisch, im Mantel, und jetzt konnte Schnürer, der nicht wagte, sie eingehend zu betrachten, sie immerhin sehen, während er ein Glas aus dem Schrank nahm, es mit Wasser füllte und vor sie hinstellte. Sie bedankte sich, den Blick auf die Tischplatte gerichtet, rührte das Glas jedoch nicht an, sondern verharrte in ihrer Selbstumarmung, als fürchtete sie, ein Teil von ihr könnte das Weite suchen. Sie müsse nach Hause, sagte sie endlich, und da schaute sie ihn an, und sofort versuchte er Begriffe für ihr Gesicht zu finden und fand sie nicht. Dunkelblondes Haar umrahmte einen katzenartigen Blick, weiche Züge, von feinen Linien gezeichnet, die ineinander übergingen, ohne Schneidungen und Brüche. Sie wirkte auf wache Weise müde, und je länger er sie betrachtete, desto weniger gelang es Schnürer, etwas zu finden, was nicht paßte, was die Harmonie gestört hätte. Sie lächelte, ohne daß sich viel veränderte, spitze Mundwinkel hoben sich ein wenig und bildeten winzige Grübchen; vergeblich suchte er nach Anzeichen für Scheu, Furcht, Mißtrauen.

Sie müsse nach Hause fahren, sagte sie wieder, aber sie könne nicht alleine fahren, weil sie so aufgewühlt sei. Und sie dürfe nicht alleine gesehen werden. Nun trank sie doch einen Schluck aus dem Glas, bat ihn dann, nachzuschauen, ob die Polizei noch da sei, und immer noch wagte er nicht zu fragen, was passiert war und was sie damit zu tun hatte.

Die Straße lag in wattigem, winterlichem Dunkel, Polizei und Ambulanz waren nicht mehr zu sehen. Schnürer hörte die Türen des Feuerwehrwagens zuschlagen, das dumpfe, ungehaltene Dröhnen des Motors, mit dem er sich entfernte.

Es sei alles ruhig und niemand mehr da, berichtete er dem Mädchen, dessen Namen er nicht kannte, und wie sollte er danach fragen? Er reichte ihr die Hand, stellte sich vor, erfuhr, daß sie Johanna hieß, und staunte, wie leicht es ihm gefallen war, das zu erfahren. Sie habe ein Problem, sagte sie, nein, kein Problem, nur eine Schwierigkeit. Sie müsse nach Hause fahren, aber alleine gehe das nicht. Schnürer sagte nichts, wartete. Sie sah ihn an, als wartete sie ebenfalls: ob er von selbst, ohne weitere Erklärungen, verstehen würde, um was es ging. Ihr Freund, sagte sie und horchte dem Wort einen Augenblick nach, lächelnd, ihr Freund wohne gegenüber, aber zu dem könne sie nicht, weil er die Polizei gerufen habe. Schnürer sagte weiterhin nichts. Sie habe sich über das Balkongeländer gebeugt und angekündigt (sie sagte wirklich: „angekündigt“), sich hinunterfallen zu lassen. Sie wisse nicht, warum sie das getan habe. Sie wisse nie, warum sie das tue, es passiere ihr aber immer wieder, daß sie sich in Situationen finde, die sie nicht verstehe.

Während ihr Freund mit der Polizei telephoniert habe, sei sie aus der Wohnung geschlichen, habe sich erst im Hof hinter der Mülltonne versteckt, dann, beim Eintreffen der Feuerwehr, vor seine, Schnürers Haustür gestellt und so getan, als wäre sie eine Schaulustige, was sicher nicht mehr lange gutgegangen wäre. Schnürer hörte sich die wirre Geschichte an und fand sie auf eigenartige Weise plausibel. Er begleite sie gerne, sagte er dann, könne aber kein Auto fahren, habe es nie gelernt. In Gedanken bastelte er hektisch an einer Erläuterung, einer Entschuldigung für diese Tatsache, deren Außergewöhnlichkeit ihm nur in den seltenen Momenten bewußt wurde, wenn jemand danach fragte. Hatte sie danach gefragt? Er fände es besser, wenn sie noch etwas hierbliebe, um sich zu beruhigen, sagte er. Sie werde sich nicht beruhigen, sagte sie, sie kenne das, es werde nur schlimmer, deshalb müsse sie nach Hause. Sie fahre selbst, brauche aber jemanden, der sie begleite, weil sie fürchte … weil sie Angst habe, einen Fehler zu machen.

Dann fahre er mit, sagte Schnürer und spürte, wie ihn ein Schwindel überkam und seine Eingeweide in Aufruhr gerieten bei dem Gedanken, daß er sich in Lebensgefahr begab, nicht einfach in Lebensgefahr, sondern in Gefahr, auf die gleiche Weise zu sterben wie Angelika. Ich muß wahnsinnig sein, dachte er.

„Du hast schöne Augen“, sagte sie und lächelte und strahlte plötzlich eine milde Sicherheit aus. „Fahren wir.“

 

 

23

 

Die Stille im Auto machte Schnürer, wie stets, verlegen. Er bemühte sich, geradeaus zu schauen, wühlte in seinen Gedanken, um etwas zu finden, womit sich ein Gespräch einleiten ließe. Nein, diesmal würde er nicht von Wegerich sprechen, auch nicht von Angelika, und als er bemerkte, daß er im Begriff war, von seiner Frau zu sprechen, brach er den Formulierungsvorgang vor Fertigstellung des Einleitungssatzes ab.

Sie wohne in Olching, hatte sie auf dem Weg zum Wagen gesagt, den sie auf ihren Wunsch hin in einer simulierten (für Schnürer jedoch seltsam echt wirkenden) engen Umarmung zurückgelegt hatten (für den Fall, daß ihr Freund aus dem Fenster schaue). Das, dachte Schnürer, machte es für ihn so gut wie unmöglich, vor dem Morgen zurückzukommen. Es war bald Mitternacht, und Olching lag einige Kilometer westlich von München. Er könnte auf eine möglicherweise sporadisch verkehrende Nacht-S-Bahn hoffen, aber die Vorstellung, stundenlang frierend auf einem Bahnsteig zu stehen (es hatte zu schneien begonnen, winzige Flocken, die wie Zuckerstaub die Luft erfüllten und vom eisigen Wind in fischschwarmartige Turbulenzen versetzt wurden), ließ ihn auf eine andere Entwicklung hoffen.

Noch fünf Tage bis Weihnachten, dachte er und hätte den Satz laut ausgesprochen, wenn das (in seiner Wahrnehmung) betretene Schweigen inzwischen nicht so fest geronnen wäre, daß er jede mögliche Äußerung so lange auf ihre eventuelle Peinlichkeit prüfte, bis er diese bestätigt fand. Dann jedoch, als sie auf die Autobahn einbog und schneller fuhr und es auch außerhalb des Wagens nichts mehr gab, was eine interessierte Betrachtung plausibel erscheinen hätte lassen, wurde ihm die Stille unerträglich, und so begann er zu erzählen.

Während sie nervös am Radioknopf drehte und Musik suchte, die sie nicht fand und finden konnte, erzählte er von dem ersten Wintereinbruch, den er bewußt erlebt hatte, nicht so wie als Kind, das alles hinnimmt, wie es kommt, ohne zu bemerken, wann ein Wandel oder Bruch eintritt. Er sei damals gerade fünfzehn geworden und zum erstenmal verliebt gewesen, ohne Aussicht und Hoffnung, weil absolut unfähig, das betreffende Mädchen, das er am Nachmittag des letzten Schultags vor den Sommerferien zufällig beim Baden an der Isar getroffen hatte, anzusprechen, sich ihr auffällig zu nähern, ihr auch nur einen echten Blick zuzuwerfen. Da er ihr jedoch nach einer Unterbrechung von sechs Wochen jeden Tag begegnete (sie besuchte dieselbe Schule, drei Klassen unter ihm), beobachtete er sie, wies ihr Eigenschaften, Vorlieben, Empfindungen zu und sprach mit ihr in Tagträumen, die Selbstgespräche waren, da er ihre Antworten aus verliebtem Respekt wegließ. Statt also „wirklich“ mit ihr zu sprechen, habe er Monologe geführt, ihr von seinem Alltag berichtet, Briefe an sie entworfen und manchmal sogar niedergeschrieben, und er sei sich im nachhinein nicht sicher, ob der ganze beschämende Vorgang nicht vielleicht eher dazu gedient hatte, sich über sich selbst klarzuwerden. Was ihn damals mit ungeheurer Verzweiflung erfüllt habe, sei das Vergehen der Zeit gewesen, das Fortschreiten eines Lebens, das nicht mehr als ein Warten war, ein endloses Warten auf etwas, was nicht näherkam, sondern verging, weil es ja das Leben selbst gewesen sei, auf was er, solcherart lebend, gewartet habe.

Er bemerkte, daß sie das Drehen am Radioknopf eingestellt hatte und lächelte. Es sei sehr wahr, was er meine, sagte sie. Damals, erzählte Schnürer, habe er an jedem leeren Spätsommertag eine Veränderung zu spüren geglaubt, was ihn wahrscheinlich derart sensibilisiert habe, daß der Umbruch dann, als er tatsächlich eintrat, ihn regelrecht überwältigt habe mit der Gewißheit, daß der Sommer des Wartens (das immerhin einen kleinen Kern von Hoffnung enthielt) nun nicht mehr zögernd Abschied nahm, stundenweise an milden Oktobernachmittagen noch einmal aufflackernd und mit warmem Lächeln das falsche Versprechen hauchend, es sei noch nicht zu spät. Da, als es eines Abends beim allwöchentlichen Fußballspiel mit Klassenkameraden nicht nur bei Ende der ersten Halbzeit finster gewesen sei, sondern auch noch zu schneien begonnen habe, leise und erst kaum merklich, als fiele der Nebel aus der Luft, dann immer vehementer und schließlich so dicht, daß das notdürftig von Straßenlaternen auf der anderen Seite des Gebüschs beleuchtete Spiel abgebrochen werden mußte, da habe er gewußt: Es war vorbei. Bis es wieder zu einer Gelegenheit wie der, die er am Wasserfall unter der Brücke verpaßt hatte (als das Mädchen ihn heimlich kurz angelächelt hatte und er in seinem Schock sofort sicher gewesen war, daß er sich täuschte und sie keinesfalls gelächelt hatte), kommen konnte, wäre er ein Jahr älter und sie längst anderweitig liiert.

Sie, sagte Johanna, wisse weder, worauf sie warte, noch ob sie überhaupt auf etwas warte oder je gewartet habe. „Das Leben“, sagte sie, „kommt auf mich zu und geht vorbei, und ich bemerke nichts davon. So wie die Straße da.“

Sie hatte, so schien es Schnürer, die Augen halb geschlossen, wirkte jedoch auf sonderbare Weise konzentriert und sicher, und wieder schwiegen beide.

 

24

 

Sie fragte nicht, ob er noch mitkommen wolle, lächelte ihn nur kurz an, stieg aus und ging langsam, mit einem Anflug von Tänzeln (der Schnee, vermutete Schnürer) auf den modernen, zweistöckigen Betonquader zu, und Schnürer folgte ihr, um Selbstverständlichkeit bemüht, holte sie beim Aufsperren ein, hielt ihr die Glastür auf, und sie führte ihn zu ihrer Wohnungstür, die wie seine eigene kein Namensschild trug.

Es war keine wirkliche Wohnung, die sie betraten, sondern ein Apartment, ein kleines Zimmer mit Kochnische und einem Vorraum, von dem direkt neben der Eingangstür das Bad abging. Sie führte ihn ins Zimmer, in dem neben Bett, Tisch und einem Regal kaum noch Platz war, warf ihren Mantel über einen Stuhl, fragte, ob er etwas trinken wolle. Er nickte, sie schaltete leise, getragene Synthesizermusik an und machte sich in der Kochnische zu schaffen. Ob er Irish Coffee möge? Schnürer nickte wieder, setzte sich, um nicht an seiner Ungelenkheit zu zerbrechen, verlegen auf den Bettrand, lauschte angestrengt der Musik und wartete. Das Fenster hinter dem Tisch zeigte von einer Straßenlaterne beleuchtete Choreographien von Schneegestöber, die aus dem Nichts zu kommen und ins Nichts zu verschwinden schienen.

Sie stellte ein Tablett mit einer Kanne, einer kaum angebrochenen Flasche Whisky, einer Zuckerdose und zwei Gläsern auf den Teppich vor dem Bett, setzte sich daneben, schenkte ein (ein Drittel Kaffee, zwei Drittel Whisky, drei Löffel Zucker) und reichte ihm ein Glas, vertrauensvoll lächelnd, aber ohne ein Wort. Schnürer setzte sich ebenfalls auf den Boden, lächelte zurück und staunte, weil er nicht überlegte, was er sagen sollte.

Eigentlich, sagte sie, nachdem sie eine Weile an ihm vorbei ins Leere gestarrt hatte, sei ihr Freund gar nicht ihr Freund, weil sie schon vor Wochen mit ihm Schluß gemacht habe. Er lasse sie aber nicht los. Nun habe sie die Sache endgültig beendet, weil sie keine Kraft für „so etwas“ habe. Das sei der Grund für die Auseinandersetzung gewesen, die zu ihrer Androhung, sich vom Balkon zu stürzen, und ihrer Flucht geführt habe. „Er will mich nicht loslassen, und ich kann ihn nicht festhalten“, sagte sie, lächelte blitzartig, „nein, konnte, wollte.“ Wieder entglitt ihr Blick in das Regal hinter Schnürers Rücken, für lange Sekunden, vielleicht Minuten. Er trank und spürte, wie seine Wahrnehmung weich wurde. Ob sie müde sei, fragte er. Sie reagierte nicht.

Nein, sagte sie dann, aber sie höre Stimmen. Es seien immer andere, aber irgendwie vertraut, und sie versuche vergebens, etwas zu verstehen. Was das für Stimmen seien, fragte Schnürer alarmiert, und wieder lächelte sie ihr beruhigendes Katzenlächeln und sagte, sie wisse schon selbst, daß sie verrückt sei, komme damit aber wohl irgendwie zurecht. Schlimm sei nur, daß sie sich immer wieder irgendwo finde, wie plötzlich erwachend, und nie wisse, wie sie da hingekommen sei. Sie habe manchmal Angst, sie könnte sich in diesem Zustand das Leben nehmen, ohne es zu wollen.

Sie bemerkte Schnürers Blick, schob das Tablett ein Stück zur Seite und nahm seine Hand. Er müsse sich keine Sorgen machen, es gehe ihn ja nichts an, bisher sei nichts passiert. Sie sei in Behandlung deswegen, und er habe sehr schöne Augen. Wieder saßen sie schweigend, nun jedoch mit ineinanderfließenden Blicken, dann ließ sie ihn plötzlich los, stand auf (schwankend), grub ein Schächtelchen aus ihrer Manteltasche und nahm drei verschiedenfarbige Tabletten. Das sei nicht nötig, aber hilfreich, sagte sie, setzte sich, schenkte beide Gläser ein drittes Mal voll (womit die Whiskyflasche leer war), nahm wieder Schnürers Hand und sagte, sie wisse gar nichts von ihm.

Er zögerte, und in seinem Kopf drehte sich, was sich dort immer drehte, nun verstärkt durch die schnelle Alkoholzufuhr: Kreise, Spiralen, ein Reigen von Bildern, die sich nicht in einen Zusammenhang bringen ließen, Erklärungen, zu denen es keine Bilder gab, die deshalb nichts bedeuteten und auch nichts erklärten.

Er höre keine Stimmen, sagte er schließlich. Genaugenommen höre er meistens gar nichts, und wenn er doch etwas höre, sei es zufällig und habe nichts mit ihm zu tun. Ihre Stimme sei die erste eines lebenden Menschen, die er seit längerer Zeit höre. Er habe einige große Fehler gemacht, geschäftlich wie privat, und sich daraufhin zurückgezogen, um sein Leben zu überdenken. Jetzt – sie stand auf, holte aus dem Schrank über dem Herd eine neue Flasche einer anderen Whiskymarke und schenkte noch einmal nach; der Kaffee war längst kalt, und so verzichteten sie auf Zucker –; jetzt, sagte er, durch ihre Bewegung in seinem Gedankenfluß unterbrochen, sei er über „die Sache“ hinweg.

Was das für eine Sache gewesen sei, fragte sie, und wem er sie angetan habe. Schnürer nahm einen Schluck und bekämpfte auch diesmal erfolgreich den (mit jedem Glas schwächer werdenden) Brechreiz vom Geschmack des Whiskys. Er habe, sagte er, seine Frau verlassen, auf ziemlich böse Weise sitzengelassen, weil er das gemeinsame Leben nicht mehr ertragen habe. Es falle ihm nie leicht, Dinge auszusprechen, sich auch nur soweit über sie klarzuwerden, daß er sie für sich selbst formulieren könne. Dann komme irgendwann der Moment, wo er das, was er nicht verstehe, nicht mehr aushalte, und dann müsse er fliehen, egal was er damit zerstöre und ob er anderen dadurch Schmerzen zufüge. Es habe sich glücklicherweise herausgestellt, daß seine Frau mit der Trennung besser fertigwerde als er selbst. Sie nickte, und Schnürer, der sich bis dahin nicht sicher gewesen war, ob er log oder eine Version seiner Geschichte erzählte, die sich, unter einem anderen Blickwinkel betrachtet, vielleicht auch so abgespielt hatte, schwieg eine Weile und genoß, in ihrem Blick gefangen, die belebende Mischung aus Ruhe und Spannung, die den Raum erfüllte. Wie lange die Musik schon aus war, wußte er nicht, er hatte nichts davon bemerkt. Sie legte etwas Neues auf, eine brüchig-zarte Frauenstimme zu kühlen, verlorenen elektronischen Rhythmen. Was das sei, fragte er, und sie wußte es nicht zu sagen: eine alte Kassette, die jemand in ihrem Auto liegengelassen habe, sie wisse nicht mehr, wer. Das passe zur Musik, sagte er.

Da gebe es noch eine andere Geschichte, sagte er und sammelte sich versuchsweise, trank sein viertes Glas leer und spürte, daß er betrunken war. Er habe einige Freunde in eine geschäftliche Unternehmung hineingezogen, die sich als kompletter Fehlschlag erwiesen habe – als so kompletter Fehlschlag, daß er nicht nur die Freunde um viel Geld gebracht, sondern sich auch selbst weitgehend ruiniert habe und, aus Scham und um ein neues Leben zu beginnen, für einige Monate ins Ausland gegangen sei. Die Einzelheiten dieser Sache seien kompliziert und unerfreulich und auch juristisch nicht vollständig zu klären gewesen, aber er hoffe, auch damit jetzt „einigermaßen fertig“ zu sein. Geld, sagte er, sei ein Irrtum und ein gewissermaßen magisches Mittel, mit dem man, wenn man sich davon berauschen lasse, das eigene Leben und die Beziehungen zu Menschen, die einem wichtig seien, zerstören werde, auch wenn man das Gegenteil wolle oder gar nichts außer mehr Geld.

Er spürte, daß er dabei war, den Faden zu verlieren, hob deshalb kurz die Schultern, trank und schaute sie an. Er wisse noch nicht, wie „das alles“ weitergehen werde, habe jedoch eingesehen, daß es in erster Linie darum gehe, zu leben, was immer das bedeute. Das Echo des lachhaften Gemeinplatzes hallte in seinem Kopf, und beinahe hätte er losgekichert. Ob er etwas rauchen wolle, fragte Johanna. Gerne, sagte Schnürer.

Sie wühlte wieder in ihren Manteltaschen, brachte eine Zigarettenschachtel zum Vorschein, zog eine Zigarette, ein Päckchen Zigarettenpapier und ein in Alufolie gewickeltes Stück Haschisch heraus. Fasziniert beobachtete Schnürer, wie ihre erstaunlich kleine Zunge an der Zigarette leckte, mit welcher Sicherheit sie den befeuchteten Streifen Papier abzog, den Tabak auf ein neues Zigarettenpapier fallen ließ, das Haschisch mit dem Feuerzeug wedelnd erwärmte (eine nadeldünne Rauchfahne verbreitete ihr Aroma), zerbröselte, die Mischung zusammendrehte und anzündete. Ganz ohne die üblichen überheblichen Rituale, die Schnürer oft beobachtet hatte, zog sie und reichte ihm den Joint. Er zog ebenfalls, atmete aus und spürte augenblicklich, wie sein Kopf zu wackeln beginnen wollte. Nun mußte er doch kichern. „Ich bin wahrscheinlich ein schlechter Mensch, aber ich bessere mich“, sagte er sinnlos. Nein, sagte sie, in seinen Augen sei nichts Schlechtes. Man müsse Fehler machen, um zu erkennen, wer man sei. „Ich weiß nicht, ob ich was weiß“, lallte er, „das weiß, weiß was …“ Sie mußten beide lachen.

Der starke, würzige und verbrannte Geschmack im Mund machte es Schnürer unmöglich, noch einen Schluck von dem Whisky zu trinken. Er versuchte aufzustehen, um sich ein Glas Wasser zu holen, es gelang ihm jedoch nicht, kichernd ließ er sich wieder in den Schneidersitz sinken, kippte nach hinten und hörte auf zu kichern, als er wieder einigermaßen sicher saß und ihren Blick fing, der ihm so nahe war, als wären ihre Augen auf doppelte Größe gewachsen oder in seinen eigenen versunken.

„Möchtest du mit mir schlafen?“ fragte sie. Er konnte nur nicken, schluckte dabei (für seine eigenen Ohren) hörbar.

Sie stand auf und begann sich auszuziehen, schien dabei nervös und unkoordiniert, was vielleicht, dachte er, an seinem Blick liegen mochte, den er jedoch nicht abwenden konnte. In Unterwäsche schlich sie ins Bad; er nutzte die Gelegenheit, um sich ebenfalls zu entkleiden, ins Bett zu klettern und sich mühsam unter die Bettdecke zu winden. Selbst jetzt, da er lag, wollte sich kein stabiles Gleichgewicht einstellen; er hatte das Gefühl, durch ausgleichende Ruckbewegungen verhindern zu müssen, daß er aus dem Bett fiel, erzeugte dabei Rückkoppelungen, die die Gefahr das Hinausfallens verstärkten, sammelte sich endlich, als die Toilettenspülung zu hören war, und lag einigermaßen ruhig.

Sie kehrte mit einem verpackten Kondom und einer hellblauen Kunststoffdose zurück, setzte sich auf den Bettrand und erklärte ihm, sie müsse ein Pessar benutzen, zur Sicherheit und um sich daran zu gewöhnen. Schnürer, der von solchen Gegenständen bis dahin nur gelesen und gehört, nie aber ein Exemplar zu Gesicht bekommen hatte, fragte, ob das nicht übertrieben sei, und sie schüttelte den Kopf, zog unter dem Bett eine Tube hervor, hantierte mit der Dose, und er versuchte vergeblich, zu verfolgen, was sie tat. Sie beugte sich mit gesenktem Kopf und gekrümmtem Rücken nach hinten, drehte sich dann zu ihm um und verwandelte sich (dachte Schnürer) wieder in eine Frau, überreichte ihm das Kondom und lächelte leicht und ohne Verlegenheit.

Ihre Haut war weich und warm, als sie unter ihm lag; sie küßte ihn auf die Nase, fand seinen Mund, seine Zunge, und Schnürer bemühte sich, aber nachdem der Satz „Das ist sinnlos“ in seinem Kopf Gestalt angenommen hatte, wollte er nicht mehr weggehen und wiederholte sich: „Das ist sinnlos“, dachte er, „das ist sinnlos“, und da mußte er einsehen, daß es sinnlos war. „Ich glaube, es ist besser, wenn wir jetzt schlafen“, flüsterte er und wollte etwas von einer Fortsetzung am Morgen hinzufügen, aber sie nickte sanft mit geschlossenen Augen und schien bereits zu schlafen, und so sank er neben sie, umarmte sie von hinten, wünschte ihr eine gute Nacht und erhielt keine Antwort.

 

 

 

25

 

Als er erwachte, war es immer noch dunkel, und daß er von einem schabenden oder gurgelnden oder rauschenden Geräusch erwacht war, wurde ihm erst klar, als das Geräusch nach zwei längeren Pausen zum dritten Mal ertönte. Es kam, wie er erleichtert feststellte, aus der Wand. Was das sei, fragte er flüsternd, und Johanna, die noch immer mit ihrer ganzen Hinterseite an ihn geschmiegt war, löste sich aus der schlafenden Paarfigur, drehte sich auf den Rücken und murmelte mit geschlossenen Augen, ihr Nachbar habe „den Waschzwang“.

Schnürer lag da, blickte ungefähr zur Zimmerdecke (von der nichts zu erkennen war als wolkiges Wabern von Schwarz und Braungrau, das auch in seinem Kopf stattfinden mochte) und stellte sich vor, wie im Apartment nebenan jemand damit beschäftigt war, sich die ganze Nacht in Abständen von fünf Minuten die Hände (oder die Füße? das Gesicht?) zu waschen.

Dann stellte er sich vor, daß er in einem kleinen Betonhaus mit dünnen Wänden direkt neben diesen manischen Reinigungsvorgängen im Bett einer Frau lag, die er nicht kannte, von der er nur wußte, wie sie hieß, daß sie Stimmen hörte und möglicherweise in Gefahr war, sich versehentlich das Leben zu nehmen. Und dann, nachdem er gefragt hatte, ob es ihr gut gehe, und sie zur Antwort leise geseufzt hatte, stützte er sich vorsichtig auf, um sie zu sehen, Symbol und Verkörperung eines neuen Lebens, das mit einer Lüge begonnen hatte und, wie er in diesem Augenblick beschloß, am nächsten Morgen mit der Wahrheit weitergehen würde. Und als er sich in der samtigen Finsternis halb über sie beugte, um ihr (wie er annahm) zufrieden schlafendes Gesicht zu betrachten, sah er Angelika.

Er schloß die Augen, zweimal, dreimal, kniff die verklebten, sandigen Lider zusammen, öffnete sie wieder und sah Angelika. Ich bin betrunken, bekifft, müde, völlig übernächtigt, und vielleicht schlafe ich noch, dachte er und ließ sich wieder fallen und beschloß, nichts zu denken.

 

 

 

26

 

Als er das nächste Mal vom Geräusch des nachbarlichen Wasserhahns geweckt wurde, dämmerte es, lichtlos noch und grau, als wäre es nur der Schnee, der seine gesammelte Kälte ins dunkle All über den Häusern strahlte. Diesmal konnte er nicht mehr einschlafen, lauschte Johannas fast unhörbarem Atem, ihrem gelegentlichen Seufzen, und sah zu, wie das Licht heller, aber nicht wärmer wurde.

Als fürchtete er, tatsächlich gesehen zu haben, was nur eine Halluzination gewesen sein konnte, beugte er sich wieder über sie und betrachtete sie, und es war zweifellos ein fremder Mensch, der da neben ihm lag, nein: neben dem er lag; ein, wie er fand, außerordentlich schöner Mensch, und immer wieder schaute er sie an, nicht ihrer Schönheit wegen, sondern um sich zu vergewissern, bis sie (die Augen geschlossen) endlich fragte, was er da mache.

„Was machst du da?“ fragte sie noch einmal, im Schlaf die Silben ineinander verwischend.

„Ich weiß es nicht. Nichts“, sagte Schnürer, und dann: „Ich muß gehen.“

Behutsam, um sie nicht vollends zu wecken, schlüpfte er aus dem Bett, zog sich an, betrachtete sie aus stehender Entfernung noch einmal, unschlüssig (aber gewiß). Er müsse gehen, flüsterte er und kam sich dabei (stehend, flüsternd) auf erfreuliche Weise lächerlich vor. Vielleicht, dachte er, habe ich ihr geholfen, vielleicht sie mir, vielleicht auch sind wir uns nie begegnet.

„Leb wohl“, sagte sie, ohne die Augen zu öffnen, und lächelte.

 

 

 

27

 

Schnürer las einen Roman von Ian McEwan, den er am Bahnhofskiosk gekauft hatte, blickte zwischendurch aus dem Fenster, wo verschiedene Ensembles von Häusern und Landschaften präsentiert wurden; stumm und gleichmütig drehten sie sich mit einer Bewegung, die ihn an das Anlassen eines Propellers erinnerte, langsam heran und schnell wieder weg. Der Bahnhof von Gröbenzell flog vorbei, eine Unterführung gleich danach, und Schnürer erinnerte sich, wie er vor vielen Jahren an einem Frühsommertag sehr verliebt durch diese Unterführung gegangen war und ebenfalls einen Roman von Ian McEwan gelesen hatte (im Gehen, weshalb er von dem Buch nur noch den Titel wußte). Sich solchermaßen selbst zu begegnen, ließ seinen Kopf in einen angenehmen Zustand von schwebender Unklarheit geraten.

Menschen, dachte Schnürer, kommen auf die Welt, stehen vor Häusern herum und schauen zum Horizont, und dann sterben sie wieder. Das macht die Zeit. Aber vielleicht ist dieses ganze Konzept auch ein Irrtum, als schlösse man aus der Tatsache, daß man in Frankfurt in den Zug und in München wieder aussteigt, daß bei der Abfahrt München noch eine vage Möglichkeit, bei der Ankunft indes Frankfurt eine für alle Zeiten vergangene und nie wieder erreichbare Erinnerung sei. Die Zeit, dachte Schnürer, kennt nur eine Richtung und bleibt nie stehen, obwohl sie manchmal schneller oder langsamer zu fließen scheint, was aber nicht objektiv feststellbar ist, weil der Bezugspunkt fehlt: Fließt sie langsamer, geht auch die Uhr langsamer. Schnürer genoß das Bad in warmen Gemeinplätzen und stellte sich eine Eintagsfliege vor, die zufällig in einem Eisenbahnzug zur Welt kommt, der ohne Halt ins östliche Sibirien fährt. Für diese Fliege, wenn sie ein Hirn hätte, um so etwas zu denken, wären sich Zeit und Raum ähnlicher; jedoch konnte sie immerhin noch im Zug rückwärts fliegen, ohne indes je auf einem Punkt zu verharren. Der Raum flösse für sie dann nur langsamer.

Was aber, wenn es wirklich so war? Wenn tatsächlich die Zeit ein Raum war, der Kurven bildete und grenzenlos, aber endlich war? War es vorstellbar, daß alle Phasen seines Lebens und der Weltgeschichte gewissermaßen „gleichzeitig“ (ein Hilfsbegriff; Schnürer fand es zu anstrengend, der nächsthöheren Dimension einen Namen zu verleihen) geschahen, dem „Zeitblick“ nur des Reisenden entzogen, während andere Instanzen existierten, die das ganze Geschehen betrachteten wie eine Modelleisenbahn?

Es wäre dann vielleicht auch der „Tod“ nur eine Frage des Erlebnishorizonts. Wer stürbe, bliebe in derselben Welt; nur sein „Zeitblick“ erreichte eine Grenze – aber möglicherweise war dieser „Zeitblick“, den Schnürer mit einem wohligen inneren Lächeln „Seele“ nannte, auch nur einer von vielen, dessen Platz ein anderer einnähme, beginnend, einer harmonischen Logik folgend, mit der Geburt, wobei der „neue“ Zeitblick natürlich noch nichts wußte von dem, was geschehen sein würde und immer wieder geschah (außer in seltenen Augenblicken romantischer Überlagerung, die man als Deja-vu empfand).

Schnürer versuchte sich das Leben als Kreis vorzustellen: Man glaubt, seinen Verlauf zu bestimmen, und das tut man ja auch, immer aufs neue und doch immer gleich, weil die Zeit kein Fluß ist, sondern ein Haus mit unendlich vielen Zimmern, eine Strecke mit unendlich vielen Bahnhöfen, die nicht verschwinden, auch wenn man sie verläßt. Man kann, dachte er, sie immer wieder betreten und darin leben, egal an welchem Punkt man „objektiv“ gerade angekommen ist. Man kann sich ja kurz trennen, sich absondern von der Gruppe der „Zeitblicker“, vor allem von denen, die wie besessen glauben, es gebe anderes als das Jetzt nicht, noch nicht, nicht mehr.

„Die Fahrscheine bitte“, sagte ein Mann mit einem blechernen Knipsgerät in der Hand und einer würdelos herumhängenden Uniform.

Schade, um ein (allerdings dickes und langes) Haar wäre Schnürer, der nun in seiner Manteltasche wühlt, einen Apfel und sein Taschenmesser zu Boden wirft, bis ihm einfällt, daß die Karte in der hinteren Umschlagklappe seines Buchs steckt (weil er das immer so macht und jedesmal vergißt), – um ein Haar wäre er uns so nahegekommen, daß wir ihm einige von den Dingen, die er nicht weiß und nie wissen wird, mitteilen hätten können. Zum Beispiel, daß an einer anderen Haltestelle einer anderen Zeitblicklinie Wegerichs Leiche in einem Keller hängt, wo sie (das heißt: er) sich selbst hingehängt hat, um sein Leben zu beenden – was er vielleicht nicht so dringend gewünscht, daß die Verwirklichung unumgänglich gewesen wäre; aber so sind Verwirklichungen dieser Art nun einmal: Es gibt kein Zurück, wenn man dort ist, weil es dort nichts gibt, vor allem kein Dort. Und daß Wegerich das vielleicht nicht ganz so dringend gewünscht hat, ersehen wir daraus, daß er sich über das Danach Gedanken gemacht hat – die Wahl war auf den Keller eines Abbruchhauses im Münchner Osten gefallen, weil er nicht, oder zumindest nicht als Leiche mit tennisballdick herausgequollener Blauzunge und erigiertem Glied, gefunden werden wollte. Sein Plan ging auf: Man fand ihn, aber das einstürzende Gemäuer und die mahlenden Kiefer des Baggers hatten ihn seiner äußeren Form so gründlich beraubt, daß seine Würde wiederhergestellt war; doch hatte er davon nichts mehr, wie gesagt.

Es ist doch manchmal erstaunlich, mit welchem Eifer Menschen Dinge tun, um hinterher festzustellen, daß im Grunde alles vergeblich war, nicht nur die getanen Dinge, sondern wirklich alles. Aber das ist nichts Neues. Ich denke, es wird Zeit, die Fenster zu schließen, ehe es zu regnen anfängt.  

Bolsena & München, Mai 2004 bis August 2007


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