hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
Inhalt

(Einführung)

Erster Teil

Zweiter Teil

Dritter Teil

(der ganze
Roman als
PDF)

Wegerichs Heft - ein Roman


Zweiter Teil

  

Im Grunde ist alles, was wir in diesen Tagen aufschreiben, nichts als eine verzweifelte Notwehr, die immerfort auf Kosten der Wahrhaftigkeit geht, unweigerlich; denn wer im letzten Grunde wahrhaftig bliebe, käme nicht mehr zurück, wenn er das Chaos betritt - oder er müßte es verwandelt haben. Dazwischen gibt es nur das Unwahrhaftige.

Max Frisch, Tagebuch (Mai 1946)

 

Ein bißchen Komödie ist ganz schön, aber Sie sollten nicht zu weit weggehen vom Bahnhof – sonst fährt das Drama ohne Sie weiter.

Vladimir Nabokov, Einladung zur Enthauptung

 

It’s been a long, slow collision.

The Cardigans

 

 

1

 

Immerhin eines, sagte Neitzl mit erhobenem Glas, müsse man Wegerich lassen: Er habe, „nolens volens“, dafür gesorgt, daß ein ungewöhnlich großer Haufen von netten Leuten sich gefunden und getroffen und nun endlich vollzählig an einem Biertisch versammelt habe. Nach einigem Gelächter und Glasgeklingel fügte Sennscheider (dessen ansonsten diskret grummelnde Stimme sich in der lauten und bevölkerten Umgebung ungewohnt gepreßt und hell anhörte) hinzu, da spreche er „einmal mehr ein wahres Wort gelassen aus“. Vennemann lachte dröhnend; zwei Praktikantinnen, die Schnürer noch nie gesehen hatte, kicherten erschrocken, und Schnürer selbst grinste, von der allgemeinen Heiterkeit, mochte sie auch (zumindest vereinzelt, wahrscheinlich aber insgesamt) von Verzweiflung befeuert sein, angesteckt und vom Bier (man war bei der dritten Runde, die wie die beiden vorangegangenen synchron und vollzählig bestellt worden war) mit einer milden Versöhnlichkeit erfüllt. Draußen brach ein Sonnenstrahl goldmetallisch durch den schwülen Dunst, illuminierte die drei Fenster, in deren Winkel die nun ehemaligen CULT-Mitarbeiter am Tisch saßen, wie ein Blitzlicht in Zeitlupe und ließ sich gleich wieder verschlucken.

Es wurde getrunken und erzählt, man zerriß sich den Mund über Michalskis Neurosen, Wegerichs fettfaschistische Auftrumpferei, beider betriebswirtschaftliche Unfähigkeit; man stellte Theoriegebäude über gezielte Betrügereien auf, vermutete hinter der ebenso plötzlichen wie dubiosen Pleite seit langer Zeit geschmiedete Pläne, sammelte Indizien, stellte sich gegenseitig als Zeuge zur Verfügung, und endlich, als die fünfte Runde bestellt war, wurde das wirre, bisweilen alle erfassende, meist in changierenden Zweier- und Dreierinseln stattfindende Gespräch nostalgisch. Vor den Fenstern hatte die Sonne rechtzeitig vor ihrem Untergang einen vergeblichen Sieg errungen, nun schimmerten die lächelnden, nur noch sporadisch empörten Gesichter im tiefgelben Abendlicht, und man war sich einig, daß das schöne Projekt niemals gescheitert wäre, wenn man die beiden Geschäftsführer rechtzeitig – „von Anfang an“, wie Sennscheider und Neitzl unisono meinten – ihrer Ämter und Befugnisse enthoben und sie ohne weitere Umstände „zum Teufel gejagt“ hätte.

Im Lauf des Nachmittags war manches erstaunliche Detail zur Sprache gekommen und hatte sich (in Schnürers Augen) einer juristischen Verwertung geradezu aufgedrängt. So hatte die Praktikantin Castell, die im April von Michalski für seine Firma – die nach wie vor existierte und inzwischen mit der Organisation von „Kultur-Events“ ein (wie Neitzl sagte) „Riesengeld“ verdiente – eingestellt und ab Mai als feste Mitarbeiterin übernommen worden war, seit Juni kein Gehalt mehr bekommen. Dafür war ihr von Wegerich am Tag zuvor (dem 31. Juli, an dem die Arbeit der CULT-Mitarbeiter am frühen Vormittag damit endete, daß ihnen die Buchhalterin die betriebsbedingte Kündigung aushändigte) ein Arbeitsvertrag der CULT Print GmbH überreicht worden, der seit 1. Juni gültig sein sollte und neben Wegerichs Unterschrift kein Datum trug. Ein klarer Fall von Betrug, erklärte Schnürer: Ganz offensichtlich wollten Michalski und Wegerich ihren anderen Firmen auf elegante Weise Kosten ersparen, indem sie diese auf die sowieso bankrotte CULT-Firma übertrugen.

Weiter erzählte Sennscheider, er habe, bevor er das Redaktionsgebäude mit Neitzl und Vennemann (die beide von Wegerich mit einem Hausverbot belegt worden waren) verlassen hatte, sich in Michalskis Büro begeben, um „dem feigen Arschloch zum Abschied noch mal zuzuwinken“ und sich sein von ihm selbst verfaßtes Arbeitszeugnis unterschreiben zu lassen. Dies habe Michalski mit dem fröhlichen Ausruf „Ich unterschreibe alles!“ auch getan, sodann versöhnlich erklärt, er habe von Anfang an nicht daran geglaubt, „daß das mit dem Heft was wird“, jedoch mit seinen Events soviel „um die Ohren gehabt“, daß er den Wegerich „halt machen“ habe lassen – er wolle im Grunde nur seine Veranstaltungen veranstalten, das Heft sei „halt Wegerichs Steckenpferd“. Dieser wiederum sei ihm, Michalski, von Anfang an „zu großspurig aufgetreten“ und habe nun die grandiose Idee, mit einer auf den Redakteur Styri reduzierten Belegschaft ein vierwöchig erscheinendes Magazin zu machen, das sei „halt viel billiger“. Michalski habe dann noch den Verdacht geäußert, die Redakteure könnten „Arbeitsmaterialien“ von den Redaktionscomputern gelöscht haben, und auf Sennscheiders verdutzte Nachfrage hinzugefügt, der neue Redaktionsleiter Styri sei am Wochenende schon mal dagewesen, um sich einzuarbeiten, habe jedoch nirgendwo Themenpläne, Adressen von freien Mitarbeitern und irgendwelchen E-Mail-Verkehr finden können.

Wenn Wegerich das Heft tatsächlich weiterführen wolle, sagte Schnürer, liege wahrscheinlich ein weiterer Betrug vor, denn es sei davon auszugehen, daß Michalskis frühere Andeutungen, es sei seit langem geplant gewesen, das Personal in der Redaktion zu reduzieren, genau so gemeint gewesen seien: „Der hat so lange gewartet“, sagte Schnürer, „bis sein Heft eingeführt ist und er mit einem Redakteur weiterwursteln kann.“ Weil er aber den Redakteuren nicht einfach so kündigen habe können, habe er die Insolvenz offensichtlich absichtlich herbeigeführt und damit auch noch eine Menge Geld gespart. Neitzl bestätigte, die freien Mitarbeiter hätten „mit ganz wenigen Ausnahmen“ (Billigautoren, die sich Wegerich warmhalten wollte, vermutete Schnürer) „von Anfang an nie Geld bekommen“. Man müsse, faßte Schnürer zusammen, ehe er sich erhob, um auf die Toilette zu gehen, „diese Kerle“ verklagen, und wenn sonst niemand den Mut aufbringe, werde er das tun. Das, sagte Neitzl gutmütig lachend, könne er vergessen, Wegerich sei nun mal „ein schlauer Hund“, gegen solche komme man nicht an, und er, Schnürer, solle sich jetzt aufs Klo schleichen und auskotzen, damit man hinterher über angenehmere Dinge sprechen könne. Zu kotzen habe er nicht vor, wollte Schnürer sagen, beließ es dann aber bei einem Abwinken.

Als er von der Toilette zurückkam, fing sein nicht ganz absichtslos schweifender Blick am Tresen zwei weibliche Augen ein, die nicht wie die seinen zufällig herumstrichen, sondern fest auf ihn gerichtet waren, obwohl der Mund sprach, und zwar, wie er ahnte, nicht über ihn (oder doch?). Sekundenlang versank er in diesen Augen, bis sie ihm so vergrößert erschienen, daß er in dem türkisfarbenen Strahlenkranz einzelne gelbe Punkte zu bemerken glaubte, die einen glitzernden Effekt hervorriefen (eine Erklärung); und sofort stellte sich eine verschworene, heimliche Vertraulichkeit ein, die er zunächst auf seinen betrunkenen Zustand schieben wollte (noch eine Erklärung), was ihm aber ebenso schnell wieder egal war.

„Hallo“, sagte sie lächelnd, „na?“ Und da erkannte er sie: die Nachbarstochter aus der Vorstadtsiedlung, der er manisch hinterhergestarrt hatte an den dunklen Nachmittagen, wenn seine Frau, mochte sie auch anwesend sein, so weit entfernt war wie der Mond, deren Gesicht er nie mehr als flüchtig gesehen hatte, aus der Ferne im Garten, grüßend im Vorbeigehen mit dem leichten Lächeln, das nun vor ihm schwebte und hier zweifellos nicht kindlich-nachbarlicher Höflichkeit geschuldet war, sondern ihm selbst galt und zum erstenmal seine Scheu überwand. Und da war er auf einen Schlag verliebt und nicht zu retten und fürchtete nichts so sehr wie das „Sie“, das gleich aus ihrem Mund kommen mußte, „Was machen Sie denn hier?“ oder „Wie geht es Ihnen?“ oder etwas ähnliches, aber sie hatte die erwünschten Spielregeln wohl erkannt (oder, vermutete er, war dabei, sie selbst aufzustellen) und erfüllte seinen Wunsch, indem sie fragte: „Was treibt dich hierher?“ Und sie sagte es so vertraut und heiter, daß er sofort spürte, wie ihm (weicher) Boden unter die Füße geriet, wie das Lächeln sein Gesicht verzauberte, seine Zähne blitzten; und er fühlte sich so unwiderstehlich, daß er es in diesem Augenblick wahrscheinlich sogar wirklich war.

Er sei mit Kollegen hier, sagte er, ehemaligen Kollegen vielmehr, die allesamt seit gestern arbeitslos seien und diesen Zustand angemessen feiern wollten, und als er den erschrockenen Ernst in ihrem Gesicht sah, fügte er ungeschickterweise hinzu, er selbst sei nur freier Mitarbeiter und seit längerem eigentlich nicht einmal mehr das gewesen, und sowieso sei der Bankrott der „Scheißfirma“ in jedem Fall ein Grund zur Freude. Ihm fiel ein, daß er wohl vergeblich darauf wartete, daß sie ihn nach seinem Namen fragte (wodurch er ohne weitere Ungeschicklichkeiten den ihren erfahren hätte können), weil der schließlich damals auf dem Klingelschild vermerkt gewesen war, und so blieb ihm nichts übrig als abzuwarten. Das müsse ja eine schlimme Arbeit gewesen sein, sagte sie mit tiefer, gleichförmig sonorer Stimme. Und gerade als er beginnen wollte, die Geschichte ein weiteres Mal zu erzählen, auch ihr zu erklären, wie nötig und was für eine gute Idee ein Kulturmagazin sei, so gut, daß man sie nur zum Scheitern bringen könne, wenn man vollkommen idiotisch oder ein Betrüger sei wie Wegerich; – gerade als er davon erzählen wollte, überkam ihn ein vulkanischer Lachanfall, der so lange anhielt, bis sie (hoffte er) ihn endlich nicht mehr auf sich beziehen konnte. Nein, sagte er, das könne er ihr wirklich nicht erklären, und für einen Moment wollte sie gekränkt aussehen, also nickte er: Schlimm sei gar kein Ausdruck für das, was sich da abgespielt habe, deshalb sei es auch am besten, gar nicht mehr darüber zu sprechen.

Solche Magazine, sagte sie, interessierten sie grundsätzlich nicht. Das sei doch nur etwas für das „Partyvolk“, diese ganzen komischen Ankündigungen von Parties; wenn sie in einen Club gehe, sei es ihr egal, wer dort Platten auflege und welche Auswahl von Sechziger-, Siebziger- oder Neunziger-Jahre-Hits er spiele. Genau das, sagte Schnürer, sei die Idee gewesen: eine Kulturzeitschrift zu machen nicht für das „Partyvolk“, sondern für „normale“ Menschen, die kein Interesse daran hätten, zum Besuch irgendwelcher „Events“ aufgefordert zu werden, sondern wissen und darüber nachdenken mochten, was in (betont:) ihrer Stadt und aber auch weit darüber hinaus passiere und passiert sei; notfalls könne auch das „Partyvolk“ eine solche Zeitschrift lesen, wenn es zwischendurch mal zu Bewußtsein komme, was aber letztlich egal sei, weil es sich dabei sowieso nur um einen verschwindend geringen Anteil der Bevölkerung handle, den überdies ein halbfreiwilliger Analphabetismus auszeichne. Lustigerweise sei der Mann, dem er diese ganze Idee mit der Stadtzeitung verdanke, kein Angehöriger des „Partyvolks“, nicht einmal ein Sympathisant; wenn man seinen Worten glauben wolle, verachte „dieser“ Wegerich kaum jemanden mehr als das „Partyvolk“.

Was er denn jetzt arbeiten wolle, fragte sie, und Schnürer richtete sich in einer etwas mißlungenen Geste der Koketterie auf: Arbeit sei irgendwie eh nicht das Richtige für ihn; er könne sich alles mögliche vorstellen, um seine Zeit zu vertreiben, von einem gewöhnlichen Job, der ihm genug gedanklichen Raum für das Schreiben und andere Dinge lasse, bis hin zum Filmgeschäft – wieso nicht mal ein Drehbuch schreiben oder gar selbst in einem Film spielen? Ob er sich da nicht ein kleines bißchen überschätze, fragte sie, und Schnürer sagte, das Schreiben eines Romans (beispielsweise) sei im Grunde nichts anderes als einen Film zu drehen, nur daß man dafür sozusagen erst das Drehbuch schreiben und den Film zur Gänze im Kopf drehen und schneiden müsse, um ihn dann ablaufen zu lassen und niederzuschreiben, in jeder Einzelheit, die einem wichtig erscheine, worin eben gerade die literarische Kunst bestehe (und so weiter). Ob er schon einen Roman geschrieben habe und warum nicht und wieso er dann kein berühmter Bestsellerautor sei, wenn er das so genau wisse, fragte sie. Schnürer produzierte ein anzügliches Grinsen, sagte, sie solle nicht so frech sein und lieber erst einmal ihr Abitur bestehen; und sie spiegelte sein Grinsen und versetzte ihm einen Stoß vor die Schulter, den er lachend und ein erschrecktes Taumeln vortäuschend entgegennahm und sich aus unklaren Gründen (Entwurf einer ungelenken Bewegungsfolge, die zu einer Trennung in Peinlichkeit führte) des Impulses erwehrte, ihr um den Hals zu fallen und sie an sich zu drücken, so lange und so fest er konnte.

Er bemerkte neugierige Blicke, die vom Tisch herüberflogen, glaubte Neitzls süffisante Bemerkungen zu hören (wie man ein ungewöhnliches Instrument aus einem großen Orchester heraushört) und beschloß, sich davon nicht stören zu lassen. Was sie eigentlich hier mache, fragte er. Sie feiere ebenfalls, sagte sie, den Beginn der Sommerferien nämlich oder vielmehr den Abschied einer Klassenkameradin (ein kurzer Blick in das kichernde Chaos neben ihr, ein Lächeln, das er zurückgab wie ein Hohlspiegel, und die Hoffnung, aus dem Gerangel durch einen gnädigen Zufall ihren Namen herauszuhören, vergeblich), die sitzengeblieben sei und die Schule verlassen müsse. Oder, sagte sie, den Abschied überhaupt. Sie werde, oder: sie solle am nächsten Tag in Urlaub fahren, mit ihren Eltern, und darauf habe sie nicht die allergeringsten „Böcke“. Andererseits sei ihr nichts besseres eingefallen; ihr Vater habe ihr, da sie ja „so gut wie erwachsen“ sei („Wahnsinn“, sagte sie, „so eine Frechheit!“) und außerdem aufgrund ihrer Leistungen allen Grund habe, sich auf das kommende Schuljahr intensiv vorzubereiten, freigestellt hierzubleiben, wenn sie einen annehmbaren Vorschlag für ihre Unterbringung nennen könne; er habe sogar, der familiären Tradition entsprechend, ihre Großeltern vorgeschlagen, die in Germering wohnten, aber darauf habe sie noch weniger „Böcke“ gehabt, und so habe sie zugesagt mitzufahren (nach Bali – Schnürer, der außer ein paar Tagesreisen zu Interviews für die Musikzeitschrift und einer spätjugendlichen Interrail-Irrfahrt durch Spanien und Marokko noch nie weiter als bis nach Italien gekommen war, spürte, wie seine Knie zittrig wurden); aber jetzt, sagte sie und zwinkerte tatsächlich mit einem Auge, habe sie „halt überhaupt keine Böcke“ mehr.

Das könne er sich vorstellen, sagte Schnürer, aber er konnte sich gar nichts vorstellen, weil er während seiner gesamten Schulzeit nicht ein einziges Mal mit seinen Eltern in Urlaub gefahren war (und so etwas wie Bali wahrscheinlich erst nach einigem Suchen auf der Weltkarte gefunden hätte); außerdem war er vollauf damit beschäftigt, ihr Gesicht zu betrachten, die zierliche, leicht geschwungene Nase, die beim Sprechen die Bewegungen der Oberlippe neckisch parodierte, den Mund, der sich nie ganz schloß und in dem zwischen zwei scharfen, fehlerlos seerosenfarbenen Zahnreihen von Zeit zu Zeit die Erdbeerspitze ihrer Zunge hervorlugte, die weich erhobenen Wangenknochen, die korrespondierend weichen Wellen ihres auf die Schultern fließenden braunen Haars, die tatsächlich türkisfarbenen und mit winzigen ockergelben Punkten besternten Augen, gekrönt von tiefen, sehr geraden, bis an die Schläfen ragenden Brauen, die ihr eine freche Ernsthaftigkeit verliehen und die er unwillkürlich mit denen seiner Frau verglich (hohe Bogen kühler Gleichgültigkeit). Zwischendurch wagte sich sein Blick nach unten, scheinbar verirrt (wobei er Unterstützung von der linken Hand bekam, die dringend über sein Gesicht reiben mußte), und fand unter der drei Stufen weit aufgeknöpften Bluse (oder war das ein Hemd?) die Andeutung zweier Brüste, die für ihre offenbar schlanke Gestalt ein gutes Stück zu groß waren; weiter unten, vom Barhocker camouflierend geknickt, eine deutliche Hüfte, deren Anblick es ihm bei jedem Gesichtsreiben unerträglicher erscheinen ließ, warten zu müssen, bis sie endlich aufstehen und zur Toilette gehen und ihm die Rückseite vorführen würde. Sein Gedächtnis versagte (nicht nur) in diesem Punkt völlig, so daß er befürchtete, sie damals, als er ihr gelegentlich auf dem Weg zum Haus begegnet war, vor lauter Diskretion, Respekt, Dezenz, Schüchternheit so vollständig ignoriert zu haben, daß sie seine beharrliche Weigerung, sich nach ihr umzudrehen (und vielleicht ein verschwörerisches Lächeln zu fangen?), als arrogantes Desinteresse gedeutet haben mochte. Wenn dem so war, schien sie es ihm nicht übelzunehmen. Was bin ich für ein Trottel, hörte er sich betrunken denken, ich hätte damals schon …, und weil er an ihrem fragenden Gesichtsausdruck zu erkennen glaubte, daß er tatsächlich laut gedacht hatte, spürte er, wie sich sein Kopf in eine reife Tomate verwandelte, was erneutes Reiben und eine gemurmelte Bemerkung über die schwüle Hitze in der Kneipe nötig machte. Roch er eigentlich nach Schweiß? Fand sie seine sicherlich aufdringliche Bierfahne nicht abstoßend?

Sie war immer noch bei ihren Eltern und ihrem Vater, erzählte von Konflikten, die ihm derart pubertätstypisch erschienen, daß er sie so erfrischend fand wie ein Bad in Zitronenlimonade, sich aber mit Kommentaren zurückhielt, um nicht altklug (oder einfach nur alt) zu wirken. Und als sie sagte, sehr bald nach Beginn des neues Schuljahres werde sie volljährig, und da könne ihr der Vater dann „einen Schuh aufblasen“, mußte er sich die Bemerkung, er sei seit sieben Wochen genau doppelt so alt wie sie in sieben Wochen sein werde, regelrecht von der Zunge beißen und hinunterspülen mit einem Schluck aus seinem Glas, dessen Anwesenheit am Tresen ihn erst hinterher erstaunte, als er es wieder abstellte; aber da klopfte ihm Neitzl schon anzüglich auf den Hosenboden, lachte und sagte, er solle ihm die Dame doch gefälligst vorstellen, schließlich sei er eigentlich mit ihm hier, und wieder wurde Schnürers Kopf zur Tomate. Er simulierte eine durch Verschlucken hervorgerufene Sprachstörung, wies glotzäugig blinzelnd mit der Hand zwischen den beiden hin und her, hustete ein bißchen und erfuhr, daß sie Angelika hieß.

„Aha. Und woher kennt ihr euch?“ fragte Neitzl, wie es nun einmal seine Art war, und begehrte fröhlich schmollend gegen Schnürers tadelnden Blick auf: Das werde man als Freund wohl noch fragen dürfen. Sie habe mal neben Schnürer gewohnt, sagte sie, oder vielmehr: Schnürer habe neben ihr gewohnt, zwei Häuser weiter; und schon fragte sie, wieso er da eigentlich nicht mehr wohne. Er dachte fieberhaft nach, ob sie ihn wohl je mit seiner Frau gesehen haben konnte, fand die Annahme sehr plausibel und sowieso egal (das Klingelschild!) und entschloß sich zu der Offenbarung, er sei „dort verheiratet“ gewesen. „Wau“ sagte sie, nickte, saugte lautstark plörrend an dem Strohhalm in ihrem Cocktailglas, das außer einer zerrupften Zitronenscheibe und den schwindenden Resten einiger Eisstücke so gut wie nichts mehr enthielt, und sagte, sie müsse „jetzt endlich was Anständiges trinken“, bestellte ein Bier und stieß mit Schnürer an.

Und die Ehe sei aber jetzt vorbei, fragte sie (mit einem winzigkleinen Fragezeichen), und Schnürer war so hingerissen von ihrer Bestellung und dem anschließenden Trinkvorgang (mit dem sie nach einer abfälligen Bemerkung über die „pappsüße Scheiße“ das Glas zu einem Drittel geleert hatte), von ihrer atemberaubenden Mischung aus Eleganz, Schönheit und ruppiger Normalität, daß er sich erst wieder sammeln mußte.

Ja, sagte er, die Ehe sei vorbei, wenn auch noch nicht geschieden; so etwas könne sich wohl lange hinziehen, auch wenn man sich prinzipiell einig sei. Sie habe sich schon so etwas gedacht, sagte sie, weil er im letzten Winter so plötzlich verschwunden gewesen sei, nachdem man ihn doch sonst fast jeden Tag und bei wirklich jedem Wetter im Garten beim Zupfen oder Schnipseln und solchen Sachen gesehen habe (Schnürer: Tomate), und lange sei „das“ aber nicht gegangen. Er schüttelte den Kopf, nein, nur zwei Jahre, was allerdings anders betrachtet doch recht lang sei, sehr lang sogar, zwar nicht für eine Ehe, aber für zwei Menschen, die so wenig miteinander zu tun hatten wie seine Exfrau und er. Warum er nicht früher gegangen sei, fragte sie (offenbar ohne in Betracht zu ziehen, daß es auch seine Frau gewesen sein konnte, die gegangen war), und Schnürer wußte es nicht zu sagen; er sei wohl „eine treue Seele“ oder ein Mensch, der Veränderungen grundlegender Art scheue. Da sei sie ganz anders, sagte sie und lachte, sie wolle am liebsten „alles immer anders“; und während Schnürer noch an der zum Glück unausgesprochen bleibenden Bemerkung kaute und (ein neues Bier für beide) schluckte, das sei in ihrem Alter ganz normal, ließ sie ihren Blick abkühlen und verschwimmen und fügte hinzu, wenn sie ehrlich sei, liege ihr sehr viel an Treue „und so“, und sie wünsche sich nichts mehr als Unveränderlichkeit; allerdings müßten die Dinge dazu erst so sein, daß sie ihren Vorstellungen zumindest nahekämen, welchenfalls sie dann auch „fast alles mitmachen“ könnte und würde.

Seine Frau, sagte Schnürer und fühlte sich, als spielte er einen riskanten Trumpf aus, sei ganz anders (als sie): Der könne es gar nicht schnell genug gehen mit den Veränderungen, weil sie nicht wisse, was sie sich wünsche, und wenn sie das, was sie sich wünsche, habe, wolle sie es sofort nicht mehr, vielleicht aus Prinzip oder aus einer Unzufriedenheit, die mehr mit ihr selbst zu tun habe als mit irgend etwas sonst oder im Gegenteil nichts mit ihr, sondern mit ihrer Herkunft, Familie und, ach, diesem Zeug, und so weiter. Sie nickte und schaute dabei in ihr Glas. Seine Frau sei inzwischen übrigens auch weg, sagte sie, seit ein paar Wochen wohl, jedenfalls wohne da jetzt ein „Ökopaar“, und da habe sie schon befürchtet, oder (unerschrocken: belustigt lächelnd) nein, nicht befürchtet, sondern gedacht, daß sie vielleicht wieder zu ihm gezogen sei oder (ein Tritt auf die Bremse?) wie auch immer; das „Ökopaar“ sei ganz nett, genauso bieder wie die anderen Leute in den anderen Häusern, nur ein bißchen jünger, aber man sehe ihnen schon an, „wie das ausgeht“.

Wo er jetzt lebe, fragte sie, und er erzählte von seiner Wohnung, dem winzigen Zimmer mit den Kisten- und Büchergebirgen, der verschworenen Circustruppe seiner Untermieter, mit denen er jetzt den nächsten Ärger am Hals habe, weil er sie nicht mehr loswerde. Sie erging sich in einer wohligen Müdigkeit, legte ihren Kopf auf den Arm neben das Glas und sah aus wie eine menschliche Sahneschokoladensüßigkeit und fragte, ob er vielleicht, wenn er die Untermieter irgendwie dann doch losgeworden sei, ein Zimmer für sie habe; und da sagte er, sie kenne ihn doch gar nicht und wisse nicht, was sie da erwarte, und sie sagte, sie seien doch schon einmal Nachbarn gewesen, da sei das doch nicht so ungewohnt. Er stellte sich vor, wie er in einer anderen, gleichen Welt morgens am Küchentisch saß und Kaffee trank und sie an ihm vorbei ins Bad huschte, und da spürte er ein solches Sehnen, daß ihn ein Seufzen überwältigte. Sie sei auch müde, sagte sie und schloß die Augen, aber sie wolle nicht müde sein, weil sie das nicht einsehe.

Ihre Abschiedsfreundin weckte sie mit der gespielt empörten Aufforderung, sie beide sollten sich nicht so „absondern“, es gebe schließlich auch noch andere Menschen auf dem Erdball, und fröhlich fügte sie hinzu, sie wolle nur Ciao sagen: „Wir gehen noch wohin“, sie, Angelika, hingegen sehe nicht so aus, als ginge sie hier jemals wieder weg.

„Genau“, schmollte Angelika, „ich gehe hier nie mehr weg!“ Schnürer bestellte noch zwei Bier, betrachtete das große Stühlerücken am CULT-Tisch und verabschiedete sich mit einem zufriedenen Nicken von Sennscheider, Vennemann und den anderen, während Neitzl („Herrgott, jetzt laß ihn doch!“ rief Vennemann, die Tür aufhaltend) Schnürer um die Schulter faßte und mit einem jovialen, außergewöhnlich betrunkenen Grinsen sagte, er solle „ihm keinen Scheiß bauen“. Schnürer sagte, da brauche er sich doch bekanntermaßen bei ihm am allerwenigsten Sorgen zu machen, und Neitzl schwankte laut lachend hinter Vennemann her („Hoho! Hast du das gehört!“) hinaus in die Nacht.

Nun waren sie mit einemmal allein, und da fiel Schnürer kaum mehr ein als zu trinken. Sie sagte „Moment!“, stieß ihr Glas an seines, trank es wieder zu einem Drittel leer und ließ dann ein leises Rülpsen ertönen, gefolgt von Kichern. „Ups“, sagte sie, und Schnürer sagte „Hoppla“ und konnte sich nicht beherrschen, ihr zu erklären, warum er es besser finde, „Hoppla“ zu sagen und nicht „Ups“, aber mitten in seiner wirren Erklärung mußte er selbst kichern, und so kicherten sie beide, so lange, bis sich die belustigte Aufmerksamkeit der anderen Gäste am Tresen (drei Männer über vierzig in unterschiedlichen Stadien intellektueller Auflösung und eine Frau um die fünfzig, die mit großen Gesten zu verstehen gab, daß sie sich nicht entscheiden konnte, welchem der drei sie sich hingeben sollte, weil sie eigentlich ihre Unabhängigkeit sehr schätzte) wieder gelegt hatte. An einem Tisch im hinteren Teil der Kneipe wurde triumphierend („Und der!“) ein Kartenargument gedroschen, das folgende Schweigen mischte sich mit der Stille nach dem Ende eines Rolling-Stones-Songs aus den Lautsprechern, dem nach einem Knistern (wohl eine Kassette, dachte Schnürer, wie authentisch!) „I Don’t Wanna Talk About It“ von Rod Stewart folgte. Das habe er seit fünfzehn Jahren nicht mehr gehört, sagte Schnürer, und sie sagte: „Da war ich nicht mal drei“, und Schnürer wartete einen Moment, scheinbar beschämt, sagte dann: „Angelika“, wie abwägend, und sie sagte: „Bitte bloß nicht Geli oder so was.“

„If I stay here just a little bit longer“, krächzte Rod Stewart, „if I stay here, won’t you listen“ (Pause; Schnürer hob einen Finger und sang dann mit dem Publikum:) „to my heart.“ „I wanna stay here a lot longer“, sagte Angelika, „and listen to your heart“, und wieder kicherten sie, und wieder bestellte Schnürer Bier, sah dabei auf die hinter dem Tresen stehende Uhr und stellte fest, daß es noch nicht einmal zwölf war. Ein Pulk neuer Besucher drängte in die Kneipe, halbglatzköpfige Bierbäuche in Lederjacken, grell geschminkte Bohème-Veteraninnen, lachend, durcheinander redend, laut nach Getränken brüllend. Für einen Moment galt ihnen die anerkennende Aufmerksamkeit der Altbelegschaft, dann wurde es wieder murmelnd still.

Ach, sagte Angelika, das gehe ihr so auf die Nerven mit diesem Urlaub, das könne er sich gar nicht vorstellen. Dann solle sie doch hierbleiben, sagte Schnürer, als wäre das ein phantastischer Geistesblitz. Sie schwieg, sah ihn an, trank und sagte dann, er habe ihr immer noch nicht erzählt, was mit dieser Firma passiert sei. Das, sagte Schnürer, sei keine große Geschichte. Jemand habe die Idee gehabt, eine Zeitschrift herauszugeben, habe sich von ihm und ein paar anderen ein Konzept erstellen, Mitarbeiter anwerben und Texte liefern lassen („Ich habe mir übrigens schon lange gedacht, daß du schreibst“, sagte sie, „weil du immer mit dem Laptop in der Wiese gelegen bist und zwischendurch geschnippelt und gezupft hast“); nur bezahlt habe der typisch modernschlaue Unternehmer nicht, und nachdem die Zeitschrift dann auf dem Markt eingeführt gewesen sei, habe er seine Firma bankrott gemeldet, um das fertige Konzept mit einer neuen Firma billig weiterzuführen und alle Schulden auf einen Schlag loszusein. Sie wolle auch gerne schreiben, sagte sie, aber sie wisse nicht recht, ob sie das könne, und das mit der Firma sei eine Sauerei.

Dann sagte sie: „Ich weiß, wie ich um den Urlaub herumkomme: Wir lassen uns hier einsperren, und ich verpasse den Flug.“ Das sei eine gute Idee, sagte Schnürer, er wisse bloß nicht, ob der Wirt mitspielen werde. „Wir könnten uns unter der Bank verstecken, da hinten“, sagte sie, verschwörerisch nahe, blickte Schnürer in die Augen, „bitte.“

Er wußte nicht, was er antworten sollte, weil die Idee so idiotisch war, daß sie ihm fast (fast!) schon wieder gefiel. Kurz war er versucht vorzuschlagen, sie könne auch bei ihm übernachten und sich eine andere, bessere Ausrede überlegen, aber noch vor den Untermietern fiel ihm ein, wie undenkbar es war, ein siebzehnjähriges Mädchen dazu zu überreden, ihre Eltern in Panik zu versetzen, und möglicherweise ein fürchterliches Tohuwabohu mit Polizei und Tränen in Gang zu bringen, an dessen Ende er in jeder nur denkbaren Hinsicht als Volltrottel dastehen mußte.

Aber, sagte er, die Sache müsse gut geplant werden, schließlich könnten sie nicht einfach verschwinden oder – „Entschuldigung, dürfen wir mal?“ – zwischen den Beinen der Lederveteranen hindurchkriechen oder mit Verabschiedungszinnober ihre Zeche bezahlen und dann eine Stunde lang unter der Bank kauern. Sie schien tatsächlich angestrengt nachzudenken; ihre Brauen senkten sich noch tiefer auf die Augen, während ihre Lippen den Zähnen Platz gaben, ein widerspenstiges Stück Haut vom äußeren Rand ihres rechten kleinen Fingers zu beißen. Ob es, fragte sich Schnürer (rhetorisch) wohl eine Situation geben mochte, in der sie nicht hinreißend aussähe?

Inzwischen war die Musikmixtur auf der Kassette bei „April“ von Deep Purple angelangt, einem rocksinfonischen Viertelstundenepos, von dem Schnürer von früheren Besuchen her wußte, daß es der Schluß zumindest der musikalischen Bewirtung sein würde. Er zog einen Geldschein aus der Hosentasche, schob ihn unauffällig unter sein leeres Glas und stieß so unabsichtlich wie möglich gegen sein Feuerzeug, das folgsam vom Tresen sprang und (rudernd wie ein ungeschickter Schlittschuhläufer) unter einem Tisch Zuflucht suchte. Im allgemeinen Abrechnungstrubel stand er auf, tat so, als suchte er das entflohene Feuerzeug, und schaffte es, sich unter die Bank neben der Toilettentür zu kauern, die von einem Zigarettenautomaten sehr blickungünstig verstellt war – einer der Ledermänner schien ihn wirklich nicht zu bemerken, als er mit hängenden Lidern stampfend und schnaufend aufs Klo marschierte.

Angelika ließ sich von ihrem Barhocker gleiten, warf behutsam warnende Testblicke in die Gegend und ging, als niemand sie beachtete, auf Schnürer zu, drehte sich noch einmal um (endlich sah er, was er sehen hatte wollen, aus der denkbar günstigsten Perspektive, und war erwartungsgemäß begeistert) und schlüpfte dann neben ihn, wobei ihn ihr Kopf berührte und sie leise „Huch“ sagte. Beide unterdrückten ein Kichern (kch-kch-kch) und warteten, und als Schnürer feststellte, daß in der unangenehmen, aber haltbaren Position (auf Knien und Knöcheln, die Fersen im Hintern, die Arme vor der Brust verschränkt) weder er sie noch sie ihn ansehen konnte, wünschte er sich spontan, die Farce möge möglichst bald ein möglichst lustiges Ende nehmen.

Es schien jedoch unweigerlich gutzugehen: Der Wirt nahm (wie Schnürer mit schmerzhaft verdrehtem Kopf sehen konnte) den Geldschein, stellte eine kurze Gegenrechnung mit dem Kugelschreiberstrichaufkommen auf den beiden Bierfilzen an, räumte ihre Gläser ab, räumte mehr Gläser ab, warf betrunkenem Palaver in der Türöffnung ein wohlmeinendes „Ja ja“ hinterher; und dann war die Kneipe leer; er ließ die hilflos zwischen seinen Lippen abgebrannte Zigarette ins Sprudeln des Spülbeckens fallen, fischte sie wieder heraus, sammelte Aschenbecher und Kerzenständer ein, sperrte unter großem Rasseln die Tür ab, löschte das Licht und lehnte sich, nun nur noch mittels Scheibe und Durchreiche aus der Küche seitlich beleuchtet, auf den Tresen, stützte den Kopf in die Hände, massierte stöhnend seine Stirn.

„Pst“ machte Angelika, weil das Stöhnen in Schnürer eine Resonanzsaite anschlagen zu wollen schien. Der Wirt entledigte sich seiner Schürze, klopfte sich eine neue Zigarette aus der Schachtel, entzündete sie und sagte: „Also, ihr zwei, was habt ihr jetzt vor?“

Angelika zuckte, stieß wieder mit ihrer Stirn gegen Schnürers Stirn, flüsterte „Huch“, und Schnürer bekämpfte seinen Impuls, sich geschlagen zu geben: Dies war ihr Spiel. „Tüdelü“, sagte sie, während sie unter der Bank hervorkroch; er folgte ihr, fragte (um ihr beizustehen) den Wirt, wie er sie bemerkt habe. Er sei ja nicht aus Dummsdorf, sagte der Wirt, erkennbar gut gelaunt, schüttelte dann, als die beiden Delinquenten vor ihm standen und sich den Staub von den Hosen klopften, leicht den Kopf: Ob sie denn gar nichts hätten, wo sie hingehen könnten. Ehe Schnürer eine versöhnlich scherzhafte Antwort geben konnte, sagte Angelika: „Nein, Scheiße, aber egal.“ Schnürer betrachtete sie von der Seite; sie sah nicht wütend aus; der Wirt schüttelte wieder den Kopf, sagte „Mei“, und da endlich kam Schnürer in den Sinn, sie in den Arm zu nehmen – was ihm sofort übertrieben pathetisch erschien: Sie lachte, lehnte sich aber an ihn, und so folgten sie dem Wirt zum Hinterausgang, und Schnürer fühlte sich, während er sie im Arm hielt und durch den gekachelten Hausgang führte, als wäre er siebzehn oder zwanzig oder höchstens vierundzwanzig Jahre alt und nichts seitdem geschehen.

Draußen ließ er sie los, stand ihr gegenüber. Ein verlegenes Lachen, mit verschränkten Armen, und dann, weil er sie nicht gehen lassen wollte, eine ungeschickte Umarmung (sie: die Arme immer noch verschränkt; er: den Unterleib diskret nach hinten gebogen). Er brach den Versuch ab, wieder standen sie da; diesmal umarmte sie ihn, umarmten sie sich beide, ließen sich wieder halbwegs los; und als er ihr die Wange bieten wollte (eine Art der Begrüßung und Verabschiedung, die ihm bei den wenigen Malen, da er sie über die Jahre praktizieren hatte müssen, immer zuverlässig mißlungen war), steuerte sie auf seinen Mund zu und küßte ihn auf die Lippen, ein bißchen zu lang für einen kurzen Kuß, sah ihn dann an – immer noch umarmt, umfangen von einer langsam wachsenden Wärme, die sie beide einhüllen wollte (Sekunden ohne Zeit) –, sagte „Tu mir nichts“, und dann ging sie davon, drehte sich nach drei, nach fünf, nach acht Schritten um (strahlende Augen, ein Glitzern der Zähne), blieb stehen, winkte eine Spirale von der Hüfte bis zur Schulter und sagte, noch rätselhafter: „Bis übermorgen!“ Und Schnürer bemerkte, als sie nicht mehr zu sehen war, daß er schlotterte, als stünde er im Hemd in der Januarkälte herum.

 

2

 

Die Überraschung bestand selbstverständlich darin, daß Angelika am nächsten Tag nicht in Urlaub gefahren war, sondern (in einer ziemlich turbulenten nächtlichen Familienkonferenz, in der die Argumente von den Kosten für die kurz-, ja: nullfristige Stornierung von Flug und Hotelzimmer über die längst eingetretene Notwendigkeit einer eigenständigen, wenn auch jugendlich sprunghaften Lebensgestaltung bis zur hysterischen Eskalation samt Androhung der Selbstentleibung reichten) ihre Eltern überredet hatte, sie allein zu Hause zurückzulassen, ohne Aufsicht durch die Großeltern und lediglich unter Verpflichtung zur täglichen telephonischen Berichterstattung über den Fortgang der schulischen Nacharbeiten und Vorbereitungen (eines ihrer Argumente) sowie ihre sonstigen Unternehmungen (deren mutmaßlich ungenügende Akzeptabilität das Hauptargument ihrer Mutter war). Von ihrer zufälligen Begegnung mit Schnürer, dem sie am übernächsten Tag, einer stummen Koinzidenzvereinbarung folgend, in der Kneipe „auflauerte“ (wie sie selbst sagte), war kein Wort gesprochen worden, selbstverständlich nicht, denn die Möglichkeit des Zeitvertreibs mit einem doppelt so alten, zudem erwiesenermaßen am Versuch eines geregelten Lebens gescheiterten „Hallodri“ (der Standardausdruck ihres Vaters für männliche Bekanntschaften der Tochter) hätte die Diskussion schlagartig beendet.

Schnürer (der nach einer schlaflosen Nacht und einem leeren Tag, der ihm in seinem Zustand langsamer Ausnüchterung zwischen den Fingern zerstob wie eine Herde Kaulquappen, nach endlosen Stunden rastlosen Starrens am Ufer träge verfließender Stunden jenen Zufallstreffpunkt auch dann wieder aufgesucht hätte, wenn er weniger als ein winziges Fünkchen Hoffnung auf die Erfüllung der Koinzidenzvereinbarung gehabt hätte) wagte nicht zu fragen, ob der Vater oft Gelegenheit zur Verwendung seines Standardausdrucks habe – wie er überhaupt an diesem zweiten gemeinsamen Abend vor Schüchternheit und Wirrnis wenig fragte von dem, was ihn interessierte, fahrig wirkte (seine kalte Nase wurde vom vielen Gesichtreiben merkwürdigerweise noch kälter) und in seiner eigenen Vorstellung ein wabbeliges Bild zerfranster Höflichkeit abgab, bis er nach dem zweiten Bier schubartig gelassener wurde und sich durch eine (nicht überlieferte) Frage ihrerseits ermutigen ließ, haarscharf an der Grenze zur Schwadroniererei entlang nicht nur von seiner Frau, sondern auch (fast) sämtlichen weiteren wesentlichen Liebschaften seines bisherigen Lebens zu berichten: der melancholischen Barbara mit den kurzen schwarzen Haaren und den paradoxerweise fast immer vergnügten Augen, deren leidende Sucht nach öffentlicher Vergnügung ihren Teil zu Schnürers Bereitschaft für die (sich bald nach der endgültigen Trennung anbahnende) Ehe beigetragen hatte; der resoluten, muskulösen Nora, die (worauf Schnürer mit einem seiner anfangs noch seltenen Versuche, Angelikas Blick zu fangen, hinwies) neun Jahre jünger war als er – er hatte sie bei einem Erstsemesterfest kennengelernt, auf dem (wie er scheinbar nur beiläufig erwähnte) niemandem aufgefallen war, daß er als siebenundzwanzigjähriger Neustudent eine erhebliche Ausnahme bildete, und er war ihr noch in derselben Nacht (auf weitgehend keusche Weise) so vollständig verfallen, daß er nicht nur die (weiterhin weitgehend keuschen, aber körperlich überwältigenden) Zärtlichkeiten der nächsten Wochen hingenommen hatte, ohne wenigstens innerlich zu murren oder zielstrebige Versuche zur Herbeiführung eines geregelten Beischlafs zu unternehmen, sondern auch von Anfang an ahnen hätte müssen, daß nach dessen endlichem Vollzug die Tage des Glücks gezählt sein würden (Nora erwies sich als nahezu athletische, körperkundlich erfahrene Dirigentin, die ihm ohne die geringsten Avancen seinerseits in dieser Richtung erklärte, sie finde „Analverkehr nicht gut“, und ansonsten stets bemüht war, seine Bemühungen um Stimulation sachlich und zweckdienlich zu steuern).

Er erzählte von der schlaksigen, forschen, rührend ungeschickten Loretta, die er am Morgen nach jenem Erstsemesterfest verlassen hatte (sie hatte ihn dorthin begleitet, nach dem Erwachen nach ihm gesucht und das frischverliebte Paar unter dem Tisch auf dem Küchenboden angetroffen, engumschlungen schlafend), mit der er jedoch sexuell eine derartige Harmonie erfahren hatte (er vermied es, von gegenseitiger „Hörigkeit“ zu sprechen), daß er sie in den Zwischenphasen nach Nora und Barbara erfolgreich wieder aufgesucht und seine Frau (allerdings ein paar Wochen vor der Eheschließung) sogar mit ihr betrogen hatte (in ihrem Auto und danach in seinem Bett – eine impulsiv-ekstatische und mehrmalige Entladung, an die er sich, wenn er ganz allein war, gierig erinnerte).

Er erzählte, im Erzählen die Erinnerung auf ein erzählbares Format zurechthobelnd, von Claudia, der manisch-depressiven Kunststudentin, die ihn einige Wochen lang wie ein Spuk verfolgt hatte, während sie von ihm in persona verfolgt worden war, und die seine rauschhaften Versuche endlich mit einem morgendlichen Telephonanruf und der knappen Mitteilung, sie fühle sich zu einer Beziehung „derzeit nicht bereit“, erstickt hatte (daß er danach auf ihrem Silvesterfest – im Haus ihrer Eltern – aufgetaucht war, sich sinnlos betrunken und den bis zur Selbstaufgabe Verzweifelten gespielt hatte, erwähnte er nicht). Er dachte an die länger zurückliegende Phase wechselnder, sich überschneidender Liebschaften – die Jahre, als seine Wände mit Helden behängt waren, schwarzweißen Plakaten mit den Gesichtern von The Clash, Johnny Rotten, Keith Richards, Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Zitaten von Rudi Dutschke, Arthur Rimbaud („Ich ist ein anderer“) –, und er blätterte im Erinnerungsalbum nach einer der vielen Frauen, die damals seine Wohnung und sein Leben durchquert hatten, die geeignet gewesen wäre, sie exemplarisch herauszugreifen, um an ihr die unablässige Suche nach Idealen zu erklären, die jene Phase gekennzeichnet hatte, beließ es aber, da er nicht fündig wurde, bei ein paar Andeutungen.

Jeder dieser Berichte enthielt (auch wenn das nicht seine Absicht war) einen kleinen Warnhinweis, riet von einem spezifischen Verhalten ab; aber einstweilen wurde derlei (möglicherweise) registriert, ohne Folgen zu haben. Dennoch lag eine gewisse Vorsicht in Schnürers Blick, als er schließlich (mit einem fettgedruckten Fragezeichen) feststellte, das sei es „so ungefähr in dieser Hinsicht“. Angelika nickte mit vorgestülpter Unterlippe, ließ eine kurze Pause entstehen, lächelte dann und sagte, nun wisse sie immerhin, auf was sie sich da eingelassen habe, und Schnürer war klug genug, nicht zu fragen, wie sie das meine.

Von ihren eigenen amourösen Unternehmungen sagte sie, gebe es nichts zu sagen, das sei ihr jetzt „zu schwierig“; und Schnürer, der weder gefragt hatte noch nachfragte, spürte einen winzigen Stich zwischen Brust und Bauch, dachte sich aber nichts weiter dabei, weil er vor allem zuhören, antworten, zuhören und das Spiel der Sätze und Wörter genießen wollte, von was auch immer sie reden mochten: ihren Eltern, der Schule, dem bevorstehenden Abitur, Musik, dem Sommer, ihren Fahrstunden, den Fährnissen beispielhafter Bekannter (die wie unzureichende Projektionen nur so kurz aufschienen, daß ihr Mangel an realen Details unbemerkt blieb, als sie wieder verloschen), von diesem und jenem, was keinerlei Bedeutung hatte oder doch haben hätte können, wenn einer der beiden gewollt hätte.

Er war hingerissen von Angelikas Vorliebe für Tö-Wörter: Sie nannte ihn einen „Tölpel“, wenn er lächelnd mit seinen Ungeschicktheiten renommierte, sie fand ihn auch „töricht“; und wenn sie eines dieser Wörter aussprach, wurde für einen blitzenden Moment ihre Zungenspitze sichtbar, ehe die Lippen, um das ö genüßlich zu runden, zum Idealbild eines spitz geschwungenen Ironielächelns wurden, nur für einen kurzen, manchmal zärtlich gedehnten Augenblick, und dann hing sein Blick an ihrem Mund in Erwartung einer Wiederholung, die immer viel zu lange auf sich warten ließ, so daß er die vielen „toll“s und „total“s als hinreichenden Ersatz nahm und nur am unteren Rand von Blickfeld und Aufmerksamkeit Raum blieb für die karamelbraunen Wölbungen, die als verkörperte Grenze zwischen Vertrautheit und Wagnis von ihrer sahnefarbenen Bluse gerade so weit verhüllt waren, daß er sie sehen konnte, ohne sie zu sehen, wenn sein Blick nicht gerade funkenverhangen abschweifte und aber auch dann nicht die Feineinstellung fand für die beiden geschwungenen Linien, die einander spiegelten, sich beinahe trafen, in neue, kleinere Bögen mündeten und endlich in mattseidiger Ebene verliefen. Ob er noch da sei, fragte sie mit einem entzückten Kichern.

Sie verzichteten diesmal auf paradoxe Fluchtversuche, ließen sich von einem Unbekannten einen Kräuterlikör ausgeben, schüttelten sich einträchtig und brachen vor Mitternacht auf, weil Angelika mit dem Fahrrad gekommen war und einen unangekündigten nächtlichen Anruf ihrer Eltern erwartete.

„Willst du mich eigentlich irgendwann auch mal richtig küssen?“ fragte sie, als ihr Rad von seiner Sperrkette befreit war und sie voreinander standen, und er war drauf und dran zu antworten, ließ es aber doch und fand ihre Zunge, die weich und glitzernd herbsüß nach Bier und Likör und eigentlich nach gar nichts schmeckte, was Schnürer als Zeichen natürlicher Übereinstimmung deutete. Was sie anderntags vorhabe, fragte er, ließ sich auffordern, ihr seine Telephonnummer zu geben, und erhielt die ihre.

 

 

 

3

 

So nahm die Geschichte ihren Lauf. Tagsüber verfaßte Schnürer flammende und sarkastische E-Mails an Neitzl, Vennemann, Sennscheider, ehemalige CULT-Autoren und Bekannte, in denen er vom Fortgang seines (vorläufig nur halbjuristischen) Feldzugs gegen Wegerich berichtete. Der Aktionismus eines ehemals freien Mitarbeiters namens Ziller, der Listen mit „Geschädigten“ und den ihnen zustehenden Geldbeträgen zusammenstellte und sie in fast täglich aktualisierter Version in die Runde schickte, hielt ihn davon ab, allzu überschwenglich zu werden; mehrmals sandte er Wegerich und Michalski eine Reihe von Fragen „zur Präzisierung“, auf die Michalski überhaupt nicht und Wegerich nur in seiner üblichen schwammigen Weise reagierte: Er habe sich nichts vorzuwerfen, sei jedoch tief betrübt über den schicksalhaften Gang der Dinge.

Dazwischen drängte sich, wenn er an seinem Schreibtisch saß und aufschaute und die braune, an zwei Schrauben an der Unterseite seines Hochbetts aufgehängte Wolldecke sah – die die gegenüberliegende Zimmertür vor seinen Blicken schützte (und umgekehrt) und als „Raumteiler“ sein kleines Zimmer von den Bereichen der Wohnung trennte, die die Untermieter bevölkerten –, dieser Konflikt in seine Gedanken, von dem er wußte, daß er in allernächster Zeit gelöst werden mußte, so oder so, aber jedenfalls durch sprachliche Verständigung, und von dem er grimmig erwartete, er werde sich von selbst lösen oder auf einen unvermeidlichen, klärenden Knall zustreben, den er sich vorläufig noch nicht vorzustellen wagte.

Er ging den Untermietern aus dem Weg, so gut es möglich war; Zufallskontakte blieben auf ein erschrecktes Aneinandervorbeihuschen, ein knappes, mißgünstiges „Morgen“ oder „Hallo“ beschränkt, und der Zorn, den er über die impertinente Beharrlichkeit der Belagerung seines Lebensraums empfand, wuchs mit jeder solchen Begegnung, er wuchs aber auch durch die bloße Zeugenschaft der Lebensvorgänge hinter der braunen Decke. Bei all ihrer laut zu Tage gestellten Verachtung für sein Leiden an der Beengung und dem ungeduldigen Warten schien ihnen die Situation doch auch unangenehm, was er daran zu merken glaubte, daß sie sich weniger als früher in der Wohnung aufhielten, und wenn, dann meistens hinter geschlossenen Zimmertüren, ab und an wie auf ein (möglicherweise tatsächlich per SMS oder Anruf durch die Zimmerwand ausgegebenes) Signal lautstark kollektiv in die Küche einmarschierend und sich bald wieder zurückziehend.

Als er ihnen dort vor einiger Zeit wieder einmal begegnet war, von unbändigem Kaffeedurst und einer ganz untypischen Lust auf das Risiko der Konfrontation angetrieben, war er mitten in eine fröhliche Diskussion über Zimmerverteilung und Einrichtung gemeinschaftlicher Räume in einer hypothetischen Wohnung geplatzt, die zwar bei seinem Eintreten ungehend verstummte, von der er aber genug mitgekriegt zu haben glaubte, um spontan zu beschließen, bei dem zufällig gewählten günstigen Thema zu bleiben und zu fragen, ob man sich nicht vielleicht am Ende des Monats einen Lieferwagen teilen wolle; und da wechselten die Blicke wie Pingpongbälle zwischen den Gesichtern (seinem und dem des jeweiligen Untermieters) hin und her, als Antwort erfolgte jedoch nur ein peitschenhiebartig gekreischtes „Was?“

Es sei ja seit langem verabredet, hatte Schnürer erläutert, daß mit dem Ende des Monats Juli auch die Wohngemeinschaft ende, und da habe er sich gedacht, man könne die beiden Transporte – ihre Sachen in die neue Wohnung bringen, seine restlichen Sachen aus Vennemanns Keller holen – geldsparend verbinden.

Einige Zeit lang hatten die Untermieter weiterhin geschwiegen; das Brutzeln der Pilz-Gemüse-Mischung in der Pfanne schwoll an und übertönte vier atmende Lungen (der Freund des Untermieters fehlte). Dann hatte die Untermieterin gesagt, sie wisse überhaupt nichts von einer solchen Abmachung, gell, und der Untermieter nickte stumm erregt. Auf keinen Fall, sagte die Untermieterin, werde sie ausziehen, gell. Das sei unklug, sagte Schnürer und konnte sich bei allem Zorn, den er in sich aufbrausen spürte, einen Anflug der Genüßlichkeit eines Polizeibeamten, der einen Verkehrssünder auf frischer Tat ertappt hat, nicht verkneifen (wofür er sich innerlich gerügt hatte, mit einer Zeitverzögerung von einigen Sekunden allerdings, was die Rüge wirkungslos machte).

Was er denn tun wolle, hatte sie gefragt, und Schnürer hatte gesagt, in diesem Fall bleibe ihm kaum etwas anderes übrig als eine Räumungsklage. Er könne ihnen überhaupt nicht kündigen, sagte der Untermieter, jedenfalls nicht ohne das schriftlich zu tun, was er bisher nicht getan habe. Er, sagte Schnürer, habe sich darauf verlassen, daß man sich an eine freundschaftliche Vereinbarung halten werde; im übrigen sei eine Kündigung auch mündlich gültig und für den Fall, daß das notwendig sei, hiermit fristlos ausgesprochen. Er spinne wohl, sagte die Untermieterin, und wo sie denn hinsolle. Der Untermieter war aufgestanden, und noch ehe Schnürer sagen konnte, er sei davon ausgegangen, daß die Suche nach einer Wohnung bereits seit fast drei Monaten in Gang sei, hatten beide die Küche verlassen. Zurück blieben Schnürer und der immer noch (im Gemüse) rührende, möglicherweise (was auch eine Täuschung sein konnte) noch ein bißchen tiefer über die Pfanne gebeugte Freund.

Das sei ja ein feiner Salat, hatte Schnürer gesagt, sofort peinlich berührt von der ungeschickten Formulierung, die der Freund, so hoffte er, nicht auf den Inhalt der Pfanne beziehen würde. Er, sagte der Freund, ohne aufzublicken, verstehe ihn grundsätzlich ja; es sei eben ein Schlamassel. Was er denn tun solle, fragte Schnürer, und der Freund wiederholte, er verstehe ihn ja, ihn dürfe er aber in dieser Angelegenheit nicht um Rat fragen. Dann drehte er das Gas ab und verließ, die dampfende Pfanne in der Hand, die Küche.

Und Schnürer war zurückgeblieben, allein, mit dem zwiespältigen Gefühl, unterlegen zu sein und dadurch aber einen ersten Sieg errungen zu haben, der möglicherweise nur darin bestand, die Abmachung über den Auszug überhaupt zur Sprache gebracht zu haben.

 

 

 

4

 

Nach einigen Tagen unbeständiger, fluchtartiger Wolkenwanderung, katastrophischer Regengüsse und nachfolgender kühlgrauer Vor- und Nachmittage entbrannte Mitte August der Sommer, wie er das nur in der Stadt tut. In den süßen Duftdunst der Pappeln und Platanen mischten sich Schleier von Bratwürsten, heißer Butter, Mülltonnenfäule und Straßengift. Der Wind häufte den flockigen Schnee der Robinien in Ecken und Stufen, ließ schwerelose Watte in dichtem Gestöber vor der Sonne tanzen und funkeln wie in einer inkongruenten Doppelparodie des (unvorstellbaren) Winters.

Während Schnürer in alten Aufzeichnungen, Photoalben und Taschenkalendern blätterte und auf Angelikas Anruf wartete, überkam ihn in wiederkehrenden Schüben ein wohlig kribbelnder Grusel, als ihm sein Leben als System einander überlappender Kreise aufschien, Räume um Orte, gefüllt mit Gesichtern, Stimmen, Tagen, die bei seinem nie bewußt vollzogenen Übertritt in einen neuen Kreis sich langsam entfernten, dabei immer zu bleiben schienen und jetzt so weit weg waren, als hätte es sie nie wirklich gegeben und als wären sie ihm nur aus Erzählungen von Zeiten lange vor seiner Geburt in Erinnerung geblieben.

Er las Namen guter Freunde, die er nach einem gemeinsam verbrachten Sommer einige Wochen lang, dann Monate und mittlerweile viele Jahre nicht gesehen und gesprochen hatte, ohne es zu bemerken; er fand andere Namen, mit denen er kaum noch ein Gesicht verband, obwohl ihm in seiner eigenen Schreibschrift mitgeteilt wurde, wie vertraut er mit ihnen gewesen sein mußte.

Angelikas anfängliche „Folgsamkeit“ ihren fernen Eltern und dem selbstauferlegten „Lernplan“ gegenüber schwand mit den Tagen, an denen der Regen ausblieb. Sie hatte ihrer Mutter am Telephon von einem neuen Nachhilfelehrer erzählt, einem (zumindest für ihre Begriffe) „älteren Herrn“, der eines ihrer Problemfächer (Geschichte) an der Universität studiert habe und den sie fast täglich aufsuche. Er habe angeboten, gelegentlich zu ihr zu kommen, um ihr den weiten Weg zu ersparen, aber sie wolle in Abwesenheit der Eltern lieber niemanden ins Haus lassen, der diesen nicht persönlich bekannt war, zudem sei er jedoch verheiratet und somit über jeden denkbaren Zweifel und Verdacht ihres Vaters erhaben.

Ihre Mutter sei anfangs skeptisch gewesen, habe sich jedoch überzeugen lassen und schließlich sogar erleichtert gewirkt, erzählte Angelika, und obwohl Schnürer die „Lügengeschichte“ (Angelika protestierte: Es sei fast jedes Detail wahr, und außerdem sei es keine Lüge, ein paar Kleinigkeiten wegzulassen) unangenehm war, fand er sie doch auch spannend.

Gegen Mittag rief sie ihn auf seinem Mobiltelephon an, sie sei wach, und Schnürer räumte sein Vergangenheitsspielzeug ungeordnet in den Schreibtisch, nahm die vorbereiteten Badesachen, stampfte durch den kollektiven Wohnbereich, schloß geräuschvoll die Tür und radelte los.

Sie trafen sich am See, keine paar Schritte entfernt von der Stelle, wo Schnürer vor (subjektiv) sehr langer Zeit unter einem staubgrauen Herbsthimmel einer Entenprozession (oder waren es Gänse gewesen?) zugesehen und über den Untergang seiner Ehe sinniert zu haben glaubte. Die Sonne schwamm in grellem Blau wie eine schmelzende Kugel Vanilleeis; Schnürer küßte Angelika, sie küßte ihn, kindlich spitze Entzückensschreie tönten vom Wasser her, und das Leben schien ihm ein Traum.

Sie kramte in ihrem Rucksack und zog ein Buch heraus: Schnürers Exemplar des „Nürnberger Lernprozesses“ über die Verhandlungen gegen einige Galionsfiguren des Nazisystems. Seufzend legte sie sich auf den Bauch, betrachtete den Umschlag des Werks und fragte Schnürer, ob er auch was zum Lesen dabeihabe. Grinsend zeigte er ihr zwei angegilbte Taschenbücher: „Antimaterie-Alarm“ von H.G. Ewers (Band 115 der Reihe „Perry-Rhodan-Planetenromane“) und „Donald geht ein Licht auf“ (Band 24 von „Walt Disneys Lustigen Taschenbüchern“). „Hey“, sagte sie mit einem Lachen, „ich bin hier das Kind. Du bist doch der Schriftsteller.“

Die Auswahl seiner Lektüre war unter streng nostalgischen Gesichtspunkten erfolgt; am liebsten hätte Schnürer noch je ein Papiertütchen mit zweifarbigen Weingummiteufelchen und „Frigeo-Knusperpuffreis“ mitgenommen (mit zwölf hatte er ganze Sommernachmittage im Garten seiner Großmutter damit verbracht, „Walt Disneys Lustige Taschenbücher“ zu lesen, Titelbilder von Perry-Rhodan-Heften zu betrachten und den bunten Puffreis zu essen, wobei er jedes einzelne Körnchen mit den Fingern flachdrückte und auf der Zunge zergehen ließ). Er wußte, daß der Zustand, den er mit der Wiederholungsinszenierung anstrebte, nicht herzustellen war (ein leichtes Schweben, als verlöschte die Zeit wie das Sonnenlicht am späten Abend), aber dann tollte er mit Angelika im See herum und schwamm hinaus, bis er kaum noch Luft bekam, hielt sich mit sanften Bewegungen über Wasser, blickte mit dem Mund unter Wasser in den glitzernden, von Mücken durchzuckten Glast zum milchigen Horizont, erinnerte sich an die fernen, endlosen Tage im Freibad, an denen er mit seinen Freunden so lange im chlorduftenden Wasser geblieben war, bis sie blaue Lippen hatten und sich bibbernd, lachend, mit freudetrunkenem Zähneklappern in die warmen Pfützen im Kiesasphalt am Beckenrand legen mußten, um sich aufzuwärmen, und dann fiel ihm plötzlich die genaue Liedfolge auf seiner Sommerkassette aus dem Jahr 1978 ein (von „I Need To Know“ bis „Rocket USA“), und als er wohlig zitternd wieder neben Angelika lag, sich an das warme Handtuch und den Boden drückte, das Donald-Duck-Taschenbuch aufschlug und nach einigen Seiten feststellte, daß ihn die Geschichte („Die Platinquelle“) tatsächlich fesselte, weil er sie fünfzehn Jahre nach dem letzten Lesen nicht mehr auswendig kannte, – da funktionierte die Sache plötzlich doch, und er fühlte sich durchpulst von einem reinen, unbeschreiblichen Glück.

Am liebsten hätte er Angelika von dem Puffreis und der Kassette erzählt, aber er ließ es, weil ein letzter Rest von erwachsener Vernunft ahnte und fürchtete, daß sie damit nichts anfangen konnte, daß sie von seiner lächerlichen Nostalgie vielleicht sogar abgestoßen wäre (die Zeit, in der er die Körner zusammengedrückt und Heftchen gelesen hatte, war von ihrer Geburt rückwärts annähernd so weit entfernt wie der Zweite Weltkrieg von seiner, errechnete er gruselnd). Und so sagte er statt dessen: „Es wäre doch schön, wenn wir jetzt sterben könnten. Was besseres kommt sowieso nicht mehr.“ Und sie nannte ihn zur Belohnung wieder einmal „töricht“, lachte strahlend und sagte, er sei wirklich ein dummes Kind. „Etwas besseres“, sagte sie, „kommt immer.“

Dann kam sie nach ihm aus dem Wasser, war hinausgeschwommen wie er zuvor, fand ihn auf dem Rücken liegend, mit (nicht ganz) geschlossenen Augen, betrachtete ihn eine Weile, lächelnd, zupfte ihn dann am Ohr und legte sich auf ihn. Obwohl ihre Wangen und Arme von der Sonne glühten, waren ihr Bauch und ihre Lenden noch kühl vom Seewasser. Sie küßte ihn, suchte in seinem Mund nach etwas, was sie noch nicht kannte, dann sahen sie sich an, aus einer Entfernung, die die Augen größer erscheinen ließ, als sie waren, weil man Augen so nah sonst nie sah.

„Ich habe übrigens einen Freund“, sagte sie, entfernte sich ein Stück und senkte den Blick auf seine Brust. Er schwieg, pulsierte (hatte er so etwas nicht von Anfang an erwartet und nur inzwischen vor lauter Gier vergessen?), sah zur Seite, schnitt bunte Figuren auf grünem Gras aus, um sie in sein Erinnerungsalbum katastrophischen Unglücks einzukleben, wartete.

Aber das sei schon lange nichts mehr, sagte sie, nahm sein Gesicht in die Hände, tröstend („Hey, du!“); sie müsse das eben nur beenden, und zwar bald, wisse nicht wie, aber es müsse sein.

„Warum“, fragte Schnürer, in blindem Masochismus weitere Verletzungen herausfordernd, sah sie an, ihren Mund zuerst, dann die Augen, und die ihren zuckten, als wären sie dabei, ein geheimnisvollen Regeln folgendes Rastermuster seines Gesichts zu erstellen. Als sich ihr Blick wieder fand, sagte sie, was er denn glaube, warum sie bisher noch nicht mit ihm geschlafen habe. Ob er glaube, sie wolle das nicht. Sie wolle es sehr, könne es aber nicht, bevor diese Sache nicht beendet sei. Schnürer spürte, wie Tränen aus seinen Unterlidern hervorquollen, und da lachte erst sie („Hey, du!“), dann auch er, und dann umarmten sie sich mit einer Heftigkeit, als wollten sie ineinander versinken.

 

 

 

5

 

Die Sache mit der Wohnung wurde nun richtig unangenehm. Das Julimonatsende war vergangen, und zwar traten im Verhalten der Untermieter gewisse Veränderungen ein, die jedoch nicht auf eine baldige Lösung der Angelegenheit hindeuteten. Statt ihnen zu begegnen, hörte Schnürer nur noch das Zuklappen jeweiliger Türen nach einer Ortsverlagerung. Wenn er anwesend war, spielte sich das Leben der Untermieter fast ausschließlich in ihren Zimmern ab (die er nach wie vor nicht zu betreten wagte); selbst notwendige Gänge zur Toilette schienen sie inzwischen planvoll so zu legen, daß ein zufälliges Zusammentreffen mit Schnürer ausgeschlossen war.

So verließ er immer öfter das Haus, ging oder fuhr spazieren, ziellos und auf seltsame Weise auch ortlos; manchmal fand er sich an Plätzen wieder, ohne sich zu erinnern, wie er dorthin geraten war. Kehrte er dann in die Wohnung zurück und wurde durch die (geschlossene) Küchentür entfernter Zeuge einer ostentativ lachenden Vollversammlung, hielt er sich wie zwanghaft auch selbst an die unausgesprochene Vereinbarung, indem er sich in die entlegenste Ecke (an seinen Schreibtisch) zurückzog, in seinem winzigen Reich von der alten Wolldecke verborgen, oder gleich ins Hochbett hinaufstieg, um dort zu warten, bis (derselben unausgesprochenen Vereinbarung folgend) alle wieder in ihren Räumen verschwunden waren, bevor er aufs Klo gehen oder sich etwas zu essen holen konnte. Kam er spätnachts betrunken nach Hause, bemühte er sich nicht allzu sehr, Gegenständen aus dem Weg zu gehen, die, wenn er dagegentrat oder -stieß, scheppernde, klirrende, rumpelnde, knallende Geräusche von sich gaben.

Er hatte per E-Mail einen Hilferuf nach einem Rechtsanwalt ausgesandt und von einem Freund den Tip erhalten, sich an einen gewissen Grünberg zu wenden, der sich, wie um Schnürers Voreingenommenheit gegenüber Menschen der Justiz zu widerlegen, als so sympathisch erwies, daß er ihm bei ihrem ersten Treffen nicht nur von seinem Untermieterproblem erzählte, sondern gleich auch noch das ganze Wegerich-Epos unterbreitete. Grünberg nickte anhaltend und empathisch, sagte dann, er solle sich „vorerst“ keine Sorgen machen, und verfaßte ein Schreiben an die Untermieter, in dem er sie aufforderte, die rechtswidrig belegte Wohnung umgehend, spätestens jedoch zum 31. August zu verlassen, andernfalls er sich gezwungen sähe, gerichtliche Schritte einzuleiten. Schnürer, der eine Kopie des Briefes zugesandt bekam, war beeindruckt, erhielt jedoch schon zwei Tage später die Kopie eines Schreibens der Untermieter, in dem sie (in, wie er zornwallend feststellte, indiskutabler Orthographie und Grammatik) darauf hinwiesen, sie seien die „wahren Mieter“ der Wohnung und dächten nicht daran, vor Ablauf einer gesetzlichen Kündigungsfrist auszuziehen, die sechs Monate betrage.

Grünberg erwirkte daraufhin einen Räumungsbeschluß, auf den die Untermieter diesmal nicht mehr selbst antworteten, sondern einen Rechtsanwalt antworten ließen: Sie sähen generell überhaupt keine Veranlassung zu einem Auszug, wünschten jedoch selbst ein baldiges Ende des Mietverhältnisses, da durch Schnürers betrunkene nächtliche „Auftritte“ und sein „allgemein feindseliges Verhalten“ eine ordnungsgemäße Nutzung der Wohnung nicht mehr möglich sei, und sie würden, sobald eine Ersatzwohnung gefunden sei, die Räumlichkeiten verlassen, bis dahin jedoch keine Miete mehr bezahlen.

Grünberg beschwichtigte Schnürer, er solle sich diesbezüglich keine Gedanken machen; man werde ausstehende Mietforderungen nachträglich einklagen können. Wichtig sei vorerst nur der Auszug.

Die Situation war unerträglich: Die Türen der Untermieter blieben nun ständig geschlossen, so daß Schnürer nicht einmal mehr feststellen konnte, ob jemand da war oder nicht. Er verbrachte seine Tage mit Angelika am See, in Biergärten, Kneipen, Kinos, Diskotheken, ohne auch in dieser Hinsicht einer Lösung näherzukommen: Ihr Freund sei vielleicht verreist, sagte sie, sie wisse es selber nicht, könne ihn nicht erreichen.

Dann, es war bald Mitte September, lag eines Vormittags die Kopie des rechtskräftigen Räumungsbeschlusses im Briefkasten, und nachdem Schnürer einen langen Spaziergang unternommen und zwei Stunden lang an seinem Schreibtisch Dinge getan hatte, die nicht die geringste Bedeutung hatten, ohne ein Geräusch zu hören, wagte er die Tür zum Zimmer des Untermieters zu öffnen, und erblickte darin – nichts als leere Bücherregale und das untere Teilstück eines alten Vertikos, den er von seiner Großtante geerbt und den Untermietern zur Verfügung gestellt hatte. Das Fenster war mit Zeitungen verklebt war, auf denen „Hä hä hä!“ und „Tschüß!“ stand. Im Zimmer der Untermieterin: der Aufsatz des Vertikos, Schnürers alter Futon, sein ebenso alter Kleiderschrank, ein Stuhl und eine derangierte Jalousie. Verwirrt vor Entzücken und explodierender Freude sah er in die Küche, fand dort aber den gewohnten Berg von leeren Flaschen und Pizzakartons – ein Täuschungsmanöver, dachte er, ohne sich ärgern zu können.

Er rief Angelika an und sagte: „Dein Zimmer ist frei“, und sie sagte, sie habe mit ihrem Freund geredet, aber alles weitere ertrank in seinem Glück.

 

 

 

6

 

Die Vorstellung, ihre Tochter ziehe von heute auf morgen aus dem sicheren Elternhaus in eine nur vage umschriebene „Wohngemeinschaft“ mit einer „Bekannten“, war für Angelikas Eltern unerträglich. Sie habe ihnen gesagt, sie sei so gut wie volljährig (zwei Wochen fehlten), berichtete sie Schnürer abends am gewohnten Tresen, aber ihr Vater sei förmlich wahnsinnig geworden, habe ihr in seiner Verwirrung einen Hinauswurf angedroht, den sie bereitwillig angenommen habe, woraufhin er gedroht habe, sie einzusperren oder (oder und) einen beliebigen „Hallodri“ einsperren zu lassen. Ihre Mutter, die sich normalerweise um fast gar nichts kümmere, sei in vollkommener Auflösung dagesessen, habe abwechselnd geheult, geschrieen und apathisch geschwiegen, sich dann aber, wohl befremdet vom hysterischen Auftritt des Vaters, beruhigt und gesagt, es handle sich bei ihr, Angelika, um eine erwachsene Frau, die letztlich tun könne, was sie wolle. Schnürer wagte keinen Kommentar, und Angelika erzählte, sie selbst habe natürlich ebenfalls geweint, den Vater angefleht, die Mutter beschimpft, dann umgekehrt, und schließlich rundheraus gesagt, sie könne auch „einfach so“ gehen und werde in diesem Fall aber den Kontakt zu ihren Eltern „ein für allemal und endgültig“ abbrechen. Da sei dann irgendwann „die Vernunft eingekehrt“.

Noch immer wagte Schnürer nichts zu sagen und zu fragen; er sah sie nur an, wie sie da jetzt lächelte, fast triumphierend, einen Schluck aus ihrem Glas nahm, sich unter den Tresen bückte, aus ihrer Tasche eine Zahnbürste hervorzog und sie präsentierte, mit einem Grinsen, als hätte sie sich eine Auszeichnung erschlichen. Und dann gingen sie, früher als sonst. „Nach Hause“, sagte sie, einen Zeigefinger nach dem seinen ausstreckend.

Die leere Wohnung zu betreten war immer noch ungewohnt für ihn und erfüllte ihn mit einem kaum je gekannten Gefühl von Besitz und Freiheit. Er schaltete sämtliche Beleuchtungen ein, trat ihr voran in jedes Zimmer, mit Gesten und Bewegungen, die so lachhaft waren, daß sie sich nach wenigen Augenblicken kichernd auf dem holzharten Parkettboden wälzten und küßten und am liebsten gebrüllt hätten.

Er begleitete sie ins Bad, stand vor der Tür, bis er sich deplaziert und dumm vorkam, wußte nicht wohin, lief in der weiten Wohnung umher, wartete endlich neben der Leiter zum Hochbett, hörte das quietschende Schnappen der Tür, stieg hinauf und schaute hinunter, sah sie hochsteigen. Als sie neben ihm lag, deckte er sie zu, berührte sie, ließ seine Finger wandern und landete dort, wo es ihm fast unglaublich warm erschien; und sie fragte: „Findest du es richtig, wenn wir das tun?“, und er zog seine Hand ein kleines Stück aus der Gefahrenzone, sagte nichts, nickte vorsichtig, fragte nicht nach, überließ ihr den nächsten Zug. Und sie erhob sich.

Ihr Körper, den er in bis dahin größter Annäherung in einem geizigen einteiligen Badeanzug kennengelernt und von dem er unbewußt angenommen hatte, es werde sich um eine weitere Variation bekannter Grundformen handeln, um eine Zusammenstellung von individuell gestalteten Details, die er als Form und Idee, als Feld von Berührungsempfindungen bereits kannte, erwies sich (das Licht, eine Kerze, blieb an) als die denkbar größte Überraschung diesseits der rätselhaften Nacktheit einer unterernährten Hundertjährigen (und zugleich selbstverständlich deren Antithese, dachte er mit einem Ansprung kleinlicher Peinlichkeit über die gedankliche Verbindung). Sie war sozusagen das ideale Mittel zwischen der schamlosen, vorpubertären, konkreten und doch auf absurde Weise nicht vorhandenen Körperlichkeit einer Zehnjährigen und den erfahrenen Geschlechtsgeräten erwachsener Frauen mit ihren zumindest zu erahnenden individuellen Abnutzungsstellen, wie er sie in der Erinnerung selbst von seiner ersten (damals vierzehnjährigen) Freundin zu kennen glaubte.

Er klebte an ihr, zerfloß in ihr, sie drosselte ihn mit überkörperlicher Hitze, seufzte, hauchte, er trank ihren Mund, ihre Haut, ihre Haare, die in stürmischen Wellen immer wieder über sein Gesicht flossen, tauchte hinab, saugte gierig, schluckend, salzigsüßen Nektar, rang mit Beinen, ließ sich niederwerfen, verrenken, erzitterte an ihrem samtig-tiefen Nabel, erstarb im weichen, ewigen Fleisch ihrer Brüste, warf sie, wurde geworfen, heulte und stöhnte, ließ seine Zunge in ihr Ohr dringen, ihre Nase, ihren Mund, löste ihre Zunge auf in dem seinen, schwitzte in Muskeln, biß und ließ sich beißen, starrte erstaunt in das erdtiefe Glas ihrer Augen, die sich nicht schlossen, als sie zuckte und wimmerte und er sich in ihren weichen Mund zweifach hineingebären wollte und kein Ende fand, und sie packte ihn, zerrte ihn, ließ sich fallen, schien fern und war nah, ihre Hand in seinem Mund, seine Hand in ihrem Bauch, dann er, dann sie; Haut, Knospen, Adern, Wasser, pulsierende Innereien, Worte ohne Sinn, erfüllt von der Urwut über das empörende Naturgesetz, das es nicht gelingen ließ, ineinander, auf alle denkbaren Arten gleichzeitig, vollkommen zu verschwinden.

Von seinem Drängen gerührt oder wenigstens gedrängt, gab sie ihm ihr Hinterteil, das er nahm wie ein Geschenk, ohne darauf zu achten, daß Tränen über ihr Gesicht liefen; er hätte sie für Tränen der Freude gehalten und tat das vielleicht sogar, die eigenen nicht bemerkend. Endlich sanken sie voneinander, aufeinander, bedeckt von brütender, feuchter Hitze, stolz blutend innerlich und müde wie das Universum.

Es gab noch keine Zeit, als Schnürer erwachte, sich vorsichtig aus Angelikas Umschlingung löste, die Leiter hinabstieg und aufs Klo ging. Er stand da, während sein Wasser in die weiße Schüssel lief, atmete, blickte aus dem schmalen, hohen Fenster hinaus in ein tiefes, samtiges Schwarz, in dem weit draußen ein anderes Fenster schwebte, ein braungelb erleuchteter Raum hinter gekreuzten Streben, verziert mit einem rosafarbenen Fleck, plastisch und still, und er suchte vergeblich nach den Worten, die nötig wären, um einem zufällig anwesenden Menschen zu erklären, daß dies das Schönste sei, was er je gesehen habe.

 

 

 

7

 

Nur ein Ferientag blieb ihnen, der mit weichem Nebel, aber wolkenlos begann. Angelika schlief noch (und schnarchte leise, was Schnürer mit zufriedenem Staunen entzückend fand), als er das Fenster zum Hof öffnete, die frische, spätsommerlich kühl duftende Luft hereinließ und so lange hinausgebeugt stehen blieb, bis ihn ein Stechen im Kreuz daran erinnerte, daß er nicht mehr der Junge war, den dieser Geruch einst mit abgründiger Trauer über den vergangenen Sommer und der verzweifelten Hoffnung auf ein paar letzte Tage voller melancholischer Wärme erfüllt hatte.

Er kochte Kaffee, trug drei Tassen nacheinander zum Hochbett, horchte auf Angelikas Schlafgeräusche, die sich veränderten, aber eindeutig blieben, und trank den Kaffee jeweils selbst, in Gedanken versunken, die plötzlich abrissen und nicht mehr zu rekonstruieren waren, als er das Knarren der Hochbettleiter hörte. Angelika schlurfte, nur mit ihrem T-Shirt bekleidet, in die Küche, setzte sich auf seinen Schoß, trank die Kaffeetasse leer und sagte, sie sei „brummig“. Schnürer sagte, dazu bestehe kein Grund; es werde oder vielmehr sei bereits ein wunderschöner Tag, den man am besten beim Baden verbringe, vielleicht zum letztenmal in diesem Sommer. Sie schwieg, verdrehte den Kopf und lächelte ihn an, als hätte sie Zahnschmerzen, blickte dann wieder zum Herd und sagte, sie müsse „ein paar Sachen holen und erledigen“. Voreilig schlug Schnürer vor, sie zu begleiten; wieder lächelte sie, nannte ihn töricht und lehnte sich schwer auf ihn, seufzend, stand ruckartig auf und verließ die Küche. Schnürer hörte sie rumoren, dann stand sie angezogen vor ihm, die Tasche in der Hand, und sagte, sie werde sich „später melden“. Ob sie nicht wenigstens duschen wolle, fragte er. Nein, sagte sie, sie möge das, außerdem seien ihre Eltern sowieso nicht da; küßte ihn, wünschte ihm einen schönen Tag und war weg.

Er verbrachte einen fast zeitlos schwebend ruhigen Nachmittag mit Neitzl am gelb beblätterten Ufer eines Bachs im Englischen Garten, der so satt und still dahinfloß, daß seine Oberfläche wie geschmolzenes Glas glänzte und der Gedanke, ihn zu betreten, gar darin zu schwimmen, in ein anderes Universum verwies. Statt über Angelika zu sprechen, wie Schnürer es eigentlich vorgehabt hatte (auch in der Erwartung, Neitzl würde ihn diesbezüglich ausquetschen), beredeten sie die Umstände und Freuden der Pilzsuche und verabredeten einen baldigen gemeinsamen Ausflug zu diesem Zweck (das Ziel sollte Schnürer bestimmen; Neitzl sei dies „vollkommen egal“, zudem habe er „sowieso keine Ahnung“).

Und dann, weil Schnürer (was ihm am nächsten gelegen hätte) nicht von CULT anfangen wollte, widmete sich ihr Gespräch dem Fußballspiel, weil dies sozusagen ihr Urthema war, und sie verabredeten einen baldigen gemeinsamen Stadionbesuch. Die Karten, beschloß Neitzl, müsse Schnürer besorgen; schließlich sei er noch Student und bekomme sie daher billiger. Erstaunt registrierte Schnürer, daß er den Umstand der Fortdauer seines Studiums völlig vergessen hatte. Nach dem Abschluß seiner Magisterprüfungen und dem Erhalt des Zeugnisses hatte er sich wieder eingeschrieben, nicht um wirklich Doktorand zu sein, sondern weil es ihm nicht lag, Wege zu Ende zu gehen und Entwicklungen mit der Ankunft an einem Ziel abzuschließen. Er brauche, erklärte er Neitzl, lose Fäden, die in das angebliche Fließen der Zeit hineinbaumelten und irgendwann wieder aufgegriffen werden konnten.

Er sei ein fürchterlicher Nostalgiker, sagte Neitzl, habe im Grunde aber schon recht, und dann lachten sie ausgiebig, weil Schnürer mit grollendem Pathos behauptete, die Vergangenheit dürfe niemals sterben, sie dürfe noch nicht einmal vergehen. Er solle Faulkner lieber lesen als ihn falsch zitieren, sagte Neitzl.

Als Schnürers Mobiltelephon ertönte, er die entsprechende Taste drückte und Angelikas Stimme hörte, spürte er, wie er vor Stolz und Scham errötete. Sie sei ziemlich fertig, sagte Angelika, und ob sie sich vielleicht später einfach in der Kneipe treffen könnten. Schnürer beendete das kurze Gespräch mit einem weiteren, gelinde konsternierten Tastendruck, sagte, er könne mit diesen komischen Dingern einfach nicht umgehen, schon weil er gar nicht recht verstehe, wo man da eigentlich hineinspreche, ließ sich von Neitzls genüßlichem Grinsen anstecken und errötete noch heftiger.

Ob das „die Kleine“ gewesen sei, fragte Neitzl. Sie heiße Angelika und sei bei weitem nicht so klein, wie er glaube, sagte Schnürer. Neitzl seufzte: Es habe ihn also „richtig erwischt“; ob er wirklich nach so kurzer Zeit schon wieder etwas so Ernstes anfangen wolle. Er sei seit fast einem Jahr von seiner Frau getrennt, sagte Schnürer. Neitzl nickte: Er sei sich aber hoffentlich darüber im klaren, daß eine solche Sache „immer schwierig“ sei; was ihre Eltern denn dazu sagten? Die, sagte Schnürer, wüßten nichts, würden aber irgendwann sicher alles erfahren; das überlasse er ihr. Neitzl seufzte, diesmal lauter, und als Schnürer auf Nachfrage erklärte, sie wollten nicht zusammenziehen, sondern seien bereits zusammengezogen, seufzte er so laut, daß er selber lachen mußte, schüttelte den Kopf und erklärte Schnürer für „unheilbar“.

Später, im Biergarten, sahen sie zu, wie sich der Himmel tiefgrau überzog, wickelten sich in ihre Jacken (deren Mitnahme Neitzl gegen Schnürers Widerspruch, er gehe „doch nicht in Winterklamotten zum Baden“, energisch befürwortet hatte) und stießen fasziniert kleine, herbstliche Dampfwolken aus. Er, sagte Neitzl, beneide ihn eigentlich um die Leichtigkeit, mit der er das Leben nehme. Für sich selbst könne er sich das nicht vorstellen, er brauche immer zumindest eine gewisse Sicherheit. Da sei er ja bei CULT komplett auf den falschen Dampfer geraten, sagte Schnürer. Anfangs, sagte Neitzl, habe das mitnichten so ausgesehen, außerdem sei er zuvor arbeitslos gewesen, und einen „klassischen“ Job finde man heute sowieso nicht mehr. Nun immerhin kriege er Arbeitslosengeld, Schnürer hingegen müsse schauen, wo er bleibe und wie er in Zukunft seine Miete bezahle.

Das, sagte Schnürer, sei das geringste Problem, weil er gar keine Miete bezahlen müsse, was Neitzl doch wisse, nur ein relativ geringes Wohngeld und die allerdings aufgrund des unrenovierten Zustands der Wohnung und besonders der Fenster nicht unwesentlichen Nebenkosten. Ja, er sei „ein Gesegneter“, sagte Neitzl, und wieso er die Wohnung eigentlich „damals mit seiner Frau“ nicht verkauft habe. Wahrscheinlich aus Voraussicht, sagte Schnürer, lachte, fügte aber sofort hinzu, das wäre ohne eine grundlegende Sanierung sowieso nicht möglich gewesen, und jetzt sei er heilfroh darum. Das dürfe er auch sein, sagte Neitzl, schließlich könne er so sein Leben als „Hallodri“ weiterführen. Bei diesem Wort lächelte Schnürer glücklich, ohne zu verraten, wieso.

Neitzl erzählte, er habe von Sennscheider, der sich wegen „einer alten KKK-Angelegenheit“ noch einmal in die Redaktionsräume begeben habe, erfahren, daß es CULT definitiv weiterhin geben werde. Momentan sei ein Insolvenzgutachter namens Stücklen dabei, den Laden, bei dem es zu zerstückeln (ha ha!) mit einiger Sicherheit nichts gebe, zu durchleuchten; Wegerich habe aber wohl bereits die neue Firma gegründet und sei emsig dabeigewesen, mit Styri ein Heft „zusammenzubasteln“, das in den nächsten Tagen möglicherweise auch erscheinen werde. Ob Schnürer wirklich glaube, aus der CULT-Firma noch Geld rausholen zu können, fragte Neitzl, und Schnürer sagte, daran glaube er nicht, sondern das wisse er: Wegerich habe ihn, Schnürer, zu einem Zeitpunkt mit der Erstellung des Konzepts beauftragt, als es noch gar keine CULT-Firma gegeben habe; also hafte auch nicht irgendeine insolvente oder fiktive oder neue CULT-Firma, sondern Wegerich selbst als Auftraggeber. Dies habe er bereits dem Amtsgericht mitgeteilt, und er werde es notfalls auch der Staatsanwaltschaft mitteilen, wenn Wegerich, dem er von seinem Anwalt eine Rechnung über den gesamten ausstehenden Betrag schicken habe lassen, sich aus der Sache rauszuwinden versuche.

Da sei er ja gespannt, sagte Neitzl, und ob er nicht meine, daß Wegerich in solchen Dingen eine etwas zu große Nummer sei. Wegerich, sagte Schnürer, habe ihn wegen seines Geldes wochen-, ja monatelang hingehalten, ihm noch ein paar Tage vor der Insolvenzanmeldung die Geschichte vom toten Hund erzählt und schließlich einfach behauptet, er, Schnürer, habe Außenstände nur bei einer insolventen Firma, mit der er, Schnürer, jedoch nie etwas zu tun gehabt habe. Das sei ein ziemlich eindeutiger Betrugsversuch, den er sich schon deshalb nicht bieten lassen werde, weil es nicht nur um viel Geld gehe, sondern weil er sich auch nicht „verarschen“ lasse, zum Beispiel von E-Mail-Beschwichtigungen wie der, man könne „alles weitere möglicherweise persönlich und in Ruhe besprechen, wenn sich der Nebel gelichtet und die Wogen geglättet haben“. Inzwischen wisse er durch den Autor Ziller von dutzenden Schreibern und Photographen, denen es, wenn auch mit geringeren Forderungssummen, ähnlich gegangen sei. Wenn sich herausstelle, daß Wegerich das von ihm, Schnürer, angeblich im Auftrag der CULT-Firma, tatsächlich jedoch in seinem persönlichen Auftrag erstellte Konzept mit dieser neuen Firma umsetze und weiterverwende, sei der Betrug erwiesen und Wegerich dran.

Neitzl holte neues Bier, es war inzwischen fast dunkel, und Schnürers Unterkiefer bebte nicht nur wegen der klammen Kälte. Schweigend saßen sie da, tranken, dann sagte Neitzl, er solle sich doch lieber um seine Kleine kümmern und sich nicht in Sachen hineinverrennen, die nur Zeit und Nerven kosteten. Schnürer lächelte, sagte nichts; leicht schwankend („vom langen Sitzen“, meinte Neitzl) gingen sie zu ihren Fahrrädern und verabschiedeten sich. Er wünsche ihm „mehr Glück als letztes Mal“, sagte Neitzl.

Als Schnürer an einer Uhr vorbeifuhr, stellte er entsetzt fest, daß es nach neun war, und trat in die Pedale, als könnte er mit einigen gewonnenen Minuten die Stunde aufholen, die Angelika wahrscheinlich schon auf ihn wartete.

Sie wartete nicht, und wenn sie doch wartete, war es ihr nicht anzumerken: Mit blitzenden Blicken und großen Gesten war sie am Tresen ins Gespräch mit einem Jüngling (sehr schlank, fast hager, ein beinahe das Kinn überragender Adamsapfel, halblange Haare, schmales Gesicht, markante Backenknochen, Jeans, Hemd) vertieft, den Schnürer noch nie gesehen hatte. Er sah nicht nur blendend gut aus, sondern zeigte eine gelassene, überlegene, leicht distanzierte Ruhe, die im Kontrast zu Angelikas Fuchtelei (sie berührte ihn wie zufällig oder – eher – gewohnt, griff nach seinem Oberarm, hielt ihm den zeigenden Finger vors Gesicht, lachte, schien anzudeuten, sie werde sich fallenlassen und wolle aufgefangen werden, sich unterwerfen) die Situation für Schnürer so klar und deutlich machte, daß er sich fühlte, als hätte ihm jemand die Faust in den Bauch geschlagen: Das war ihr Freund.

 

 

 

8

 

Er hatte nicht die geringste Ahnung, wie er sich verhalten sollte, also hielt er, wie er das immer getan hatte, Abstand. Rückte an einen freien Platz am Tresen, gut eineinhalb Meter (drei Menschen) entfernt, bestellte ein Bier und bemühte sich, nicht hinzusehen. Nahm einen fragenden Blick des Kellners entgegen („Das ging aber schnell“, schien er zu sagen), antwortete mit einer Grimasse („So ist das Leben, kann man nichts machen“ oder eine ähnlich dumme Platitüde). Trank, kniff die Augen zusammen, rieb sich übers Gesicht, wie nach einem schweren Arbeitstag, und sagte, ohne es zu wollen: „Ach ja.“ Um ein Haar wäre er in Tränen ausgebrochen.

Dann holte er tief Luft, trank und gewöhnte sich an die Situation. Hörte Angelikas tiefe, sonst beruhigende, jetzt mit aufgeregt schimmernden Perlen besetzte Stimme, ohne ein Wort zu verstehen, konzentrierte sich auf ein leider gänzlich uninteressantes Gespräch zu seiner anderen, rechten Seite („Kann ich mir nicht vorstellen!“ – „Aber freilich!“ – „Ach was, Unfug!“ – „Mußt nur ein neues Ritzel einbauen, schon strafbar!“ – „Hör doch auf!“), trank, stellte sein Glas ab und wollte gerade einen Blick auf das Paar wagen, als Angelika neben ihm stand, die Hände in den Hosentaschen, vorsichtig lächelnd: Er sei ja schon da, was er da mache.

Er wolle nicht stören, sagte Schnürer, sich mit ungeheurer Mühe halb wieder abwendend und nach seinem Glas greifend. Er sei betrunken, sagte Angelika, und rede Blödsinn. So sei das Leben, sagte Schnürer. Ob das ihr Freund sei. Ja, sagte sie, allerdings betrachte sie ihn als Exfreund und nenne ihn Alex. Angelika und Alex, das klinge gut, sagte Schnürer, versuchte ein kurzes, grimmiges Lachen, das gänzlich mißriet. Er wolle nicht stören, sagte er noch einmal, sah sie dabei so flehend wie möglich an, und sie blickte irritiert zurück. Was sie jetzt tun solle? Es sei ihr Leben, sagte Schnürer, und jetzt fiel ihm selbst auf, daß er betrunken war.

„Geh bloß nicht weg, du Tölpel“, sagte sie, viel sanfter, strich mit dem Handrücken über seinen Arm und ging zur Toilette. Schnürer sah ihr nach, bewunderte ihren Gang, weil er so normal war, bewunderte ihre Gestalt, ihre Figur, weil sie ihm so außergewöhnlich erschien. Als sie verschwunden war, ging er selbst aufs Klo, wusch sich lange die Hände, wartete. Öffnete dann die Tür, schaute hinaus, sah sie wieder bei ihrem Freund stehen, der jetzt seine Jacke anhatte und, schon im Aufbruch, eine Zigarette ausdrückte, mit zusammengekniffenen Augen; wie ein Filmstar, dachte Schnürer, und: Was bin ich für ein Depp. Sie küßte ihren Freund auf die Wange, nicht ganz flüchtig (oder doch?), und er ging. Sie hätte ihn nicht wegzuschicken brauchen, dachte Schnürer, du hättest ihn nicht wegzuschicken brauchen, Scheiße, was bin ich froh, daß du ihn weggeschickt hast.

Ob er schlecht gelaunt sei, fragte Angelika, vorsichtig. Er schüttelte den Kopf, trank sein Bier aus, deutete auf das leere Glas, der Kellner nickte. Sie sah Schnürer an, prüfend, hob dann mit zur Seite geneigtem Kopf die Augenbrauen, bestellte ebenfalls ein Bier. Fragte ihn, was das denn solle. „Was ‚das?“, fragte er. Sie habe ihm doch erklärt, sagte sie, daß die Sache „noch schwierig“ sei. Alex sei ein furchtbarer Kerl, eifersüchtig, egoistisch, jähzornig, aber sie habe viel mit ihm „durchgemacht“ und könne ihn jetzt nicht so einfach „abstellen“. Wie einen Automaten, sagte Schnürer, immer noch in sein Glas starrend. Ja, sagte sie, und es sei auch deshalb schwierig, weil sie außer Alex nie jemanden gehabt habe; alle ihre Freundinnen und Freunde kenne sie „über“ ihn. Schnürer nickte. Und die, sagte Angelika, hätten übrigens auf ihn, Schnürer, einen ziemlichen Haß. Die wüßten doch gar nichts von ihm, sagte Schnürer, er kenne die doch auch nicht. Sie ahnten immerhin, sagte sie, daß er sich zwischen Alex und sie dränge, das sei für die genug: der alte Mann und das vermeintliche Traumpaar. Es sei schwierig.

Schnürer starrte in sein Glas, wandte dann, da sie schwieg, den Blick zu ihr, wie sie da stand, mit hängenden Armen, das Gesicht verzerrt von einem so flehenden Blick, daß er ihren Arm nahm, ihre Hand betrachtete; und sie fiel ihm um den Hals, mit solcher Gewalt, und schluchzte, so laut, daß er sie nahm, drückte, festhielt, und als ihr Schluchzen nicht enden wollte, war ihm das nicht peinlich, sondern er war stolz darauf, wollte sie beschützen, retten, besitzen und jedem, der glaubte, auch nur eine Bemerkung machen zu müssen, die Seele aus dem Leib prügeln. Nein, gar nichts tun, sie nehmen, aus der Welt verschwinden in die Einsamkeit und sie wärmen. Ich liebe sie, dachte er, verdammte Scheiße, ich liebe diese Frau; und während er in ihren bittersüß duftenden Haaren (immer noch nicht gewaschen, dachte er) versank, wiederholte er den vorwitzigen Gedanken für ihr Ohr, flüsternd: „Ich liebe dich, verdammte Scheiße, ich liebe dich“, und wieder schluchzte sie, wurde dann ruhig, löste sich aus seinem Griff, lächelte ihn mit verheulten Augen, mit laufender Nase und nassen Lippen an und sagte: „Küßt du mich dann, so wie ich bin“, und jedesmal nickte er, „vor den ganzen Leuten? mit dem Rotz im Gesicht? und obwohl ich mir heute die Zähne nicht geputzt habe?“

 

 

 

9

 

Schnürer erfuhr – viel später, als die Nacht schon müde wurde und ein dunkelgrüner Schimmer das tiefe Schwarz im Zimmer aufzulösen begann –, daß Alex ihre Entscheidung, sich von ihm zu trennen, „nicht akzeptiert“ habe. Das sei nur dummes Theater, habe er gesagt, und über kurz oder lang komme sie „so und so wieder daher“. Von ihm, Schnürer, habe sie nichts erzählt, sagte Angelika, weil ihn das nichts angehe (und aus einer sehr verständlichen Furcht, vermutete Schnürer). Sie wolle aber „endlich aus dem allen raus“, und dann hörte er eine lange Geschichte von fast zwei Jahren, in denen sie schon einmal (für drei Wochen) von zu Hause „weggegangen“ war, als Alex, den sie als Elftkläßlerin auf einem „Herbstbazar“ ihrer Schule kennengelernt hatte, an seinem achtzehnten Geburtstag (am Tag vor Silvester) einen Mietvertrag für ein Apartment im Olympiadorf unterschrieb (ein Zimmer im neunten Stock, eine komplett aus einem Stück Kunststoff gepreßte „Naßzelle“, ein Quadratmeter Flur mit einer Kochplatte sowie ein Balkon, und gegenüber die Lackiererei von BMW, die die ganze Gegend Tag und Nacht mit Lösungsmitteldämpfen „begast“ habe). Schon damals, nach einer ohnmächtig vergammelten Ferienwoche und zehn weiteren Tagen, die nur aus Streiterei bestanden hätten, habe sie sich von ihm getrennt, und damals habe er nur gegrinst, als sie ihm nach der letzten Auseinandersetzung (er war, statt sich auf eine für seine Abiturzulassung entscheidende Kollegstufenprüfung vorzubereiten, mit Freunden in einem Billardsalon „abgestürzt“ und nachmittags vollkommen betrunken „angetanzt“, habe das „Bad“, das sie gerade geputzt hatte, vollgekotzt und sie als „Mama“ beschimpft) den Schlüssel auf die Herdplatte legte, diese auf drei schaltete und die Tür zum letztenmal zuschlug. Zwei Tage danach sei er mit einer schwarzen Rose (geklaut) vor der Schule (die er selbst seit den Ferien nicht mehr betreten hatte) aufgetaucht, und alles sei wieder von vorne losgegangen. Er habe sein Abitur geschmissen, und sie sei zwar nicht mehr bei ihm eingezogen, habe sich aber „gekümmert“, und immer dann, wenn sie nach einem furchtbaren, erschöpfenden Streit angekündigt habe, ihn endgültig zu verlassen, sei er in seinem Suff in Tränen ausgebrochen und habe sie angefleht: wie sehr er sie brauche, weil er sonst ganz „vor die Hunde gehe“. Das sei ihr Bild für die Erinnerung: Er auf dem einzigen Stuhl in seinem Apartment, in der Unterhose, eine Bierflasche in der Hand, im Fernsehen irgendein tobendes Nachtprogramm, ein verschütteter Aschenbecher, und dann das Telephon, das sie abgenommen habe, immer wieder, und jedesmal nur ein Klicken gehört habe, weil „die Andere“ sofort aufgelegt habe. Die gegenseitigen Beschimpfungen, Prügeleien (sie konnte sich ein Kichern nicht verkneifen, als sie erzählte, wie sie, als er nachts „noch mal los“ wollte, seine einzige Jeans vom Balkon geworfen hatte, und einen seiner zwei Turnschuhe hinterher, ehe er sie handgreiflich daran gehindert hatte, die gesamte Einrichtung hinauszuschmeißen; und ihr Kichern endete abrupt, als sie sagte, danach habe sie im Flur auf dem Boden schlafen müssen und „das auch noch eingesehen“), der ewig gleiche Trott – sie habe das alles schon so lange so satt. Schnürer fragte, wieso sie sich das gefallen habe lassen, und sie sagte, sie wisse es nicht, sie habe es „halt nicht anders gekannt wahrscheinlich, auch egal“. Und dann ihre Eltern, die jetzt plötzlich, wo sie erwachsen (oder zumindest fast volljährig) sei, mit der „Erzieherei“ daherkämen. Sie wolle „bloß weg, weg, weg“, und als er sagte, ihm wäre es lieber, sie bliebe da, lachte sie, zog ihm das Kissen unter dem Kopf weg und schlug es ihm mit solcher Wucht ins Gesicht, daß es weh tat. „Aua“, sagte er, und sie: „Genau.“

Inzwischen war es hell, und Angelika erinnerte sich mit schlagartigem Entsetzen, daß sie zur Schule mußte, die am ersten Tag Gott sei Dank erst um zehn anfange und nach einer mehr oder weniger langen Rede des für die Kollegstufe zuständigen „Ersatzdirex“ hoffentlich bald wieder aus sei.

Schnürer sah ihr zu, wie sie sich anzog: das T-Shirt in der einen Hand hielt, die Hose in der anderen, das T-Shirt in den Mund nahm, mit wippenden Hüften und hüpfenden Brüsten in die Hose rutschte, die Socken unter seinem Schreibtisch hervorzog (das T-Shirt immer noch im Mund), sie in die Hosentaschen stopfte, den BH anzog, das T-Shirt dabei fallen- und liegenließ, Richtung Bad verschwand, das T-Shirt anzog (ein feuchter Bißfleck unter der linken Brust), die Socken nicht mehr fand, einfach so in die Schuhe schlüpfte, zu ihm hochkletterte, ihn hastig küßte und, als sie schon bei der Wohnungstür war, noch einmal kehrtmachte und die Socken quer durch das Zimmer aufs Fensterbrett segeln ließ. Ein hysterisches Johlen, dann knallte die Tür.

Er verbrachte den Vormittag mit Briefen und E-Mails (Sennscheider schrieb, „den alten Benn“ zitierend: „Der undurchsichtigen Stellung des Geistes in unserer Welt, der uneuphorischen Haltung ihm gegenüber, die wir einnehmen müssen, gilt der letzte Prosasatz dieser Betrachtungen, er ist aus dem ‚Weinhaus Wolf: ‚Du stehst für Reiche, nicht zu deuten, und in denen es keine Siege gibt …“; Ziller sandte eine Liste mit nunmehr zweiunddreißig Namen unbezahlt gebliebener CULT-Mitarbeiter und einer annähernd sechsstelligen Gesamtsumme ausstehender Honorare; Vennemann forderte einen baldigen Biergartenbesuch – es könne ja der letzte sein, zudem sei er „sterbensneugierig“, er könne sich schon denken, worauf).

Ein ungewöhnlich dicker Umschlag trug den Stempel von Grünbergs Kanzlei und enthielt einen Stapel kopierter Blätter: das „Gutachten zum Insolvenzeröffnungsverfahren“, das sich Grünberg über eine ehemalige Kommilitonin verschafft hatte, die jetzt am Amtsgericht tätig war. Mit halber Aufmerksamkeit überflog Schnürer die Seiten, erfuhr, die „tatsächlich betriebene Geschäftstätigkeit“ der Firma habe in der Herausgabe des Stadtmagazins bestanden, schloß aus diversen Aufzählungen und Zahlenreihen, daß es Wegerich und Michalski gelungen war, alle verwertbaren Reste der Firma den Gläubigern zu entziehen, indem sie sie wegen angeblicher Außenstände für ihre eigenen anderen Firmen beanspruchten (die Büroräume seien von Michalskis Projekt-Kultur GmbH nur untervermietet worden, die „Marke CULT“ werde von der EVENT-Print GmbH beansprucht, die wiederum „zum Einflußbereich des Gesellschafters Wegerich“ zähle).

Von dem mysteriösen Investor war nicht die Rede (auch der einst so wichtige Name Wäger tauchte nicht auf), vielmehr sollte laut Gutachten mit guten Verkaufszahlen „das Interesse von Herausgebern erfolgreicher Kultur- und Programm-Magazine in ganz Deutschland und der örtlichen Münchner Presse erweckt werden, um weiteres Eigenkapital rekrutieren zu können. Mit diesem erwarteten weiteren Eigenkapital sollte die auf etwa zwei Verlustjahre projizierte Anlaufphase überbrückt werden.“ Dies sei nicht gelungen, wodurch „fällige Verbindlichkeiten von 936.000 DM bei Außenständen von 92.000 DM“ entstanden seien. Die Büroeinrichtung könne nicht „versilbert“ werden, weil auf ihr „das Vermieterpfandrecht der Projekt-Kultur GmbH“ liege, sämtliche Außenstände seien „mit dem bereits entstandenen Recht zur fristlosen Kündigung wegen Nichtzahlung der Lizenzgebühren“ an die EVENT-Print GmbH abgetreten, „die Antragstellerin“ somit zahlungsunfähig. Da eine Fortführung des Unternehmens unter diesen Umständen nicht möglich und „im Falle der Eröffnung des Insolvenzverfahrens bei freien Vermögenswerten von 4.770 DM mit einer Unterdeckung der Massekosten von 15.130 DM zu rechnen“ sei, könne „die Eröffnung des Verfahrens nicht empfohlen werden“.

Minutenlang starrte er die Kopien an, blätterte vor, zurück, staunte, wie perfekt und ohne Haken Wegerichs Plan aufgegangen war. Das Gutachten erschien ihm wie die Signatur auf einem bösartigen Kunstwerk, das sich mit diesem finalen Akt der Fertigstellung in nichts auflöste.

Schnürer rief den Chefredakteur des kostenlosen Stadtmagazins HIER an, den er vor Jahren bei der Nachfeier einer Demonstration gegen die Regierungspartei kennengelernt hatte, und fragte ihn, was er von seiner Kolumne im EVENT-Magazin halte. Die finde er sehr erfreulich, sagte der gemütlich brummende Mann, im Gegensatz zu dem, was in diesem Heft sonst so drinstehe oder eben nicht drinstehe. Ob er sich vorstellen könne, die Kolumne in seinem eigenen Magazin zu drucken, fragte Schnürer. Der Redakteur lachte, dachte kurz nach und sagte, das könne er durchaus, er müsse dies allerdings mit den lokalen Redakteuren der anderen Stadtausgaben besprechen. Ob Schnürer denn aus einem bestimmten Grund „umziehen“ wolle und dieser Grund eventuell den Namen CULT trage. Wann er den ersten Text liefern solle, fragte Schnürer.

Den Nachmittag wandte er dafür auf, eine Strafanzeige wegen Betrugs zu formulieren; er stellte fest, daß ihm der Umgang mit der juristischen Sprache (oder was er dafür hielt: eine verschlungene, winkelreiche Argumentationskette, mit der es ihm gelang, das entmaterialisierte Kunstgebilde immerhin für seine eigenen Augen wieder sichtbar werden zu lassen) große Freude machte, so große Freude, daß er Angelikas Ausbleiben erst bemerkte, als sie anrief: Sie habe sich „verplaudert“ und wolle jetzt noch zu ihren Eltern fahren, um „ein paar Sachen zu holen und zu klären“. Es könne sein, sagte sie nach einer Pause, daß es ihr zu spät werde. Er solle sich keine Sorgen machen.

Schnürer ging allein zu Bett und schlief alleine ein. Er träumte von einem einsamen Haus unter einem zeitlosen Spätsommerhimmel, mit einem großen Zimmer, in dem er mit Angelika wohnte und die Nächte verbrachte, in zärtlicher Ruhe und ohne andere als geschwisterliche Nähe und Berührung. An den Wänden, im Halbdunkel, hingen Bilder unterschiedlicher Größe: Gesichter, von denen sie ihm nachts, vor dem Einschlafen, erzählte. Dies sei …, dieser bedeute …, jener habe … Manchmal, ohne daß er es sofort bemerkte, verschwand ein Bild, manche tauchten an anderer Stelle wieder auf, mit anderem Gesichtsausdruck. Es war etwas an den Bildern, was ihn beunruhigte, aber da er träumte, wußte er es nicht zu benennen, und sie schien davon nichts zu bemerken, also behielt er es für sich, nachdem er einmal eine Andeutung gemacht hatte und über ihre wütende Reaktion ebenso oder fast so entsetzt gewesen war wie über die Tatsache, daß am nächsten Abend ein weiteres Bild gefehlt hatte: sein eigenes Gesicht, das er an den folgenden Tagen vergeblich an anderen Stellen suchte.

Dann jedoch kam die Nacht, in der, während ihre Worte in seine Ohren perlten, er sich ihrem Reiz nicht mehr widersetzen konnte und sie zu streicheln begann, woraufhin sie seine Hand nahm, sie „töricht“ schalt, nur scheinbar scherzhaft, und ihm sagte, sie wisse nicht, ob sie das wolle, aber sie könne ihm erst gehören, wenn alle Bilder verschwunden seien. Er dachte, es werde bestimmt nicht auffallen, wenn er die Sache ein wenig beschleunigte; wollte, während sie im (nur zu erahnenden) Garten war, ein paar von den Bildern abnehmen, ließ es aber, weil er ein schlechtes Gewissen spürte, und wartete fortan Nacht für Nacht in geduldiger Zurückhaltung. Und durch das Warten entfernte sie sich von ihm, bis er eines Tages entsetzt feststellte, daß die Bilder nicht weniger, sondern noch viel mehr geworden waren. Da stand er auf und wandte sich von ihr ab. „Wohin gehst du?“ fragte sie. „Nirgendwohin“, sagte er, „nur weg, weil ich dir und mir im Wege stehe.“ „Bleib, bitte“, sagte sie. „Nein“, sagte er und ging (die Traumarchitektur einer gründlichen Revision unterziehend) ein paar Stockwerke nach oben in eine winzige Dachkammer, in der nicht mehr Platz hatte als ein kleines Bett und ein Nachtkästchen. Dort lag er und weinte über seine dumme Sturheit: Tausend Bilder wären ihm nun lieber gewesen als ein leeres Bett.

Als er am nächsten Abend in seine Dachkammer trat, lag sie in dem Bett und sah ihn unsicher an. Er freute sich, wußte jedoch nicht, wie er reagieren sollte. Es waren keine Bilder da (und sowieso kaum Wände), auch keine Geschichten mehr zu erzählen. Er redete von irgend etwas, ohne die Traumsprache der Nichtigkeiten, mit der sein Mund den Raum erfüllte, zu verstehen, und da schaute sie ihn wortlos an, stand auf, zog sich aus; zum erstenmal sah er sie ganz nackt, und sie wirkte zerbrechlich, weich und vertraut. Auch sie sagte etwas Sprachloses, küßte ihn, und langsam tauchte er hinab in einen stillen, dunklen See, der, als er sich dessen bewußt wurde, ein wirklicher See war, voll von sich wiegenden Unterwasserminzen, düsteren Grundblüten und bleichen Schuppenwurzeln; und da ihm das widersinnig erschien, erwachte er und hörte die Türklingel, deren Ungeduld darauf schließen ließ, daß sie schon längere Zeit beschäftigt war. Und erst als er den Öffnerknopf gedrückt hatte, fiel ihm auf, daß sein Gesicht naß vor Tränen war.

Nun sei er dran, sagte er zu Angelika, als sie vor ihm stand: Rotz im Gesicht, Zähne nicht geputzt. Igitt, sagte sie, es sei fast Mittag, und sie wolle zum See.

 

 

 

10

 

Er fragte nicht nach der Nacht, die sie allein (ein kleines, freches Fragezeichen) verbracht hatte; er fragte auch an weiteren Tagen nicht danach, als das Fragezeichen größer wurde. Sie traf sich abends „mit Freundinnen“, kam manchmal nachts zu ihm – in einem Schlafanzug aus weichem Flanell und steinerner Müdigkeit –, manchmal nicht. An solchen Tagen rief sie an, sagte, sie übernachte, weil es zu spät geworden sei, bei dieser oder jener oder ihren Eltern, rief dann, eine halbe Stunde später, noch mal an und bat ihn mit viel weicherer Stimme, sich keine Sorgen zu machen. Er liebe sie, sagte er, und sie schien es gerne zu hören. Zumindest widersprach sie nicht.

Sie habe das bisher nie gekannt, sagte sie, als sie wieder einmal gemeinsam am Tresen standen, dieses Gefühl: frei zu sein; ihr Leben zu leben. Er fragte, lächelnd, ob es in diesem Leben einen Platz für ihn gebe, und sie zwickte ihn in die Nase und nannte ihn einen Tölpel. Und dann verabschiedete sich; sie sei noch mit einer Freundin in einer Discothek in der Innenstadt verabredet und komme wahrscheinlich nach. Wahrscheinlich? fragte er, und sie sagte: „Bestimmt.“

Sie kam dann auch, und dann kam sie nicht, kam wieder und wieder nicht, und dann traf Schnürer, der sich – sie war mit „Leuten aus ihrem Kunst-Leistungskurs“ verabredet – auf einen Abend allein eingestellt hatte und diesen nicht in der leeren Wohnung verbringen wollte, sie in der Kneipe, mit vielen Menschen und ihrem Freund, und wieder plazierte er sich ein paar Meter entfernt an den Tresen, schlug das mitgebrachte Buch („Heute ist ein guter Tag zum Sterben“ von Madison Smartt Bell) auf und stellte sich lesend, und wieder kam sie zu ihm, ein bißchen weniger erfreut diesmal, fragte ihn mit einer Spur Ungehaltenheit und einer (deutlicheren) Spur Verlegenheit, warum er nicht gesagt habe, daß er auch weggehen wolle. Das habe er zum Zeitpunkt ihres Telephongesprächs noch nicht gewußt, sagte er, und sie sah ihn an, drückte ihre Lippen schmal, entspannte sie wieder, sagte „Ach was“, küßte ihn und ging zurück zu ihren Menschen; und als Schnürer mit dem Kopfschütteln fertig war, sah er, wie Alex, der Freund, schon wieder seine Aufbruchsszene spielte (zusammengekniffene Augen, die Zigarette an der ausgestreckten Hand im Aschenbecher) und draußen stehenblieb, eine neue Zigarette entzündete; und er glaubte zu sehen, daß er kurz (spöttisch oder verschwörerisch?) zu ihm herschaute. (Hatte der Kerl geblinzelt? Nein, das doch sicher nicht.)

Sie hätte ihn nicht wegschicken müssen, sagte er, und sie sagte, er solle nicht blöd sein, sondern sich in ihre Lage versetzen. Das versuche er, sagte Schnürer, aber es gelinge ihm nicht. Er liebe sie aber. Genau das werde ihr auf die Dauer zuviel, sagte sie. Er sah sie an: schockiert, aufgebracht, unterwürfig, sehnend. Sie wisse es auch nicht, sagte sie, es sei ihr alles zuviel. Statt frei zu sein, habe sie jetzt noch mehr am Hals als „zuvor“. Vor was, fragte Schnürer, und sie winkte ab. Sie müsse nur wissen, was sie wolle, sagte er, und sie sagte, sie wisse es aber nicht; und als er „Dann …“ sagte und mit gereckten Brauen schwieg, schwieg auch sie und sagte endlich, sie fühle sich eingeengt und bevormundet, und sie wisse nicht, was sie wolle, und es werde ihr alles zuviel. Statt ihm um den Hals zu fallen, ließ sie ihn stehen und ging.

Spät nachts, mit rundgeschliffener Stimme, flüsterte sie ins Telephon, er solle sich keine Sorgen machen. Im Hintergrund hörte er etwas klappern und fragte sich bis zum Morgengrauen, was das gewesen sein konnte.

 

 

 

11

 

Er sei gerade an ihm vorbeigeradelt, sagte Wegerich. Schnürer, der mit seinem Mobiltelephon am Ohr auf dem Bürgersteig stand und die Taste zur „Rufannahme“ gedrückt hatte, ohne an etwas denken zu können, bemerkte plötzlich, mit welch einem hysterischen Dröhnen der Verkehr die Leopoldstraße entlangdonnerte, und wartete.

„Vielleicht können wir kurz reden“, sagte Wegerich. Seine Stimme klang quäkend und dünn. Vielleicht lag das an dem winzig kleinen Lautsprecher des Mobiltelephons. Sie verabredeten sich in einem Café an der Münchener Freiheit; er sitze draußen, sagte Schnürer.

Nachdem er das Gespräch mit einem weiteren Knopfdruck beendet hatte, spürte er, wie das Blut in ihm hochwallte und seinen Kopf erhitzte. Er setzte sich an einen freien Tisch vor dem Café. Es war Abend und der Himmel groß und weit geworden, um die hektischen Verrichtungen der Menschen in ihrer Nichtigkeit verhallen zu lassen, was ihm, dachte Schnürer, doch nie ganz gelang, weil die Nacht zu kurz war. Vier Nächte hatte er kaum geschlafen, auf Angelikas Anrufe gewartet, um danach noch aufgewühlter wieder ins Bett zu steigen und noch weniger einschlafen zu können.

Wegerich stand am Tisch, ohne daß Schnürer ihn beim Näherkommen bemerkt hätte. „Hallo“, sagte er, setzte sich, wartete auf die Bedienung, die seine wortlose Bestellung – er deutete auf Schnürers Weißbierglas – mit einem ebenso wortlosen Nicken registrierte. Als das Bierglas eintraf, wollte Wegerich für beide bezahlen, aber Schnürer lehnte ab: Er könne sein Bier „schon noch selbst bezahlen“, obwohl Wegerich sich nach Kräften bemüht habe, dafür zu sorgen, daß das nicht mehr möglich sei.

Was er jetzt mache, fragte Wegerich nach einer Pause, hörbar unsicher, und Schnürer richtete seinen Blick auf die Bushaltestelle. Alles mögliche, sagte er, schreiben, Leuten Texte anbieten. Wegerich nickte, was Schnürer aus dem Augenwinkel sah, nahm einen Schluck und stellte sein Glas ab. Er sehe vielleicht eine Lösung für das „Dilemma“. Ob er ihm eine Mitarbeit bei CULT anbieten wolle, fragte Schnürer mit allem verfügbaren Sarkasmus. Er wisse nicht, fragte Wegerich, und was Schnürer denn vorhabe. Er werde sich sein Geld holen, sagte Schnürer, und Wegerich nickte, einmal.

„Wir konnten nicht wissen …“, begann er.

„Ich sehe das anders“, sagte Schnürer.

Nach einer längeren Pause, die beide nutzten, um die Bushaltestelle zu betrachten, sagte Wegerich vorsichtig, er könne sich in der Tat vorstellen, Schnürer ein Angebot zu machen. Er, Schnürer, schreibe großartige Texte, und er, Wegerich, gebe ein Magazin heraus, das gute Autoren „immer brauchen“ könne. Schnürer bellte ein leises Lachen und schwieg. Er, Wegerich, wisse, was Schnürer könne, sagte Wegerich, und Schnürer wisse das auch. Er arbeite ja für ihn, sagte Schnürer, er schreibe ihm ja „Konzerttextchen“ für sein „Eventheftchen“. Und eine ausgezeichnete Kolumne, sagte Wegerich.

Schnürer sah ihn mit nur halb gespielter Verwunderung an, spürte ein ungerechtes Triumphgefühl in sich aufwallen. Das sei nicht richtig, sagte er. Wie er das meine, fragte Wegerich, zum erstenmal, seit Schnürer ihn kannte, deutlich irritiert und verwirrt. Die Kolumne erscheine seit einer Woche im HIER, sagte Schnürer. Ob Wegerich das noch nicht bemerkt oder von „seinen Leuten“ mitgeteilt bekommen habe? Wegerich sank zusammen und schüttelte langsam den Kopf.

Wegerich werde verstehen, sagte Schnürer (und fühlte sich noch ungerechter, was er jetzt aber mit einem merkwürdig pulsierenden Gefühl genoß), daß er Texte dieser Art, in denen es um „solche Sachen“ gehe, nicht ausgerechnet dort veröffentlichen könne, wo genau solche Sachen passierten.

Wegerich war immer noch dabei, seinen Kopf zu schütteln, so wie er früher, erinnerte sich Schnürer, geradezu konvulsisch zu nicken gepflegt hatte, wenn ihn etwas nicht interessierte. Das sei schade, sagte er endlich, aber er müsse es wohl so akzeptieren. Im Stehen trank Wegerich noch einen Schluck Bier, ließ ein zaghaftes „Ciao“ (ohne Blick) fallen und verschwand Richtung Bushaltestelle in der funkelnd erleuchteten Dunkelheit.

Am nächsten Tag erhielt Schnürer eine E-Mail von einem ihm unbekannten freien Autor, der sich als „Kollege“ bezeichnete („auch Musikjournalist“) und sich „dringend“ nach den Honoraren und der Zahlungsmoral beim EVENT-Magazin erkundigte. Man habe ihm dort „sehr kurzfristig“ eine Mitarbeit angeboten; er müsse sich „sehr schnell“ entscheiden und bitte um Schnürers Rat. Schnürer antwortete sehr ausführlich, legte die CULT-Geschichte ebenso eingehend dar wie die chaotischen Arbeitsbedingungen und die am unteren Rand des Üblichen einzuordnende Bezahlung, erklärte die persönlichen Verbindungen und Verstrickungen, äußerte die Vermutung, es gehe bei dem Angebot darum, ihn, Schnürer, für die Verlegung seiner Kolumne ins HIER abzustrafen und auszubooten, und ließ eine leise (gespielte) Besorgnis anklingen, möglicherweise werde auch das EVENT-Magazin vom Strudel der diversen Anzeigen, Klagen und Prozesse verschluckt werden, bat dann darum, der „Kollege“ möge ihn auf dem laufenden halten.

Erst als er die Mail abgeschickt hatte, kam er auf die Idee, zu erforschen, ob es diesen „Kollegen“ überhaupt gab. Er sollte nie wieder etwas von ihm hören, ebensowenig wie von der Redaktion des EVENT-Magazins, die ihn bis dahin unregelmäßig, aber stetig mit zu betextenden Veranstaltungsterminen beliefert hatte. Das Ausbleiben der Aufträge fiel ihm vorerst nicht auf.

Abends stand er neben Angelika, die mit ihren Freundinnen einen fröhlich summenden Bienenschwarm bildete, dessen Summen Schnürer nicht darüber hinwegtäuschen konnte, daß er von keinem dieser Mädchen angesprochen und mit mehr als einem gelegentlichen geringschätzigen Blickblitz bedacht wurde, und erzählte ihr die Geschichte, episodisch. Als die Freundinnen gegangen und sie bei ihm geblieben war, erzählte er noch einmal alles, zusammenhängend nun, und Angelika fragte, ob er nicht ein bißchen zu sehr übertreibe. Was er denn übertreibe, fragte Schnürer, und sie sagte (ihr Arm auf seiner Schulter, die andere Hand an seinen Fingern zupfend), er hätte Wegerichs Angebot auch annehmen können.

Das sei doch völlig unmöglich, sagte Schnürer, wollte zu einem moralischen Sermon ausholen, aber sie bremste ihn: Er habe ja recht. Sie an seiner Stelle, sagte sie, hätte genauso reagiert. Vielleicht, fügte sie hinzu (und grinste dabei so, daß die „Ich liebe sie“-Schleife in Schnürers Kopf sofort wieder loslief), hätte sie „dem sogar sein eigenes Bier über den Kopf gekippt“.

In dieser Nacht schlief sie bei ihm, jedoch nicht in „seinem“ Hochbett, sondern in „ihrem“ Zimmer, wo einst (vor drei Wochen? dachte Schnürer und fand das unglaublich) die Untermieterin gehaust hatte. Dort stand immer noch sein alter Kleiderschrank, jetzt von ein paar Angelika-T-Shirts und Angelika-Hosen notdürftig bevölkert; dort lag immer noch sein Futon, dort stand jetzt ihre Reisetasche, auf dem Fensterbrett ein kleiner Blumentopf (eine Grünlilie, hatte Schnürer erklärt; sie hatte gesagt, sie möge das lauchige Pflänzchen, weil sie es selbst gezogen habe, aus dem Ableger einer verfaulten und vertrockneten Mutterpflanze, die sie in der Mülltonne der Nachbarin gefunden habe – Schnürer hatte nicht gefragt, was sie in der Mülltonne gesucht habe) und ein Aufstellrahmen mit einem Bild, das ihre Eltern am Tag der Hochzeit zeigte – zwei schwarzweiße Menschen, belebt von dem Irrtum, ein tagtäglich ewiges Glück gewonnen zu haben.

Er müsse, sagte Schnürer, ihr noch ein Geburtstagsgeschenk geben. Der Tag von Angelikas Volljährigwerdung war der Tag ihrer größten Entfernung gewesen: Sie hatte, als er sie kurz vor Mitternacht auf ihrem Mobiltelephon angerufen hatte, verwirrt reagiert, war kaum zu verstehen gewesen; das Gespräch war mitten in seiner Erklärung, er liebe sie, von vielkehligem Gelächter unterbrochen und plötzlich beendet worden. Er hatte auf einen Rückruf gewartet, war wach geblieben bis zum späten Vormittag, dann am Küchentisch im Sitzen eingeschlafen, war abends in unwirklichem Zustand gleichzeitig mit einem schwellenden Zorn in seinem Bauch erwacht, hatte bis zum nächsten Tag vergeblich gewartet, sie dann endlich doch angerufen und gehört, es sei „ganz lustig“ gewesen; sie wollte jedoch nicht mehr erzählen, als daß es auch „eine Art Abschied“ gewesen sei.

Ein Geschenk! rief sie, klatschte in die Hände, zappelte mit den Beinen, während Schnürer hinauslief, die wie eine Buchminiatur handgebundene Abschrift seines Traums von dem einsamen Haus, den Bildergesichtern und der Dachkammer aus seiner Schreibtischschublade zog und ihr überreichte (ohne Geschenkpapier – der Vorgang des Lesens wäre im übertragenen Sinne eine Art Auspacken, hatte er gedacht).

Das sei wunderschön, sagte sie, nachdem sie den Text (im Schneidersitz) in einem Zug (zehn Minuten) gelesen hatte, wurde bei diesen Worten weich und sank ihm in die Arme. „Du bist viel zu gut zu mir“, flüsterte sie, und er antwortete, da irre sie sich ganz gewaltig. Sie wiederholte ihren Satz, ohne den bittersüßen Zucker der Ironie, wiederholte ihn noch einmal, drängend, wütend, setzte sich auf ihn, sagte: „Du bist viel viel viel zu gut zu mir“, öffnete gewaltsam seine Hose, zerrte ihm das T-Shirt über den Kopf, fiel über ihn her, als wollte sie verzweifelt etwas fordern, was er ihr nie würde geben können. Ob er verstehe, was sie meine, fragte sie drängend.

Es war das dritte Mal, daß sie miteinander schliefen. Das vierte Mal ereignete sich nach einer Pause von wenigen Minuten, das fünfte in der Morgendämmerung; und wenn er gewußt oder auch nur geahnt hätte, daß es das letztemal sein würde, hätte er sie festgehalten, als sie sagte, sie müsse jetzt „ausnahmsweise“ duschen, hätte sie ins Bett zurückgezerrt, als er hörte, wie sie (unangestrengt) stöhnend den Hebel der Kaffeemühle drehte (die sie, wie er wußte, dabei zwischen ihren schlafwarmen Oberschenkeln festgeklemmt hielt), hätte sie angefleht, zu bleiben, als er sich aus dem Labyrinth der mehrfach befleckten und verzwirbelten Bettdecke befreit hatte und sie im Bad vor dem Spiegel stehen sah, den Kaffeebecher in der einen Hand, die Zahnbürste in der anderen, hätte sie niemals gehen lassen, wie sie dann ging: mit einem Kuß, einem „Huch!“ (ihm den Becher überreichend, kichernd), noch einem Kuß, einem Blick über die Schulter, einem weiteren Blick über die Schulter, den er, sich ihrer und der Zukunft so sicher, mit geschlossenen Augen erwiderte.

 

 

 

12

 

Wieder verschwand sie, für zwei Tage, langte dann zum erstenmal, seit er sie kannte, nach ihm (und immerhin ohne Begleitung) am Tresen an und erklärte ihm, er müsse sie verstehen. Sie könne sich nicht dagegen wehren, daß sie Alex, ihren Exfreund, „irgendwie“ noch liebe, obwohl sie dagegen ankämpfe, und Schnürers Liebesbeteuerungen machten ihr alles nur noch schwerer. Schnürer schwieg die meiste Zeit, schüttelte den Kopf, nickte, schüttelte wieder den Kopf; er sei doch auch noch verheiratet, sagte sie, er müsse doch wissen, wie das sei. Das wisse er nicht, sagte er mit empörter Überzeugung.

Sie ging, ohne ihm zu sagen, wohin sie ging. Am nächsten Morgen rief sie ihn an: Sie sei verzweifelt. Wo er sie abholen solle, fragte er, und sie sagte, er solle gar nichts. „Es wäre das beste, wenn ich weg wäre“, sagte sie. Er wollte schreien, schrie, aber sein Schrei verhallte in der leeren Wohnung; sie hatte aufgelegt.

Er ging, fuhr, wollte nicht bleiben, traf fremde Menschen, plapperte, lachte sein bitterstes Lachen, taumelte, kroch nach Hause und fand – es war drei Uhr morgens – die Tür zu ihrem Zimmer geschlossen, einen Zettel mit einer Reißzwecke daran befestigt: „Ich bring mich nicht um, es ist aber trotzdem zu. Gute Nacht!“

Er setzte sich in die Küche, öffnete noch eine Flasche, versank in zuckender Wirrnis, hörte die Tür sich öffnen; sie schlich in die Küche, erschrak zu Tode bei seinem Anblick, schwankte aber selbst auch, hielt sich an der Tischkante fest, flüsterte, ihr sei so wahnsinnig schlecht. Er rumpelte geräuschvoll hoch, wollte sie halten, fiel wieder in den Stuhl, sagte gurgelnde Geräusche, sie lachte, ein kurzes „Ha“ oder „Hi“, stützte sich auf, sah ihn an, schüttelte den enttäuscht, geisterbleich grinsenden Kopf, öffnete den Mund, als wollte sie etwas sagen, hielt sich die Hand vor und schloß ihn wieder. „Pille“, sagte sie nach einer Weile. „Nicht gut. Kotzen nicht gut.“ Er verstand alles und nichts, winkte ab, trank, versuchte das an- und abschwellende Rotlicht in seinen Augen zu steuern, während sie (Hand links, Hand rechts) ins Bad taumelte, die Tür schloß; erleichtert nahm er wahr, daß sie sich nicht übergab.

Der Wasserhahn lief, lange. Als sie wieder vor ihm stand, entwaffnet und nur sie selbst (die Schlafanzughose verkehrt herum an), versuchte sie noch einmal ein Grinsen, er winkte wieder ab, griff nach ihrer Hand.

„Laß“, sagte sie.

„Mein Traum“, lallte er.

„Nein“, sagte sie, „nicht.“

„Nein“, sagte auch er, weil sie ihn nicht verstand. Er hörte ein Geräusch aus ihrem Zimmer, es konnte auch – nein, es konnte nicht. Scharf und verletzt blickte er sie an, wandte sich ab, drückte drei Tränen aus einem Auge.

„Nicht“, sagte sie, streckte ihre Hand aus, zog sie, als er ihr auswich, wieder zurück; und als sie aus der Küche schlurfte, hörte er das knackende Stöhnen eines unterdrückten Schluchzens. Er horchte auf ihre Schritte, sie blieb stehen, aber er blieb sitzen, und dann war die Tür wieder zu.

Als er nach ungewisser Zeit aus seiner Bewußtlosigkeit erwachte, war es immer noch dunkel. Er hatte die Zimmertür gehört, hörte Zischeln, wieder die Tür, sagte laut, das sei nun wirklich zu blöd, hievte sich hoch, kletterte in sein Bett und zwang sich zu lautstarkem Weinen. In der Morgendämmerung (nicht tiefgrün: grellgrau) schlich er hinunter, und nun war das Zimmer offen, ein dunkles Loch fremder Wärme. Er wagte nicht hineinzuschauen, schlich in die Küche, setzte Kaffeewasser auf und sah aus dem Fenster ins leuchtende Nichts, als hinter ihm die Badtür aufging und Angelikas Exfreund Alex vor ihm stand, nur mit einem T-Shirt bekleidet, sich räusperte, „Morgen“ sagte, hinausging und im Zimmer verschwand.

Schnürer drehte das Gas ab, goß das lauwarme Wasser ins Spülbecken, schüttete den frischgemahlenen Kaffee in den Mülleimer, warf seinen Becher und den Löffel hinterher, verließ die Küche, so leise es ihm in seinem rot wallenden, hilflos verzweifelten Jähzorn möglich war, zog irgend etwas an und schlüpfte zur Wohnungstür hinaus.

Draußen war der graue Morgen dabei, sich in einen strahlenden Herbsttag zu verwandeln. Er stapfte die Straße entlang, ohne zu wissen, wohin er ging; ging, ging, ging, bis er an der Leopoldstraße anlangte, ließ sich vom sinnlos frühen Autoverkehr bedröhnen, fühlte die Kraft des Vakuums in sich, während er dahintrottete, setzte sich vor ein Fast-food-Restaurant, wich dem Wasserstrahl aus, mit dem ein uniformierter Angestellter den Gehsteig von leeren Verpackungen, Laub und Glasscherben reinigte, versank in sich, tauchte wieder auf, ließ sich an dem Verkaufsschalter eine Dose Bier geben, zwang die herbkalte, ätzend prickelnde Flüssigkeit in seine Kehle, versank wieder in sich.

Als die Sonne ihn erfaßte, mit stählernem Strahl, als wollte sie ihn verhöhnen, stand er auf, schloß die Augen, um dem schwarzen Vorhang zuvorzukommen (zu spät), ignorierte das widerwärtig lebendige Treiben und ging nach Hause.

Die Wohnung war, wie er gehofft hatte, leer. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel: „Bitte mach keinen Unsinn, warte auf mich, ich bin um vier da. Es ist alles geklärt, und ich liebe dich. Endlich: A.“

Die Leiter war zu hoch, er rollte sich davor auf dem Teppich zusammen und stürzte in bleierne Abgründe.

 

 

 

13

 

Sie kam nicht um vier, und sie kam auch nicht später. Sie rief nicht an, und als Schnürer die Nummer ihres Mobiltelephons wählte, erfuhr er, „der Teilnehmer“ sei „vorübergehend nicht erreichbar“. Nachdem er sich diese Mitteilung ein paar Dutzend Male angehört hatte, ohne eine Nachricht hinterlassen zu können (sie hasse „nichts mehr als Mailboxen“, hatte sie gesagt, und er hatte ihr beigepflichtet, ohne zu gestehen, daß er selbst nur zu faul war, eine solche „einzurichten“), gab er auf und saß mit leerem Kopf neben dem Telephon, bis er zu müde wurde.

Am nächsten Tag, Mittwoch, erwachte er in eine kalte und fremde Welt, die ihm erst verständlich wurde, als er begriff, daß ihre wesentlichen Eigenschaften (Kälte und Fremdheit) daher rührten, daß sein Kontakt zu Angelika abgerissen war. Das Telephon, das mit gespanntem Kabel neben seinem Kopfkissen stand, schwieg weiterhin, der mobile Nachkomme ebenfalls, auch der SMS-Speicher war leer.

Vor dem Fenster rasten Wolkenfetzen, in blinder Panik, ließen sekundenweise die Sonne aufblitzen wie ein grelles Alarmsignal. Der Sturm riß an Ästen, rüttelte die altertümliche Fernsehantenne auf dem Hausdach gegenüber, ließ sinnlose Gegenstände halsbrecherische Kreistänze aufführen; dann wieder brach schlagartig winterliche Finsternis herein, und vogelkopfgroße Regentropfen zerplatzten zwischen Hagelgrieß. Schnürer sah das alles, hörte auch das Posaunenschmettern im Kaminrohr des kalten Gasofens, das Bienenschwarmsummen der geplagten, undichten Fenster; und doch hörte und sah er nichts, konnte mit nichts (Büchern, Bildern, Erinnerungen, Worten) etwas anfangen, wartete, ans Fensterbrett gelehnt, starrte und wartete, bis die Wolkendüsternis in der Tuscheschwärze der Nacht zerfloß und er kein Gefühl mehr in Armen und Beinen hatte. „Mir ist so kalt“, sagte er, um wenigstens sich selbst zu hören, und die Welt schwieg. Da er sich nicht bewegt hatte, wurde er nicht müde, lag am Boden und wartete weiter, vergeblich.

Als Angelika zwei Tage überfällig war, hatte sich seine Sorge in Trotz und die Geduld in Zorn verwandelt. Er brach seinen Vorsatz, das Telephon nicht anzurühren, solange es nicht läutete, rief Vennemann an und verabredete sich mit ihm für den Abend. Die Wohnung zu verlassen fiel ihm schwer; er fand Ausreden (Hatte er den Schlüssel dabei? War der Anrufbeantworter an? Sollte er nicht lieber etwas zu lesen mitnehmen? einen anderen Pullover anziehen? und so weiter) und schaffte es endlich doch, die Tür zu schließen, blieb stehen, horchte, winkte ab und ging, obwohl er sein Mobiltelephon dabeihatte, mit dem bohrenden Gefühl, Angelika im Stich zu lassen, in irgendeinem, von dem er nichts ahnte.

 

 

 

14

 

„Und, Schnürer, wäre eine ‚Love Parade in München ein Event oder nicht?“

„Schaffel – Vennemann“, sagte Schnürer mit einer kurz aufflatternden Handbewegung und schob ein halblautes „Wie geht’s“ (ohne Fragezeichen) an den ehemaligen Chefredakteur hinterher.

„Die ‚Love Parade. So was in München, wäre das ein Event?“

„Ich weiß nicht, und ehrlich gesagt ist mir das egal. Wie kommst du auf eine ‚Love Parade?“

„Das ist doch keine Antwort!“ rief Schaffel und hielt Schnürer sein Bierglas vors Gesicht. „Auf jeden Fall zum Wohle, auch wenn der Herr Schnürer mal wieder keine Ahnung hat, was ein Event ist und was nicht.“ Er lachte schallend; Schnürer, gezwungen lächelnd, hob sein Glas und stieß mit ihm an.

Vennemann blickte verstört. Schnürer bereute, daß er so höflich gewesen war, den freien Eineinhalbplatz neben dem sichtlich betrunkenen und bis zur Gesichtsröte erregten Schaffel nicht zu übersehen und sich mit Vennemann (der wortlos abgeraten hatte) anderswo an den Tresen zu zwängen. Nun, immerhin, da es für eine Flucht offenbar zu spät war, begann er Schaffel zu ignorieren.

„Ja ja, da hält er nicht viel davon, von Events, der Herr Edelfeder!“ brüllte Schaffel und lachte so laut, daß für einen Moment der Geräuschpegel in der ganzen Kneipe sank, sich sammelte und dann langsam wieder stieg. „Der Herr Schnürer ist intellektuell!“ Dann schwieg Schaffel und grinste triumphierend.

Was das denn für ein Mensch sei, fragte Vennemann vorsichtig. Schnürer erklärte ihm, es handle sich um den ehemaligen Chefredakteur des EVENT-Magazins, einen im Grunde sehr patenten Mann, der im übrigen als Photokünstler tätig sei und mit Wegerich auch schon seine Erfahrungen gemacht habe, die man in einem eventuellen Prozeß möglicherweise verwerten könnte.

„Ja ja, der Herr Schnürer!“ brüllte Schaffel, trank sein Glas leer, stellte es lautstark auf den Tresen und zeigte mit dem Mittelfinger darauf, den Wirt mit vorgeschobenem Kinn anstarrend, als wollte er ihn dressieren.

Nützlich oder nicht – der sei, müsse er sagen, schon ein bißchen komisch, sagte Vennemann.

„Ich bin komisch, ja ja!“ brüllte Schaffel. „Über mich lacht ja auch ein jeder gern! Besonders der Herr Schnürer, gell, Herr Schnürer?“

Er wisse nicht, was es da zu lachen gebe, sagte Schnürer, ohne Schaffel anzuschauen.

„Ein Depp bin ich halt, weil ich dem Herrn Schnürer seine Kolumne erfunden habe, und jetzt verkauft er sie an das HIER!“

Daß Schaffel seine Kolumne erfunden habe, sagte Schnürer, sei ihm neu. Freilich, brüllte Schaffel, wenn man neue Freunde habe, dann scheiße man auf das, was andere für einen getan hätten, man müsse diese anderen in einem solchen Fall nicht einmal mehr fragen.

Vennemann schlug vor, sich an einen freiwerdenden Tisch zu setzen, aber Schnürer spürte nun seinerseits Erregung in sich schwellen. Er frage sich, sagte er, seit wann und weshalb Schaffel sich bemüßigt fühle, das EVENT-Magazin zu verteidigen. Soviel er wisse, habe er seit längerer Zeit nichts mehr mit dem Heft zu tun. Außerdem kenne er Schnürer und seine Kolumne wohl gut genug, um einzusehen, daß er sie nicht in einem Heft erscheinen lassen könne, dessen Herausgeber ihn um dreißigtausend Mark betrogen habe. Er sei ein armer Schnürer, sagte Schaffel, und ob er vielleicht meine, Wegerich habe ihn nicht auch beschissen? Dreißigtausend, da müsse er ja lachen; ihm schulde „der feine Kerl“ mindestens hunderttausend. Warum er ihn nicht verklage, fragte Schnürer, und Schaffel winkte ab. Wegerich, sagte Schnürer, hoffe doch bloß darauf, daß niemand die Geduld habe, so eine Klage „durchzuziehen“.

„Klagen! Klagen!“ brüllte Schaffel. „Diridari! Mein Geld hole ich mir schon, da braucht sich der Herr Schnürer nicht kümmern!“ Er werde, erläuterte er, das „auf seine Weise“ machen, und was es ihn, den Herrn Schnürer, überhaupt angehe, wie er an sein Geld komme. Schnürer wandte sich ab und wollte auf Vennemanns Vorschlag eines Ortswechsels zurückkommen, aber Schaffel brüllte weiter:

„Hier geht es um Ideendiebstahl! Und der Herr Schnürer ist ein Ideendieb! Und dann geht er her und verklagt die Leute! Ein feiner Kerl!“ Er packte Schnürer von hinten an der Schulter, rüttelte ihn und sagte: „Mit was für Leuten ich hier rumstehen muß! Das ist ja das Allerletzte!“

„Dann steh halt anderswo herum“, schlug Vennemann halblaut vor.

„Ja, freilich. Ich stehe anderswo herum, und hier haben wir den Ideendieb!“

Der Wirt, der hinter dem Tresen Gläser spülte, sagte, er wolle „eine Ruhe“. Das könne er nicht erwarten, sagte Schaffel, wenn er solche Leute in seinem Lokal dulde: „geistige Diebe“. Dann trank er sein Bier aus, knallte das Glas auf den Tresen, sagte: „Meinetwegen, das können wir schon haben.“ Sein Bier schmecke „auch wie alte Hundepisse“, zischte er dem Wirt zu, warf einen Schein auf den Tresen und verließ mit hocherhobenem, rot leuchtendem Kopf die Kneipe, ohne einen Blick zur Seite zu werfen.

Ohne zu wissen, wozu er das tat, ohne sich überhaupt bewußt zu werden, daß er es tat, stürmte Schnürer hinterher. Schaffel war ihm körperlich zweifellos überlegen: mindestens einen Kopf größer, dazu muskulös und dank seinem kantigen Gesicht und dem von millimeterkurzen Stoppeln bedeckten Schädel mit der Ausstrahlung eines zähen Partisanen begabt; in normalem Zustand hätte Schnürer sich von einem Mann solchen Formats ohne Gegenwehr beleidigen und verspotten lassen. Jetzt stand er ihm auf dem Bürgersteig gegenüber, in einem Abstand von vier Metern – Schaffel hatte wohl durchs Fenster gesehen, daß ihm Schnürer folgte, und war stehengeblieben –, fixierte ihn und spürte Wellen von Schrei- und Gewaltbereitschaft durch seinen Körper rollen.

Aha, rief Schaffel, grinste und fragte, was anstehe. Er wisse genau, sagte Schnürer, daß nicht ein einziges Wort von dem, was er da behauptet habe, wahr sei. Wenn Wegerich ihn ebenfalls betrogen habe, solle Schaffel seine Wut an diesem auslassen. Er wisse gar nichts, sagte Schaffel. Ob er nicht kapiere, daß Wegerich sie gegeneinander ausspiele, fragte Schnürer. Er kapiere gar nichts, sagte Schaffel, schon gar nicht das, was ihm der Herr Ideendieb einreden wolle. Wahrscheinlich, schrie Schnürer, sei er einfach zu vernagelt und zu blöd, um überhaupt irgend etwas zu verstehen.

Ach, sagte Schaffel mit plötzlicher Aufmerksamkeit und trat einen Schritt auf Schnürer zu, der spürte, wie er vor Angst, Erregung und Peinlichkeit kochte. Das, sagte Schaffel und machte noch einen Schritt, solle ihm Schnürer doch bitte ein bißchen genauer erklären.

Schnürer öffnete den Mund, ballte die Fäuste, brachte kein Wort heraus und die Hände nicht hoch, stand nur da, fühlte dann alles von sich abfallen, sagte „Ach was“ und drehte sich um. Nadeln stachen in seinen Rücken, als er, ohne sich umzublicken, in die Kneipe zurückging. Aha! rief ihm Schaffel nach und ließ ein schallendes Lachen folgen.

Ob er den Kerl jetzt am Ende noch verprügelt habe, fragte Vennemann. Schnürers Lachversuch mißlang so komplett, daß schwer zu sagen war, ob er nicht plötzlich loszuweinen versucht hatte. Wortlos schüttelte er den Kopf, schluckte lange und sagte, er sei einfach total fertig.

Die Tränen kamen, kaum daß er seine leere Wohnung betreten und die Null auf der Anzeige des Anrufbeantworters gesehen hatte; sie begleiteten ihn durch den Rest der Nacht, abwechselnd mit Anfällen von Zorn auf sich selbst. Er schwor sich, nie mehr so dumm zu sein, fühlte sich nüchtern, kalt und leer, und dann brach er wieder zusammen und stammelte minutenlang einen gequälten Monolog vor sich hin, der aus nicht viel mehr als den Wörtern „Angelika“ und „bitte“ bestand.

Am nächsten Morgen hatten sich die beiden Zustände zu einer bebenden Scheinvernunft vermischt und etwas gemildert; das Tageslicht brachte ihn schrittweise zu sich selbst zurück, und er beschloß, alle diesbezüglichen Regelungen und Abmachungen zu vergessen und Angelikas Eltern anzurufen. Nachdem er im Telephonbuch nach der Nummer gesucht hatte, reichte sein Mut zum Drücken der Tasten, nicht aber dazu, eine Nachricht zu hinterlassen.

Am späten Nachmittag versuchte er es noch einmal; diesmal war die Mutter zu Hause. Er sei der Nachhilfelehrer von Angelika, sagte Schnürer und hoffte, den Namen nicht zu deutlich liebevoll ausgesprochen zu haben. Er wolle sich nur erkundigen, warum ihre Tochter gestern nicht zu ihrer verabredeten Stunde erschienen sei, und fragen, wo man sie erreichen könne, um einen Ersatztermin zu vereinbaren.

Ihre Tochter, sagte die Mutter (und im nachhinein empfand Schnürer entsetzte Bewunderung für die Gefaßtheit, mit der sie sprach), könne man gar nicht erreichen. Sie sei am Dienstag gegen Mittag bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Falls noch Zahlungen ausstünden, solle er ihr dies bitte mitteilen. Schnürer stammelte eine Beileidsformel und erfuhr, daß Angelikas Freund am Steuer gesessen und wohl eine Autobahnausfahrt zu spät gesehen habe. Bei dem Versuch, sie noch zu erreichen, sei er wegen überhöhter Geschwindigkeit ins Schleudern geraten und gegen die Leitplanke geprallt; das Auto habe sich mehrmals überschlagen. Den Freund habe man vergebens mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen, ihre Tochter – Schnürer hörte, wie die Gefaßtheit sich aufbäumte und endlich chancenlos war: ein Stocken, ein Räuspern, die Stimme der Mutter wurde auf unheimliche Art melodiös –; ihre Tochter sei regelrecht zerrissen worden und kaum noch zu erkennen gewesen.

Schnürer spürte, wie eine Faust in seinen Brustkorb eindrang, seine Rippen brach, die Lungen zerquetschte, das Herz packte und daran riß; er versuchte Luft zu holen, um etwas zu sagen, machte ein unverständliches Geräusch (eine Art „Ang!“, das „Danke“ bedeuten mochte oder den Namen der Toten oder überhaupt nichts), gefolgt von einem jammervollen Keuchen, sagte mit gepreßt zirpender Stimme, er sei nicht, ließ den Hörer fallen, als wäre er ein monströses Insekt, zog den Telephonstecker aus der Buchse und fiel in eine eigenartige, wache Bewußtlosigkeit, die sehr lange anhielt.

 

 

 

15

 

Wohin sie gewollt hatte, fragte er sich, immer wieder, auf der Autobahn und überhaupt; vollkommen nüchtern stand er an ihrem gemeinsamen Tresen, ein Glas Wasser vor sich, wartete auf das zufällige Erscheinen von Menschen, die er ansprechen, irgend etwas fragen könnte, aber ihre Freundinnen waren verschwunden, als hätte sie sie mitgerissen in die Dunkelheit, das Nichts, von dem Schnürer zum erstenmal in seinem Leben (nein: seit seiner Kindheit) hoffte und sich vielleicht sogar vorstellen konnte, daß es kein Nichts war.

Wo seine Freundin abgeblieben sei, fragte der Wirt, der Schnürers Wasserglas betrachtet hatte und wahrscheinlich Parallelen zu einer Vielzahl von Fällen zog – Tresen wie seiner waren die natürliche Heimat verlassener Menschenwesen, die mit trotziger, demonstrativer Abstinenz ihren Eigenwert wenn schon nicht ihr, ihm oder ihm (dem Wirt), dann doch wenigstens der Welt und sich selbst zu beweisen suchten. Sie sei tot, sagte Schnürer, und das erschrockene „Ach herrje!“ des Wirtes zeigte, daß es keinen Vergleich gab.

Er sprach mit Neitzl, der die Geschichte „furchtbar“ fand und ihm mitleidig riet, er solle sich „ablenken“; er sprach mit Vennemann, der keinen Rat wußte, nur starrte und „Um Gotteswillen“ sagte. Er redete mit Menschen, die er nicht kannte und kaum kennenlernen wollte, und wenn er sie kennenlernte, verweigerte er bei weiteren Begegnungen die Bekanntschaft selbst dann, wenn er sich erinnerte; traf er Menschen, mit denen er eine jammernde Nacht vor sich leerenden und wieder gefüllt werdenden Gläsern verbracht hatte, anderntags auf der hellichten Straße, wich er ihnen aus, beantwortete kein erkennendes Grinsen, wimmelte abendliche Anrufe ab, zog sich für Tage und Tage zurück und betrachtete sinnlose Fernsehsendungen, um das Vergehen der Zeit zu erleben, ohne es zu spüren.

Als er erwachte, als er wirklich erwachte, starrte er in eine grellweiße Sonne, sah schlafenden Schnee vor dem Fenster, erschauerte vor Kälte, berührte mit den Händen seine Schultern und bemerkte, daß kein Geräusch zu hören war außer seinem eigenen Atem. Es dauerte ein paar weitere Tage, bis er keine Tränen mehr hatte und Hunger bekam.

Die folgende Zeit war leer, aber dies immerhin: Sie war.

 

weiter: Teil drei


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer