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Inhalt

(Einführung)

Erster Teil

Zweiter Teil

Dritter Teil

(der ganze
Roman als
PDF)

Wegerichs Heft - ein Roman


Erster Teil

 

 

Dann allerdings könnte für den „letzten Menschen“ dieser Kulturentwicklung das Wort zur Wahrheit werden: „Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz“: dieses Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.

Max Weber, Protestantische Ethik

 

Schönheit ist mit dem modernen Leben nicht vereinbar.

Gustave Flaubert

 

 


1

 

Über ihm hing der Himmel so schwer, daß er Falten warf, in deren Bäuchen sich die Feuchtigkeit grauschwarz verdichtete. Noch war kein Tropfen gefallen; es schien unter den hängenden Wolkenwülsten Uneinigkeit zu bestehen, wann und wo dies zuerst zu geschehen hatte, und der junge Mann auf seinem Fahrrad trat im Stehen in die Pedale, um dem dräuenden Guß zu entgehen, dessen symbolische Vorläufer ihn von innen bereits erreicht hatten: Er schwitzte matte Perlen, während er neben der breiten Ringstraße im Münchner Norden dahinfuhr, die sich im Gegensatz zu ihrer sonstigen Gewohnheit fast leer bis zu dem blaugrauen Vorhang am Horizont streckte; nur gelegentlich brauste ein verspäteter Schwerlastwagen an dem Mann vorbei und schmiß ihm einen süßlich-bitter stinkenden Luftzug hin, dessen weicher Schub das Treten für einen Moment erleichterte.

Seltsam, wie klein ein Mensch wirkt unter einem solchen Himmel, den man sich mit ein bißchen Phantasie als gigantisches, den ganzen Weltenraum ausfüllendes Gehirn vorstellen konnte. Vielleicht war es das, und vielleicht machte es sich prognostische Gedanken über die Geschichten, die zu erleben der junge Mann sich anschickte und die man in angemessen kurzer Form zusammenfassen könnte wie folgt: Menschen kommen daher, tun mit großem Eifer etwas, was vergeblich ist, und gehen, umnebelt von bald verfliegender Verbitterung, wieder dahin, um anderswo anderes zu tun. Doch ist es mit einer solchen Geschichte wie mit den Wolken und den Menschen, die unter ihnen herumlaufen: Je näher man ihnen kommt, desto mehr geraten allgemeine Einsichten und klug erdachte Ähnlichkeiten aus dem Blickfeld. So mag es gerechtfertigt sein, weiterzuerzählen.

 

 

 

2

 

Wegerich mochte die Vorstellung eines offenen Hauses, die er für weitläufig italienisch hielt und mit Begriffen wie Kultur und Urbanität verband: als Begegnungsplatz der Ideen, dem man den Charakter einer Stätte des Wohnens, der Privatheit, nur in diffusen Zügen anmerkte. Das Haus, das er bewohnte, war zum Wohnen ursprünglich nicht gedacht gewesen; es war ein ehemaliges Kasernengebäude, mit monströs hohen Decken, riesigen Räumen, die eine gewöhnliche Zimmereinrichtung arrogant abgewiesen, zum geduckten Provisorium degradiert hätten, weshalb er von vorneherein darauf verzichtet hatte. In der Küche gab es einen großen Tisch mit zwei langen Bänken, was urtümlich, rustikal, wie auch immer, jedenfalls: wirken sollte in dem von ihm intendierten Sinn: als Sammelbecken für Gedanken, als deren Moderator er sich empfand. Er war überzeugt, in einem gesegneten Abschnitt der Menschheitsgeschichte zu leben: dem Zeitalter der Kommunikation, die weitaus mehr und etwas ganz anderes sei als das Weitergeben überkommener Lebenstechniken und Anweisungen. Es gehe, wurde er selten müde zu betonen, um die reine Kommunikation, als solche und aber auch als Akkumulation.

An diesem Abend war er in gewissem Sinne selbst der Ideengeber, aber es war nicht wirklich seine Idee, die er, wie er sich gerne ausdrückte: in die Runde warf (die indes diesmal keine war). Ein Magazin, eine Kulturzeitschrift mit lokalen Schwerpunkten herauszugeben, hatte ihm schon lange, wie er sagte: vorgeschwebt, ihn bewegt. Er mochte die Idee der Bewegung an sich, sprach gerne von der Notwendigkeit des Aufbrechens, Ingangsetzens, Vorwärtsbringens. Sein Vortrag war ein kurzer gewesen, eigentlich nur eine Anregung zum Weiterdenken. Er hatte die Titelseite einer solchen Zeitschrift, die seit vielen Jahren mit großem Erfolg gratis in Großstädten verteilt wurde, leicht verändert, einen neuen Titel darübergesetzt und die photokopierten „Entwürfe“ auf den Tisch gelegt, um Reaktionen zu sammeln. Dazu hatte er strategisch plazierte abwertende Bemerkungen gemacht über bestimmte Merkmale des erfolgreichen Magazins, die er als Grundlage seiner Idee benutzt hatte und nun als Problempunkte brandmarkte, um die Marktlücke deutlich zu machen, in die er hineinzustoßen gedachte. Sein „Hauptaugenmerk“ gelte der „Idiotie“, das lokale Kinoprogramm nicht nach Filmtiteln, sondern nach Kinos zu sortieren („Kein Mensch“, sagte er, sehe sich einen Film an, weil er in einem bestimmten Kino laufe) und keinen Service zu bieten, etwa nähere Angaben zur Größe der Vorführräume zu machen; es war und blieb rätselhaft, wieso er ausgerechnet dieses Argument in den Mittelpunkt seiner Darlegungen stellte, es als Aufhänger benutzte, andererseits ließ sich nachvollziehen, daß er einen solchen nun einmal brauchte.

Es gab, dies sei der Wirklichkeit halber erwähnt, noch zwei weitere Magazine, die seinen Forderungen in unterschiedlicher Form entsprachen – und ihn zur Anprangerung des Mangels angeregt hatten –, die Wegerich jedoch im Gespräch nur kurz streifte. Das eine, das den Titel „MY CITY“ trug, sehe er nicht als Konkurrenz, da es außer miserabel geschriebener Reklame nichts enthielt, was sich dem Bereich Kultur zuordnen ließe, und zudem, von einer Hamburger Zentralredaktion vorformatiert und mit einem Großteil der Texte bereits gefüllt, in normierten Einzelausgaben in allen möglichen Städten erschien, in denen jeweils nur ein paar belanglose lokale Termine und Informationen von Praktikanten hinzugefügt wurden. Das andere war ein bloßes Stadtmagazin und als solches Wegerichs Ansicht nach aufgrund seiner geringen Auflage und Reichweite sowieso nicht der Rede wert.

Zu diesen speziellen Erläuterungen hinzu kamen einige allgemeinere Ausführungen zum Komplex urbanen Lebens, die darauf hinausliefen, daß dieses in Veränderung begriffen sei: Immer mehr Menschen, insbesondere im kreativen Bereich tätige, kämen in die Situation, sich als Folge der modernen Flexibilität und Mobilität in Städten wiederzufinden, die ihnen fremd seien. Da stünden sie nun, nach Ende ihrer täglichen Tätigkeit, mit einem geradezu überbordenden Bedürfnis nach Erlebniskonsum, das von niemandem aufgegriffen und bedient werde. Hier wolle er „hineinstechen“. Er sprach von Kommunikation, die er als Angebot verstanden wissen wolle: Jemand bietet mit einem Event die Möglichkeit, etwas zu erleben, ein anderer hat ein Leben und nichts, um es zu füllen, und durch Kommunikation gelinge es nicht nur, Angebot und Bedürfnis zusammenzuführen, sondern gleichzeitig und weit darüber hinaus ein urbanes Leben zu generieren, das wiederum zu einem stetig anschwellenden Wachstum, zu einer rauschhaften Verdichtung seiner selbst führe. „Die Stadt erleben!“ rief er.

Obwohl sich ihm der Begriff mehrmals geradezu aufdrängte, vermied er es, von Energie zu sprechen, schon gar vom englischen Begriff energy, weil er fürchtete, damit Assoziationen an die seit Jahren diskreditierte Kultur der „Sanyassins“ auszulösen, der Angehörigen jener weltumspannenden Sekte des vor einigen Jahren als Besitzer von mehreren dutzenden Rolls-Royce-Limousinen verstorbenen indischen Gurus Baghwan, die er gleichwohl diskret und heimlich bewunderte, denn im Grunde lag ihm bei seinem Ideal von Kommunikation und Ideenmarktplätzen wenig an den beteiligten Menschen. Es ging ihm um eine weitaus reinere, sozusagen vom Schmutz kleinlicher Verrichtungen befreite Form der Kommunikation, wie sie den stets orangegekleideten Baghwanjüngern auf staunenswerte Weise gelungen war: die Verwandlung von Gedanken, Wünschen, Ansprüchen, Trieben in pures Geld. Das Bild einer aus dem Nichts entstandenen schimmernden Blase von illuminiertem Reinwert lieferte den Hintergrund all seiner Gedanken und Pläne, denn eigentlich konnte er mit Menschen nicht viel anfangen und strebte danach, sein Leben von Abhängigkeiten zu befreien.

Daß darin eine gewisse Paradoxie lag, war ihm nicht gänzlich unbewußt, doch vermied er es, darüber nachzudenken, da ihm planendes Denken abseits betriebswirtschaftlicher Exponentialverläufe ungeheuer schwerfiel und überdies wertlos erschien. Er hielt solches Denken für weltfremd und im Zweifelsfalle durchaus schädlich, für eine Illusion, die jene, die ihr verfielen, fesselte und handlungsunfähig machte. Seine Philosophie, wenn er sie in kurzen Worten ausdrücken hätte müssen, war eine einfache: Man wirft etwas hinein in die Welt, sieht zu, wie es sich entwickelt, schiebt hie und da etwas an, erntet die Ergebnisse und freut sich gemeinsam darüber.

Wegerichs Entwürfe stießen auf skeptischen Zuspruch bei seinem Gast (wir erkennen, obwohl ihn die beiden Kerzen auf dem Tisch aus unterschiedlichen Winkeln verfehlen, den vor dem Regen fliehenden Radfahrer wieder): dem von ihm als intellektuell und ziemlich abgehoben empfundenen Kritiker und Kolumnisten Schnürer, den er über ein anderes seiner Projekte kennengelernt hatte und aufgrund seiner (Schnürers) grundsätzlichen Kritik an und Skepsis gegenüber seiner (Wegerichs) eigenen Philosophie (und vor allem ihren noch radikaleren Vertretern) schätzte. Mit dem Kolumnisten zu sprechen, gab ihm das Gefühl einer elektrisierenden Energiezufuhr, da dieser in wesentlich anderen Bahnen dachte als er und ihm dadurch den Eindruck vermittelte, sein Ideengebäude zu erweitern und selbst Teil eines intellektuellen Kosmos jenseits von Verwertungsstrukturen sein zu können. Er hätte dies anders ausgedrückt, da er sich als Katalysator von Kommunikationen und damit selbstverständlich als integraler Teil derselben empfand. Vielleicht hätte er sich selbst in einem bläulich angenebelten Moment gestanden, letztlich vor allem darauf aus zu sein, das, was er als „Querdenken“ empfand, einer Verwertung zuzuführen; aber hierüber nachzudenken vermied er ebenfalls. Es würde sich schon fügen.

Sein Gast, der, was Wegerichs Hochachtung zu einem wahrscheinlich nicht geringen Teil trug, ihm drei Lebensjahre voraus hatte (und dabei aber jünger wirkte als er selbst mit seinen dreißig, was an Wegerichs streng gestutzten Drahtlocken liegen mochte, die sich über der Stirn bereits deutlich sichtbar lichteten, aber auch an seiner seit Jahren mühsam unterdrückten Neigung, zu schwellen und eine stämmige Korpulenz auszubilden), – dieser Gast schnitt sich ein Stück Käse ab, trank einen großen Schluck Wein und schien auf etwas zu warten, eine Reaktion auf eine skeptische Bemerkung, die dem Gastgeber jedoch entgangen war, da er sich in eigenen Überlegungen verstrickt hatte. Wegerich sah ihn deshalb nur unbestimmt an, was den gewünschten Erfolg zeitigte: Schnürer erläuterte seinen Gedankengang noch einmal. Wegerich hörte diesmal zu, verstand aber nicht, worauf Schnürer hinauswollte, und nickte wortlos. Ein kurzes Schweigen trat ein; das Rauschen des Regens schwoll kaum merklich an. Wegerich kannte dieses Schweigen und hatte sich darauf trainiert, es strategisch einzusetzen: Wer zuerst sprach, bewies, daß ihm das Schweigen peinlich war, und akzeptierte damit, daß der andere die Gesprächsführung innehatte. Es war in diesem Fall nur ein kleines Spiel, denn ohnehin schien Wegerich zu spüren, daß er Schnürer ungefähr und annähernd da hatte, wo er ihn haben wollte: Schnürer würde die Idee des Kulturmagazins weiterdenken, nicht weil sie ihm wichtig war, sondern hauptsächlich weil er sich Wegerich allein durch die Tatsache der Einweihung in dessen Pläne verpflichtet fühlte und vermeiden wollte, ihn zu brüskieren. Der Job als Kolumnist für Wegerichs anderes Projekt – ein Werbeheft für einen Konzertveranstalter – war Schnürer schon wirtschaftlich zu wichtig, um ein solches Risiko einzugehen. Es wäre Schnürer andererseits peinlich gewesen, diese wirtschaftliche Abhängigkeit von Wegerich auch nur sich selbst gegenüber einzugestehen, weshalb er sich (und damit Wegerich) ein größeres, wohlmeinenderes Interesse an der neuen Idee suggerierte, als er aufgrund der vagen Darlegungen Wegerichs tatsächlich empfinden konnte.

So senkte sich frühnächtliche Stille in den hohen Raum, der vom Tisch aus zentral, aber sparsam beleuchtet wurde, was ihm eine scheinbare Unbegrenztheit verlieh. Wegerich, mit breit ausgestellten Ellenbogen gemütlich über die Tischfläche gelehnt, lockerte sein fast kantenfreies, von frisch (und für seine weichen Züge etwas zu kurz) geschnittenen Stoppelhaaren mit einem badekappenähnlichen Randboden umrahmtes Gesicht, indem er mit der Zunge in den Kauflächen seiner Zähne nach festsitzenden Körnern grub, trug dabei ein vertrauliches Lächeln und versuchte Schnürers Blick festzuhalten. Es gelang ihm nicht, da Schnürer, der mit über­einandergeschlagenen Beinen aufrecht auf der Bank saß, einen Arm mit dem anderen festhielt und dabei über die anmutig schwingende Rauchschnur seiner Zigarette mit dem Dunkel dort oben verbunden war, nachdenklicher zu wirken versuchte, als er war (in seinem Kopf herrschte wie meist ein schwirrendes Stelldichein von Satzbruchstücken, Bildfetzen und Melodien), immer wieder anderswo hinschaute (ins Dunkel), seine Augen dann nur unwillig wieder einschwenken ließ (weil ihm das mit einverständlicher Bedeutung überladen schien) und ein deutliches Lächeln unterließ (aus demselben Grund; seine grundsätzliche Skepsis entsprang zu einem nicht geringen Teil dem Bedürfnis nach Selbstschutz vor dem eigenen Hang zu vorschneller Begeisterung, für den er schon als Kind oft mit Einsicht und peinlicher Reue gebüßt hatte).

Vage ahnte Wegerich, daß es früher oder später zu gewissen Konflikten kommen könnte, da Schnürer bei aller erzwungenen Servilität ein eigensinniger Mensch war (was er ja gerade so schätzte), der bei jeder Gelegenheit über „den Kapitalismus“ und seine aktuell gültige „neoliberale“ Variante herzog. Aber das reizte ihn an der Kombination: Würde es ihm in solchen Fällen gelingen, die jeweiligen Einzeldispute so sehr zuzuspitzen und zugleich zu entschärfen, daß er die Ergebnisse von Schnürers konfliktbefeuerten Denkprozessen für sich und die Sache nutzen konnte, ehe ein grundsätzlicher Konflikt (und gar eine mögliche Trennung) absehbar würde?

Er hatte eine gewisse Erfahrung mit solchen Situationen. Bei seinem anderen Projekt, dem kostenlosen Programmheft, das er im Auftrag einer deutschlandweit tätigen Veranstaltungsfirma herausgab, um in gebündelter Form Werbung für deren Tourneen und Festivals zu machen, hatte er anfangs den etwas verschrobenen Graphiker und Photokünstler Schaffel als Chefredakteur beschäftigt, dem es durch das Einstreuen zweckfremder Beiträge gelungen war, dem Heft einen Ruf als gestalterisch wagemutiges und inhaltlich niveauvolles Sammelbecken unterschiedlichster, in jedem Falle aber ausgefallener und innovativer geistiger Strömungen zu geben und es solcherart für externe Werbepartner interessant zu machen. Der weitere Bekanntenkreis des Graphikers hatte dabei als Nachschubquelle gedient; Autoren, Photographen und Zeichner, die sich aus eigenem Antrieb höchstwahrscheinlich niemals dazu her­abgelassen hätten, mit einem wie Wegerich auch nur zu sprechen, hatten ihre anfängliche Skepsis überwunden und endlich auch Wegerich selbst Sympathie oder wenigstens einen gewissen Respekt entgegengebracht – schließlich: Er war es doch, der eine derartige Spielwiese neuer Ideen ermöglichte und gegen alle Widerstände durchsetzte! –, und als mit der Zeit das Heft allen Beteiligten ans Herz gewachsen war, konnte Wegerich unter dem Druck gewisser Notwendigkeiten der wirtschaftlichen Realität eine Reihe von Zugeständnissen durchsetzen, die das nunmehr etablierte Medium einer größeren kommerziellen Verwertbarkeit öffnen sollten. Dafür war es nötig gewesen, die abgehobenen Züge des Hefts Stück für Stück zurückzufahren – auf dem Markt verankert war es jetzt, und die, die es aufgrund seines intellektuellen, innovativen Rufs als Werbeträger schätzten, würden, so hoffte er, von der schrittweisen Kommerzialisierung sehr wenig oder überhaupt nichts mitbekommen, da sie von solchen Dingen nichts verstanden, andererseits aber allzu freche Angriffe auf ihr gewohntes System der Verwertungen gar nicht schätzten. So hatten sie am Ende beides: ein willfähriges Reklameinstrument, das zugleich (wenigstens angeblich immer noch) ein Publikum ansprach, das sie mit ihren üblichen Instrumenten niemals zu erreichen hoffen konnten.

Selbstverständlich mußten auch die anfänglichen Träger dieses Images schrittweise aus dem Projekt entfernt werden, da die Konflikte an Heftigkeit zunahmen. Der Chefredakteur Schaffel war einer der ersten gewesen, die Wegerich die Mitarbeit aufgekündigt hatten. Andere folgten; und jedesmal gelang es Wegerich, die Sache als von höheren Mächten bestimmt darzustellen, weshalb seine eigene Wertschätzung bei den ehemaligen Mitarbeitern und das, was er als Freundschaft empfand, nur in wenigen Fällen gelitten hatte. Er wußte, daß er die meisten dieser ehemaligen Mitarbeiter (die ihm zudem in vielen Fällen persönlich höchst sympathisch waren) eines Tages wieder brauchen können würde. Kontakte waren das A und O im Kommunikationsgeschäft.

Schnürer war von den ursprünglichen Mitarbeitern des Programmhefts der einzige, der noch nicht abgesprungen war, und deshalb hatte sich Wegerich mit der Idee des Stadtmagazins auch an ihn gewandt: Daß Schnürer noch immer für das Heft (es trug den selbsterklärenden Titel „EVENT-Magazin“) schrieb, deutete er, auch weil er den Autor vor diesem Abend nur ein einziges Mal persönlich getroffen hatte, nicht als Zeichen von persönlicher Loyalität (oder gar Sympathie für die Änderungen am Konzept), sondern er schloß daraus, daß Schnürer, der auf das Heft an­gewiesen war, da ansonsten niemand seine Kolumne drucken würde, in ungewöhnlichem Maße bereit war, Zugeständnisse zu machen und seine Ansprüche zurückzuschrauben, solange nur der Kern seines Anliegens unangetastet bliebe. Es war ihm bei einer Gelegenheit sogar gelungen, Schnürer unter Hinweis auf die mögliche Gekränktheit eines Werbekunden dazu zu überreden, eine Folge seiner Kolumne zurückzuziehen und einen anderen Text zu liefern – dieses nicht beabsichtigte, aber gezielte Ex­periment, das Anlaß des ersten und für lange Zeit einzigen telephonischen Kontakts der beiden gewesen war, hatte Wegerich überzeugt, daß Schnürer der richtige Mann für das neue Projekt war.

Wegerich spürte jedoch, daß Schnürer noch zögerte. Er beschloß daher, das Gespräch für heute abzubrechen und bei anderer Gelegenheit wieder aufzunehmen. Ein paar Fragen und Bemerkungen zu persönlichen und politischen Belangen lockerten Schnürers Stimmung und trugen, da war sich Wegerich aus Erfahrung sicher, dazu bei, eine Atmosphäre lose keimender freundschaftlicher Verbundenheit zu erzeugen, die sich für die weitere Entwicklung als förderlich erweisen würde. Als sich Schnürer nach Mitternacht in die kühl dampfende städtische Helldunkelheit verabschiedete, versprach er, Wegerich bald über seine weiteren Gedankengänge zu informieren, und nahm diesem wiederum das Versprechen ab, auch dann „Freunde zu bleiben“, wenn das Projekt scheitern würde. (Er verwendete, alkoholbedingt sehr undeutlich artikulierend, als Zugeständnis an Wegerichs Denkweise den Ausdruck „an die Wand fahren“, was er im nachhinein auf dem Heimweg mit einem gewissen Erstaunen registrierte.) Wegerich lächelte, denn er wußte: Er hatte, so weit, einiges erreicht.

 

 

 

3

 

Es wird nützlich sein, kurz zu erwähnen, in welcher Zeit unsere Geschichte spielt. Es ist in diesem Teil der Welt sehr kurz vor dem Ende eines Jahrhunderts, eines Jahrtausends gar (obgleich sich ein großer Teil der betroffenen Menschen nicht ganz sicher ist, wann dieses Jahrtausend eigentlich endet: Groteske öffentliche Diskussionen widmen sich der Frage, ob es ein Jahr Null gebe oder gegeben habe; das mag damit zu tun haben, daß die Menschen, die in dieser Zeit leben, bei allem, was sie tun, davon ausgehen, daß sie bei Null anfangen. Es ist ständig die Rede von Stunden Null, von einer Tabula rasa, Aufbruch und Neustart, dem Überwinden von diesem und jenem etc.), und wie meist in solchen Zeiten herrscht bei aller Sehnsucht nach schicksalhaften und kathartischen Katastrophen eine Grundstimmung der Euphorie. Ohne zu wissen warum, haben viele Menschen das Gefühl, sie müßten, wiewohl oder weil ein Neubeginn jederzeit und immer anstehe, etwas mitnehmen, hinüberretten in das neue Jahrtausend, das ihnen wie ein großer, leerer Raum erscheint, dessen Verbindungstüren in die Vergangenheit zugemauert und verputzt werden, wenn man ihn erst einmal betreten hat.

Das Bedürfnis des Mitnehmens betrifft aber nicht nur das Jahrtausend, sondern es ist ein bestimmender Zug des allgemeinen Lebensgefühls in dem Teil der Welt, in dem unsere Geschichte spielt. Bei allem, was sie tun, haben die meisten Menschen stets die Frage im Hinterkopf, ob dabei etwas herausspringt, was sie mitnehmen können. Im Grunde wissen oder ahnen sie, daß es ihnen letztlich nicht gelingen kann, überhaupt etwas mitzunehmen, weil der Tod ein Vehikel ohne Kofferraum ist; aber sie handeln, als wollten sie dieser Erkenntnis mit roher Gewalt zu Leibe rücken, um sie aus der Welt zu schaffen. Wenn sie über politische Belange diskutieren, gibt es dabei stets nur ein Thema: das Vorwärtskommen, Nachvornebringen und die Notwendigkeit des Wachsens und Anschwellens aller Vorgänge. Es muß, darüber ist sich die Mehrheit der Menschen einig, alles noch schneller wachsen und mehr werden, damit etwas bleibt, was man mitnehmen kann, und damit „es“ endlich besser wird.

Am populärsten jedoch sind Pläne, die versprechen, daß das Ergebnis der Bemühungen (gemeint ist grundsätzlich: Geld in verschiedenen Darreichungsformen) nicht wächst, sondern mit einem Schlag in ungeheurer Menge materialisiert, und daß für seine Darstellung überhaupt keine Bemühungen nötig sind, sondern nur ein Geistesblitz, eine große Idee, eine katalytische Ansammlung von Energie, die sich in einer magischen Handlung entlädt. Man bewundert Menschen, die mit einem Fingerschnippen in ihrer persönlichen Stunde Null den Durchbruch schaffen und wenige Wochen später als Multimillionäre in den Klatschspalten auftauchen, die der zweitwichtigste Teil der Zeitungen geworden sind (der wichtigste ist jener, in dem unter dem Signet „Wirtschaft“ die Notwendigkeit von Neustart, Aufbruch und Wachstum beschworen wird).

Auch Wegerich ist durchdrungen von dem Willen, „es“ zu schaffen. Seine bisherigen Versuche des Durchbruchs sind hoffnungsvoll verlaufen, aber stets (auch in seiner vorhergehenden Profession als zunächst Teilnehmer, dann Manager der Verteilung von Gratiswarenproben bei „Events“ im Auftrag verschiedener Hersteller von Süßgetränken, Tabakwaren und anderen Produkten) ist er dabei an eine Grenze gelangt, an der es nicht recht weitergehen wollte: an der das Wachstum seines Erfolgs nicht mehr bogenförmig nach oben verlief, sondern sich asymptotisch der gefürchteten Null-Linie annäherte, die möglicherweise ein sicheres Auskommen versprach, aber jegliche Möglichkeit einer plötzlichen Explosion und des Mitnehmens einer großen Geldmenge ausschloß. Wegerich hat sich einen gewissen Pragmatismus angeeignet, vor dem er, wenn er ihm in gewissen Momenten bewußt wird, erschrickt wie vor einem unvermittelt aufgeblühten Eiterpickel im Spiegelbild seines Gesichts. Er weiß, daß er über das, was ihm möglich erscheint, hinausdenken muß, um dorthin zu kommen, wohin er möchte.

 

 

 

4

 

In Schnürers Kopf kollidierten die Ideenfetzen, die ihm Wegerich um die Ohren gehauen hatte. Darunter waren solche, die ihm sympathisch erschienen, und solche, vor denen er eine milde (und durch die frisch geborene Sympathie für Wegerich weiter abgemilderte) Form von Abscheu empfand. Es war ihm rätselhaft, wie es Wegerich gelingen konnte, beide Gruppen so zu betrachten, als wären sie unabdingbare symbiotische Partner. Zu den Ideen, die ihn mit einer gewissen sehnsüchtigen Vorfreude erfüllten, gehörte das Bild einer meinungsstarken, im Stadtgefüge verwurzelten sowie selbstverständlich in einem Schwabinger oder Maxvorstädter Altbauhaus residierenden Redaktion, das Wegerich grob umrissen hatte. Das Leben in deutschen Großstädten, hatte er betont, könne nur registrieren und reflektieren, wer in seiner strategischen Mitte, im kulturellen Epizentrum der Nation (das zweifellos, Berlin hin, Berlin her, München sei oder sein werde) sich befinde und – einerseits mittels verläßlicher, vertrauenswürdiger Zuträger und Quellen in anderen Metropolen, andererseits aber jedenfalls selbst vor Ort – daran teilnehme. Schnürer verband mit diesem Bild müßige Gespräche in nachmittäglichen Cafés und Spaziergänge durch sonnige Seitenstraßen des Universitätsviertels, obwohl er ahnte, daß das Bild auch oder eventuell sogar nur eine andere Seite haben würde. Er gefiel sich in der Phantasierolle des wild denkenden, flanierenden Feuilletonisten, der als philosophischer Steuermann den Weg des Magazins, seine (selbstverständlich vorausgesetzte) inhaltliche Relevanz und Tiefe bestimmen würde.

Es gelang ihm nicht zur Gänze, diese Vorstellung mit der Geschichte des von Wegerich herausgegebenen Reklamehefts zur Deckung zu bringen, insbesondere was den ehemaligen Chefredakteur betraf. Hatte Wegerich da nicht einen streng kommerziellen Kurs eingeschlagen? Hatte er nicht die Veröffentlichung jener Folge seiner Kolumne, zwar Verständnis und Bedauern ausdrückend, aber im Ergebnis dennoch handstreichartig verhindert, nur weil Schnürer in einer kurzen Textpassage eine leicht süffisante, kaum boshafte Anspielung auf die Werbeplakate einer Großbrauerei untergebracht hatte, die zu den Sponsoren (und wesentlichen Anzeigenkunden) des Heftes und dessen Auftraggebers gehörte? Er mußte andererseits konzedieren, daß er Wegerichs Beweggründen zur Trennung von Schaffel in gewissem Maße folgen konnte. Auch ihm war Schaffels geradezu manische Tendenz, die Hefte mit selbstgemachten Photographien von diversen Technomärschen zu dekorieren, fragwürdig erschienen und ganz persönlich nicht sonderlich sympathisch gewesen, nicht nur wegen des unerträglichen Industrielärms, den derartige Paraden verstrahlten, sondern auch wegen des Schwelgens seiner schwarzweißen Bilder in faschistoider Optik sowie am Rande auch wegen der grundsätzlich bildorientierten Gestaltungsweise des Chefredakteurs, der nicht selten Zeilen und ganze Absätze seiner Kolumne zum Opfer gefallen waren, indem sie in körnigen Bildelementen ertranken.

Doch war ihm auch das Bestreben Wegerichs suspekt gewesen, die Sache positiver zu besetzen, weil er hinter solch wolkigem Sprachmüll die Funktionsweisen der Reklamebranche durchschimmern sah und schon in dem ersten Gespräch mit Wegerich bezüglich des EVENT-Magazins (als es um die Neuausrichtung gegangen war) an einigen Stellen bemerkt hatte, daß dieser von journalistischem Anstand und kritischer Distanz wenig wußte und auch nichts wissen wollte, wiewohl er sich freilich als eine Art „Weltmann“ gab, der für alles offen sein wollte usf., – obwohl er sich sagte, es gehe derlei Denken und Handeln sehr wahrscheinlich zumindest teilweise auf den bei einem Reklameheftchen nicht abzustreitenden Druck zur Servilität gegenüber lebensnotwendigen Werbepartnern zurück, ahnte auch Schnürer, daß es zu Konflikten kommen konnte, jedoch entsprach es seiner Art, solche Konflikte, wie die Zukunft überhaupt, keinen prognostischen oder gar strategischen Bemühungen zu unterziehen. Schnürer war ein Mann der Gegenwart nur insofern, als diese die Frucht einer Vergangenheit von gewaltiger Ausdehnung und vielerlei ergründenswerten Verwinkelungen war; eine Zukunft gab es seiner Ansicht nach nicht.

Zur Gegenwart gehörte aber nun einmal, daß der Chefredakteur Schaffel nicht mehr Chefredakteur war. Als sein Nachfolger wirkte momentan ein grundsätzlich und jederzeit überfordert und erschöpft wirkender ehemaliger Volontär einer Tageszeitung, der nebenbei etwas Geld mit Kochbüchern und Reiseführern verdiente und Schnürers Kolumne kein großes (und somit jedenfalls kein destruktives) Interesse entgegenbrachte. Es war nicht zu bestreiten, daß alle wichtigen Entscheidungen von Wegerich ausgingen, so zum Beispiel auch die stärkere Service-Orientierung des Heftes, die zur Vertreibung aller ursprünglichen Autoren außer Schnürer geführt hatte. Schnürer wußte oder ahnte wenigstens, daß er mittels seiner Kolumne als eine Art „Feigenblatt“ fungierte, das das Heft von seinen vielen Artgenossen absetzen sollte, die stapelweise in Konzerthallen und Clubs, neben Altpapiercontainern und in den weniger regelmäßig gehegten Gebüschen städtischer Grünanlagen herumlagen, wo sie sich mit Regen und Hundeurin vollsogen und ein Sinnbild des Gegenteils dessen boten, wofür zu stehen sie vorgaben.

Schnürer wußte das und wollte es doch eigentlich nicht wissen, weil er seine Kolumne als Möglichkeit, gewisse Gedanken öffentlich zu machen, zu sehr schätzte, um sie zum Gegenstand irgendwelcher Skeptiken werden zu lassen. So, dachte er, wie es ihm bislang gelungen war, seine bisweilen scharfe Kritik an Kapitalismus, Konsumismus und Geldreligion nebst anderen Verrücktheiten an Wegerich vorbeizuschleusen, würde ihm das möglicherweise auch bei einem neuen Kulturmagazin gelingen. Voraussetzung dafür war allerdings, daß er nicht und vor allem nicht allein zum Gegenpol von Wegerichs Tendenzen wurde, sondern in einigem Abstand zu dem Konflikt zwischen kritischem Geist und Verkaufswut über den Wassern schwebte. Es würde also alles davon abhängen, daß es ihm gelang, diesen Abstand zu wahren, zum Beispiel durch die „Zwischenschaltung“ weiterer Mitarbeiter, was insofern sowieso erforderlich sein würde, da Schnürer sich seiner eigenen Faulheit und Unstetigkeit bewußt war – das Maß, in dem er für administrative und repräsentative Aufgaben zur Verfügung stehen wollte, lag sehr nahe bei null.

Dies alles rollte ihm in ungeordneten Wellen durch den Kopf, der vom vielen Wein, den ihm Wegerich unablässig nachgegossen hatte, reichlich schwer war. Immerhin, sagte er sich abschließend, ehe er einschlief (und erzeugte damit ein Auflodern von Vorfreude und Tatendrang, das ihn warm und angenehm überraschte), würde er die Sache ja vielleicht einmal probieren können.

 

 

 

5

 

Seit jenem ersten Seit jenem ersten Treffen waren einige Monate vergangen; mehrere Male waren Wegerich und Schnürer in Wegerichs offener Ideenwohnung zusammengesessen. Dabei hatten sich Grundzüge eines Rituals eingespielt und Umrisse der Kulturmagazinplanung verfestigt sowie zugleich expansiv verformt. Nun, Mitte des Jahres 1999, stellte sich die Sache so dar: In unregelmäßigen Aufwallungen, nicht selten wenn sich das Gespräch im Kreis zu drehen oder zum Stillstand zu kommen drohte, visionierte Wegerich gewagte, zeittypische Geschäftsverläufe, die Schnürer unter ostentativem Einsatz von Euphorielosigkeit mehr oder weniger ignorierte und statt dessen versuchte, die Diskussion auf intellektuelle und journalistische Bahnen umzuleiten. Es sei eine sagenhafte Ausgangssituation, sagte Wegerich, der, wie Schnürer erfreut (weil er dies im Sinne seiner Sympathie für den Gesprächspartner als gutes Zeichen deutete) feststellte, in den letzten Wochen schlanker und beweglicher geworden war und das zu kleinen, drahtigen Locken gekräuselte Haar nun so kurz trug, daß es seinen Kopf wie eine schwarzbraune Badekappe überzog. Die neu gefundene Agilität und Energie betonte die Schlaksigkeit seiner Bewegungen; wenn er sich nun beim Argumentieren über den halben Tisch warf, wirkte das nicht mehr entkräftet und resignierend, sondern unbedingt und bestimmend. München, sagte Wegerich und warf sich über den halben Tisch Schnürer entgegen, sei ganz vorne mit dabei, tonangebend und trendsetzend. Schnürer (dessen defensive Gesprächshaltung sich, wie er selbst konstatieren mußte, eher noch verstärkt hatte) schwankte zwischen der Gewißheit, daß solche Behauptungen reiner Unfug, ein Salat aus leeren Wörtern seien (dessen entflammende Wirkung er gleichwohl auch an sich selbst nicht gänzlich abstreiten konnte), und der Ahnung, daß er nicht verstand, was gemeint war. Vergeblich versuchte er, sein Schweigen mit einem verständigen Gesichtsausdruck zu dekorieren, ehe er vorsichtig die Notwendigkeit ansprach, den Hagel von Konsumaufforderungen, der auf die Menschen niedergehe, kritisch zu reflektieren.

Wegerichs Bemühungen waren erfolgreicher. Es ging mittlerweile nicht mehr einfach nur um ein deutsches Kulturmagazin, sondern um eine ganze Armada solcher Hefte, die in sämtlichen großen (und also wichtigen) europäischen Städten (zunächst den deutschsprachigen, nach entsprechender Expansion aber in lokal orientierter Form samt eigener Logistik auch in anderen) zum Preis von einer Mark beziehungsweise (nach der für das Projekt sehr günstigen Einführung der gesamteuropäischen Währung) einem Euro erhältlich sein und den mobilen urbanen Massen serviceorientierte Freizeitangebote liefern sollten für eine Umgebung, die ihnen aufgrund der wirtschaftlichen Gegebenheiten (und deren weiterer Entwicklung in Richtung auf ein Leben in nomadenhafter Dauerbewegung) fremd sein und bleiben mußte. Diese Freizeitangebote betrafen die üblichen, für interessant erachteten Sparten des Konsums von Musik, Filmen und sonstiger konsumierbarer Kultur. Schnürers vorsichtige Versuche, Politik, Geschichte und konsumfremde Bereiche des Lebens einfließen zu lassen, erzeugten je nach Wegerichs momentanem Elan kurze Gesprächspausen oder überhaupt keine Wirkung, was er je nach Laune funktionell als Ablehnung oder Zustimmung, immer jedoch ideell als Unverständnis wertete. (Er fand indes, dies sei nicht weiter schlimm; dafür war er ja da.)

Wegerichs körperliche Vorstellungen von dem Magazin waren auch ideell rein funktioneller Natur: Es sollte „CULT“ (englisch ausgesprochen) heißen. (Das kostenlose Konkurrenz­magazin hieß „HIER“. Wegerich erklärte, das sei genau, worum es für den Leser gehe: nicht einfach hier zu sein, sondern aktiv mitzutun, durch die Äußerung von Bedürfnissen und den Konsum eines bestimmten kulturellen Angebots dieses Angebot mitzugestalten und etwas zu bewegen.) Es sollte in allen lokalen Ausgaben weitgehend normiert und mit Unmengen von Listen und Tabellen, enthaltend Termine, Ortsangaben, Veranstaltungs­mottos usw. – geordnet nicht nach Tagen (wie in HIER), sondern nach Sparten (worin Wegerich den unique selling point sah, der zugleich für eine enorme Kostenersparnis sorgen würde) – gefüllt sein, denen als „journalistisches Element“ empfehlende Kurztexte sowie – immerhin dies hatte Schnürer vorläufig durchgesetzt, ohne auf Widerspruch oder Desinteresse zu stoßen – größere Features, Reportagen und eine Reihe unterschiedlicher Kolumnen beigestellt werden sollten. Hierfür gedachte Schnürer namhafte, jedenfalls aber wort- und gedankenmächtige Autoren zu finden, die die Kosumorientiertheit des Heftes wenn nicht aufheben, so doch zumindest mildern und konterkarieren würden.

Der Konflikt, den beide in unterschiedlicher Deutlichkeit erahnt hatten, war bereits eingetreten, ohne daß ihnen dies richtig bewußt gewesen wäre (da sie sich auf grundsätzlich verschiedenen und doch auf das selbe Ziel gerichteten Bahnen wähnten, zwei Flipperkugeln ähnlich). Wegerich nämlich dachte überhaupt nicht daran, sich die Beteiligung finanzkräftiger Investoren und Werbepartner und die „Zusammenarbeit“ mit den Organisatoren der diversen „Events“ durch Defaitismus, Sarkasmus und intel­lektuellen Larifari erschweren zu lassen. Die Erfahrung mit dem Reklameheft hatte ihn gelehrt, daß Schnürer ein Mensch war, mit dem man umgehen konnte. Schnürer wiederum hatte aus derselben Erfahrung den Schluß gezogen, daß es möglich war, inmitten feindlicher Linien eine aufrechte und aufklärerische Haltung einzunehmen und mit gewissen Modifikationen bei­zubehalten. Was der jeweils andere dachte, ahnten beide, wähnten sich jedoch im Besitz der realistischeren Einschätzung und fühlten sich beim Spinnen ihrer wechselseitigen Gedankenfolgen und Erlauschen des jeweiligen Echos zu wohl, um darin etwas Unrechtes sehen zu wollen.

 

 

 

6

 

Es treten nun, sowohl Schnürers Absichten als auch denen Wegerichs in unterschiedlicher Weise entsprechend, weitere Personen ins Bild. Um das Tischchen in Wegerichs „Garten“ (der ehemalige Innenhof des Kasernengebäudes, weitgehend verwildert, um den Eindruck von Offenheit zu verstärken) saßen Anfang April 2000 neben Wegerich (wiederum schlanker und bewegter) und Schnürer (zusammengefaltet wie gewohnt) noch Vennemann und Neitzl; beide entstammten Schnürers Bekanntenkreisen. Vennemann, etwas jünger als Schnürer und ein wenigeres älter als Wegerich, arbeitete als Redakteur einer ländlichen Lokalausgabe einer Tageszeitung, die, was ländliche Lokalausgaben anbetrifft, im Münchner Umland eine annähernd hegemoniale Position innehatte. Wie Schnürer war er informelles Mitglied einer Art von losem Stammtisch in einer Kneipe in Obergiesing (wo er auch wohnte), den eine gemeinsame Bekannte (mit der Vennemann seit früher Jugend auf typisch herzliche, aber leicht distanzierte Art befreundet war, die Schnürer jedoch erst seit kurzer Zeit und infolge von Umständen kannte, von denen noch zu sprechen sein wird) ins Leben gerufen und nach und nach mit unterschiedlichsten Menschen gefüllt hatte, die meistenteils miteinander nichts als das unregelmäßige Zusammensitzen am Kneipentisch verband, das immer wieder zu eifrigen, gerade durch ihre Unverbindlichkeit befeuerten Diskussionen führte. (Wir sehen einen erregten Schnürer, der einem desinteressierten, zudem schwer betrunkenen Menschen, den er kaum kennt, um, wie es scheint, jeden Preis klarzumachen versucht, daß dieser ein „Opfer“ sei; und schon ist die Szene wieder verflogen, denn Schnürer war fast ebenso betrunken.)

So waren auch Vennemann und Schnürer eines noch nicht lange zurückliegenden Abends über das Medium der Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Berufsgruppe ins Gespräch gekommen und hatten dabei eine Sympathie füreinander empfinden gelernt, die vorläufig als solche unbenannt und unausgesprochen geblieben war. Daß Schnürer, von Wegerich aufgefordert, sich Gedanken über die „weitere Besetzung“ zu machen, an Vennemann gedacht hatte, war neben dessen Beruf wesentlich auf dieses vage Gefühl einer geistigen und menschlichen Nähe zurückzuführen.

Vennemanns Gesicht war bestimmt von großen, braunen Augen, die stets mit leichtem Erstaunen (und nach fortgesetztem Weingenuß einem etwas weniger leichten Schielen) in die Welt sahen, sowie einem höchst charakteristischen Mund: klein und spitz, vermochte er sich im Lachen zu erstaunlicher Breite zu öffnen und dabei der lichten Stirn als gegensätzliches Kreissegment zu korrelieren, die ansonsten einem kantigen, schmal verlängerten Kinn Halt bot. Er versprühte eine offensive, frohsinnige Begeisterung, hinter der sich ein diskret pulsierender Kern tastender Unsicherheit und vorsichtiger Schutzbemühungen um höflichkeitsbewehrte, in längeren Phasen des Alleinlebens gehegte Residuale persönlicher Eigenheiten verbarg, und bildete damit das weitgehend perfekte Gegenstück zu Neitzl, einem grundsätzlichen Pessimisten und Skeptiker, der äußerlich einem gemütlichen Hefegebäckstück nicht unähnlich war und seine Unbeirrbarkeit in entwaffnende, freundlich dargebrachte Direktheit und einen weichen Saum lächelnder Warmherzigkeit kleidete, womit es ihm fast immer gelang, zu erreichen, was er erreichen wollte. Gelang es ihm nicht, sorgte er mit komödiantisch übertriebenen Wurstigkeitsäußerungen für Heiterkeit.

Neitzls journalistische Erfahrung beschränkte sich auf einige kleinere Artikel, die er auf Schnürers Auftrag hin für ein kostenloses Musikmagazin, bei dem Schnürer als Redakteur tätig war, geschrieben hatte, nachdem sich die beiden beim Studium der Germanistik kennengelernt hatten, weil sie (beide hatten erst Ende zwanzig das Studieren begonnen) eine zweiköpfige Altersgruppe bildeten und in einem Seminar zur Geschichte des Fußballspiels ein gemeinsames Referatsthema zugeteilt bekommen hatten. „Du machst das Referat“, hatte Neitzl damals bestimmt, als er mit Schnürer das erste Mal in seiner Wohnung zusammensaß, „ich habe schon die Nudeln gekocht.“

Obwohl Neitzl, wann immer Schnürer ihn auf gewisse Schwächen oder Versäumnisse (etwa die Erwähnung von Querverbindungen zwischen diversen Musikgruppen) in seinen Schallplattenkritiken hingewiesen hatte (wie auch bei gänzlich anderen Gelegenheiten), lautstark betonte, er habe „ja sowieso keine Ahnung“ und um derlei Faktenkram müsse sich Schnürer deshalb selber kümmern, hielt ihn Schnürer grundsätzlich für fähig, beinahe jede Tätigkeit und also auch die eines Redakteurs auszuüben. Nach dem Studium, mit dem er ein Jahr vor Schnürer fertiggeworden war, hatte Neitzl eine höchst exotische Stellung als Leiter (und einziger Mitarbeiter) der Abteilung „Öffentlichkeitsarbeit und Marketing Ost“ in einem Verlag angetreten, der ausschließlich exorbitant teure Kataloge und Datensammlungen herausgab, deren Anschaffung daher nur für Universitätsbibliotheken und ähnliche Institutionen überhaupt in Frage kam. Wie man für Werke wie das auf Mikrofilm gespeicherte Verzeichnis aller zwischen 1600 und 1900 in Deutschland verlegten Bücher (das eine fünfstellige Summe kostete) Kunden akquirierte – eine Tätigkeit, die Neitzl nicht etwa nur an Schreibtisch und Telephon ausübte, sondern auch auf Buchmessen und Kundenbesuchen in Gegenden wie Ungarn, Estland und sogar dem Iran –, war Schnürer ein Rätsel geblieben. Die Anekdoten, die Neitzl von dieser Tätigkeit erzählt und mit denen er Partyküchenversammlungen über ganze Abende unterhalten hatte, sowie die Tatsache, daß Neitzl nach einiger Zeit zwar entlassen worden war, jedoch eine ziemlich hohe Abfindung ausgehandelt hatte, ließen Schnürer fest darauf vertrauen, der Freund werde notfalls auch die seltsamsten Aufgaben vielleicht nicht fachlich kompetent, aber doch jedenfalls und wenn auch mit stetigem Klagen und Murren (und vielleicht gerade deswegen) überzeugend übernehmen und lösen können. Neitzl hatte ihm auf seine Anfrage hin erklärt, er halte derartige Projekte zwar für „einen Yuppieschmarr’n“, sei aber selbstverständlich bereit, mitzumachen. Schnürer müsse ihm halt sagen, wo er „sich hinstellen“ solle, dann werde das „schon hinhauen“.

Was Neitzl jetzt interessierte und wonach Vennemann nur mit höflicher Zurückhaltung andeutend (und Schnürer mangels Interesse an derartigen Dingen überhaupt nicht) gefragt hätte (und fragte), war ein Busineßplan. Nämlich hatte sich das Kulturmagazin in Wegerichs Kopf unter Einsatz euphorisierender Düngung erneut weiterentwickelt: Aus der Armada uniformer Einzelausgaben war, fast logischerweise und dem Zeitgeist aus winzigen Ideenfunken herausquellender Firmenmodelle entsprechend, eine regelrechte, allerdings noch nicht förmlich gegründete Aktiengesellschaft geworden, aus der, derselben Logik folgend, wiederum zwei neue Geschäftsbereiche gesprossen waren. Das Magazin sollte demnach nicht nur (was sowieso im Jahr 2000 nicht mehr anders zu denken gewesen wäre) an das Internet angebunden werden. Wegerich war, und Schnürer fragte sich unwillkürlich, wessen Vorbild er dabei diesmal folgte, auf die Idee eines individuellen Fernsehens verfallen: ein Programm anzubieten, das sich jeder Konsument nach eigenem Interesse zusammenstellen lassen konnte (ab welchem Punkt die Idee, wie man sich denken kann, etwas vage und diffus wurde).

Neitzls beharrende Nachfrage nach der exakt ausformulierten Version des Busineßplans für die von Wegerich in groben Zügen skizzierte AG blieb vorläufig unerfüllt, was Wegerichs Geschäftsmodell entsprach. Es sollte jedoch auch dies in Kürze soweit sein.

 

 

 

7

 

Wegerich sprach von sich nun gerne in einer mehrfältigen dritten Person, indem er von Spielern handelte, die auf dem Markt aktiv seien. Wer diese Spieler ansonsten waren, blieb im Dunkeln. Es interessierte auch dies Schnürer nicht so sehr, daß er gefragt hätte. Immerhin Neitzl bohrte gelegentlich nach und brachte wenige Figuren aus den wolkigen Ausführungen hervor, darunter einen nordwestdeutschen Druckunternehmer, somit der „harten“, sozusagen körperlichen Seite des Geschäfts entstammend, den Wegerich als Partner und Investor ins Auge gefaßt und der wohl auch schon eine Art Interesse an dem Projekt geäußert hatte. Sein Name lautete Wäger und damit Wegerichs Namen nicht unähnlich; viel mehr war jedoch nicht zu erfahren.

Man schwelgte in dem ungewohnten, locker dargebrachten Luxus eines kleinen und wohl auch deshalb exorbitant teuren italienischen Restaurants in einer Neuhausener Seitenstraße, wohin Wegerich geladen hatte. Auf dem kleinen, runden Tisch wechselten immer wieder die Geschirrkonstellationen; mit der Zeit ergab sich ein Übergewicht von Trinkgefäßen. Und diesmal gab es auch einen materiell vorliegenden Busineßplan, den Wegerich Neitzl mit einer von Schnürer als spielerisch empfundenen Heimlich- und Wichtigtuerei zuschob. Es handelte sich um etwa vierzig großzügig bedruckte und mit bunten Graphen dekorierte Seiten. Neitzl bemerkte kurz, er werde das studieren, und legte den Packen beiseite.

Wegerich verausgabte sich an diesem Abend Mitte April bis an den Rand der Erschöpfung; er trank den delikaten (wenn auch, wie Schnürer, der ansonsten beim Bier blieb, aus einem Probierschluck geurteilt hatte, großzügig überteuerten) Weißwein in glasweisen Schlucken, wovon seine Wangen rot anschwollen. Er versprühte mit hohem Einsatz seines in den letzten Wochen erkennbar wieder gewichtiger gewordenen Körpers (die Haare blieben kurz) Optimismus, visionäre Energie und eine Determination, die immer wieder aus Wörtern wie gnadenlos herausblitzte. Solch aggressives Gebaren mischte er geschickt mit oft wortlosen Manifestationen freundschaftlicher Wärme, die sich in Gesprächsphasen, da Neitzl und in seinem Fahrwasser auch Vennemann skeptische Zurückhaltung spüren ließen (Schnürer hielt sich sowieso auf einer gewissen Distanz, was die geschäftlichen Umtriebe anbelangte), zu lodernder Hitze steigerte. Am Ende zeigten seine steuernden Bemühungen einigen Erfolg: Vennemann und auch Neitzl empfanden sich nicht mehr nur als ungefähr mit Wegerich angefreundet, sondern auch in schon erheblichem Maße an dem Projekt beteiligt und darin auf angenehme Weise verstrickt.

Wegerich bezahlte eine enorme Gesamtrechnung und teilte sich mit Vennemann und Neitzl ein Taxi, obwohl er in eine ganz andere Richtung mußte. Schnürer ging zu Fuß nach Hause und begann während des langen Weges (der ihm verschiedene Phasen aus der Stadt hinauswachsender Bautätigkeit vorführte, ohne großes Interesse zu wecken) ein gewisses Vertrauen in die Lebensfähigkeit der Idee zu spüren, an der er sich gleichwohl immer noch nur unabhängig beteiligt empfand.

 

 

 

8

 

Schnürers Zurückhaltung entsprang nicht, wie Wegerich mit unsicherer Bewunderung vermutete, intellektueller Koketterie, sondern einer durchaus ernsten Abneigung gegen die neuerdings immer entfesselter und wahnhafter auftretenden Begeisterungsstrategien einer noch relativ neuen Berufsgruppe eigentlich berufsloser junger Leute, die ohne die geringste Kenntnis von den entwürdigenden Zwängen und sonstigen Begleiterscheinungen regelmäßiger Lohnarbeit unvorstellbare Geldsummen in Räume stellten, die sie „über Nacht“ exponentiell zu vermehren gedachten und versprachen, wozu lediglich ein kurzes Aufwallen von Motivation und selbstlosem Totaleinsatz am Erfolg nur ideell beteiligter Mitarbeiter notwendig sei, woraufhin man sodann „absahnen“ könne, um sich mit dem mitgenommenen Geld in neue Projekte zu stürzen. Was Schnürer dabei am wenigsten behagte, war die fanatisierte Orientierung dieser Leute auf Zerstörung, Entfesselung, Beschleunigung und, wie er vermutete, letztlich die Vernichtung von allem, was nicht dem Vermehren des eigenen Geldvermögens dienlich war.

Hierfür hatte Schnürer neben theoretischen auch sehr handfeste Gründe, war er doch vor nicht langer Zeit kollaterales Opfer derartiger Umtriebe geworden, indem das kostenlose Musikmagazin, an dem er als freiberuflich tätiger Redakteur mitgearbeitet hatte (und dies vorläufig noch tat), von seinem Auftraggeber einer neuen Firma übertragen worden war. Die Sache war kompliziert und doch recht simpel verlaufen. Der Auftraggeber, ein seit Anfang der achtziger Jahre aufgeblähter und in letzter Zeit aber deutlich geschrumpelter Verkaufskonzern mit Sitz in Flensburg und Filialen in mehreren großen Städten, hatte vordem neben dem für den Reklamebereich und damit das Magazin zuständigen Geschäftsführer (der ein persönlicher Bekannter eines erfolgreichen deutschen Rockmusikers war und sich ansonsten ausschließlich für amerikanische Motorräder interessierte, weil er sich selbst als „Rocker“ empfand) einen Leiter des Marketings beschäftigt, der die neue geschäftliche Mentalität und Verhaltensweise eines Spielers geradezu idealtypisch verkörperte, indem er, ohne allzuviel von solchen Belangen zu verstehen, unablässig das Hineinstürzen in alle möglichen neuen Medien, eine permanente Beschleunigung sowie „peppige“, „frische“ Ideen propagierte und forderte, um die „klassischen“ Funktionsweisen des Handelsgeschäfts (die er schon deshalb verachtete, weil er von ihnen ebenfalls nicht allzuviel verstand) umzustürzen und zu dynamisieren. Er war, wie Schnürer fand, nicht nur ein Blender, der mittels Ausstrahlung wirrer Energie mitzureißen vermochte, ohne zu wissen, wohin er wen und was reißen wollte, sondern auch gefährlich, da sich seine zerstörende Tätigkeit immer zuerst und hauptsächlich in dem Bereich entfaltete, wo Schnürer tätig war und für dessen Erhaltung Behutsamkeit, kritischer Geist und ein sicheres Fundament grundlegender Bedingungen lebenswichtig waren.

Eines Tages hatte dieser Marketingleiter seine Stellung gekündigt, eine eigene Firma gegründet und dem Geschäftsführer ein vollständig fiktives, ausschließlich auf Kenntnis der Kosten, die bei der Erstellung des Magazins durch Schnürers Firma anfielen, beruhendes „Angebot“ gemacht, indem er selbige Kosten um einen minderen Prozentbetrag unterbot, und den Zuschlag erhalten, ohne noch eine Redaktion oder überhaupt Mitarbeiter und schon gar einen funktionierenden Geschäftsbetrieb vorweisen zu können. Dies war kurz vor Weihnachten 1999 geschehen und bereits unwiderruflich, als Schnürer und die anderen Mitarbeiter der Firma sowie deren Inhaber wenige Tage später davon erfuhren. Das Heft würde noch bis Juni 2000 von der alten Firma produziert werden.

Schnürer empfand, abgesehen von dem trotzigen Zorn, den er dem Geschäftsführer, dem ehemaligen Marketingleiter und ihrer Vorgehensweise und Weltsicht entgegenbrachte, doch auch eine enorme Erleichterung. In den vergangenen drei Jahren hatte sich seine Tätigkeit für das Musikmagazin zunächst zeitlich ausgedehnt, einer normalen Vierzigstundenberufstätigkeit angenähert und dann auf diesem Niveau eingependelt, was ihm, da er sich im Grunde als "freier Autor" empfand, widerstrebte, was er aber ohne Aufbietung enormer Mühen (wozu seine bequemliche Disposition ihn nicht befähigte) nicht zu ändern vermocht hätte. Nun dämmerte vor ihm eine angenehme Zukunft: Er würde weiterhin seine Kolumne (sowie neuerdings eine Reihe von kurzen Empfehlungstexten für Veranstaltungen) für Wegerichs Reklameheft verfassen, nebenbei alle möglichen sporadischen Aufträge annehmen und sich in der Hauptsache einer nicht zielgerichteten, von Notwendigkeiten weitestgehend befreiten Schreibtätigkeit widmen, der Romane, Kurzgeschichten, vielleicht Theaterstücke, Drehbücher und dies und das entspringen mochten. Auch diese erfreuliche Aussicht trug dazu bei, daß er sich nicht in die Rolle eines hauptamtlichen verantwortlichen Chefredakteurs für Wegerichs neues Stadtmagazin hineindrängen lassen wollte. Damit, dachte er, käme er sozusagen vom Regen in die Traufe: Er würde den größten, ständig wachsenden Teil seiner verfügbaren Zeit einer Sache widmen müssen, die ähnlichen Zwecken dienen und ähnlich verlaufen könnte wie das Musikmagazin.

 

 

9

 

Der Busineßplan, befand Neitzl, sei wenig seriös und größtenteils auf optimistischen Annahmen begründet; Vennemann war ähnlicher Meinung. Präzise Nachfragen Neitzls bei Wegerich hatten zu neuen diffusen Angaben geführt, die wiederum Nachfragen nach sich zogen. Insgesamt und immer aber schien die Zeit zu drängen, was unter den Gegebenheiten eines Nachmittags im Biergarten im späten Juni auf sonderbare Weise spürbar wurde (da diese Gegebenheiten natürlicherweise einem Drängen der Zeit entgegenwirkten). Warum die Zeit so drängte, war kaum zu ergründen, doch konnte man es notfalls darauf zurückführen, daß (was Schnürer, Vennemann und Neitzl als erfreulichen Gegensatz zu den bislang immer weiter aufgeschäumten Phantasiegebilden Wegerichs empfanden) nun konkrete Unternehmungen anstanden. Noch im Sommer sollte in einem Workshop ein Probeheft des Magazins und dabei auch dessen grundlegende Gestalt erarbeitet werden.

Wegerich hatte sich bei den Treffen der letzten Wochen in äußerster Zurückhaltung geübt, was seine Visionen bezüglich des vorgesehenen Börsengangs der geplanten Aktiengesellschaft, eines irgendwie gearteten Individualfernsehens und der konkreten Ausgestaltung des Internetauftritts von CULT anging. Das kam Vennemann, Neitzl und insbesondere Schnürer entgegen, da sie ohne eingehendere Nachfrage davon ausgingen, diese Pläne seien vorläufig zumindest in eine spätere Phase des Projektverlaufs verschoben. Einige Male hatte Wegerich von Gesprächsterminen und Verhandlungen mit Investoren erzählt, es jedoch bei Andeutungen belassen, in denen gleichwohl Millionenbeträge herumschwirrten. Vennemann und Neitzl hatten unterschiedlich reagiert, im Ergebnis aber doch gleich: Neitzl schien Wegerich generell nicht sonderlich ernstzunehmen, andererseits wiederum ein gewisses Vertrauen in eine von solch blumigen Phantastereien unabhängige Grundverläßlichkeit gefaßt zu haben, mit der auf solide Weise umzugehen sein würde.

Vennemann war von den Zahlen durchaus beeindruckt und leicht verunsichert. Er bemühte sich hin und wieder um Präzisierung, dies aber mit großer Höflichkeit und Diplomatie und so wenig Durchsetzungskraft, daß Wegerich seine zweifelnden Fragen und Bemerkungen ignorieren konnte, als hätte er sie einfach gar nicht gehört. Zudem war es Wegerich gelungen, mit offensiv zur Schau gestellter Besorgtheit um Vennemanns berufliche Zukunft dessen Vertrauen zu festigen. (Er hatte sich sogar Schnürer gegenüber dahingehend geäußert, er sei in großer Sorge, weil er sich für Vennemann, der wegen des Stadtmagazins seine praktisch unkündbare „Lebensstellung“ bei der Lokalredaktion aufgeben wolle, verantwortlich fühle und nicht sicher sei, ob er wirklich fähig sein werde, dieser Verantwortung gerecht zu werden, – was wiederum den Erfolg gezeitigt hatte, daß ihm nun auch Schnürer Vertrauen entgegenbrachte, denn, so dachte er, wer sich derart sorge, auf den könne man sich verlassen.)

Man war sich daher am Biergartentisch einig, es sei nunmehr grundsätzlich immerhin möglich und auch das Beste, zunächst einfach weiter an der Sache zu arbeiten: beizutragen, was man selbst beitragen könne, und generelle, über das Heft als solches hinausreichende Erwägungen auf einen Zeitpunkt zu verschieben, wenn Zeit sei für so etwas. Schnürer und Vennemann sollten sich um potentielle Mitarbeiter und Autoren bemühen, die Texte für das Heft liefern würden – er kenne da ja schließlich niemanden, sagte Neitzl, der sich selbst hinsichtlich organisatorischer Fragen mit Wegerich auseinanderzusetzen hatte (es existierte ein in gemeinsamen Diskussionen erarbeitetes, von Wegerich und Neitzl entwurfsweise ausformuliertes Papier mit dem Titel „Look & Feel“, in dem niedergelegt worden war, welche Sparten das Heft abdecken sollte und wie sie im einzelnen gewichtet sein würden).

 

 

 

10

 

Wiederum waren Mitte Juli in Wegerichs Küche (es regnete in Strömen) neue Gesichter hinzugekommen, die beide nicht im geringsten dem entsprachen, was Wegerich zuvor von ihnen erzählt hatte. Eine Graphikerin namens Schußmann hatte er Schnürer, Vennemann und Neitzl als eine Art solitäres Genie beschrieben – sie sei auf ihrem Berufsfeld praktisch konkurrenzlos, von nicht zu übertreffender Innovativität, dabei aber zugleich in den grundlegenden praktischen Fertigkeiten absolut verläßlich. (Es war wohl für das Vertrauen, das Wegerich bei seinen Mitarbeitern inzwischen genoß, bezeichnend, daß niemand auf die Idee kam, zu fragen, wieso sie bei solch außergewöhnlicher Qualifikation nicht längst eine hochdotierte Stellung anderswo innehatte.) Der Internet-Fachmann Behrens wiederum sei ein echter Nerd (einer dieser fanatischen Fachmänner, die sich für nichts anderes als ihr Spezialgebiet interessierten und deshalb im Umgang mit anderen Menschen, Umständen und Tätigkeiten meist auf skurrile bis erschütternde Weise unbeholfen wirkten) und habe im absoluten Alleingang neben einer andersgearteten beruflichen Tätigkeit eine Internetseite erstellt, die im Grunde das sei, was CULT brauche – von der Logistik der Termintabellen und deren Pflege über die Peripherie der Beschreibung individueller Gegebenheiten der Lokalitäten, von Anfahrtswegen usf. bis zu einem hochraffinierten Bestellsystem für Eintrittskarten und die direkte Einbindung der jeweiligen Veranstalter in Sachen Werbung und Präsentationen.

Die Graphikerin Schußmann erwies sich als äußerlich unscheinbare, für ihre berufliche Situation in einigermaßen fortgeschrittenem Alter befindliche Frau (sie war alleinerziehende Mutter eines achtjährigen Sohnes), die in der Diskussion lediglich durch einige abschätzige Bemerkungen über das Projekt als solches auffiel und wenig Neigung zu haben schien, daran engagiert mitzuarbeiten oder überhaupt irgend etwas mit Begeisterung zu tun; eine „Miesmacherin“, wie Neitzl ihr auf einen ihrer despektierlichen Redebeiträge hin mitteilte. Auch der Internet-Fachmann Behrens wirkte grundsätzlich skeptisch, doch äußerte sich diese Haltung bei ihm in Süffisanz. Er schien Wegerich für einen etwas lächerlichen, leicht zu durchschauenden Scharlatan zu halten. Außerdem räumte er gleich bei seiner Vorstellung ein, Wegerich habe seine Internetseite nicht ganz richtig dargestellt und möglicherweise auch nicht ganz richtig verstanden: Es handle sich lediglich um eine experimentelle Vorstufe dessen, was Schnürer, Vennemann und Neitzl beschrieben worden war. Die wesentlichen Besonderheiten seien keinesfalls funktionierende Features, sondern nur Ideen, die sich ohne immensen Personal- und Kapitaleinsatz nicht verwirklichen lassen würden und an deren Verwirklichbarkeit er mittlerweile ohnehin nicht mehr recht glaube, weswegen er im übrigen die Arbeit an der Seite inzwischen weitgehend eingestellt habe, weil er sich des weiteren auch nicht sicher sei, ob es für eine solche Seite überhaupt eine Nachfrage gebe, und wenn es diese grundsätzlich gebe, sei sie ohne umfangreiche Werbung nicht zu wecken, und eine solche Werbung bedürfe der funktionierenden Logistik eines Großkonzerns.

Wegerich spürte, daß seine mühevoll geschaffene Überzeugungswirkung ins Wanken geriet. Er versuchte die Bedenken der beiden neuen Mitarbeiter zu entkräften, indem er sie zu seinen eigenen Bedenken erklärte, über die er bereits in großen Ansätzen hinausgedacht und sie so für sich zerstreut habe. Doch sei es nötig, daß alle Beteiligten sich des Risikos und der Schwierigkeiten bewußt seien, um diese überzeugend überwinden zu können. Gerade deshalb auch habe er Schußmann und Behrens eingeladen, obwohl er eine Menge Leute an der Hand habe, die von solchen Bedenken vollkommen frei seien. Schnürer war etwas verwirrt. Er empfand Behrens als verklemmten sowie ziemlich arroganten Wichtigtuer, und die Graphikerin war ihm von Haus aus so völlig unsympathisch, daß ihn die Erkenntnis verunsicherte, daß beide im Grunde nur das äußerten, was er selbst auch dachte. Er beschloß, es sei gut, mal wieder an Einwände erinnert worden zu sein, an die er eigentlich gar nicht erinnert hätte werden müssen, und entschied, den Bereich Internet im weiteren zu ignorieren und sich mit der graphischen Gestaltung des Heftes nur dann zu befassen, wenn die inhaltliche Gestaltung davon betroffen wäre, dann aber unbeugsam darauf zu beharren, die Form habe dem Inhalt zu folgen und sich unterzuordnen, um Entwicklungen wie bei Wegerichs Reklameheft von Anfang an zu verhindern. Hierfür, fand er, war eine Graphikerin, die wenig von ihrem Beruf zu verstehen und keine eigenen Visionen zu besitzen schien, eigentlich ganz gut geeignet – grundsätzliche Konflikte ließen sich leichter lösen, wenn eine der beteiligten Parteien keine ausgebildete Ideologie vertrat. Wiederum mit Erstaunen bemerkte er, daß ihm die Graphikerin und der Internetfachmann auch deshalb unsympathisch waren, weil sie sich dem Projekt gegenüber so wenig aufgeschlossen und begeisterungsfähig zeigten.

 

 

 

11

 

Der August begann, wie der Juli geendet hatte: mit Dauerregen und dauernden Diskussionen, die sich zuletzt intensiviert hatten, weil Schnürers Tätigkeit bei dem kostenlosen Musikmagazin vor einem Monat zu Ende gegangen war und der Workshop näherrückte. Wann immer Schnürer daran dachte, überkam ihn ein Gefühl wohliger Ohnmacht, weil es seine Gewohnheit und Art war, die Dinge hinzunehmen, wie sie kamen, ohne sich großartig zu bemühen, sie zu lenken, zu leiten und zu gestalten. Andererseits wehrte er sich gegen dieses Gefühl; möglicherweise war in seinem Gehirn durch die Arbeit für das Musikmagazin und die Vorgänge, die sich dort in der letzten Zeit abgespielt hatten, eine Drehbewegung in Schwung gekommen, die nun eines neuen Angelpunkts bedurfte. Seine grundsätzliche Skepsis, in den vorangegangenen Monaten gedämpft und beinahe erstickt durch die Notwendigkeiten des täglichen Bemühens um eine Entwicklung, die einer solchen Skepsis die Grundlage entziehen würde, war unerwartet zurückgekehrt und gewachsen.

Nämlich war ihm aufgefallen, daß sein ursprüngliches Selbstbild des flanierenden intellektuellen Kopfes einer frei denkenden Autorengruppe in einer (Maxvorstädter) Altbauredaktion mit den derzeitigen Planungen nicht nur nicht in Einklang zu bringen, sondern stillschweigend und möglicherweise endgültig aus den Vorstellungen aller Beteiligten verschwunden war. Niemand sprach mehr von der inhaltlichen Grundidee des Heftes, die Vennemann und Neitzl und sowieso Schußmann und Behrens gar nicht groß zu interessieren schien. Statt dessen war die Rede von Terminen, Heftstrukturen und, wenn es überhaupt um Texte ging, von knapp gehaltenen Empfehlungstexten, wie er sie für Wegerichs Reklameheft verfaßte. Wenn er sich an den Diskussionen beteiligte, schlich sich deshalb immer öfter ein aggressiver und renitenter Beiklang in seine Redebeiträge.

Daß Wegerich außerdem, da er weitgehend erreicht hatte, worum es ihm gegangen war, seine Bemühungen um privatfreundschaftliche Beziehungen zurückgeschraubt und statt dessen einen zusehends arbeitgebermäßigeren Umgangston angenommen hatte, war Schnürer hingegen ganz recht. Streng betrachtet, sagte er sich (und spürte seinen Trotz), ging es nur noch darum, dieses Ding auf die Beine zu stellen, es als Job zu betrachten, mit dem er sich möglichst wenig zu belasten trachtete, und sich ansonsten anderen Dingen zu widmen, wie er es ohnehin vorgehabt hatte. Eine gewisse Enttäuschung über diesen Verlauf der Sache mußte er sich eingestehen. Für den Workshop mochte das jedoch keine ganz schlechte Voraussetzung sein.

 

 

 

12

 

Schauplatz des Workshops war ein normalerweise in einem deprimierenden Zustand unrenovierter Zwecklosigkeit leerstehender Raum in einem Seitenflügel einer ehemaligen Fabrik, in der sich auch die Redaktion des EVENT-Magazins und Wegerichs eigenes Büro befanden. In dem Raum standen vier Resopaltische mit stählernen Beinen, die zu einer Tischfläche zusammengeschoben wurden. Durch die großen Schiebefenster ging der Blick auf ein trostloses Vordach, auf dem neben dem üblichen Anflug verrotteten Papiers eine seit langer Zeit tote Taube herumlag. Schnürers Blick war der einzige, der von Zeit zu Zeit dort hinausging während der vier düsteren, von zerfetzten Wolken durchflossenen Augusttage, die er mit Wegerich, Vennemann, Neitzl, der Graphikerin Schußmann, dem Internetfachmann Behrens und Wegerichs „Finanzchef“, einem offenbar von der vermuteten intellektuellen Gewichtigkeit der Veranstaltung anfangs eingeschüchterten, jedoch auf angenehme und freundliche Weise unverblümten jungen Mann namens Mayer, dort verbrachte.

Auf dem steinernen Fensterbrett waren Blätter angeordnet, jeweils nur mit einem Wort beschriftet: „Musik“, „Theater“, „Kino“, „Literatur“, „Kinder“ usw. – letztere Rubrik war Wegerich in den Wochen vor dem Workshop auffällig wichtig geworden, ohne daß Schnürer sagen konnte, weshalb. Immerhin: Wegerich hatte eine Tochter, die bei der Mutter aufwuchs, welche beiden jedoch weder Schnürer noch Vennemann und Neitzl (mit dem Wegerich mittlerweile engeren Kontakt zu pflegen schien als mit den übrigen Mitarbeitern) kannten.

Wenn wesentliche Dinge nicht zu besprechen waren oder nicht besprochen sein wollten, neigte Schnürer dazu, seine Diskussionsenergie in Unwichtiges umzuleiten. So warf er sich jetzt mit großem Engagement auf die Frage, ob die Rubriken im Heft alphabetisch oder nach irgendeinem noch zu findenden System der Gewichtung angeordnet sein sollten. Im Grunde war ihm das vollkommen egal. Er hatte sich weitgehend damit abgefunden, daß sich ein Heft, wie es ihm zeitweise im Kopf herumgegangen war, unter den gegebenen Umständen nicht würde verwirklichen lassen. Er mußte sich dabei auch einen grundsätzlichen Irrtum eingestehen: Die freie, auf hohem intellektuellem Niveau stattfindende, feuilletonistische Auseinandersetzung mit auf die Kultur unterschiedlicher Städte, ihre Bewohner, ihre Geschichte usf. bezogenen Themen und Problemen widersprach dem Konzept eines bis auf die unterschiedlichen Terminlisten uniformierten Programmheftes. Er hatte, was vielleicht auf seine Neigung zum phantasievollen Wunschdenken zurückzuführen war, von Anfang an falsche Vorstellungen gehegt. Jetzt konnte es nur noch darum gehen, inmitten der Auflistungen von Konsumangeboten gewisse Inseln von „Sinn“ zu etablieren und gewisse Dinge, die Wegerich in den letzten Wochen immer mal wieder in die Runde geworfen hatte, schon im Ansatz zu verhindern. Dabei handelte es sich zum Beispiel und vor allem um „Klatschseiten“ mit Schnappschüssen und höchstens andeutungsweise süffisanten Bemerkungen aus turnusmäßig wechselnden „Szenen“, wie sie Wegerich in seinem Reklameheft seit einiger Zeit eingeführt hatte, um den Betreibern gewisser Lokale, mit denen er geschäftlich (und folglich auch privat) in Verbindung stand, Platz zur Selbstdarstellung bieten zu können, sowie (zur Gewinnung zahlungskräftiger Anzeigenkunden) ausschließlich aus großformatigen Photographien bestehenden Modestrecken und einen Heftteil mit dem Arbeitstitel „Einkaufen“, der als mit einer journalistischen Tarnkappe versehene Werbefläche für Geschäftsleute dienen sollte.

Hinter letzterer Idee stand, wie dies bei Wegerich oft so war, eine weitere, die darüber hinausging: ein mit CULT verbundenes Vierteljahresheft, zumindest vorläufig auf den Namen „CULT Shopping“ getauft, gedruckt auf edlem Papier und ansprechend luxuriös gestaltet, das sich ausschließlich Konsumbedürfnissen des modernen urbanen Menschen widmen und logischerweise Seite für Seite gegen das journalistische Gebot der Trennung von Werbung und redaktioneller Äußerung verstoßen sollte. Derartiges lehnte Schnürer für sich selbst mit Vehemenz ab. Wenn schon ein zusätzliches Periodikum angedacht werde, sagte er, müsse dies eines sein, das sich den in CULT zu kurz oder gar nicht vorkommenden Bereichen widme, die seiner wenigstens anfänglichen Meinung nach das Herz des Heftes hätten bilden sollen: über den Umfang von Kurzrezensionen hinausreichende Kritik, freigeistiges Feuilleton, das Denken und Leben jenseits des Konsums. Wegerich hatte sich in letzter Zeit angewöhnt, auf derartige Äußerungen Schnürers höchstens mit einem leicht gequälten Gesichtsausdruck und ein paar beschwichtigenden Bemerkungen zu reagieren.

Nun vertrat Schnürer die Position, die Rubriken müßten alphabetisch geordnet sein, auch mit dem Hintergedanken, es werde sich damit wenigstens verhindern lassen, daß die Bereiche „Einkaufen“ und „Klatsch“ das Heft zur Gänze dominieren würden. Wegerich brachte vor, man müsse sich danach richten, was die Menschen interessiere, und dies seien nun einmal in erster Linie Klatsch sowie hochwertige Produkte. Neitzl ließ ein schweres Seufzen hören, mit dem er seinen generellen Überdruß an derartigen Verhandlungen zum Ausdruck brachte, Vennemann ein kaum weniger gewichtiges „Hm“. Schnürer argumentierte, es sei auch vom Gesichtspunkt der Benutzbarkeit des Heftes ideal, wenn der Leser nicht lange blättern müsse, um zu finden, was er suche. Eine solche Serviceorientierung sei nur durch alphabetische Sortierung zu gewährleisten. Er hoffte, indem er sich eines Arguments bediente, das Wegerichs Repertoire entstammte, diesen zumindest in Widersprüche verwickeln zu können. Wegerich schien nachzudenken und sagte endlich, es sei vielleicht besser, die diesbezügliche Diskussion später fortzuführen, um Polemik zu vermeiden. Neitzl wandte ein, es gehe eigentlich nur noch um so oder so. Vennemann versuchte die bisherige Diskussion kurz zusammenzufassen; Schnürer fiel ihm ins Wort, indem er dasselbe auf Grundlage seiner Argumente tat. Wegerich sagte, so habe das keinen Sinn. Der „Finanzchef“ Mayer, der bis dahin in verblüfftem Schweigen den unerwarteten Schlagabtausch verfolgt hatte, der ihm den Eindruck totaler Unversöhnlichkeit verfeindeter Positionen vermitteln mußte, fragte, wieso das eigentlich wichtig sei. Schnürer sagte, ihm gehe es darum, zu verhindern, daß CULT genauso werde wie „das Zeug da“ (in einer Zimmerecke lag ein großer Haufen von Kultur- sowie Stadtmagazinen aus mehreren Ländern, die im wesentlichen alle aus ein paar Klatschseiten, einem „Schaufenster“, „Panorama“, „Boulevard“ oder ähnlich genannten Teil mit Produkt- und Veranstaltungsreklame sowie vielen Listen bestanden). Es sei nicht besonders hilfreich, derart unkonstruktiv zu argumentieren, sagte Wegerich. Schnürer entgegnete, man sei sich von Anfang an einig gewesen, daß alle diese Magazine nicht funktionieren, weil sie nach genau demselben unjournalistischen, billigen und durchschaubaren System vorgingen – eben Klatsch, Reklame und Listen. Von einer solchen Einigkeit wisse er nichts, sagte Wegerich, es gehe vielmehr darum, und da sei man sich nun wiederum sehr wohl einig gewesen, ein nicht funktionierendes System so umzugestalten, daß es funktioniere. Mit journalistischem Anspruch, sagte Schnürer, sei es nicht zu vereinbaren, jeglichen kritischen Ansatz zu vermeiden und sich auf ein paar Empfehlungstexte zu beschränken. Für ihn, sagte Wegerich, gebe es da einen Riesenunterschied, der genau darin liege, daß man die Empfehlungen journalistisch aufbereite. Das sei Blödsinn, sagte Schnürer. Dann habe man sich grundsätzlich mißverstanden, sagte Wegerich. Wozu jemand ein Heft kaufen solle, fragte Schnürer, das genau denselben billigen Reklamedreck enthalte wie zum Beispiel das Heft, das er, Wegerich, selbst kostenlos herausgebe. Er registriere eine derartig destruktive Haltung mit Erstaunen, sagte Wegerich, im übrigen schätze er die journalistische Qualität der Artikel, die er, Schnürer, für besagtes Magazin verfasse, sehr hoch ein. Schnürer schwieg, weil er nicht weiterwußte. Der Internetfachmann Behrens sagte seufzend, man solle sich doch nun bitte langsam mit wichtigeren Dingen beschäftigen, anstatt den ganzen Tag mit diesem Journalismuszeug seine Zeit zu verschwenden, wo das doch sowieso nicht so wichtig sei. Schnürer schüttelte den Kopf. Vennemann sagte mit diplomatischer Gravität, da irre er sich, es müsse bei einem journalistischen Projekt schon auch darum gehen, was die Beteiligten eigentlich unter Journalismus ... Wozu man für ein paar Reklametexte eigentlich Honorare zahlen wolle, redete ihm Schnürer dazwischen, da könne man doch auch einfach die jeweiligen Waschzettel und Ankündigungen abtippen. Mit Polemik komme man nicht weiter, sagte Wegerich, und Neitzl ließ ein schweres Seufzen hören.

Nachmittags kamen sich die Beteiligten, wie man so sagt: wieder näher. Das lag daran, daß Wegerich inzwischen eine überwiegende Präferenz von Schnürers alphabetischer Ordnung registriert hatte und darum beschloß, zunächst nachzugeben und die diesbezügliche Diskussion zu einem späteren Zeitpunkt entweder mit neuen Argumenten wieder aufzunehmen oder sich irgendwann ganz einfach als Herausgeber zu einer Entscheidung im Interesse des Gesamtprojekts genötigt zu sehen. Er habe, sagte er also, nachgedacht und grundsätzlich eingesehen, daß mehr für das alphabetische System spreche. Er hoffe, fügte er hinzu, daß diese Einsicht als Beispiel für alle und bestimmte Diskussionsteilnehmer dienen könne. Schnürer bemerkte die Spitze in seine Richtung, war jedoch zu erleichtert, um darauf zu reagieren.

Wegerichs Trick, um Schnürer von seinem Beharren auf irgendwelchen verstiegenen journalistischen Erwägungen abzubringen, funktionierte, da sich nun auch Schnürer genötigt sah, gewisse Zugeständnisse zu machen. Vielleicht, dachte er, ist die Sache mit den Empfehlungstexten nicht gar so schlimm; immerhin gelang es ihm auch in den Beiträgen, die er für das Reklameheft schrieb, hin und wieder eine ironische Bemerkung unterzubringen, die Wegerich und seinesgleichen möglicherweise gar nicht bemerkten. Und daß nicht jeder Text eine Empfehlung sein müsse, sondern daß es auch Abratungen geben könne und müsse, darin war man sich ja noch einig.

Am Nachmittag wurde das Budget für das Probeheft verhandelt. Schnürer addierte die vorgeschlagenen Honorare für die bei Autoren zu bestellenden Texte und kam auf ein Ergebnis von etwa fünfzigtausend Mark. Das sei leider nicht drin, sagte der „Finanzchef“ bedauernd; man verfüge für das Probeheft nur über ein Budget von fünfzehn- bis höchstens zwanzigtausend Mark. Man müsse ja, sagte Wegerich, die Honorarsätze nicht so starr halten, sondern könne je nach journalistischem Anspruch variieren. Man einigte sich auf drei unterschiedliche Sätze für kurze, mittlere und lange Texte. Letztere, dachte Wegerich, würden sowieso praktisch nicht anfallen, von Schnürers Kolumne auf der letzten Seite vielleicht abgesehen.

Diese Kolumne, darauf hatte Schnürer bestanden, müsse inhaltlich „frei“ sein, sich also einem beliebigen Thema widmen können. Es wäre aber zu begrüßen, sagte Wegerich, wenn sie sich hin und wieder auch einem aktuellen Thema widmen könne. Das sei grundsätzlich denkbar, sagte Schnürer, dürfe aber nicht Bedingung sein. Es solle aber als Möglichkeit zumindest wünschenswert sein, sagte Wegerich, und Neitzl bewahrte die Debatte mit der geseufzten Bemerkung, es meinten doch beide dasselbe und im übrigen seien solche Sachen vorläufig vollkommen wurst, vor dem erneuten Einstürzen der Dämme diplomatischer Zurückhaltung.

Es blieb nicht die letzte Auseinandersetzung dieser Art, was Wegerich, wenngleich er seine ständig wechselnden Positionen mit leidender Hartnäckigkeit und kaum beherrschbar scheinendem Furor vertrat, mit Freude erfüllte, weil Schnürers Verhalten zeigte, daß er nun, nach einer längeren Phase des inneren Abstandnehmens, wieder oder erstmals mit ganzem Herzen hinter CULT stand. Die jeweiligen Einzelentscheidungen, soviel wußte Wegerich aus der Erfahrung mit seinem Reklameheft, wären sowieso diversen evolutionären Prozessen unterworfen, die er dann und wann mit gezielten Stößen in Gang setzen und in die notwendige Richtung steuern würde.

Darum auch erklärte er sich mit einigen Vorschlägen Schnürers für weitere Kolumnen in verschiedenen Heftteilen einverstanden: Im Sportteil sollte regelmäßig eine Fußballkolumne erscheinen, die sich, da CULT aus Gründen mangelnder Tagesaktualität auf eine eingehende Spielberichterstattung verzichten mußte, auf intellektuelle Weise mit der jeweiligen Situation verschiedener Bundesligavereine und sporadisch auch mit anderen Dingen befassen würde. Für den am zweiten Tag neu eingeführten, bezüglich seiner Ausrichtung noch schwebenden Heftteil „Stadtleben“ hatte Schnürer mehrere Ideen: „Außenansicht“ sollte Betrachtungen aus der Feder nicht in der jeweiligen Stadt lebender Literaten und Schriftsteller enthalten, „Damals jetzt“ auf aktuelle Ereignisse und Tendenzen bezogene Ausschnitte aus alten Romanen, Autobiographien und anderen Büchern sammeln. Es sei ihm hier ein bißchen viel von Literatur die Rede, wandte Wegerich lediglich ein, und ob solche Sachen nicht in den Literaturteil hineingehörten. Für diesen hatte Schnürer jedoch bereits die Serie „5.000 Zeichen“ (mit exakt 5.000 Anschläge langen Texten bekannter wie auch vollkommen unbekannter Gegenwartsliteraten) erfunden. Für den Musikteil wiederum war „Mittendrin und doch dabei“ vorgesehen, ein reportageartiger, von Szenegängern der jeweiligen Stadt verfaßter Rundgang durch den aktuellen Bestand an lokalen Bands sowie in deren Dunstkreis sich tummelnden Menschen (und als solcher, wie Schnürer selbst überrascht und erfreut bemerkte, ein willkommenes Zugeständnis an Wegerichs Klatsch-Forderungen).

Man müsse, bat Wegerich, bei so viel Feuilleton und Meinung darauf achten, daß die Fakten und der Servicegedanke nicht zu kurz kämen. Man sei sich, entgegnete Schnürer, doch einig, daß man ein journalistisches Magazin wolle. Selbstverständlich, sagte Wegerich, doch bedeute Journalismus nicht zwangsläufig Meinung und Feuilleton, sondern vor allem Information: Was passiert wo wann? Das sei kein Journalismus, wandte Schnürer ein, sondern Ankündigung. Er widmete sich sodann in einem längeren Vortrag dem Unterschied zwischen „Ankündigungsjournalismus“, der vom Grundgedanken her dem Reklamebereich zuzuordnen sei, und „Berichterstattungsjournalismus“. Es sei, folgerte er, daher nötig, die textliche Aufbereitung von noch kommenden Ereignissen zu vermeiden (man könne schließlich nicht über etwas schreiben, das noch gar nicht passiert sei und von dem niemand wisse, ob es gut, schlecht oder sonst was sein werde) und sich statt dessen zurückliegenden Konzerten, bereits erschienenen Büchern und stattgefundenen Ereignissen zu widmen, um Diskussionen anzustoßen und ein Forum für solche Diskussionen zu sein. Es gehe, sagte Schnürer, bei jeder Kritik im Grunde darum, dem Leser zu ermöglichen, sich ohne eigenen Konsum eine diskussionsfähige Meinung zu bilden. Das sei schon möglich, sagte Wegerich, aber es gehe doch auch darum, den Leuten zu sagen, was los sei in den deutschen Städten. Man könne, sagte Schnürer, aber nicht fundiert und kritisch über Dinge berichten, die erst in der Zukunft los sein würden. Das könne man sehr wohl, sagte Wegerich, der beste Beweis seien seine, Schnürers, Konzertankündigungen im EVENT-Magazin. Diese, fuhr Schnürer (dem nun doch der zuvor mühsam zusammengehaltene Kragen platzte) dazwischen, seien genau das Gegenteil von Journalismus: Reklame. Das sehe er nicht so, sagte Wegerich mit einer gewissen Kälte in der Stimme. Man könne doch beides machen und solle sich jetzt nicht mit Unwichtigkeiten aufhalten, sondern lieber konkret werden, sagte Neitzl und beendete damit die Diskussion erneut rechtzeitig.

Am dritten Tag des Workshops wollte sich die Runde (der der Internetfachmann Behrens aus Gründen, die zumindest Schnürer, ohne nachzufragen, nicht erfuhr, nicht mehr angehörte) graphischen Fragen zuwenden. Die Graphikerin Schußmann legte ein Blatt mit einem kreisrunden, von einem großen C umfaßten CULT-Signet vor, das niemandem recht gefallen mochte, und schob einige Seiten mit Listen und ein paar kleinen Textkästchen nach, die ebenfalls niemandem gefielen. Das wirke alles recht altbacken und bieder, sagte Schnürer in förmlichem Ton, woraufhin die Graphikerin, die bis dahin an den Diskussionen nicht teilgenommen hatte, gekränkt war und an den weiteren Diskussionen nicht mehr teilnahm. Um ein Scheitern des gesamten Workshops zu vermeiden, machten Neitzl, Vennemann und Wegerich sowie versuchsweise der „Finanzchef“ Mayer konziliante und vorsichtige Änderungsvorschläge: Man könne das Signet doch auch „klassisch“ viereckig machen, die Texte in Kästchen ohne Rahmen und Hintergrundfarbe oder nur mit Rahmen oder nur mit Hintergrundfarbe oder womöglich sogar mit beidem stellen usw. Die Graphikerin grummelte, steckte ihre Blätter wieder ein, und die Diskussion wurde vertagt.

Am vierten Tag des Workshops fehlte auch die Graphikerin Schußmann. Sie habe, teilte Wegerich mit, ihm mitgeteilt, sie habe so viel „um die Ohren“, daß ihr eine geregelte Mitarbeit an dem Projekt nicht möglich sei. Schnürer war etwas verwundert, weil Wegerich ihm vor einiger Zeit erzählt hatte, die Graphikerin sehe das Projekt Kulturmagazin „nicht zuletzt auch“ als Vehikel für ihren beruflichen Wiedereinstieg nach der Zeit, die sie der Erziehung ihres Sohnes gewidmet hatte; er fragte jedoch nicht weiter nach, weil er die Graphikerin Schußmann für unfähig und zudem unleidlich hielt, sich eine Zusammenarbeit mit ihr nicht vorstellen konnte und das Gefühl hatte, daß Wegerich, allen früheren diesbezüglichen Äußerungen zum Trotz, ähnlicher Meinung war. Überdies pflegte Schnürer eine grundsätzliche Abneigung gegen Graphiker, die daher rührte, daß er die Empfindung hatte, die eigentliche Basis jeder Zeitschrift (der Text) werde von diesen und unter deren Einfluß auch von anderen zunehmend als disponibles graphisches Element aufgefaßt, das man als beliebige Füllmasse zur „künstlerischen Gestaltung“ von Seiten einsetzen, hierfür in jedem notwendigen Maß kürzen, verlängern, verändern und anpassen konnte, ohne sich überhaupt dafür zu interessieren, worum es in dem jeweiligen Text ging. Hingegen sah Schnürer die graphische Aufmachung einer Seite als Mittel, um den Text zu transportieren: ihn so zu gestalten, daß er Interesse weckte und seine jeweilige Bedeutung sichtbar wurde. Wegerich vertrat in dieser Hinsicht weiterhin die etwas vage Ansicht „Form follows Function“, von der Schnürer vermutete, daß er sie irgendwo (am Ende bei Schnürer selbst) aufgeschnappt und sich nur deshalb eingeprägt hatte, weil sie englisch war und notfalls als Argument für beide Standpunkte eingesetzt werden konnte.

Es war nun weitgehend alles besprochen und beschlossen, manches davon ohne Schnürers Teilnahme und Wissen. Zum Beispiel hatte Neitzl mit Wegerich vereinbart, daß er, da er derzeit ohne Anstellung war, sein Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung jedoch Ende Oktober auslief, ab Anfang November mit dem Tätigkeitsschwerpunkt CULT für Wegerichs „EVENT-Print GmbH“ tätig würde, die das gleichnamige Magazin herausgab und von Schnürer, Neitzl und Vennemann in logischer Ableitung als zumindest finanziell tragende Basis auch des Kulturmagazins angenommen wurde. Ein weiteres Mal wurde die Liste mit den in Auftrag zu gebenden Texten für das Probeheft durchgegangen. (Man hatte sich auf einen fiktiven Relevanzzeitraum von 3. bis 9. August geeinigt, was, da man bereits den 5. August schrieb, unrealistisch war, jedoch nach Ansicht aller Beteiligten den Bedingungen entsprach: Die Zeit, wurde Wegerich nicht müde zu betonen, drängte. Spätestens im Oktober sollte CULT zumindest in zwei oder drei Städten regulär erscheinen, da konnte man bei der Simulation die Voraussetzungen etwas vereinfachen.)

Wegerich bemängelte das Fehlen einer textlichen Vorgabe für den Bereich „Clubs“ – dieser, so meinte er, sei angesichts seiner Relevanz für das Freizeitverhalten der Zielgruppe von erheblicher Bedeutung. Schnürer wandte ein, es sei grundsätzlich möglich, sich dem Phänomen journalistisch und kritisch zu nähern, jedoch werde oder vielmehr würde ein solcher Umgang mit dem „Thema“ kaum auf Interesse bei denen stoßen, die in diesem Bereich als Konsumenten aufträten. Dann, sagte Wegerich, müsse man eben das schreiben, was diese Konsumentengruppe lesen wolle. Diese Konsumentengruppe, sagte Schnürer, wolle grundsätzlich überhaupt nicht lesen. Das, sagte Wegerich, sei polemisch. Es müsse doch, sagte Neitzl, möglich sein, jemanden zu finden, der geistvoll schreiben könne und trotzdem im Bereich „Clubs“ zu Hause sei. Schnürer sagte, er könne sich da unter Umständen jemanden vorstellen – er dachte an den Rundfunkredakteur Stangert, der dafür bekannt war, sich mit (allerdings bröckeligem) intellektuellem Brimborium dem Themenbereich des Tanzens zu monotonen Rhythmen und seiner diversen Begleiterscheinungen (Schnürer vermied das Wort „Kultur“), wie man sagte: anzunähern –, jedoch sei grundsätzlich zu bedenken, ob man da nicht Geld zum Fenster hinauswerfe und ob es möglich sein werde, das Thema über eine einmalige kritische Durchleuchtung hinaus noch weiter zu behandeln. Wenn der Artikel einmal da sei, sagte Neitzl, könne man ihn ja später auch im regulären Heft irgendwann drucken und sich ansonsten auf Ankündigungen von Clubevents beschränken. Schnürer versprach, sich darum zu kümmern.

Auf die abgebrochene Diskussion über die graphische Gestaltung des Heftes wurde in dem von allen Beteiligten als vorläufig abschließend empfundenen Gespräch nicht mehr eingegangen. Wegerich hatte angekündigt, sich noch einmal um eine zumindest übergangsweise Mitarbeit der Graphikerin Schußmann zu bemühen und ansonsten ersatzweise die neue Graphikerin des EVENT-Magazins, auf die er große Stücke halte, darauf anzusetzen. Da niemand in Stimmung war, einen erneuten Disput über die grundsätzliche Bedeutung graphischer Gestaltung auszulösen (Neitzl fand eine solche überflüssig, Wegerich hatte konkrete Pläne, Vennemann wollte sich aus diesem Bereich heraushalten, und Schnürer glaubte nicht mehr, seine Ansicht in der Kürze der verbleibenden Zeit vermitteln zu können), wurde dies so hingenommen.

 

 

 

13

 

Schnürer war, wir kommen nicht umhin, es zu erwähnen, wenngleich sowohl die Tatsache als auch der Bereich, dem sie üblicherweise zugerechnet wird, für die hier dargestellten Entwicklungen wenig relevant zu sein scheint, seit gut zwei Jahren verheiratet. Seine Frau – ihr Name ist nicht von Belang – entsprach nicht dem, was man unter Berücksichtigung früherer Beziehungen als den von ihm bevorzugten Typ eingrenzen könnte. Äußerlich hatte sie nichts Weiches, „Romantisches“, Naiv-Warmes, Weltfremd-Verträumtes; ihr Trotz enthielt keine Beimischungen von Verletzlichkeit, ihre Verletzlichkeit war frei von Hingabe, ihre Hingabe blieb streng und kontrolliert, ihre Strenge hatte nichts Naives, ihre Naivität war frei von Stolz, ihr Stolz ungetrübt von Trotz, von … – wie immer man den vielfältigen und doch eigentümlichen Reiz beschreiben wollte, der Schnürer für gewöhnlich aufmerksam, verliebt und bisweilen beharrlich reagieren ließ. Äußerlich wirkte sie herb, aber attraktiv, wenngleich nicht auffällig; ihr langes blondes Haar, das keinen Goldglanz und auch kein weißes Strahlen hatte, sondern nur hell und stumpf wirkte, war ebenso typisch wie die kleinen Augen, die sich zwischen grau, grün und braun nicht recht entscheiden mochten und eigentlich gar keine Farbe hatten. Ihr Auftreten wirkte stets forsch und resolut, aber Schnürer wußte, daß sie sich ihre offensive Selbstsicherheit zu einem gewissen Teil antrainiert hatte, und erkannte an ihrem Lachen, wenn es dazu diente, Unsicherheit zu überspielen.

Auch die Beziehung zu ihr folgte nicht den Mechanismen, die sich in früheren Fällen als in dieser Hinsicht für ihn typisch herausgeformt hatten; er hatte sie weniger kennengelernt als daß er von ihr kennengelernt worden war. Doch kam ihm dies durchaus entgegen, da sich so die Gelegenheit bot, einem Leben und seinen Verlaufsformen mit einem Sprung zu entkommen, die er zunehmend als Belastung empfand, weil sie in mehrerlei Hinsicht in mittlerweile bekannte Sackgassen führten. Immerhin hatte er, über die Sachlichkeit einer solchen Analyse selbst erstaunt, seine spätere Frau schon nach wenigen kurzen Begegnungen für grundsätzlich passabel befunden, war im folgenden während einer gemeinsamen Reise durch das herbstlich verödende Mittelitalien von einer weder erwarteten noch erahnten sexuellen Betriebsamkeit sowie von deren offenbarer Selbstverständlichkeit und beiderseitigen Konvenienz (die er so seit seiner allerersten Liebesbeziehung vor annähernd zwanzig Jahren nicht erlebt hatte und für einen Glücksfall hielt, der mit allergrößter Wahrscheinlichkeit kein drittes Mal eintreten würde) überrascht worden und hatte daraus den logischen und sachlichen Schluß gezogen, es sei nun endlich an der Zeit, erwachsen zu werden und dies rituell zu bekräftigen. Einsprüche aus dem Freundeskreis tat er als unerheblich ab. Neitzl hatte zusammen mit Schnürer das Seminar besucht, in dessen Verlauf ihn die Frau kennenlernte, und auf Schnürers zaghafte Andeutungen hin, um wen es sich bei der bis dahin verschämt geheimgehaltenen Person handle, die hinter der Absage einiger gemeinsamer Biergartenbesuche stecke, sofort gesagt, er meine doch nicht etwa „die mit dem schlechten Referat“. Schnürer mußte zugeben, daß der Seminarvortrag zu den Lebensdaten einer bekannten deutschen Schriftstellerin der Nachkriegszeit tatsächlich nur aus dem Ablesen einiger Lexikonzeilen bestanden hatte, erklärte Neitzl aber, er sei nicht aus wissenschaftlichen Gründen an der Frau interessiert.

Nach der etwas kläglichen Zeremonie der Verheiratung (auch dies erschien ihm durchaus seinem Wesen zu entsprechen, da er es als unangenehm empfand, Mittelpunkt und Anlaß exaltierter Feierei zu sein) war er in ihre Wohnung gezogen, die sich über die unteren beiden Etagen eines vierstöckigen, von insgesamt drei Parteien bewohnten Hauses im Münchner Osten erstreckte und seiner Frau von ihren wohlhabenden Eltern schon während ihres Studiums zur Verfügung gestellt worden war, und kümmerte sich fortan mit stiller Emsigkeit um den bescheidenen Garten und die ohne große organisatorische Bemühungen sofort funktionell umrissenen Bereiche des Haushalts. Bisweilen fühlte er sich in der stillen, besonders nachts gelähmt und wie tot daliegenden Vorstadt, in der er jetzt lebte, einsam, zumal seine Frau nun, da sie ihn hatte, kein besonderes Interesse mehr an ihm und den Dingen, die ihn beschäftigten, zeigte. Doch war ihm dies zu anderen Zeiten durchaus angenehm, da es ihm erlaubte, seinen Neigungen nachzugehen, ohne diese rechtfertigen zu müssen.

Er ging viel spazieren, wobei ihn besonders das brachliegende ehemalige Betriebsgelände hinter dem Bahnhof der Vorstadt und die umliegenden, bereits in den Grundzügen einer siedlungsfunktionellen Erschließung befindlichen Grünflächen anzogen. Vergessenheit, Verfall und die fossile Ruiniertheit ehemaliger Zivilisationsbemühungen hatten ihn seit je her fasziniert. Schweigend, aufs Geratewohl denkend, ging er verrostete Gleise entlang, bis sie unvermittelt an verfallenen, von Stacheldrahtgewirr aus Brombeerästen überwucherten Puffern endeten, stieg über zerfetzte Zäune, sammelte Überbleibsel aus verlassenen Lagerhallen. Vielleicht meinte er, ohne sich dessen bewußt zu sein, den bisweilen schmerzhaft empfundenen Mangel an ihm entgegengebrachter Zärtlichkeit kompensieren zu können durch die Versenkung in das unscheinbare, doch pulsierende Leben solcher Bereiche der Vernachlässigung, der Nutzlosigkeit und Vergessenheit, das ihn unvermittelt anrührte, wenn er etwa die Verrichtungen eines Käfers beobachtete. Darüber jedoch, so viel können wir wissen, dachte er nicht nach.

Gelegentlich versuchte er, seiner Frau seine Begeisterung für alle möglichen „kleinen Dinge“, die vom rasenden modernen Leben schon geschwindigkeitsbedingt unbeachtet bleiben mußten, zu vermitteln, auch seinen Kummer über die zwangsweise ebenfalls unbemerkt bleibenden Beschädigungen, die dieses rasende Leben in den als nutzlos geächteten und ignorierten Nischen anrichtete, aber da sie auf solche Hinweise stets nur mit Befremdung, Unverständnis oder Desinteresse reagierte und er dies längst wissen und erwarten mußte, können wir davon ausgehen, daß er sich seine Geschichten eigentlich nur selbst erzählte und erzählen wollte.

Es konnte ihm auch nicht entgehen, daß seine Ehe, das gemeinsam gedachte, mittlerweile aber weitestgehend ohne einander stattfindende Leben, auf Dauer nicht haltbar war. Doch verhinderte vielleicht sein Unwille, seine in lebenslanger Übung ausgebildete und verfeinerte Abneigung dagegen, nicht effektiv funktionierende Dinge und Vorgänge einer groben, gewaltsamen Neugestaltung zu unterziehen, daß er sich dessen bewußt geworden wäre. Zweifellos litt er an der beschriebenen Einsamkeit, an dem Gefühl, nichts und niemandem zugehörig oder auch nur verständlich zu sein. Vielleicht jedoch genoß er dieses Leiden sogar, da es für ihn einen nostalgisch gefärbten Reiz hatte, der sich aus der unglücklichen Disposition speiste, daß er schon als Kind ebenfalls Phasen einer solchen Einsamkeit durchlebt hatte, in denen er seine Tage allein in leerstehenden Fabriken, auf Baustellen und Straßen verbracht hatte, die jenen in der Vorstadt, wo er jetzt wohnte, sehr ähnlich gewesen waren.

Immerhin: Daß er seine frühere Wohnung in Schwabing (drei kleine, seit der Kanzlerschaft Adenauers nicht mehr renovierte Zimmer, die er von seiner Großmutter geerbt hatte) nie vollständig geräumt hatte, sie vollständig zu räumen oder gar zu verkaufen sich bei Gelegenheiten, wenn seine Frau ihn darauf ansprach, vehement weigerte und deren teilweise Vermietung (erst ein Zimmer, dann zwei) an Studenten stets als „Untervermietung“ empfand und darstellte, könnte darauf hindeuten, daß er die Zeitweiligkeit seines jetzigen Lebens sehr wohl erahnte. Zu meinen, er habe sich auf dieses Leben absichtlich übergangsweise eingelassen, um sich vielleicht von gewissen Dingen zu „reinigen“ und Platz für andere, neue Möglichkeiten zu schaffen, wäre jedoch unzulässig. Wie wir bereits wissen, glaubte er nicht an eine konkret zu umreißende Zukunft. Auch hierfür gab es einen Grund, der in einem Biologiebuch verborgen lag, das er im Alter von vierzehn Jahren zufällig geöffnet hatte: Die Beschreibung des menschlichen Lebens als unausweichliche Reihung bestimmter, vorhersehbarer Vorgänge von Entstehung, Reife und Verfall und ganz besonders die Formulierung „Für einige Jahre befindet sich der Mensch nun auf dem Höhepunkt seiner Kräfte“ hatten ihn dermaßen schockiert, daß in der tränenfeuchten Verzweiflung, die folgte, etwas in ihm zerbrochen war, was unbedingte Voraussetzung für ein zielgerichtetes Existieren war – doch sollten wir diesen Abweg hier verlassen. Was wir vorläufig wissen müssen, ist dies: Die sexuellen Bemühungen seiner Frau und (nach mehreren auf von ihm als verletzend empfundene Weise vergeblichen Versuchen) auch Schnürers waren nach der Eheschließung sehr bald verebbt; in letzter Zeit hatte es einige recht heftige Auseinandersetzungen gegeben, deren unentschiedene Beilegung befürchten ließ, daß sie sich jederzeit an geringen Anlässen erneut entzünden konnten.

Einer dieser Anlässe war die von seiner Frau kürzlich in die Wege geleitete Anstellung einer Putzfrau, die einmal wöchentlich die Wohnung saubermachen sollte. Schnürer empfand nicht nur deren Wirken als störenden Einbruch in die Sphäre seiner Tage und Beschäftigungen, der ihn von dem entfernte, was er als filigran verschränkte Statik aus Umgebung und Dasein sah. Auch die bloße Tatsache, daß seine Frau seine eigenen Bemühungen um Aufrecht- und Saubererhaltung dieser Konstruktion so gering schätzte, daß sie die Hilfe einer wildfremden Person zu bezahlen für nötig hielt, kränkte ihn. Zudem war Schnürer kürzlich beim Aufräumen, das er stets vor dem Eintreffen der Putzfrau durchzuführen pflegte, auf eine leere Packung eines neuartigen, offenbar auf täglicher Überprüfung gewisser weiblicher Körpersekrete beruhenden Mittels zur Empfängnisverhütung gestoßen. Es wäre übertrieben, zu behaupten, daß er sich nur deshalb so intensiv der Planungs- und Vorbereitungsarbeit für das Kulturmagazin widmete, weil er sich der Konfrontation mit aus diesen Dingen folgenden Überlegungen zu entziehen trachtete. Doch sollten wir die Gegebenheiten immerhin nicht außer acht lassen.

 

 

14

 

Die Tage nach dem Workshop verbrachte Schnürer in noch geringfügig größerer Einsamkeit als sonst. Seine Frau war beruflich unterwegs; ihr Ehrgeiz in diesen Dingen war, wahrscheinlich (wie sie selbst meinte) aufgrund der Tatsache, daß sie es nie nötig gehabt hatte und (vorausgesetzt, ihr Vater entwickelte nicht plötzlich eine schlechte Gewohnheit, die den Verlust seines Millionenvermögens zur Folge hätte) nie nötig haben würde, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, so groß, daß sich ihre Nervosität bis zu einem beängstigenden Zittern steigern konnte, in dem sie ihre sowieso brüchige und von ruckartigen Bewegungen und Reaktionen (auch im Gespräch neigte sie zu überdeutlicher Wiederholung zustimmender und bekräftigender Laute und Gesten) gezeichnete Balance vollständig zu verlieren schien. Sie starrte in solchen Momenten mit resoluter Hilflosigkeit in die Welt, sammelte sich jedoch meist umgehend wieder und strebte neuen Herausforderungen entgegen. Schnürer wußte mit diesen beiden Extremen ihres Wesens nicht recht umzugehen. Schon das beiläufige Mitfühlen erschöpfte ihn derart, daß er ihre Abreise wie den plötzlichen Eintritt von Ruhe und Entspannung empfand.

Folglich dauerte es eine gewisse Zeit, bis er sich aufraffen konnte, die eigenen Bemühungen um CULT, die nach dem Ende des Workshops erschlafft waren, wieder aufzunehmen. Hinzu kam, daß es ihm in gesprächiger Runde meist gut gelang, sich zu Wort zu drängen und, wenngleich die treffende Formulierung nur schrittweise ertastend, seinen Standpunkt und dessen Relevanz darzulegen, wohingegen die nahezu vollkommene Stille im verlassenen Haus (nur sehr selten ertönte das Signal einer Nachbarskatze, die ihm durch die offenstehende Terrassentür einen Besuch abstattete) die ungünstigsten Voraussetzungen für die Durchführung eines Telephonats bot, die er sich vorstellen konnte. Seine Stimme schien dann unerträglich zu dröhnen, seine Argumente unziemlich, unausgegoren, in keine bestimmte Richtung treibend. Er saß am Tisch, die längst gelesene Zeitung vor sich, und in seinem Kopf drehten sich Formulierungen, die dazu geeignet sein sollten, den Angesprochenen zur Mitarbeit nicht nur zu bewegen, sondern eine gewisse Begeisterung zu entfachen.

Dann ging es jedoch erstaunlich leicht. Innerhalb unwirklich kurzer Zeit hatte er nach jeweils knapper Darlegung der charakteristischen Grundzüge und Merkmale des Magazins aus seiner Sicht (die, dessen war er sich bewußt, eine idealistische und nicht vollständig mit den Vorstellungen Wegerichs in Einklang zu bringende war) und ohne Angabe eines genauen Honorarbetrags (der nur ungefähr vereinbart worden war) mehrere Zusagen zur Mitarbeit an dem Probeheft und eventuell sogar darüber hinaus. Wiederum trat eine leichte Erschöpfung ein, diesmal gemischt mit Zufriedenheit, so daß er beschloß, die noch ausstehenden Texte einfach selbst zu verfassen. Es ging ja nur um ein Probeheft, und da er nun einmal wieder am Tisch saß und die Stille erneut die Herrschaft im Haus ergriffen hatte, erschien ihm das allemal leichter als weitere Telephonate.

Er begann mit dem „Club“-Text, einer ziemlich belanglosen, vorgeblich essayistischen Annäherung an Begriff und Funktion des Diskothekentürstehers, die ihm, obwohl er an dem Thema keinerlei Interesse hegte, ein bißchen süffisant geriet, sich insgesamt aber so harmlos und nichtssagend las, daß sie Wegerich wohl genehm sein könnte; das Argument, der in Aussicht gefaßte Autor sei nicht zu erreichen gewesen, hielt er als Polster bereit. Er log äußerst ungern, doch noch weniger mochte er es, Dinge vertreten zu müssen, die er selbst für nicht vertretenswert hielt.

 

 

 

15

 

Ende August rief Wegerich Schnürer an und bat um ein Treffen. Sie saßen in der ehemaligen Kantine der Fabrik, die neben dem EVENT-Magazin eine Reihe von Werbeagenturen und anderen Bürofirmen beherbergte; es herrschte nachmittägliche Ruhe. Schnürer bestellte ein Glas Wasser, das ekelhaft nach Salzen schmeckte, Wegerich aß das Tagesgericht, einen Teller Nudeln mit sahniger Sauce, und trank Wein. Er wirkte auf merkwürdige Weise aufgeräumt; die Anspannung, die den Hintergrund der Arbeit an CULT in den vorangegangenen Monaten gebildet und sich stetig gesteigert hatte, schien verflogen.

Er sei, sagte er, nicht sicher, welche Richtung das Projekt nehmen werde. Schnürer gab sich Mühe, seine Verständnislosigkeit zu verbergen, und fragte vorsichtig nach Details, insbesondere nach der Graphikerin Schußmann. Wegerich reagierte ausweichend, doch war seinen entspannten Äußerungen zu entnehmen, daß die Graphikerin endgültig „ausgestiegen“ war. Er zeigte sich darüber jedoch nicht sonderlich besorgt. Schnürer schlug vor, die beiden ehemaligen Graphiker des kostenlosen Musikmagazins, die er fachlich und noch mehr persönlich schätzte, zur Mitarbeit einzuladen. Wegerich äußerte sich wiederum nur unbestimmt, als wäre ihm die ganze Sache egal. Statt dessen vertiefte er sich in umfangreiche Ausführungen über die Qualitäten eines Londoner Kultur- und Programmheftes, das er für perfekt, ideal und ein Vorbild halte, an das man wahrscheinlich kaum je heranreichen könne. Schnürer, der das Magazin kannte und es journalistisch höchstens im unteren Mittelmaß ansiedelte, schwärmte vorsichtig von den US-amerikanischen Magazinen „New Yorker“ und „Atlantic Monthly“, an denen ihm besonders die seitenlangen, nicht oder kaum bebilderten Essays und Reportagen sowie die ruhige, unauffällige, seriöse und, was er so nicht sagte, äußerst konservative graphische Gestaltung gefielen. Natürlich wäre so etwas ein Traum, meinte Wegerich lächelnd. Schnürer sagte, sich langsam in deutlichere Begeisterung hineinredend, da es ein derartiges Magazin in Deutschland überhaupt nicht gebe, sehe er da eine enorme Marktlücke, und sehr vorsichtig deutete er an, für CULT in der momentan geplanten Form gelte das mit Sicherheit nicht. Das Heft werde sich vielmehr mit einer Unzahl ähnlicher Hefte, in jeder Stadt für sich und überregional, herumschlagen müssen. Es wäre, fügte er zusammen, doch wesentlich vernünftiger, ein wirklich gutes, richtig intellektuelles Magazin zu machen, das konkurrenzlos dastehe, als zu versuchen, etwas, was es in ähnlicher Form schon gebe, noch zusätzlich in den Markt hineinzudrücken. Wegerich schien nachdenklich, ließ sich aber keine erkennbare Meinung abringen.

Ebenso fruchtlos verlief einige Tage später ein neues Treffen in der ehemaligen Kantine, an dem außer Wegerich und Schnürer auch die beiden früheren Graphiker des Musikmagazins teilnahmen. Wegerich umgab sich von Anfang an mit einer arroganten, nonchalanten Skepsis, die den Eindruck erweckte, er habe an einer Mitarbeit der beiden Graphiker keinerlei Interesse und im Grunde auch keine besondere Lust mehr, überhaupt ein Kulturmagazin herauszugeben. Die Graphiker reagierten entsprechend: Sie zeigten ein paar Arbeiten, mit denen sie sich gerade beschäftigten und früher beschäftigt hatten, ließen jedoch keine Begeisterung für die Idee des Magazins erkennen, so daß Schnürer, dem die Situation peinlich war, in die noch peinlichere Lage geriet, ein Projekt verteidigen und für es werben zu müssen, von dem er in der jetzigen Form selbst nicht richtig überzeugt war. Man trennte sich ohne Pläne. Tags darauf rief Wegerich Schnürer an und sagte, er finde die Arbeiten der beiden Graphiker in höchstem Maße altmodisch, konservativ, geradezu bieder. Im übrigen seien sie (worin Schnürer den wahren Grund für Wegerichs ablehnende Haltung vermutete) für CULT mit Sicherheit viel zu teuer. Die neue Graphikerin des EVENT-Magazins werde in den nächsten Tagen die Gestaltung des Probeheftes fertigstellen. Die bisherigen Ergebnisse ihrer Arbeit seien sehr gut, die Suche nach einem neuen Graphiker habe sich damit erübrigt. Er sei, sagte Wegerich abschließend, Schnürer sehr dankbar, daß er den „Club“-Text verfaßt habe, und rechne ihm dieses Entgegenkommen hoch an.

Regenstürme und Gewitter waren einem lähmend warmen, scheinbar zeitlosen Septembersommer gewichen, als sich Schnürer, Vennemann und Neitzl in Wegerichs Büro einfanden, um das fertig gestaltete Probeheft zu begutachten und abzunehmen. Es stellte sich jedoch heraus, daß es keine fertige Gestaltung gab. Auf Wegerichs Schreibtisch lagen die Seitenentwürfe, die die Graphikerin Schußmann im Workshop vorgelegt hatte. Wegerich selbst war noch anderswo beschäftigt; Schnürer, Vennemann und Neitzl nahmen in seinem Büro Platz und zeigten sich gegenseitig ihre Verwunderung und Ratlosigkeit. Als Wegerich, in den Redaktionsräumen diesem und jenem noch etwas lustig oder dringend Gemeintes zurufend, ins Büro stürmte, hatte er die neue Graphikerin dabei, eine schüchterne, verwirrt und überfordert wirkende Frau, die in dem folgenden Gespräch den Eindruck erweckte, von einem Auftrag zur Gestaltung des Kulturmagazins gar nichts zu wissen. Sie sei, sagte sie, so sehr damit beschäftigt, sich in das Programmheft einzuarbeiten, daß sie bislang überhaupt nicht dazu gekommen sei, sich näher mit den Entwürfen für das neue Magazin zu befassen. Schnürer, Vennemann und Neitzl sahen sich noch um einiges verwunderter und ratloser an. Nach einer betretenen Pause, während der die Graphikerin die drei Blätter mit den Entwürfen abwechselnd in die Hand nahm, betrachtete und wieder auf den Tisch legte, ohne irgend jemanden anzusehen, sagte Neitzl, sie wisse ja wohl, daß es sich dabei gar nicht um gültige Entwürfe handle. Man sei sich einig gewesen, daß eine Neugestaltung nötig sei, und habe angenommen, nun die fertig gestalteten Seiten vorgelegt zu bekommen. Es müsse sich, fügte Schnürer hinzu, hier wohl um ein Mißverständnis handeln. Wegerich wiederholte, was schon die Graphikerin gesagt hatte: Sie sei derzeit sehr beschäftigt und komme praktisch nur in ihrer ohnehin knapp bemessenen Freizeit dazu, sich mit CULT auseinanderzusetzen. Die Verfeinerung der Entwürfe werde noch etwas Zeit in Anspruch nehmen. Von einer „Verfeinerung“, sagte Schnürer, sei nie die Rede gewesen. Man habe sich vielmehr darauf geeinigt, das Probeheft ganz neu zu gestalten. Er, sagte Wegerich und nahm das Blatt mit dem kreisrunden CULT-Signet in die Hand, finde die Entwürfe so unbrauchbar nicht. Sie stellten doch eine gute Basis dar, an der man nur etwas feilen müsse. Vennemann wandte ein, er sehe hier überhaupt kein Probeheft; keiner der bestellten Texte sei verarbeitet und eingebaut worden. Er habe eigentlich erwartet, in der heutigen Redaktionssitzung die Texte kürzen, in die Graphik einpassen und dann als druckfertig „absegnen“ zu können. Nun sehe es so aus, als würde es gar kein Probeheft geben.

Wegerich sagte, die Sache brauche aufgrund unvorhergesehener Schwierigkeiten noch etwas Zeit. Schnürer sagte, Wegerich habe ihm den Eindruck vermittelt, die Arbeit stehe unmittelbar vor dem Abschluß. Das sei auch so, sagte Wegerich, aber es dauere eben etwas länger. Wo denn die bisherigen Ergebnisse der Arbeit der Graphikerin, von denen er gesprochen habe, seien, fragte Schnürer, seinen Sarkasmus nur locker zügelnd. Ein ganzes Probeheft zu drucken, sagte Wegerich, sei sowieso nicht nötig und nur hinausgeworfenes Geld. Die Partner, um die er sich bemühe, insbesondere der Investor Wäger, brauchten lediglich die Gewißheit, daß das Ganze funktioniere. Hierfür sei die graphische Gestaltung nicht so wesentlich wie „das Thema Datenpflege“, auf das er sich deshalb konzentriere. Was diesen Bereich angehe, sehe er noch enorme Schwierigkeiten zu bewältigen. Schnürer sagte, für Datenpflege sei er nicht zuständig, dies sei auch nicht Aufgabe einer Redaktion. Man habe sich während des Workshops und in der Zeit davor und danach um die Erstellung eines Probeheftes bemüht, und was er nun als Ergebnis der Arbeit vor sich habe, sei eigentlich gar nichts.

Neitzl, der bis dahin geschwiegen hatte, meinte, man solle doch wenigstens mit den bestellten Texten ein paar Seiten füllen, die seinetwegen auch nach den Entwürfen der Graphikerin Schußmann gestaltet sein könnten. Es wurde ein neuer Termin eine Woche später vereinbart. Als Schnürer, Vennemann und Neitzl sich vor dem Bürogebäude trennten, hatten alle drei ein merkwürdiges Gefühl der Auflösung. Der bisherige Fluß der Arbeit war zum Stehen gekommen, und Wegerich schien das wenig auszumachen. Es war ihnen, als entwickelte sich das Projekt in eine ganz neue, nicht erkennbare Richtung.

Der Eindruck verstärkte sich eine Woche später; die neue Richtung nahm dabei jedoch konkrete Züge an. Die Seiten, die nun auf dem Tisch lagen, folgten im wesentlichen den Entwürfen der Graphikerin Schußmann. Ein Teil der bestellten Texte war in kleine Kästchen zwischen die Terminlisten, die alle Seiten dominierten, eingebaut worden und hatte sich dabei im Durchschnitt als um mindestens die Hälfte zu lang erwiesen; was nicht hineinpaßte, war einfach weggelassen worden. Dies, sagte Schnürer nach kurzer Prüfung der Seiten, deren Gestaltung ungeschickt und flüchtig wirkte, könne seiner Ansicht nach keinesfalls die Grundlage auch nur einer konkurrenzfähigen Imitation bereits existierender Kulturmagazine bilden. Wegerich zeigte sich nicht überrascht; er widersprach auch kaum, sondern wirkte, als hätte er die Vergeblichkeit der bisherigen Arbeit an dem Probeheft längst eingesehen. Er sei, sagte er, zu der Einsicht gelangt, daß sich die Sache allein nicht „stemmen“ lasse. Es gehe nun darum, mit den vorliegenden Rohentwürfen in anderen Städten Partner zu finden. Dazu müsse man gegebenenfalls die Entwürfe „ausschlachten“ respektive „ausweiden“, um sie möglichen Trägern vermitteln zu können, wie er das mit dem EVENT-Magazin und der Veranstaltungsfirma gemacht habe. Man solle sich in diese Richtung Gedanken machen. Er habe, sagte Vennemann nach dem Treffen zu Schnürer, den Eindruck, Wegerich habe das ganze Projekt „irgendwie“ aufgegeben, was er selbst eigentlich schade finde. Schnürer hatte die Ausführungen Wegerichs nur teilweise verstanden. Er sagte mit einem Anflug von Bitterkeit, es sei eigentlich eine ganz gute Idee gewesen, ein Kulturmagazin zu machen, fuhr mit einem diffusen Gefühl der Erleichterung, für das er keine rechte Erklärung fand, nach Hause und beschloß, sich in der nächsten Zeit überwiegend mit anderen Dingen zu beschäftigen.

Zu einem „Altweibersommerfest“ in Wegerichs Garten, zu dem dieser und seine Lebensgefährtin mit einer Postkarte ohne handschriftliche Zusätze „herzlich“ geladen hatten („Kaffee & Kuchen, Jazz Barbecue, House Music all night long“), erschien er zwar, vermied es jedoch, von Wegerich angesprochen zu werden, was dieser auch gar nicht zu versuchen schien. Schnürer führte ein betrunkenes Gespräch mit dem neuen Chefredakteur des EVENT-Magazins und einer jungen Frau, die mit einer stilisierten Dienstleisteruniform bekleidet war und mit großem Eifer versuchte, das Thema der indischen Computerarbeiter (die in großer Zahl nach Deutschland zu holen Fachleute zu jener Zeit dringend empfahlen, um Engpässe auszugleichen) zu diskutieren. Es gelang Schnürer jedoch nicht, herauszufinden, ob die eindringlichen Äußerungen der Frau (die er äußerlich hinreichend attraktiv fand, um das Gespräch fortzusetzen), die immer wieder darauf hinausliefen, daß „die Inder kommen“, weil das nötig sei, ernst gemeint waren oder dem Zweck dienen sollten, ihn zum Narren zu halten, und so gab er seine Annäherungsversuche schließlich auf und suchte ein vertrautes Gesicht in der plappernden Menschenmenge, um die Anstrengung eines Small-talks zu vermeiden.

Es erwies sich, daß er außer Neitzl und Vennemann niemanden kannte, und da beide ebenfalls nicht in der Stimmung waren, mehr zu reden, als bereits geredet worden war, verabredete er sich für einen der nächsten Tage mit Neitzl zu einem Ausflug an einen See und verließ das Fest, ohne sich von Wegerich, der mit mehreren unangenehm wichtigtuerisch wirkenden Personen zusammenstand, zu verabschieden.

 

 

 

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Vier Wochen lang hörte Schnürer nichts von Wegerich. Dann erhielt er die etwas verwirrende telephonische Anfrage, ob "man" sich nicht "mal wieder treffen" solle - verwirrend deshalb, weil Schnürer insgeheim doch immer noch davon ausgegangen war, die Arbeit an CULT laufe, wenn auch ohne Antrieb von seiner Seite, weiter. Zu dem mittäglichen Treffen in der immer noch sehr warmen Oktobersonne vor der Kantine der ehemaligen Fabrik gesellten sich, ohne daß Wegerich dies angekündigt hätte, auch Vennemann und Neitzl. Es wurde ein freundliches, wenig konkretes Gespräch. Wegerich spielte mit einem versonnenen, entrückt wirkenden Lächeln auf Schnürers Träume von einem Stadtmagazin nach dem Vorbild des "New Yorker" an, meinte, dies sei schon eine sehr schöne Idee, fügte dann, als Schnürer und Vennemann auf die Idee eingingen und sie weitersponnen, jedoch bedauernd hinzu, so etwas lasse sich "unter den bestehenden Bedingungen" leider nicht verwirklichen. Er sei im übrigen urlaubsreif und werde daher für einige Tage verreisen.

Nachdem er und Neitzl (der in Kürze seine versprochene Tätigkeit bei Wegerich antreten sollte) sich in Richtung der Büros des EVENT-Magazins verabschiedet hatten, ließen sich Schnürer und Vennemann weiter in müßige Vorstellungen hineintreiben. Vielleicht, sagte Schnürer, werde es „irgendwann“ möglich sein, jemand anderen als Wegerich für die Idee zu begeistern. Es wäre, meinte Vennemann, schade, wenn, nachdem man so weit gekommen sei, dann nichts aus der Sache werde. Welche Sache er genau meinte, sagte er nicht. CULT erschien beiden nach wie vor als etwas Vages, Ungreifbares, das mit den konkreten Ergebnissen der Arbeit der letzten Wochen wenig zu tun hatte, – eine Idee, die aufgrund einer zunächst kaum spürbaren Abweichung eine andere Entwicklung genommen hatte, als man ursprünglich gedacht hatte, und die daher auf eigentlich frühzeitig absehbare Weise gescheitert war. Es komme, sagte Schnürer, das meiste immer anders, als man denke, und wenn man erkenne, was man anders hätte machen sollen, sei es meistens zu spät. Er wußte freilich selbst, daß das dummes Gerede war, und fand es in diesem Augenblick doch irgendwie sehr passend und fast weise.

 

 

 

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Die Stille, die sich in der folgenden Zeit um CULT legte, wurde nur ein einziges Mal kurz unterbrochen, als der Autor, der mit der Abfassung der „Kino“-Texte für das Probeheft beauftragt worden war, Schnürer anrief und freundlich, aber bestimmt fragte, wann denn mit der Auszahlung der zugesagten Honorare zu rechnen sei. Schnürer verwies ihn an Wegerich, der kurz darauf Schnürer anrief und fragte, was diese Sache mit irgendwelchen Honoraren solle. Es seien, erklärte Schnürer, Texte bestellt worden, und diese müßten nun bezahlt werden, wie dies selbstverständlich und gängig sei. Wegerich sagte, es sei überhaupt nichts zugesagt worden, ein Probeheft gebe es gar nicht, und niemand habe irgendwem ein Honorar versprochen, zumindest nicht mit einer Autorisierung von seiner Seite. Schnürer widersprach. Zwar habe er selbst mit keinem der Autoren einen festen Betrag vereinbart, da er angenommen habe, dies falle in die Zuständigkeit Wegerichs, jedoch sei es grundsätzlich völlig undenkbar, etwas zu bestellen und dann nicht zu bezahlen, schon gar nicht, wenn man vorhabe, mit den Autoren auch in Zukunft zusammenzuarbeiten. Er, sagte Wegerich, könne es sich nicht leisten, sich die vage Möglichkeit einer eventuellen Zusammenarbeit auf irgendeiner Ebene quasi zu erkaufen, im übrigen sollten „die Leute“ doch auch einmal etwas Idealismus an den Tag legen, schließlich gehe es um eine gute Sache. Schnürer sagte, ihn gehe diese ganze Sache im Grunde gar nichts an, Wegerich möge sich doch bitte selbst mit den Autoren auseinandersetzen und einigen.

Dennoch rief er gleich danach eine andere Autorin an, die er beauftragt hatte, und fragte sie, ob sie in der Zwischenzeit eine Bezahlung erhalten habe. Sie erklärte ihm, sie habe ein paarmal die Telephonnummer Wegerichs, die ihr Schnürer gegeben hatte, angerufen, jedoch immer nur die Auskunft erhalten, es sei gerade niemand da und sie möge es wieder versuchen. Sie habe dann beschlossen, der geringfügige Betrag, der ihr zustehe, sei weiteren Aufwand nicht wert. Man könne das ja mit zukünftigen Honoraren verrechnen, gegebenenfalls. Sie fragte, wann es denn nun „losgehe“, und Schnürer sagte, er sei momentan nicht wirklich sicher, ob überhaupt irgend etwas losgehen werde.

 

 

 

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Im nachhinein wollte Schnürer scheinen, es habe sich mit dem Ende des Sommers ein Nebel herabgesenkt, der sein ganzes Leben in dichtes, sich verdunkelndes Grau hüllte. Wollte er einen Tag als Beginn dieser Phase markieren, so wäre es jener im späten September gewesen, von dem er gefunden hatte, es sei der wohl letzte in diesem Jahr, an dem man zum Baden fahren könne. Zwar überzog sich der Himmel zusehends mit großflächigen Wolkenteppichen, aber die Luft war warm. Schnürers Frau lehnte eine gemeinsame Durchführung seines Vorhabens kategorisch ab und betrachtete ihn dabei mit großen Augen, als wäre er wahnsinnig geworden. Einen Moment lang war Schnürer versucht, eine Diskussion zu beginnen; schließlich war sie es, die immer wieder betonte, daß sie von ihm erwarte, gemeinsame Ausflüge zu organisieren (die indes, um ihren Charakter als solche zu erlangen, an entfernten, hierfür nachgewiesenermaßen geeigneten Orten stattfinden mußten, die man zunächst mit dem Auto zu erreichen hatte). Aber der Tag war ihm zu wertvoll für eine fruchtlose Wiederholung vergangener Streitereien in derselben Sache, die keinerlei Ergebnis gehabt hatten, abgesehen von einem diffusen Grundgefühl schlechten Gewissens, das ihn seither bei allem, was er tat, begleitete.

So fuhr er alleine an einen nahegelegenen Weiher, wo er der einzige Badegast war. Ins brackige, am Ufer mit fauligem Laub bedeckte Wasser wagte er sich nur kurz, da sich die nunmehr den ganzen Himmel bedeckenden und dunkel anschwellenden Wolken einen leichten, doch spürbaren Wind zur Verstärkung der Ouvertüre ihres Herbsttheaters herbeigeholt hatten. Schnürer lag auf einem Handtuch auf dem Gras, unter dem der Boden klebrig feucht wirkte, las ein Buch, und seine einzige Gesellschaft bildete eine Kommune von Gänsen, die mal in diese, mal in jene Richtung an ihm vorbeimarschierten und sich zu wundern schienen, warum der verfrühte Wintergast keine Anstalten machte, ihnen Brot hinzuwerfen. Als es zu tröpfeln anfing, beschloß Schnürer, der Sommer sei zu Ende, und radelte nach Hause, wobei er das unwohlig quellende Gefühl hatte, nicht nach Hause, sondern anderswohin zu fahren.

Seine Frau verbrachte die meisten jener Abende mit einer Freundin, die er nur einmal kurz zu Gesicht bekam, als beide angetrunken ins Haus marschierten, einen kichernden Bogen durch das Zimmer vollführten, wo er vor dem Fernseher saß, und sodann Arm in Arm wieder hinausstapften, um „weiterzuziehen“. Schnürer ging allein zu Bett, wartete lange und schlief alleine ein. Spätnachts erwachte er von einem entfernten Poltern, dann ertönte aus dem Wohnzimmer im Parterre eine Endlosschleife eines Soulschlagers aus den sechziger Jahren (PP Arnolds übertrieben pathetische Version von „The First Cut Is The Deepest“, was in einem entlegenen Teil von Schnürers übermüdeter Gedankenlandschaft eine absurde und fragmentarische Argumentationsübung bezüglich der Überlegenheit von Rod Stewarts diskreterer Version des Liedes entfachte). Einige Zeit zählte Schnürer die Zahl der Wiederholungen mit, dann schlief er wieder ein.

Er verlor weder am nächsten Tag noch überhaupt ein Wort über die Episode. Der Zustand seiner Ehe war für ihn eine Qual, er plagte sich in endlosen stummen (und manchmal sogar annähernd hörbaren, jedoch von niemandem gehörten) Monologen mit dem Gefühl der Nutzlosigkeit, des Nichtgewolltwerdens, der Überflüssigkeit, des sinnlosen, unbeachteten Herumstehens, in das er sich dabei, statt nach einem Ausweg zu suchen (der leicht zu finden gewesen wäre), maßlos hineinsteigerte, bis es zur alles überwölbenden Grundstimmung seiner Lebensvorgänge wurde, nur aufgebrochen in der gelegentlichen Gesellschaft anderer Menschen. Ebensosehr, jedoch auf andere Weise, quälte ihn das – wie er trotzig zu glauben entschlossen war – zolibatäre Dasein, von dem er zunächst angenommen hatte, es werde sich ändern, wenn seine Frau sich in ihre noch relativ neue Anstellung erst einmal „hineingearbeitet“ haben würde. Als sich der einmal eingespielte Zustand dann jedoch verfestigt hatte und von seiner Frau auch weiterhin nicht die erhofften Signale eines körperlichen Interesses an Schnürer ausgingen (und auch nicht ausgehen konnten, was er zumindest ahnen hätte können), übte er sich in einem Sichabfinden, warf fremden Frauen auf der Straße und in der Trambahn sehnsüchtige Blicksignale der Verlorenheit entgegen (die ohne Reaktion und Folgen blieben, schon weil sie, ihrem Charakter entsprechend, viel zu vage waren) und ertappte sich dabei, wie ihn ein fast jugendliches Aufbrausen spontaner Verliebtheit mit heftigem Pulsschlag erfüllte, wenn er der hübschen Tochter aus dem übernächsten Haus begegnete und sie ihn freundlich lächelnd grüßte; bisweilen eilte er dann, sobald er die Haustür hinter sich geschlossen hatte, ans Fenster im ersten Stock, um ihr nachzublicken, und manchmal starrte er lange vergeblich hinüber in ihren Garten. Es schien vollkommen undenkbar, das (vermutlich) etwa sechzehnjährige, schlanke und überhaupt nicht verträumt oder schüchtern wirkende Mädchen mit den langen braunen Haaren in irgendeine Form von Beziehung zu verwickeln, die abseits nachbarlicher Höflichkeit lag, aber ihre bloße Nähe genügte, um Schnürer in Phantasietätigkeiten zu verstricken, in denen gerade ihre vermeintliche Offenheit, die Unbekümmertheit ihres (praktisch nicht vorhandenen) Umgangs mit ihm alles mögliche denkbar erscheinen ließen.

Es war ausgeschlossen, über dies letztere mit seiner Frau (oder überhaupt irgend jemandem) zu sprechen; hingegen wäre es, wie er wußte, dringend nötig gewesen, alles andere, was in ihm vorging und sich zusammenbraute, zur Sprache zu bringen, aber je länger sein Schweigen über seine Befindlichkeiten anhielt, desto unüberwindlicher wurde es, und mehr noch als die lähmende Sprachlosigkeit fürchtete er die gelegentlichen szenischen Ausbrüche, die unausweichlich aus entsprechenden Gesprächsversuchen entstanden, welche daher auch immer von seiner Frau ausgehen mußten.

Ein paar Tage nach dem nächtlichen Geschehen, das Schnürer als Eruption von diffuser Sentimentalität und damit relativ richtig deutete, kam es zu einer – wie sich erweisen sollte – letzten sexuellen Annäherung, die überraschenderweise von seiner Frau initiiert wurde. Ohne dies, wie es sonst ihre Art war, vorher anzukündigen (mit Worten wie „Sex machen“), berührte sie ihn nachts im Bett eindeutig und brachte ihn mit ebenso eindeutigen Bewegungen dazu, sie ebenfalls zu berühren. Es entwickelte sich eine gegenseitige manuelle Mechanik, ein verbissenes Reiben und Rütteln, das auf Schnürer monoton und verzweifelt wirkte und das er mit einem Teil seines Bewußtseins als unbetroffener Beobachter verfolgte, wobei sich in dem Bereich, wo sich Teilnahme und Beobachtung mischten, beim wirren Versuch einer verbalen Einordnung des Geschehens in seinem Kopf die Wörter „Bitte aufhören!“ formten und dort stehenblieben wie ein vergeblich blinkendes Signal. Da es ihm wie immer nicht gelang, eine Verbindung von Gehirn und Körper herzustellen und aus dem Gedanken ein Eingreifen entstehen zu lassen, führte er seinen Teil der Szene zu Ende, ergoß sich pflichtschuldig ins Spannbettuch und sank aus der folgenden, pulsierend dunklen Stille in einen unruhigen Schlaf.

Auch über dieses Geschehen wurde nicht gesprochen, denn der einzige Informationsaustausch am nächsten Tag bestand darin, daß seine Frau ihm abends am Telephon mitteilte, sie fahre noch kurz zu ihrer Freundin, und dann noch einmal anrief und sagte, es werde später, sie komme irgendwann nachts. Er hörte sie nicht mehr eintreffen, saß ihr am nächsten Morgen schweigend gegenüber, getrennt durch einen Tisch und zwei Zeitungen, und dann war anderes zu besprechen, als sie aufstand, um sich zu verabschieden, er sie im Sitzen flüchtig umarmte und sie sagte, es müsse am nächsten Tag dringend über die Beziehung geredet werden. Da rutschte ihm heraus, es gebe eine solche doch momentan gar nicht, und da setzte sie, nachdem sie gesagt hatte, sie wisse nicht, ob sie ihn noch „gern genug“ habe, sich wieder an den Tisch, und es begann eine gute halbe Stunde, die Schnürer in den folgenden Wochen wie einen Film immer wieder würde ablaufen lassen, zurückspulen, wieder abspielen, einzelne Standbilder betrachten, um sich zu quälen. Sie brauche, sagte seine Frau, Abstand, um „zu sich zu finden“. Diesen Standpunkt vertrat sie (nach einem zwischenzeitlichen Anruf im Büro, sie sei krank), ebenso stur wie vehement. Schnürers Vorwürfe, Zugeständnisse, sein Trotz und sein Zorn prallten von der Wand der feststehenden Entscheidung zurück wie der gelbschwarze Gummiball, den er als Kind an einsamen Nachmittagen gegen eine Mauer getreten und sich dabei zum Fußballnationalspieler phantasiert hatte.

Nachdem alles gesagt und nichts verstanden war, ging seine Frau wieder schlafen und schloß die Tür. Mit zitternden Fingern und bebend vor wütender Verzweiflung tippte Schnürer, statt seine Kolumne und die Veranstaltungsankündigungen für Wegerichs Reklameheft zu verfassen, in die Tastatur, was er zu fühlen glaubte: Er fühle sich unnütz, nichtig, wertlos, weggeworfen. Als er, nachdem ihm die Worte ausgegangen waren, unter Tränen las, was da stand, standen da nur Kreise, Spiralen, die sich ineinander ringelten, einander umkreisten und auf einen Anfang und ein Ende hinausliefen, das er nicht erkennen konnte.

Er öffnete die Tür zum Schlafzimmer, setzte sich neben seine Frau an den Bettrand, betrachtete sie, betrachtete ein gerahmtes Bild, das am Boden an der Wand lehnte; sie hatte es vor einiger Zeit achtlos irgendwo gekauft und nicht aufgehängt. Sie schlief, er verließ das Zimmer und das Haus. Fuhr mit dem Fahrrad unter dem anbrechenden Oktoberabend herum, fand nichts, was ihn festhielt, aß in einer Studentenkneipe etwas, fuhr dann zu der bereits vor längerer Zeit vereinbarten Geburtstagsfeier eines Freundes in einer Kneipe in der Isarvorstadt, wo er das Nichterscheinen seiner Frau (die von seinen dort anwesenden Freunden und Bekannten kaum einer je gesehen hatte) mit „Unwohlsein“ entschuldigte und sich darauf konzentrierte, so viel Bier wie möglich zu trinken und so alleinstehend und frei wie möglich zu wirken. Ihm gegenüber saß eine blonde Frau, in die er während seines Studiums ein paar Tage lang anflugweise verliebt gewesen war (auch da war sie ihm gegenübergesessen, ein Semesterseminar lang jeden Freitagvormittag für eineinhalb Stunden, und hatte ihre nackten Beine unter einem meist weißen Kleid hervorgestreckt), aber seine Versuche, Flirtvorgänge zu simulieren, scheiterten daran, daß er inzwischen zu betrunken war, um irgend etwas zu simulieren. Er lachte, um nicht zu weinen, und starrte in das entsetzt flackernde Gesicht eines verspätet eingetroffenen Bekannten, den er keiner Phase und Abteilung seines Lebens zuordnen konnte.

Als er zum Haus zurückkehrte, war er so vollständig betrunken, daß er bei dem Versuch, sein Fahrrad abzustellen, über dieses stolperte und sich in einer seiner Situation angemessen unwürdigen Lage im Zaun verfing. Er schlich die Treppe nach oben, wo er in seinem Arbeitszimmer das Gästebett ausklappte, sich wie ein Gast fühlte und nach einem vergeblichen Versuch, die Buchstaben auf einer Buchseite zu erkennen, schlief wie ein bemooster Stein unter einem Wasserfall.

Es ließe sich manches erzählen von den folgenden drei Tagen, an denen seine Frau „für einige Zeit“ zu ihrer Freundin zog, Schnürer wie besessen vermeintliche Gefühlsdestillate in seine Tastatur tippte, abends vor dem Fernseher saß, Wein trank, imaginäre Telephone läuten hörte und sich in die Vorstellung hineinsteigerte, er müsse unvermutet plötzlich sterben und werde erst nach Monaten gefunden werden: mumifiziert auf dem Sofa liegend neben einer leeren Flasche und einer Chipstüte, vor dem immer noch laufenden Fernseher. Doch hilft uns das nicht weiter, weil es ein uraltes Spiel war, das er spielte (und gegen sich selbst zu verlieren schien). Am letzten Tag des Oktobers rief er Vennemann an (wohl auch weil er Neitzls Sarkasmus und noch mehr seinen scharfen Realitätssinn fürchtete), verabredete sich mit ihm in einer Kneipe in Obergiesing (derselben, in der er Vennemann knapp zwei Jahre zuvor kennengelernt hatte, an jenem mittlerweile zerstobenen Stammtisch) und sprudelte dort am Tresen nach einigem weitgehend belanglosen Geplänkel über CULT die ganze Geschichte seiner Ehe heraus, zögernd zuerst, weil Vennemann mit staunendem Entsetzen reagierte, dann immer eifriger, und fühlte sich endlich (als er wiederum betrunken war) befreit und ausgeglichen, als hätte er sich selbst und die Welt nun verstanden und könnte sich mit frischem Mut daranmachen, beide zu synchronisieren.

Es hülfe nicht viel, dies alles detailliert darzulegen, denn auch hierbei handelte es sich um Kreise und Spiralen. Erneut versank er in Selbstmitleid, bekämpfte es mit Trotz, den er für Stolz hielt und unaufgefordert über Bord warf, als seine Frau anrief, um sich mit ihm zum Essen zu verabreden, wo sie sich dann geduldig und mit wenig Mitleid seine Schwüre, Vorsätze und Phantasiegebilde von einer gemeinsamen Zukunft anhörte, um am Ende immerhin zu konzedieren, man könne ja weitersehen, nachdem man eine Zeitlang getrennt gelebt habe, was keine Konzession war, sondern eine lediglich leicht variierte Wiederholung und Bekräftigung ihres Anspruchs auf Abstand, mit dem die Sache begonnen hatte.

Es dauerte fast drei Wochen, bis Schnürer nach einer erneuten (und noch viel weniger erfreulichen) Begegnung mit dem Zweck der „Wiederannäherung“ spätabends alleine in der Kneipe saß, wo er sich zuvor auf dessen Wunsch mit Vennemann „zum Ratschen“ getroffen hatte, und nach dem dritten Bier (Vennemann, der jetzt gleich um die Ecke wohnte, hatte sich aufgrund schwerer Müdigkeit – unausgesprochen wohl auch wegen der Unlust, einem schweigend sinnierenden Schnürer gegenüberzusitzen – bald wieder verabschiedet) unvermittelt begann, eine Liste mit allen „schlechten Eigenschaften“ seiner Frau, die ihm einfielen, aufzustellen. Er schrieb so, wie er an den Tagen zuvor getippt hatte, und endlich, nach vielen neuen Kreisen und Spiralen in einem Feld, das sich zwischen den Wörtern „aggressiv“, „selbstgerecht“, „gehässig“, „überheblich“ und „lieblos“ auftat, stand unter der gedruckten Überschrift „Notizen“ in seinem Taschenkalender:

„Einen Menschen, den man will, nimmt man sich, wie einen Automaten, stellt ihn sich in die Wohnung, und wenn nicht das herauskommt, was man will, läßt man ihn wieder entfernen.“

Schnürer las diesen Satz mehrmals, beschloß, ihn sich zu merken, lächelte so merkwürdig, daß eine Frau, die am anderen Ende der Kneipe allein am Tisch saß und sporadisch in ein Buch hineinschrieb, als sie zufällig seinen Blick fing, ebenfalls lächeln mußte. Und dann beschloß er, in das kleine, von den „Untermietern“ nicht genutzte, aber auch nicht leerstehende, sondern mit seinen seit Jahren nicht abgeholten Sachen vollgestellte Zimmer in seiner alten Wohnung zu ziehen.

 

 

 

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Es waren unterdessen einige andere Dinge passiert. Vennemann hatte seine Wohngemeinschaft mit einem alten Freund aufgegeben und war mit Hilfe von Neitzl, Schnürer und einigen anderen Helfern in die bereits erwähnte neue Wohnung gezogen, wobei Neitzl sich größtenteils darauf kapriziert hatte, die Reihenfolge zu organisieren, in der Kisten und Möbelstücke von den anderen nach unten und in der neuen Wohnung wieder nach oben getragen wurden, was alle Beteiligten ebenso erheitert hatte wie seine wiederholte Bemerkung, es gebe „hier ja nicht einmal ein anständiges Bier“ und was das darum für ein Umzug sei. Neitzl wiederum hatte bei Wegerich seinen neuen Job als CULT-Beauftragter angetreten, der vorläufig im wesentlichen darin bestand, daß er sich Visitenkarten drucken hatte lassen, die er nun mit ironischen Bemerkungen („Wenn mal jemand einen Projektkoordinator braucht, man weiß ja nie“) im Freundeskreis verteilte, und sich ansonsten um Belange kümmerte, die mit einem eventuellen Kulturmagazin nichts zu tun hatten. Wegerich hatte bei einem der sporadischen Treffen wegen CULT Schnürer gegenüber anklingen lassen, daß er Probleme in seiner Beziehung habe, vorsichtige, aus gegebenem Anlaß jedoch spürbar empathische Nachfragen sofort abgewehrt und diesbezügliche Gespräche auf ein „privates Treffen“ verschoben (vorzugsweise ein Housewarming in Vennemanns neuer „Bude“), das dann nicht zustande kam, weil Schnürer offensichtlich manifestere Probleme derselben Art hatte.

Gegen Ende November, als sich Neitzl, wie er sagte, „einigermaßen eingearbeitet“ hatte, lud er Schnürer und Vennemann zu einem konzeptionellen Treffen in Wegerichs Büro. Man wolle, sagte dieser, „ein paar Ideen in die Luft werfen“. Schnürer sagte, er wisse nicht recht, was er da werfen solle, wo doch das Probeheft immer noch nicht vorliege. Er möge doch, sagte Wegerich, immerhin schon mal die Bildunterschriften fertigstellen, die man dann ja „ins Layout einpassen“ könne. Mit der Empfindung, zugleich anwesend und doch abwesend zu sein, schrieb Schnürer unter die alten Bilder zu alten, unvollständigen Texten ein paar Namen und Bemerkungen und hörte mit halbem Ohr zu, wie Wegerich derweil Neitzl und Vennemann ein weiteres Mal erklärte, es sei aussichtsreich, das Magazinkonzept weiterzuvermitteln, an Träger in anderen Städten: Veranstaltungsagenturen wie die, für das er das EVENT-Magazin herausgab. Mehrmals hörte Schnürer das Wort Betreibermodell, einige Male auch aus Neitzls Mund. Das habe doch mit einem Kulturmagazin nichts mehr zu tun, sagte Vennemann verwundert, und Wegerich entgegnete, das habe es im Grunde sehr wohl, man müsse nur ein bißchen umdenken. Er sehe da Möglichkeiten.

In der Gewißheit, daß er aufgrund der Trennung von seiner Frau erhöhte Nachsicht genoß, hielt sich Schnürer aus der müden Diskussion heraus und verabschiedete sich, während die anderen noch redeten. Um seinen Zustand zu genießen, setzte er sich in ein fast leeres bürgerliches Lokal gegenüber dem nahegelegenen Ostbahnhof und hörte, während es draußen dämmerte und er aß, der Unterhaltung des Schankkellners mit dem einzigen außer ihm anwesenden Menschen zu, einem offensichtlichen Stammgast, dessen Alter er auf Mitte fünfzig schätzte und der erklärte, er trinke nun schon seit drei Wochen kein Bier mehr – obwohl er „organisch gesehen“ durchaus Bier trinken dürfe – und werde „sein Gewicht“ trotzdem nicht los, was mutmaßlich an der zuckerigen Limonade liege. Das Gespräch endete, indem der Mann ein Bier bestellte, und Schnürer hatte das Gefühl, etwas verstanden zu haben, was er nicht verstand.

 

 

 

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Er zog in sein Zimmer, er traf Menschen, er verabredete sich mit seiner Frau an einem Samstagvormittag vor einer Filiale einer Buchhandelskette und ging, nachdem er eine Stunde lang in der vorweihnachtlichen Kälte gewartet hatte, wieder nach Hause, in der sicheren (und kurz darauf per Telephon bestätigten) Gewißheit, daß sie vor der am anderen Ende der Innenstadt gelegenen zweiten Filiale derselben Kette gewartet hatte. Er fand das typisch und irgendwie lustig, und während er zu Fuß die Leopoldstraße entlangging, dachte er, daß er tatsächlich nach Hause gehe. Und weil er es dort aber nicht lange aushielt inmitten des Wesens und Wirbelns seiner zwei „Untermieter“ – deren Leben daraus bestand, daß sie und zwei bis vier Freundinnen und Freunde tagelang in verdunkelten Zimmern vor gleichzeitig laufenden Fernsehern saßen, zwischendurch stückweise die Belegschaft wechselten und kleine Mahlzeiten und Getränkerunden in die verdunkelten Zimmer trugen, dann wiederum in einem sporadischen Aufwallen von euphorischer Lebensbegeisterung umfassende Abendplanungen vornahmen, sich in ekstatischen Kollektivsitzungen vor Spiegel und Kleiderschrank zurechtmachten und kichernd das Haus verließen, um ein paar Stunden später zu berichten, sie hätten bei keinem einzigen Türsteher Gnade gefunden, und sich wieder in die nun natürlicherweise verdunkelten Zimmer zurückzuziehen, wo für den Rest der Nacht die Fernseher liefen –, – weil Schnürer diese nervtötende Verkettung und Wiederholung von Vorgängen nicht lange aushielt, verbrachte er mehr Zeit außerhalb der Wohnung als drinnen, wo er, da sein Zimmer nun noch zusätzlich mit dem mobilen Anteil seiner Lebensparaphernalien der letzten zwei Jahre vollgestellt war, außer der gemeinsamen Küche sowieso keinen Raum hatte, um sich aufzuhalten.

Während des Telephonats wegen der verpaßten Verabredung vor der Buchhandlung hatte seine Frau ihn gefragt, ob er an der Geburtstagsfeier ihrer Mutter teilnehmen wolle, die am selben Abend „im kleinen Kreis“ in einem noblen Restaurant am südlichen Stadtrand stattfinde. Schnürer reagierte unsicher: Ob ihr etwas daran liege? Ihre Antwort war absehbar: Es sei entscheidend, ob ihm etwas daran liege, da sie nicht „alles in die Hand nehmen“ könne. Zudem sei die Frage, ob er und sie, vor allem aber er sich „freundlich benehmen“ könnten (gemeint war: nicht so wie bei dem letzten „Wiederannäherungstreffen“, bei dem er eine, wie er fand, notwendige und gerechtfertigte Distanzhaltung eingenommen hatte). Schnürer sagte, dies liege nicht an ihm, und erklärte sich bereit, mitzugehen (auch weil er vermutete, daß ihre Eltern über die Trennung noch nicht umfänglich informiert waren).

Als er vor dem Vorstadthaus stand, war er einen Moment lang versucht, die Tür aufzuschließen, drückte dann aber doch auf die Klingel und ließ sich von seiner Frau öffnen, die ihn mit einer Tasse Tee in der Hand förmlich begrüßte. Er fühle sich sehr zu Hause, dachte er, und zugleich sehr fremd. Er überlegte, ob er den Satz aussprechen sollte, ließ es dann aber und fragte, wie es ihr gehe. Gut, sagte sie, sie komme gerade erst von der Arbeit. Schnürer fiel auf, daß sie sich nicht berührten, daß weder er noch sie auch nur den Versuch einer Berührung unternahm. Zwei Körper, dachte er, die Kreise ziehen; zeichnete man diese Kreise nach, ergäbe sich ein schönes verschlungenes Schlangenmuster.

Das Restaurant pflegte, wie das Schild am Eingang mitteilte, „oberösterreichische Küche“. Eltern, Bruder und Schwägerin seiner Frau saßen bereits am Tisch, zerkrümelten Brot und redeten sporadisch durcheinander. Worum es ging, bekam Schnürer nicht richtig mit, weil er beim Studium der Speisekarte auf eine Kombination von Gemse und Wildschwein gestoßen war und lange darüber nachdachte, bis er das Gericht bestellte – seit dem Auszug aus dem Haus seiner Frau hatte er kein Fleisch mehr gegessen, auch weil die Zeitungen voll waren mit Meldungen über eine Rinderseuche, die auf den Menschen übertragbar war, zu einem grauenvollen Tod in zuckender Umnachtung führte und sich allen Abwiegelungen zum Trotz neuerdings auch in Deutschland und insbesondere in Bayern verbreitete, vor allem aber weil er eigentlich seit vielen Jahren so gut wie kein Fleisch verzehrt und erst in den letzten Monaten mit seiner Frau damit wieder angefangen und den Konsum derart gesteigert hatte, daß er im nachhinein darüber entsetzt war und eine geheimnisvolle Korrelation vermutete. Daß er die seltsame Mischung aus zweierlei Tieren nun doch bestellte, geschah aus einer ebenso geheimnisvollen Trotzreaktion heraus, über die er beim Essen sinnierte und so dem Tischgespräch erst folgen konnte, als sein Teller vollständig geleert war und er sich mit einem annähernd unangenehmen Völlegefühl zurücklehnte.

Die Schwägerin seiner Frau, stellte er fest, war soeben (und möglicherweise schon seit einiger Zeit) dabei, von Autorennen zu schwärmen. Die Formel eins, sagte sie, sei ihre bevorzugte Sportart, die sie leider nicht selbst ausüben könne, aber um so lieber im Fernsehen verfolge. Schnürer wandte beiläufig ein, er bevorzuge Fußball, weil ihm jede Form von bloßem Rennen zuwenig Spiel und zuviel purer Wettbewerb sei. Er ziehe grundsätzlich Sportarten vor, bei denen die Beteiligten mehr interagierten. Eben dies, nämlich die Interaktion, schaltete sich seine Frau ein, sei doch die Grundlage der Idee des Autorennens. Da sei er anderer Meinung, sagte Schnürer. Die Schwägerin, offensichtlich erstaunt über die plötzliche Schärfe und Kälte, machte große Augen und schwieg. Interaktion, sagte Schnürers Frau (und blickte dabei ihre Mutter an), bedeute schließlich, daß man … Bei einem Autorennen und ähnlichem, sagte Schnürer (der seinen Teller anstarrte und sich bewußt war, daß er nur teilweise recht hatte), gehe es nicht darum, etwas miteinander zu tun, sondern man handle und kämpfe gegeneinander. Das, sagte seine Frau, sei dasselbe. Da irre sie sich grundsätzlich, sagte Schnürer. Mit ihm könne man halt einfach nicht reden, sagte sie. Es ist ihr vollkommen egal, was ich sagen will, dachte Schnürer, es geht nur darum, daß meine Begriffswahl möglicherweise nicht ganz präzise war. Sein noch amtierender Schwiegervater zerriß das eingetretene Schweigen, indem er fragte, wer einen Schnaps wolle. Schnürer trank den doppelten Obstler in einem Zug und spürte, wie sich in seinem Kopf eine Art Lostrommel in Bewegung setzte und in kurzen Abständen Kugeln ausspuckte, auf denen immer dieselben vier Wörter standen: aggressiv, gehässig, selbstgerecht, überheblich. Unduldsam und desinteressiert, dachte er dazu, fühlte eine Leerstelle („lieblos“ hatte sich verabschiedet, weil es anderweitig mehr benötigt wurde) und befleißigte sich für den Rest des Abends eines demonstrativen Schweigens.

Nach der Verabschiedung (ihre Mutter hatte ihm ein frohes Weihnachtsfest gewünscht, was Schnürer klarmachte, daß sie doch Bescheid wußte, und ihn die erbärmliche Charade sofort und inständig bereuen ließ) stieg er zu seiner Frau ins Auto; während der Fahrt fiel kein Wort. Erst als sie die Wohnung betreten hatten (zusammen, aber nicht gemeinsam, dachte Schnürer, der noch ein paar Taschen mit Büchern und anderem Kram mitnehmen wollte), sagte sie (beim Aufhängen ihrer Jacke, scheinbar sprach sie mit dem Garderobengestell): „Wir könnten ja wieder mal was machen.“ Schnürer entgegnete etwas kühler als beabsichtigt, sie könne sich melden, wenn ihr etwas einfalle. Er könne sich auch melden, wenn ihm etwas einfalle, sagte sie, woraufhin Schnürer (nun absichtlich kühl) sagte, es sei wohl klar, daß ihr etwas einfallen müsse (schließlich, fügte er in Gedanken hinzu, bin ich aus unserer Wohnung und unserem Leben nicht freiwillig ausgezogen). Das, sagte sie, könne sie nicht: daß alles immer von ihr ausgehen müsse. Schnürer schüttelte den Kopf, verabschiedete sich knapp, radelte zurück nach Schwabing und ließ sich in einer Kneipe an der Ecke (deren Wirt er lange genug kannte, um gelegentliche gehässige Kurzwitze über das weibliche Geschlecht mit ihm austauschen zu können) vollaufen, blätterte lustlos in einem spanischen Roman, dessen Klappentext mit dem Lob der „grandiosen Fabulierlust“ des Autors ihn eigentlich schon beim Kauf des Buchs abgestoßen hatte, und wechselte fröhlich gemeinte Blicke mit der wechselnden weiblichen Tresenbesatzung, schleppte sich schließlich ins Bett, wo er daran dachte, nur zum Zweck sexueller Entspannung eine alte Freundin anzurufen. Neitzl war ihr vor kurzem begegnet und hatte berichtet, sie habe „recht alt ausgesehen“. Das, dachte Schnürer, ehe er einschlief, ist in der Dunkelheit egal.

 

 

 

21

 

Er verbrachte einen ganzen Abend in einem Lokal, in das er eigentlich nur kurz hineinschauen hatte wollen, mit einer ehemaligen Kollegin, die er dort traf und die ihm ihre weitgehend auf (Schnürer vermutete: an dem unergründlichen Erfolgswillen, den sie auch dann noch ausstrahlte, wenn das hauptsächlich von ihr geführte Gespräch sekundenweise erlahmte) gescheiterten Beziehungen beruhende Lebensgeschichte erzählte. Am Ende begleitete sie ihn nach Hause, hängte sich an seinen Arm und sagte „Lieb mich, lieb mich, du Schuft!“, um im nächsten Moment kichernd einen Meter weit von ihm wegzuspringen und kichernd neben ihm her zu tänzeln. Er solle sich überlegen, was er machen wolle, sagte sie am Ende, vor seiner Haustür; gemeint war eine gemeinsame Unternehmung, und dann kicherte sie wieder, leiser, und gab ihm einen spitzen, trockenen Kuß, der nicht recht gelingen wollte, und da spürte Schnürer, daß er gar nichts unternehmen wollte, und dachte, er sei nicht mehr fünfundzwanzig. Der Gedanke verflog indes bald wieder, wie ein leichter Schnupfen im Herbst. Er traf Freunde, Bekannte, plauderte und philosophierte, saß lesend in Kneipen, unterhielt sich mit Fremden, ging mit ehemaligen Freundinnen ins Kino, schaffte sich ein Mobiltelephon an und widmete sich der neuen Technik der „SMS“-Kommunikation, umarmte Menschen, lachte und kicherte, flirtete, trank ohne Rück- und Vorsicht, taumelte nächtliche Straßen entlang und wurde das eigentümliche Gefühl nicht los, sich ohne seine Frau und ohne CULT im Grunde sehr wohlzufühlen.

 

 

 

22

 

Es war ja aber keines von beiden vorbei. Seine Frau sah Schnürer sozusagen indirekt, denn nach wie vor besaß er einen Schlüssel zu ihrer Wohnung, wo ein großer Teil seiner Gegenstände nach wie vor lagerte, die er etappenweise nach Schwabing zurückspedierte, so wie er sie zwei Jahre zuvor hinspediert hatte: in Tüten am Fahrradlenker und in der Trambahn, und wo er, da seine Frau oft auf Reisen war, für den Unterhalt der Katzen zu sorgen hatte.

Seine Frau sah er dort in Form von Indizien ihrer Lebensvorgänge, die eine zwiespältige Art von Sterilität aufwiesen: In der Küche stand seit Wochen nichts, was auf menschliche Anwesenheit schließen ließ, außer einer Plastikschüssel mit verschimmelten Nudelresten im Kühlschrank, die Schnürer noch selbst zubereitet hatte, zu einer Zeit, die ihm nun unendlich weit entfernt schien. Auch ansonsten war wenig zu finden, was über die Sammelbeschreibung „unpersönliches Chaos“ hinausgeragt hätte, und es kam Schnürer in höchstem Maße unwirklich vor, daß hier bis vor kurzem seine Existenz stattgefunden haben sollte, daß er sie als gemeinsames Leben empfunden hatte mit einem ihm jetzt fremden Menschen, den er für sein leeres Leben in einem leeren Haus bemitleidete und nach dem er in solchen Momenten manchmal eine diffuse Sehnsucht empfand, von der er doch wußte (und sich selbst erleichtert gestand), daß sie nur der Erinnerung galt, der Erinnerung an etwas, was nur in seiner Phantasie oder eben in der Erinnerung stattgefunden hatte – den Unterschied zwischen beidem zu erkennen und als Richtlinie zu akzeptieren (so wie ein Spaziergänger vielleicht den Wunsch verspürt, sicherlich aber nicht ernsthaft den Versuch unternehmen wird, Straßen entlangzugehen, die es nicht mehr gibt) war ihm schon immer schwergefallen.

An CULT dachte er weniger, zumindest nicht aus eigenem Antrieb. Wegerichs Gedankengänge bezüglich Betreibermodellen vermochten ihn nicht recht zu interessieren. Neitzls gelegentliche Animationsversuche widersprachen sich selbst, indem er sie in einem lustlosen Ton vorbrachte, der seinen üblichen Hang zum Seufzen noch überstieg, und selten ohne den Kommentar stehenließ, dies alles habe im Grunde wenig Zweck und Sinn. Zwar kannte Schnürer Neitzl gut genug, um zu wissen, daß dieser fast alles, was es gab, unter einem solchen Gesichtspunkt betrachtete, doch kam ihm in diesem Fall die Einstellung des Freundes sehr entgegen.

Er hatte ja auch anderes zu tun: Der neue Chefredakteur von Wegerichs Programmheft überschüttete ihn mit Themen – meist kurzfristig anberaumten Veranstaltungen, für die innerhalb entsprechend kurzer Zeit Ankündigungen zu verfassen waren –, außerdem hatte er sich bereiterklärt, für den ehemaligen Auftragnehmer der Musikzeitschrift (die ihrerseits mittlerweile von dem neugegründeten Verlag in Köln herausgegeben wurde) an der Gestaltung eines Internetauftritts mitzuarbeiten, der die „kritische Tradition“ der alten Redaktion auf einer neuen Plattform fortsetzen sollte. Und da er sich jetzt endlich als freier Autor begreifen durfte, hatte er den Sommer über jeder Redaktion, in der er jemanden auch nur flüchtigst kannte, seine Mitarbeit angeboten, so daß in seinem Kalender kaum ein Tag ohne Eintragung eines Abgabetermins geblieben war. Wenn er von seinen neuen Auftraggebern gelegentlich gefragt wurde, was eigentlich aus dem kühnen Vorhaben mit dem Kulturmagazin geworden sei, beschränkte er seine Auskünfte auf leicht verschämte Andeutungen: Die Sache „schmore“ noch, sei noch nicht „reif“, werde irgendwann „wieder aufgegriffen“. Nur selten ließ er sich dazu hinreißen, offener Auskunft zu geben und etwa mitzuteilen, es laufe da nicht alles so, wie „man“ oder er es sich ursprünglich vorgestellt habe, es gebe eben die bekannten Fallgruben und Irrwege des Geschäfts, denen man nur mit großem Mut ausweichen könne, und er sei nicht ganz sicher, ob wirklich alle an dem Projekt Beteiligten diesen Mut aufbrächten.

 

 

23

 

Um so überraschter war Schnürer, als ihn kurz nach Beginn des neuen Jahres (mit dem nun endlich und fast unbemerkt tatsächlich ein neues Jahrtausend anbrach) Wegerich anrief und um ein nachmittägliches Treffen in einem Schwabinger Café bat. Weniger erstaunt registrierte er, daß Wegerich sich ohne Umschweife Weißwein bestellte (es begann gerade erst zu dämmern). „Es“, erklärte Wegerich, über den Tisch gebeugt und sich zaghaft an seinem Glas festhaltend, gehe nun los. Er habe sich mit Michalski, dem Herausgeber der seit den späten sechziger Jahren erscheinenden und vor sich hin kümmernden „Münchner Konzert-, Kunst- und Kinozeitung (KKK)“, geeinigt, das nicht mehr marktfähige Heft nach dem CULT-Konzept umzugestalten und ab Juni unter dem neuen Titel erscheinen zu lassen. Dies könne ein mögliches Pilotprojekt für das einst geplante bundesweite Magazin werden, ihn interessiere aber auch das Objekt „an sich“. Er zähle darauf, daß er, Schnürer, weiterhin dabei sei.

Schnürer, obgleich er spürte, wie seine frühere Begeisterung für das Projekt in einer warmen Welle wieder auflebte und in ihm pulsierte, reagierte zurückhaltend, auch weil er sich an Wegerichs herablassende Worte über jenen Herausgeber, mit dem er sich nun offenbar zusammentun wollte, erinnerte: Der sei grundsätzlich, in vollem Umfang und in jeder Hinsicht unfähig, geschäftsuntauglich, und bekomme dies seit längerem auch zu spüren, indem ihm seine ohnehin nicht nennenswerte Leserschaft wegbreche und zudem die Firma, die ihn wie eine Reihe anderer Stadtzeitungen im ganzen Land mit Anzeigen versorge, ihm die Pistole auf die Brust gesetzt habe – man wolle dort nicht mehr länger zusehen, wie Michalski sein Medium in den Graben reite.

Zwar, sagte Schnürer, sei das Konzept für CULT weitgehend fertiggedacht und -gestellt sowie seiner Meinung nach auch praktikabel und tragfähig, doch sei er skeptisch, was die schnelle Umsetzbarkeit angehe, zumal in Verbindung mit der Logistik des alten Magazins. Wegerich reagierte auf diese Anspielung mit einer kurzen Pause, sagte dann, er mache sich da weniger Sorgen, schließlich habe er mit ihm, Schnürer, ein überzeugendes Konzept erarbeitet und wisse um seine, Schnürers, Fähigkeiten. Schnürer beharrte auf dem Argument, die Zeit sei zu knapp bemessen, und wurde sich dabei des Hintergedankens bewußt, daß er keine große Lust verspürte, auf die Lokomotive eines losfahrenden Zugs aufzuspringen, von dem erwartet wird, daß er pünktlich an einem Bahnhof anlangt, dessen genaue Lage niemand kennt und der mit einiger Wahrscheinlichkeit zu einem wenig erstrebenswerten Ort gehört. Man müsse in dem geplanten Fall, sagte er, allerspätestens im März ein taugliches Probeheft vorlegen, für welches man wiederum eine Redaktion und einen Stamm von Autoren, Photographen und anderen Mitarbeitern brauche, die es noch nicht einmal in Ansätzen gebe, was auch damit zu tun habe, daß einige Verfasser von Artikeln für das im Herbst nicht wirklich fertiggestellte Probeheft nicht mehr zur Verfügung stehen würden, weil es da gewisse Unklarheiten mit der Bezahlung gegeben habe.

Wiederum reagierte Wegerich ausweichend: Das werde sich alles klären lassen, wenn man sich zunächst einmal grundsätzlich einig sei, daß man die Sache „stemmen“ wolle. Das stelle er sich leichter vor, als es sei, sagte Schnürer, der spürte, daß er sich in Wegerichs Dynamik hineinziehen ließ oder zumindest dabei war, den Eindruck zu erwecken, er lasse sich hineinziehen. Er rückte das Buch, das er für den Fall einer Verspätung Wegerichs mitgebracht hatte, auf dem Tisch zurecht (Charles Fouriers „Pamphlet gegen das goldene Kalb der Händler“), um Wegerich symbolisch zu verstehen zu geben, daß er für die Herstellung eines simplen Produkts unter ausschließlich betriebswirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht zur Verfügung stehe. Wegerich warf nebenhin einen Blick auf das Buch, ließ sich nichts anmerken und konzedierte aber immerhin, das Heft müsse zwar eigentlich vor Juli erstmals erscheinen, da die Finanzierung sehr „auf Kante genäht“ sei, andererseits sei diese Finanzierung jedoch in jedem Fall für zwei Jahre absolut und krisenfest sichergestellt, so daß man, falls sich erweisen sollte, daß ein Magazin von der angestrebten Qualität einen längeren Vorlauf benötige, den Zeitpunkt des Ersterscheinens unter Umständen noch einmal verschieben könne.

Schnürer überlegte, ohne benennen zu können, über was er nachdachte. Wegerich wiederholte noch einmal, für wie fähig er ihn halte und wie dringend er ihn brauche, um, wie er sagte, „den lahmen Laden in Schwung zu bringen“ und das Konzept, das er doch schließlich selbst erarbeitet habe, überzeugend umzusetzen. Schnürer sagte, man könne es ja einmal versuchen. Er werde sich in den nächsten Tagen mit Autoren in Verbindung setzen und versuchen, sie für eine Mitarbeit zu gewinnen. Man müsse sich jedoch und ebenfalls sehr bald mit Vennemann und Neitzl zusammensetzen, um die Redaktionsarbeit zu strukturieren. Wegerich lehnte sich zufrieden zurück und bestellte noch einen Wein, den er in zwei Schlucken hinunterstürzte, um sofort ein weiteres Glas zu bestellen. Nach einer erschöpften Pause sagte er, man müsse nun langsam auch mal über Geld reden. Schließlich habe Schnürer eine ganze Menge Vorleistungen erbracht, die irgendwann honoriert werden müßten.

Wegerich wußte, daß Schnürer in diesem Punkt sehr unsicher war. Oft genug hatte dieser ihm berichtet, er sehe und fühle sich, da er weder auf ein diesbezügliches Studium noch eine sonstwie geregelte und fundierte Ausbildung als Journalist zurückblicken und -greifen könne, in diesem Geschäft als Dilettant, dem es äußerst schwerfalle, den Gegenwert der eigenen Arbeit einzuschätzen. Darüber, sagte Schnürer jetzt, rede man besser, wenn sich absehen lasse, wie umfangreich die weitere Arbeit am Konzept, der Struktur und ihrer Umsetzung werde. Er, sagte Wegerich, sehe Schnürer durchaus weiterhin in einer leitenden Position als Redakteur. Dies, sagte Schnürer, könne er höchstens für eine Anfangsphase sein, weil er auf jeden Fall freier Autor bleiben wolle und sich schon aufgrund seiner sonstigen Tätigkeiten nicht an ein einzelnes Projekt binden könne. Er werde in den nächsten Wochen prüfen, was noch zu tun sei und was davon er selber zu tun in der Lage sei, dann sehe man weiter, und dann werde es möglich sein, sich über ein Gesamthonorar zu einigen. Als Autor werde er, falls sich für ihn ein Platz finden lasse, jedoch auch weiterhin gerne zur Verfügung stehen. Davon, sagte Wegerich, gehe er aus, schließlich müsse das Heft journalistisch über Vergleichbares hinausragen, und dafür brauche er ihn. Er werde, sagte Wegerich, auf die Frage der Bezahlung zurückkommen, wenn alles „stehe“, was ja bei einem Erscheinungstermin Ende Juni spätestens Ende April der Fall sein werde. Oder, fügte Schnürer hinzu, eben später, falls sich herausstelle, daß die Sache so schnell doch nicht verwirklicht werden könne. Wegerich schwieg, lächelte ein bißchen, trank seinen Wein aus und verabschiedete sich.

24

 

Die KKK-Redaktion war in den letzten Jahren mehrmals umgezogen und nahm nun einen Flügel der ersten Etage eines Verwaltungsgebäudes des ehemaligen Schlachthofs ein (womit also – wie Schnürer dachte und worauf er sich aber keinen witzigen oder aufschlußreichen Reim zu machen imstande war – Wegerichs tägliches Leben zwischen zwei zu wenig friedvollen Zwecken errichteten Bauwerken hin- und herpendelte). Deren Funktionsweise hatte sich in den Räumlichkeiten niedergeschlagen: Der Gang war ungewöhnlich breit, die Böden mit amtlichem Linoleum belegt, die Zimmer viele Meter hoch. Wer in solchen Räumen zu tun hatte, neigte unwillkürlich dazu, entweder in eine Pose der Befehlsgewalt zu verfallen oder sich einer imaginären solchen zuvorkommend zu unterwerfen. Wegerich kam die gewohnte Architektur entgegen. Seine mittlerweile sichtlich aufgeschwollene Leiblichkeit schaffte sich mit ausholenden Schritten Raum und versprühte eine dröhnende Jovialität, hinter der nervöse Unsicherheit nur noch gelegentlich hervorlugte und dem aufmerksamen Beobachter zuwinkte. Der Herausgeber Michalski, fast komplementär mager und so angespannt, als wollte er seinen Körper unter allen Umständen auf der kleinsten möglichen Bodenfläche unterbringen, zugleich bestrebt, die ihn nicht zufriedenstellende Ausbeute seines jugendlichen Höhenwachstums in Eigeninitiative ruckartig zu erhöhen, verbarg seine eigene Unsicherheit mit zackiger, jedoch weitaus verbindlicherer und diskreterer Fröhlichkeit, die im Kontrast zu Wegerich um so aufgesetzter wirkte. Er schüttelte Wegerich heftig die Hand und führte ihn – und in seinem Schlepptau Schnürer, Vennemann und Neitzl, die er nicht wahrzunehmen schien – durch eine zweiflügelige Tür in ein Konferenzzimmer, wo seine Mitarbeiter bereits um ein rechteckig angeordnetes Tischensemble versammelt saßen und beim Eintreten der Neuankömmlinge ihre Gespräche verebben ließen.

Es handelte sich um mehr Leute, als Schnürer erwartet hatte, doch stellte sich bei der Vorstellung heraus, daß fast alle Anwesenden sogenannte „Praktikanten“ waren – vollumfänglich tätige Mitarbeiter, die für ihre Arbeit weder Lohn noch Gehalt bekamen, da ihre Beschäftigung offiziell Ausbildungszwecken dienen und sie zur späteren Übernahme einer regulären Stelle befähigen sollte, die es jedoch in ihrem angestrebten Berufsfeld nicht gab und auch nicht geben würde, weil so gut wie alle regulären Stellen von Praktikanten besetzt waren. Die einzigen Ausnahmen bildeten ein forscher, schlecht gelaunter freier Mitarbeiter, der als Autor nebenbei einen eigenen Bereich im Heft zu redigieren und einige weitere betriebliche Dinge zu tun hatte, die undurchsichtig blieben, sowie der (seit der Kündigung seines Vorgängers) „kommissarisch“ amtierende Chefredakteur Sennscheider, der sich selbst nur „Redakteur“ nannte. Er war Anfang dreißig, auffallend muskulös und trug eine imposante Haarmähne zu hautengen Jeans. Er verachtete die, wie er sie nannte, „Pressedeppen“ im allgemeinen ebenso offensiv wie Geschäftsleute und Intellektuelle, war selbst jedoch höchst belesen (besonders in der deutschen Literatur des mittleren zwanzigsten Jahrhunderts), verehrte und zitierte Gottfried Benn sowie diverse Philosophen und war Sänger einer Punkrockband. Hinter seinem wilden Aussehen verbarg sich ein empfindsames Gemüt, ein etwas unwirklich erscheinender Gleichmut (den er, wenn man ihn darauf ansprach, „die notwendige Equanimität“ nannte) und ein pessimistischer Geist von großem Witz. Wer ihn nur vom Sehen kannte, mochte manchen Abgrund ahnen; wer sehr gut mit ihm vertraut war, ahnte andere Abgründe. Neitzl, der ihn von einem früheren Anbahnungstreffen bereits kannte, schien ihn auf Anhieb für schätzenswert befunden zu haben und grüßte ihn persönlich.

Das Gespräch verlief einseitig und war schnell beendet. Wegerich legte seine Stoßrichtung weniger dar als daß er sie eine solche nannte, wünschte sich ein dynamisches Anpacken, äußerte die Überzeugung, daß man die Sache „stemmen“ können werde, und sagte, er lade jeden zum Mittun ein. Michalski antwortete im Namen seiner stummen Belegschaft mit einem ansatzweise parolenhaften „Nun denn!“- und „Tja also dann!“-Gestammel, Vennemann und Neitzl blickten aufmunternd beziehungsweise freundlich-skeptisch in die Runde, Schnürer studierte nicht vorhandene Notizen in seinem Kalender, und die Versammlung löste sich in einer Eile auf, die man trotz hier und da vorgeschützter „Noch zu tun“-Dringlichkeit als Flucht deuten mochte. Schnürer, dem weder die Räumlichkeiten noch der Herausgeber Michalski behagten, war froh, das Gebäude wieder verlassen zu können, fing mit halbem Ohr Neitzls belustigten Kommentar auf, „dieser“ Michalski sei „ein armer Tropf“, und verabschiedete sich, ohne groß darüber nachzudenken, was sich aus der seltsamen Konstellation, die da stattgehabt hatte, ergeben sollte.

Was sich in den nächsten Tagen ergab, ging ihn, wie er beschloß, nichts an. Neitzl und Wegerich hatten verschiedene Projektgruppen zusammengestellt, die Titel wie „IT“, „Stadtleben“, „Kino“, „Servicestruktur“ und „Heftklammer“ trugen und sich zu meistens recht kurzen Konferenzen in den Redaktionsräumen einfanden, um sich Planungsgesprächen zu unterziehen, die hauptsächlich dem Gesichtspunkt der Eile verpflichtet waren. Neitzl leitete die Gespräche; Vennemann nahm teil, wenn es seine Zeit erlaubte – er hatte seine Festanstellung bei dem Lokalblatt Ende Januar gekündigt, mußte dort aber noch vier Wochen tätig bleiben. Sennscheider saß am Schreibtisch daneben, mit seiner Redakteursarbeit beschäftigt, und beteiligte sich peripher, indem er hie und da eine Bemerkung fallen ließ.

Schnürer sah nur einmal vorbei, als es um „Literatur und Musik“ ging, um den dazu geladenen Rundfunkredakteur Stangert davon zu überzeugen, daß das Kulturmagazin ein ernsthaftes Projekt war, an dem mitzuarbeiten sich lohnte. Es irritierte ihn ein bißchen, daß Stangert als Gegenargument immer wieder Anspielungen auf die Mitwirkung Wegerichs machte, den er einmal gar wörtlich als „Parvenü“ bezeichnete, er vermied es jedoch, sich in ein Gespräch über derartiges hineinziehen zu lassen. Die Themen, die Stangert schließlich vorschlug (unter anderem eine Erhebung darüber, wie mutmaßliche oder tatsächliche oder ehemalige Angehörige der „linken Szene“ der Stadt mit Verkehrskontrollen schikaniert würden, weil sie alte Autos, vorzugsweise das Modell Renault 4, fuhren, nach denen die Polizei offenbar gezielt Ausschau hielt), notierte Schnürer mit demonstrativem Interesse und Wohlwollen und gab den Zettel, bevor er ging, an Neitzl weiter, der sich in den folgenden Tagen an die Erstellung eines Themenplans für ein erstes Probeheft machen sollte.

Wegerich hielt sich von den Gesprächsrunden fern; er stampfte in gewissen Zeitabständen in großer Eile durch den Gang und schien sehr beschäftigt zu sein, vor allem damit, beschäftigt zu wirken. Im Gang hatte er eine feuerlöschergroße Thermoskanne aufgestellt, die regelmäßig mit Kaffee befüllt werden sollte, aber immer wieder war zu hören, wie er emsig und vergeblich den am oberen Ende angebrachten Knopf betätigte, um seine Tasse zu füllen, und damit erst aufhörte, als er sicher sein konnte, daß zumindest im näheren Umkreis jeder das quietschende Pumpgeräusch und sein Schimpfen gehört hatte.

 

 

 

25

 

Schnürers Arbeitsplatz war nur mit Mühe als solcher zu erkennen: Nachdem er wochenlang, ohne dabei einer anderen Systematik als seiner augenblicklichen Lust zu folgen, Tüten, Taschen und Kisten mit dem Fahrrad und der Straßenbahn aus dem Vorstadtreihenhaus in seine Schwabinger Wohnung transportiert hatte, stapelten und türmten sich in dem kleinen Zimmer unüberschaubare, bunte und statisch betrachtet nicht unbedenkliche Mengen von Dingen. An den Wänden reichten die Bücherberge, die in der Mitte bedrohliche Hohlkreuze und Bäuche entwickelten, bis zur Decke, dazwischen war gerade noch Platz für ein Plakat geblieben, das ihm seine Untermieter von einer ihrer Unterwegsnächte mitgebracht hatten; es zeigte die Hülle einer Schallplatte der Manic Street Preachers mit der Aufschrift „Know Your Enemy“.

Sein Schreibtisch, an dem er mit dem Rücken zum Fenster saß, nachdem er tapsend und schwankend über alles mögliche hinweggestiegen war, stets darauf bedacht, sich nicht in Kabeln, Hemdsärmeln oder anderen Schlingen zu verfangen, war ebenso überhäuft wie der Sessel und die in drei Schichten und Viererreihen davorstehenden Kisten, auf die er blickte, wenn er seine Augen vom Bildschirm abwandte. Seitdem ihm bei dem Versuch, einen Text zu drucken, ein Marmeladenbrot in den Drucker gerutscht war und diesen so wirksam beschädigt hatte, daß Schnürer nach dem verbissenen Versuch einer Reparatur seiner aufschäumenden Wut Luft gemacht hatte, indem er das Gerät mit Hammer und Zange vollständig zertrümmert, in die Aschentonne geworfen und umgehend durch ein neues ersetzt hatte, war er immerhin dazu übergegangen, derart gefährliche Nahrungsmittel nur noch in der Küche zu sich zu nehmen. Weil dort aber ständig Betrieb herrschte – der inzwischen ebenfalls, und ohne daß dies ausdrücklich erklärt oder diskutiert worden wäre, dauerhaft in die Wohnung eingezogene Lebensgefährte seiner Untermieterin hatte eine Vorliebe für in der Pfanne gebratene Mischungen aus Pilzen und Gemüse, die er zu jeder Tag- und Nachtzeit zubereitete, wobei ihm die Untermieterin, der Untermieter und dessen Lebensgefährte (der, wie Schnürer erfuhr, „offiziell“ bei seinen Eltern lebte, mit diesen aber offenbar wenig Kontakt hatte) gerne Gesellschaft leisteten –, aß Schnürer schließlich doch wieder am Schreibtisch, beschränkte sich dabei indes meist auf Dinge, die in Tüten oder Schachteln verpackt waren und sich bedenkenlos an exponierter Stelle balancieren ließen.

Seine wesentliche Beschäftigung am Schreibtisch bestand in jenen Februartagen darin, E-Mails zu empfangen, zu lesen, zu beantworten und selbst zu verfassen, letzteres vor allem an Autoren sowie Buchverlage und Schallplattenfirmen, von denen er als zuständiger „Betreuer“ für die Bereiche Literatur und Musik mit Informationen und Freiexemplaren versorgt zu werden hoffte. Zwischendurch erhielt er Nachricht von Vennemann aus der neuen Redaktion: In der „Arbeitsgruppe IT“, schrieb dieser – und Schnürer übersetzte die zwei Buchstaben behelfsweise mit „Computertechnik“; es ging wohl um die Einrichtung eines „Netzwerks“ von Redaktionscomputern –, säßen außer ihm selbst Wegerichs wohl auch diesbezüglich fachmännischer „Finanzchef“ Mayer, eine Mitarbeiterin, von der nur den Vornamen Christa erfahren hatte (und, wie es seinem Naturell entsprach, zu eingeschüchtert gewesen war, nach dem Nachnamen zu fragen, ergänzte Schnürer in Gedanken), sowie der Herausgeber Michalski, den Vennemann einen „Kommunikator“ und eine „pausenlose Redemaschine“ nannte. Nach vier Stunden, schrieb er, habe Michalski gar angefangen, „das eigene Heft schlechtzumachen“. Dem sei höchstens hinzuzufügen, daß der eine oder andere „Kampf mit Herrn Michalski vorprogrammiert“ scheine. Jedenfalls habe sich Vennemann genötigt gesehen, unmittelbar nach der Sitzung der Arbeitsgruppe seine Stammkneipe aufzusuchen und sich dort bei einer großen Menge Bier und spielerischen Annäherungsversuchen an eine neue Bedienung, deren abweisend-arrogante Ausstrahlung sie ihm attraktiv erscheinen ließ, „den Kram aus dem Kopf zu waschen“.

Zu diesem „Kram“ gehörte auch ein neues Gewächs in Wegerichs erratisch wucherndem Ideengarten: Er wolle, habe dieser beschlossen, die „Terminlogistik“ des neuen Magazins auf der abgewandelten Grundlage des „Betreibermodells“ in Form eines „Serviceprodukts“ an andere Partner weiterverkaufen und habe dafür in einer Boulevardzeitung bereits einen Interessenten gefunden. Neitzl und er, berichtete Vennemann, seien beauftragt worden, aus fiktiven Veranstaltungsterminen und kurzen Ankündigungstexten die „Nullnummer“ einer „Szene-Beilage“ für diese Tageszeitung zusammenzubasteln, die demnächst „präsentiert“ werden solle, um als Testläufer für weitere Objekte zu dienen, die, wenn erst einmal die Datenbanklogistik aufgebaut sei, bundesweit verkauft werden könnten. Dies habe außerhalb der regulären CULT-Vorarbeiten zu geschehen, daher komme es neben dem täglichen „Getue und Geplapper“ nun auch noch zu „Nachtsitzungen“.

Ab dem neunten März, schrieb Vennemann einige Tage später, werde der reguläre Redaktionsbetrieb von KKK umgestellt und bis zum Auslaufen des Heftes neben den dann vollends konkret werdenden Vorarbeiten für CULT von Sennscheider mit Unterstützung zweier Praktikanten provisorisch weiter- und zu Ende geführt. Am neunten Mai solle dann eine „Nullnummer“ von CULT erscheinen.

Es war nicht Vennemann, sondern Neitzl, der Schnürer Anfang März anrief und ihn bat, an der nächsten Sitzung der Arbeitsgruppe „Heft gesamt“ teilzunehmen. Man brauche, sagte er, „moralische Unterstützung“, weil Michalski offenbar nicht die geringste Ahnung und Vorstellung davon habe, in welche Richtung alles gehen solle, andererseits jedoch allen möglichen Leuten alles mögliche erzähle. Es werde, sagte Neitzl, eventuell sogar recht dienlich sein, wenn Schnürer seine Gedanken zur grundsätzlichen Ausrichtung und zum Charakter des Heftes in schriftlicher Form niederlege, weil man diese dann auch den freien Autoren zukommen lassen könne.

Schnürer begann, unwillig zuerst, dann sehr zügig, zu schreiben:

„CULT ist ein Kulturmagazin. Das bedeutet, zunächst grundsätzlich: CULT ist eine Sammlung von Geschichten aus allen kulturellen Bereichen, die nicht streng den Sektoren Politik, Wirtschaft, Verwaltung zuzuordnen sind. CULT ist jedoch kein Träger für ein wie auch immer geartetes kulturelles Leitbild. Wir möchten Dinge zeigen, aber wir wollen kein ‚Image repräsentieren. Unser Blick geht in die Tiefe.

Die Orientierung auf Geschichten bedingt eine andere Herangehensweise an ‚Themen als im Kultur- und Magazinjournalismus üblich. Es kann uns, salopp gesagt, nicht darum gehen, Themen aufzugreifen, die auf der Zeitgeist-Sau durchs Dorf getrieben werden, wir wollen auch weder Schaufenster für blitzlichtartige Karriere-Exhibition noch Lifestyle-Ratgeber noch Personality-Laufsteg noch Sprachrohr irgendwelcher Institutionen sein. Nicht die Person, nicht der ‚Trend, nicht die Veranstaltung etc. ist unser Thema, sondern die damit verbundene Geschichte, aus der sich dann möglicherweise über die Person, den ‚Trend, die Veranstaltung etwas (wesentlich Tiefgründigeres als üblich) erfahren läßt.

Deshalb ist auch die Grundfrage beim Herangehen an Themen nicht: Wer ist das? oder Wann/wo findet das statt? sondern: Was ist die Geschichte? Eine solche Herangehensweise ist ungewöhnlich und mit (Denk-)Arbeit verbunden, aber sie bietet die Möglichkeit, Geschichten zu erzählen, die ansonsten niemand erzählt. Es spielt grundsätzlich keine Rolle, ob die Geschichte, die wir erzählen, im Rampenlicht einer Groß-Öffentlichkeit oder in irgendeiner ‚Nische passiert. Wichtig ist aber die Vermeidung aller Arten von Klischees und Oberflächlichkeiten. Es ist nicht spannend und interessant, ein paar beliebige Sätze über einen deutschen Jungschauspieler abzudrucken, nur weil der eine Nebenrolle in Hollywood ergattert hat. Es ist auch nicht spannend und interessant, festzustellen, daß immer mehr Menschen – speziell in München, das unser Zentrum, nicht aber unser Horizont ist – aus Karrieregründen ein Leben als Single bevorzugen etc. Die Kioske sind voll mit derartigen Versuchen, das Nichts mit Glitter zu bepudern; aus diversen Gründen gescheiterte Projekte sind deutlicher Beleg für einen in dieser Hinsicht gesättigten Markt; ein weiteres derartiges Medium zu etablieren, würde einen Reklameaufwand zur Überdruß-Überwindung erfordern, der unsere Möglichkeiten bei weitem übersteigt – ganz abgesehen davon, daß wir in der erwähnten Erweiterung des Blicks in die Tiefe, ins Detail, in die (auch historische) Geschichte, in die kritische Entschlüsselung und Interpretation eine kaum zu überschätzende Chance sehen.“

Schnürer lehnte sich zurück und ließ die zwei Wellen von zornigem Eifer und Zufriedenheit, die ihn erfüllten, langsam ausrollen. Dann las er seinen Text noch einmal, ahnte, daß er damit mehrere Nerven treffen würde, und schrieb weiter:

„Keinesfalls darf unsere Herangehensweise romantisierend, verniedlichend, beliebig, oberflächlich sein oder werden. Die im ‚postmodernen Schnellschuß-Journalismus übliche ‚ironische Distanz sollte vermieden werden; formatierte Erzählweisen bieten keine neuen Möglichkeiten. Jeder Autor muß sich zwischen Ernst und Spaß entscheiden; die ‚Nachahmung gängiger Textformen ist nur da erlaubt, wo es sich um absolut klassische (etwa eine Reportage) handelt; auch diese sollten so aufgefaßt werden, als hätte man sie gerade erst erfunden. Wichtig ist eine neue Konzentration auf die alten Fragen: Wer? Wo? Was? Warum? – nicht wie heute üblich: Wer war wo und hat warum was getan? (wobei die Informationen meist aus zweiter oder dritter Hand stammen) sondern: Wo war ich? Was habe ich dort gesehen? Mit wem habe ich gesprochen? Warum hat das Ganze meiner Meinung nach eine Bedeutung und welche?

Hier erweist sich unsere lokale Einbindung als Besonderheit und Chance: Statt über das zu berichten, worüber alle berichten, können wir den Blick auf übersehene und vergessene Details richten. Wenn und während sich diese ‚Methode‘ in München etabliert, brauchen wir jedoch auch an anderen Orten Autoren, die in unserem Geist sehen, denken und arbeiten.

Es ist uns klar, daß diese Ansprüche Ideale sind, denen man sich im Einzelfall nur auf gewisse Distanz annähern, an denen man im Einzelfall auch scheitern kann. Dies sollte uns nicht daran hindern, mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln und Kräften den bösen Geist der Routine in Schach zu halten. Für Anregungen, neue Ideen, destruktive Kritik und jede Art von Unterstützung sind wir jederzeit offen und dankbar.“

Schnürer speicherte den Text und schickte ihn per E-Mail an Neitzl, der ihn kurz darauf anrief und sagte, er freue sich auf die Sitzung. Schnürer glaubte, aus seiner Stimme eine ironische Färbung herauszuhören, er war sich dessen aber nicht sicher genug, um nachzufragen.

 

 

 

26

 

Wegerich zeigte sich von Schnürers „Manifest“, wie er es nannte, sehr angetan. Es sei dies die Summe der konzeptionellen Arbeit vieler Monate und eine mutige, hundertprozentig treffende Vorgabe für die weitere Arbeit, sagte er in die Runde, die in unterschiedlich entspannter beziehungsweise erschöpfter Haltung um vier zu einer Tafel zusammengestellte Tische herumsaß und vorläufig aus Vennemann, Neitzl, Sennscheider, Schnürer selbst und einer Praktikantin bestand. Weil Sennscheider und die Praktikantin ratlos blickten, bat er Schnürer, den Text vorzulesen, was dieser tat. Als er fertig war, nickte die Praktikantin stumm, offenbar bis zur geistigen Erschöpfung beeindruckt und durch die Vorstellung, für ein Heft zu arbeiten, das Wegerich in direktem Anschluß an Schnürers Vortrag als „klassisches, meinungsstarkes und stilbildendes Magazin im Geiste des legendären New Yorker“ bezeichnete, in ihrem Selbstbewußtsein gestärkt und zugleich von einer lauernden Überforderung undeutlich bedroht.

Sennscheider drückte den verkümmerten Rest seiner selbstgedrehten Zigarette mit wie meistens leicht bebender Hand in einem Flaschendeckel aus, blickte versonnen und sagte: „Mei.“ Wegerich entschuldigte sich mit einem wichtigen Termin; als er den Raum verließ, kam Michalski herein, setzte sich zu der Gruppe (wobei er anscheinend instinktiv Wegerichs freigewordenen Platz mied, der ihm doch auch zugestanden hätte, und einen weniger exponierten Stuhl an einer Ecke der Tafel bevorzugte) und lauschte den weiteren Ausführungen von Schnürer und Neitzl, die betonten, wie wichtig es sei, „echte Geschichten“ zu erzählen, um sich von all dem „Zeug“, das sich ansonsten auf dem Zeitschriftenmarkt „herumtreibe“, zu unterscheiden und „abzusetzen“.

Als eine Gesprächspause eintrat, ließ Michalski ein scheinbar fröhliches, zustimmendes oder bekräftigendes Geräusch ertönen. Aller Augen richteten sich auf ihn, der für eine kurze Weile die Kaffeetasse, die er mit der rechten Hand umfaßt hielt, betrachtete, als erwartete er, daß sie sich in etwas sehr Interessantes verwandle, sie dann hochhob und auf den Tisch warf und – als sie nicht zerbrach, sondern nur kläglich auf die Seite fiel und ein Stück auf Neitzl zurollte, ehe der Henkel die Bewegung abbremste – rot anlief und mit halblauter Stimme bellte: „Dann erzählt sie doch, eure Geschichten! Ihr müßt sie doch einfach erzählen!“

Man schaute irritiert, verwirrt und mit vereinzelter Belustigung herum, dann sagte Schnürer ohne den geringsten Anflug von Erregung, genau dies beabsichtige man zu tun, woraufhin sich die Runde auflöste und Michalski an der Tafel zurückließ. Es blieb Schnürers vorläufig letzte Begegnung mit Michalski, der in der Folgezeit an Sitzungen und Treffen nicht mehr teilnahm, zumindest dann nicht, wenn Schnürer dabeiwar, was dieser indes nicht als Folge einer Absicht deutete.

 

 

 

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Was Wegerich wesentlich von Schnürer (und übrigens auch von Neitzl und Sennscheider, nicht gänzlich jedoch von Vennemann) unterschied, war, daß die Gelassenheit, die er bei Gelegenheit auszustrahlen sich wenigstens bemühte, vor allem dazu diente, eine ungeheure Angst zu überstrahlen und zu dämpfen. Es war dies weniger eine Angst vor anderen Menschen, Situationen, „entscheidenden“ Begegnungen (und deren möglichem Scheitern), die ihn manchmal auch ohne Anwesenheit anderer Menschen so quälte, daß er sie mit Geschwindigkeit, Lautstärke, notfalls durch die eilige Zufuhr von Alkohol bekämpfte, sondern die allem zugrundeliegende Angst vor dem Vergehen der Zeit, vor dem Tod, dem unausweichlichen Ende von allem, was wichtig war, insbesondere: seinem Ende.

Kaum jemand ahnte etwas von dieser Angst, die sich aufmerksamen Augen und einem phantasievollen Gehirn auch daraus erschließen hätte können, wie er seine Ernährung organisierte: Er schaufelte Nahrung förmlich in sich hinein, als wollte er die Sicherheit und Dauerhaftigkeit seines Aufenthalts auf der Welt dadurch erhöhen, daß er seine Gegenwart gewissermaßen verstärkte und verankerte, indem er einfach körperlich mehr wurde. Diese Strategie war stets nur momentan erfolgreich; hatte erst der Verdauungsprozeß eingesetzt, schwand Wegerichs Hoffnung sofort. Zurück blieb dann ein noch verstärktes Gefühl von Ausweglosigkeit und einer gemeinen, brutalen Paradoxie, gegen deren Wirkungsmacht ihm nur ein ebenso paradoxes Verhaltensmuster zur Verfügung stand.

Der Mensch, dachte er, wenn er darüber nachdachte, hat seinen Geist und seine Kräfte nicht um sie brachliegen und verkümmern zu lassen, sondern um sie einzusetzen, um Prozesse in Gang zu setzen, Dinge und Zustände zu schaffen, die wachsen und die ansonsten vollkommen sinnlose Welt erfüllen. Die unausweichliche Widersinnigkeit des Todes, die ein solches Vorgehen eher unterstrich als abschwächte, war ihm nicht gegenständlich bewußt, aber er ahnte sie, und wenn die Ahnung ihn zu Zeiten, da seine Aktivität ruhte, mit aller Macht bedrängte, blieb ihm nur eine sprachlose, hilflose, namenlose Verzweiflung, mit der er gänzlich allein blieb, weil er sie niemandem, nicht einmal seiner Lebensgefährtin Alexandra, mit der ihn ein grundsätzlich höfliches, funktionelles Verhältnis verband, zu gestehen wagte. In letzter Zeit war es häufiger zu Momenten gekommen, in denen ihn diese Verzweiflung überfallen hatte wie eine schwarze Wolldecke, die unartige Kinder einem verwirrten alten Mann über den Kopf werfen, um ihn zu quälen. Immer wieder perlte zu Zeiten, da er sich innerlich von den Dingen entfernte (die dadurch augenblicklich zur Ruhe kamen), der Gedanke aus seinen Meditationen heraus: „Es ist zu spät.“

Tatsächlich war festzustellen, daß der rauschhafte Wahn der Geldexplosionen, den einige pfiffige Menschen genutzt hatten, um sich ein für allemal allen finanziellen Knappheiten und den aus ihnen resultierenden Zwängen und Unwägbarkeiten zu entziehen, langsam, aber merklich abebbte. Ein großer Teil der „echten Werte“ (nicht davon bedroht, infolge eines falschen Fingerzeigs in einem Börsenirrenhaus mit einem Schlag zu verpuffen, sondern immobil, edelmetallen oder sonstwie mit Garantien vertäut) war von jenen Pfiffigen bereits zur Seite geschafft (und mußte zudem verzinst werden). Die Methoden der Nachzügler wurden zusehends brutaler und hysterischer; die Vertreter des Gemeinwesens waren bereits mit Aufräumarbeiten in Form erster Schritte zur planmäßigen Zwangsverelendung beschäftigt, am Horizont leuchtete etwas, was die einen als Vorschein eines kompletten Zusammenbruchs, die anderen als Signal der letzten Chance deuteten, und die Ahnung, Wegerich könnte nicht zu denen gehören, denen es noch gelingen würde, das „Spiel“ zu ihren Gunsten zu entscheiden, schien nicht abwegig. Seine gelegentliche Neigung zu einer „sozialkritischen“ Schattierung laut ausgesprochener Gedankengänge (die es vielleicht auch war, was den Magnetismus zwischen ihm und Schnürer energetisierte) hatte selbstverständlich damit zu tun (was er sich selbstverständlich nicht eingestand).

Schnürer dachte – und er hatte dies in ähnlicher Formulierung sogar niedergeschrieben –, daß der Mensch seinen Geist nicht habe, um ihn brachliegen und verkümmern zu lassen oder ein blindes, naturfremdes, zerstörerisches Wachstum von Dingen und Vorgängen zu entfachen, sondern um sich der Sinnlosigkeit zielgerichteter Aktivitäten (die ihm grundsätzlich verdächtig waren) bewußt zu werden und (auch als Mittel, mit dieser Sinnlosigkeit umzugehen) Unfug zu treiben. Darunter verstand er jedoch gerade nicht das panische, zappelnde, wimmelnde Herumgekasper moderner Arbeits- und Freizeitaktivitäten, sondern ein Denken und Handeln, das der Einsicht entsprang, daß alles, was man schuf, irgendwann zerfallen mußte und daß man in den meisten Fällen selbst das erste war, was zerfiel. Sich um die Zukunft zu sorgen, hielt Schnürer (abgesehen von gelegentlichen Anflügen diffuser Sorgen) für den Gipfel menschlicher Dummheit (und den wesentlichen Unterschied zwischen dem Menschen und allen anderen Lebewesen im Universum, wenn man nicht bereit war, Computer und andere Maschinen ebenfalls als Lebewesen zu betrachten, was ein wachsender Anteil seiner Mitmenschen unbewußt zu tun schien); sein Interesse und Bemühen galt, neben der Gegenwart (wobei das „Leben in der Gegenwart“, das er gerne propagierte, zumindest teilweise eine Ideologie war, die er selbst nur bis zu einem gewissen Grad umsetzen konnte), dem Vergangenen, aus dem sich natürlicherweise mehr über die Vergänglichkeit als solche lernen und verstehen ließ als aus scheinbar Beständigem und gar hypothetischen Dauerhaftigkeiten planender Vorausschau.

Es müsse, sagte Schnürer, gerade bei einer Zeitschrift, deren thematischer Blickwinkel sich mit ihrem Publikum glücklicherweise auf die unmittelbare Umgebung beschränke, darum gehen, Details zu zeigen, scheinbare Kleinigkeiten aufzugreifen, von Dingen zu berichten, die in Vergessenheit geraten waren oder zu geraten drohten, weil sie nicht als Rädchen im umfassenden Vergrößerungsprozeß taugten. Wegerich, nach vorne gebeugt über dem Tisch hängend und sein Weinglas mit schwanenkopfähnlicher Handstellung lässig festhaltend, nickte, und weil das nicht selten bedeutete, daß ihm das vorgebrachte Argument egal oder unverständlich war, wurde Schnürer deutlicher. Er zählte einige Dinge aus der langen Liste möglicher Themen für CULT-Geschichten auf, die in den letzten Wochen von der Redaktion aus eigenen Einfällen und Vorschlägen freier Mitarbeiter kompiliert worden war und um die es Auseinandersetzungen gegeben hatte, die mit kalter Schärfe geführt wurden und, wie Schnürer sagte, ein grundsätzliches Mißverständnis aufzeigten.

Vorgeschlagen worden waren zum Beispiel „Einzelfallreportagen“ über Straßenkinder in München, verschwundene oder untergetauchte Menschen, Schulschwänzer, anonyme Geburten, Strafgefangene, Einwanderer und Auswanderer, skurrile Sammler, Bewohner einer „schwarz“ erbauten Flüchtlingssiedlung am Stadtrand, Anwohner des Oktoberfests, aussterbende Handwerkszweige (Schnürer erwähnte Schraubendreher, Sattler, Schäffler und Faßbinder, auch um zu überprüfen, ob Wegerich bemerken würde, daß es sich bei den beiden letzteren um denselben Beruf handelte; Wegerich nickte nur), ein Ledigenwohnheim im Westend, die Villenkolonie Pasing, den Psychiater, dessen Urgroßvater mit König Ludwig im Starnberger See ertrunken war, Strafprozesse gegen Kleinkriminelle, die melancholisch-absurde Zeremonie einer Stadtteil-“Miss-Wahl“, den Alltag von Analphabeten, „Technikfossilien“ wie Rohrpost und Paternoster, eine Reportage über den Tierpark Hellabrunn bei Nacht, kuriose Stammtische, Adressen vergessener Prominenter, Werke unbekannter Schriftsteller, kuriose Stücke in den Fundbüros der Stadt, Kultstätten von Kleinreligionen, Arbeitersportvereine, Kantinen und Mensen, unbekannte Denkmäler, den Alltag eines Bestatters, „in die Jahre gekommene“ Wohngemeinschaften und Kommunen in ehemals „konspirativen“ Wohnungen, das Elternhaus des Oberbürgermeisters, Ölförderung in München (die gebe es tatsächlich, betonte Schnürer, unnötigerweise, weil Wegerich zwar noch nie davon gehört hatte, jedoch auch nicht daran interessiert war), Heilsarmee und Bahnhofsmission, Fremdwohner, freiwillig Obdachlose, Dauercamper, Straßenmusiker, drogensüchtige Ärzte, Transsexuelle, Rosenverkäufer, Heimkinder (die von Vennemann erdachte Artikelüberschrift „Mama ist tot“ bedachte Wegerich mit einem Verziehen der Mundmuskulatur, das auf plötzliche Zahnschmerzen schließen ließ), Schäfer und Bauern in der Großstadt, ehemalige Bankräuber, erwachsene Contergan-Kinder, Asylbewerber, Bademeister, professionelle Zechpreller, altgewordene „Gammler“ und Punkrocker, Berufsphilosophen, Randfiguren von Revolution und Räterepublik, Stadtentwicklungspläne aus dem Dritten Reich, Stehausschankbetreiber, Brückenkletterer, Nachtarbeiter am Hauptbahnhof, „Rundgänge“ durch Kanalisation, Bunkeranlagen und Keller von öffentlichen Gebäuden, die Lebensgeschichte des Kellners, der beim Hitlerputsch am Hofgarten zufällig erschossen und zum „Helden des Nationalsozialismus“ erklärt worden war – letzteres eines von Schnürers Lieblingsthemen, von dem er nun so ausführlich erzählte, daß Wegerichs Nicken zu einer unbewußten Dauervibration wurde.

Widerspruch gegen die thematische Ausrichtung hatten in den „Themensitzungen“ vor allem die beiden neuen Graphiker erhoben: Die Redaktion lege es offenbar mit Absicht, Fleiß und Gewalt darauf an, das Zielpublikum nicht nur zu langweilen (indem sie ihm Geschichten vorsetzte, für die sich aus guten Gründen kein Mensch und folglich auch keiner der Mitbewerber je interessiert hatte), sondern zu deprimieren und regelrecht abzuschrecken. Man wolle doch, da sei man sich hoffentlich einig, ein dynamisches, lebensfrohes und -bejahendes, positives sowie bei aller Offenheit für sämtliche ansprechbaren Altersgruppen grundsätzlich „jugendliches“ Magazin machen. Da könne man auf keinen Fall mit Themen daherkommen, die ausschließlich mit Scheitern, Tod, Verfall, Vergessenheit, Hoffnungslosigkeit, Verlust und Verlierern und mit Kultur nicht im entferntesten zu tun hätten.

Schnürer hatte auf derartige Einwände mit Sturheit reagiert: Es sei die Aufgabe von Graphikern, die Geschichten, die die Redaktion ins Heft bringe, optisch „umzusetzen“, und er verstehe überhaupt nicht, wozu Graphiker an „Themensitzungen“ teilnähmen. Er diskutiere mit ihnen ja auch nicht über Schrifttypen und Marginalspalten (obwohl er, was er verschwieg, solches durchaus vorhatte). Wegerich war bemüht gewesen, die Konfrontation zu entschärfen und womöglich beizulegen, indem er eine „Autorität“ eingeführt hatte: Spetz, den ehemaligen Konzeptchef eines als besonders modern und wagemutig geltenden Lifestyle-Magazins, der auf seinen Wunsch als Gast zu einer „Themensitzung“ erschienen war.

Spetz war etwa fünfzig Jahre alt, sah aus wie ein kahlrasierter Einzelkämpfer, der sich große Mühe gab, auszusehen wie ein fünfunddreißigjähriges Photomodell für Zigarettenreklame, und führte stets einen langbeinigen, anscheinend unbehaarten, vor ungelenkem Bewegungsdrang sprühenden, aber insgesamt gehorsamen Hund mit sich, von dem Schnürer vermutete, er solle das „Arbeitskonzept“ des „Gurus“ (wie ihn Wegerich nur halb im Scherz genannt hatte) verkörpern. Der Guru hatte die Themenliste der Redaktion kurz überflogen und war nach der Bemerkung „Find ich prinzipiell gut!“ dazu übergegangen, die diffuse Position der Graphiker einzunehmen. Die Sitzung endete ohne Ergebnis, was die Redakteure als Durchsetzung werteten und in den folgenden Tagen einzelne der angedachten und vorgeschlagenen Geschichten bei den jeweiligen Autoren in Auftrag gaben.

Mit dem Näherrücken des Fertigstellungstermins der ersten „Nullnummer“ steigerten sich die hektische Stimmung in den Redaktionsräumen und die Frequenz der Meetings, an denen Schnürer, schon weil sie überwiegend alarmartig kurzfristig angesetzt wurden, meistens nicht teilnahm. Die Graphikerin Hollerich, erzählte ihm Vennemann abends am Telephon, sei während solcher Konferenzen ununterbrochen einem Weinkrampf nahe und wirke derart hysterisch, daß man um ihre Gesundheit fürchten müsse, während ihr Kollege Klamm – beide waren Mitte zwanzig und arbeiteten seit über fünf Jahren zusammen – aufrecht wie eine Zaunlatte dasitze und nur selten Bemerkungen mache, die offenbar darauf abzielten, die verhärteten ideologischen Differenzen zwischen Graphik und Redaktion durch ätzenden Spott noch weiter zu verhärten. Es sei aufgrund einer für eine vierstellige Summe angekauften Photoserie von Münchner Plätzen und Gebäuden (aufgenommen aus „ungewöhnlicher Perspektive“) für die „Nullnummer“ und das erste Probeheft eine Titelgeschichte mit der thematischen Überschrift „München – Wo steht diese Stadt?“ beschlossen worden, von der Wegerich gemeint und im Grunde gefordert habe, daß Schnürer sie verfasse. Schnürer reagierte resigniert und zugleich belustigt: Das könne er schon tun, sagte er zu Vennemann. Die Graphiker (von denen der Vorschlag gekommen war) sollten ihm eben ein „Exposé“ vorlegen und darin „den thematischen Rahmen abstecken“.

Das Exposé erhielt Schnürer am nächsten Tag. Es handelte sich um ein Din-A-4-Blatt, auf das jemand (der Graphiker Klamm, vermutete Schnürer richtig) mit Kugelschreiber unter die Überschrift „München – Wo steht diese Stadt?“ gekritzelt hatte: „Wo steht München? Was geht in München? Was ist los? Was tut sich? usw.“ Das war alles. Schnürer, der in die Redaktion geradelt war, um das Blatt, die mit Blindtext vorgestalteten Seiten der Titelgeschichte und eventuelle „Zusatzinfos“ abzuholen, reagierte weniger resigniert und mehr belustigt. Wenn das, sagte er zu Wegerich (der ihn, über eine Kaffeetasse gebeugt, lauernd aus den Augenwinkeln ansah), das sei, was die Graphiker unter einem „Exposé“ für eine Titelgeschichte verstünden, dann brauche man sich über deren Kulturbegriff und ihre zukünftige Beteiligung an thematischen Entscheidungsfindungsprozessen keine Gedanken mehr zu machen. Wegerich verstand nicht, worauf er hinauswollte, nickte aber, um eine Diskussion zu vermeiden. Neitzl, der mit beiden Händen in den Hosentaschen dabeistand, lachte fröhlich. Wenn Schnürer noch „Infos“ brauche, sagte er, solle er doch am besten gleich selber mit den Graphikern reden. Das, sagte Schnürer nach einem kurzen Blick auf die Ausdrucke der zwölf Seiten – die praktisch nur aus immens vergrößerten Bildern von Hochhäusern, betonierten Plätzen und einer Achterbahn bestanden, in denen kleine Kästen für fünf bis zehn Zeilen Text pro Doppelseite ausgespart waren – werde wohl nicht nötig sein.

Seinen Text über den großstädtischen Mobilitätswahn und die aus ihm resultierende Unwirtlichkeit und Ortlosigkeit, den er noch am Abend zuvor begonnen hatte, schrieb Schnürer nicht weiter. Statt dessen suchte er nach kurzen Zitaten von Schriftstellern, Philosophen, Politikern und Filmregisseuren, die irgendwie mit München und seinen Zuständen zu tun hatten oder in Verbindung gebracht werden konnten und in die kleinen Textblöcke paßten. Die zwölf Zitate, die er schließlich auswählte, schickte er zusammen mit einem kurzen Vorspann – „München bewegt sich – doch wo steht diese Stadt? Wir zeigen ungewöhnliche Blicke und Perspektiven, die Richtungen, Ziele und Visionen erahnen lassen“ usw. – per E-Mail an Neitzl. Der antwortete nach wenigen Minuten: „Wie du das immer hinkriegst. Wegerich ist begeistert von dem Käse.“

Die „Nullnummer“ bestand aus sechzehn Seiten: einer Titelseite, die den Oberkörper und das Gesicht eines fröhlichen, Mädchens im Studentenalter und die Überschrift „Wo steht diese Stadt?“ zeigte, einem von Neitzl „optimistisch“ und „lebensbejahend“ formulierten Vorwort, der um die Hälfte gekürzten „Titelgeschichte“ mit den Hochhausbildern und Zitaten, vier mit Blindtext gefüllten „Serviceseiten“ (Konzertankündigungen, Termine und gängige, gestellte Reklamephotos diverser Musikgruppen und Schauspieler) sowie, auf der Rückseite, der Redaktionsanschrift und dem Claim „CULT – Du bist dabei“, den eine laut Wegerich „edle und superangesagte“ Werbeagentur erfunden hatte, als Grundlage für eine „Kampagne“, mit der das neue Magazin schon vorab beworben und während der Markteinführungsphase dann etabliert werden sollte.

Schnürer ahnte, daß diese Kampagne erschreckende Geldbeträge verschlingen würde oder bereits verschlungen hatte, und war schon deshalb nicht bereit, etwas Gutes daran zu finden, äußerte sich aber weder zu dem blödsinnigen Spruch, der seiner Ansicht nach die Absicht und Ausrichtung des Magazins nicht annähernd oder gar treffend wiedergab, sondern einen falschen Eindruck von greller Sensationsmache erweckte, noch zu der nichtssagenden, auch bildlich keinerlei Stringenz ausstrahlenden „Titelgeschichte“, weil er hoffte, der offensichtliche Mißerfolg der weitestgehend von den Graphikern konzipierten „Nullnummer“ werde Wegerich zu der Einsicht gelangen lassen, es sei nötig, das Heft nun endlich doch mit erzählerischer, kritischer Substanz und Kompetenz zu füllen, die nur von der Redaktion kommen könne.

Wegerichs Reaktion auf die „Nullnummer“ während der Konferenz zu deren „interner Präsentation“ (an der außer ihm, Redakteuren, Graphikern und Praktikanten auch der Guru Spetz, nicht jedoch Michalski teilnahm) gab zu solchen Hoffnungen keinen Anlaß: Er lobte die „Leistungen“ aller Beteiligten mit geradezu hymnischen Worten, sah in der „Vorlage“ ein „riesiges Zukunftspotential“, und obwohl die Gebärden, mit denen er all dies vorbrachte, nicht passend und synchron wirkten, schien er doch ohne jeden Zweifel zufrieden. Der Guru Spetz sagte, es handle sich um eine „super Ausgangsposition“, die man da geschaffen habe, wünschte „frohes Weiterschaffen“ und führte seinen Hund hinaus. Die Graphikerin Hollerich strahlte wie auf ihrer eigenen Hochzeit und warf Blicke in den Raum, die Anerkennung und Begeisterung zu ernten versuchten und dabei Spitzen von Verzweiflung trugen; ihr Kollege Klamm saß aufrecht da und lächelte ein kaum sichtbares Strichlächeln. Neitzl sagte „Also, Freunde, dann machen wir mal weiter“, ging mit Vennemann hinaus, und Schnürer blieb mit dem in seiner gewohnten Sitzungshaltung auf einem Stuhl kauernden und bis dahin schweigsamen Sennscheider allein im Konferenzraum zurück. Sennscheider drückte den Rest seiner selbstgedrehten Zigarette mit bebender Hand in einem Flaschendeckel aus und fragte, was Schnürer meine. Er sehe da noch nicht besonders viel, sagte Schnürer, und das, was er sehe, erfülle ihn nicht unbedingt mit großen Hoffnungen. So könne man das wohl sagen, sagte Sennscheider und blieb sitzen, als sich Schnürer nach einigen Minuten eines einverständlichen Schweigens verabschiedete und ging.

 

 

 

28

 

Es werde besser sein, sagte Neitzl am Telephon, wenn Schnürer an der Konferenz diesmal teilnehme, denn es gehe um „Grundsätzliches“, und es sei „die Kacke am Dampfen“. Schnürer verspürte wenig Lust, weil sein Zimmer von strahlendem Sonnenschein durchflutet war und er kurz vor Neitzls Anruf beschlossen hatte, einen langen, entspannenden Spaziergang zu unternehmen.

Seit der „internen Präsentation“ der Nullnummer war eine Woche vergangen, in der er kaum an CULT gedacht hatte. Es war nun beinahe Mitte April, und der Termin für das „Erscheinen“ der ersten Probeausgabe (die nicht richtig gedruckt, sondern in einer Auflage von etwa zwanzig Exemplaren auf einem Farbkopierer hergestellt werden sollte) rückte näher. Schnürer wußte, daß in der Redaktion von den frühen Morgenstunden bis spät in die Nacht gearbeitet wurde und daß seine instinktive Weigerung, sich mit dem Stadtmagazin zu befassen, von einem Trotz herrührte, der sich mangels Gegenüber weder entladen noch auflösen konnte, und deshalb beschloß er, auf den Spaziergang zu verzichten.

Die Atmosphäre in dem Konferenzzimmer war so stickig und angespannt, daß eine gewittrige Entladung mit Blitz und Donner auch in meteorologischem Sinne vorstellbar erschien. Wegerich stürmte als letzter an den Tisch, versuchte, als sein Stuhl das Hervorziehen unter dem Tisch mit einem furzenden Geräusch begleitete, ein hektisches und betont lockeres Kichern, auf das jedoch niemand reagierte, und sagte dann, es sei fünf vor zwölf und könne so nicht weitergehen. Als auch darauf niemand antwortete und sich die Redakteure nur untereinander Blicke zuwarfen, fuhr er nach einer Pause fort, er sehe sich gezwungen, die „Zügel“ nunmehr „etwas fester anzuziehen“. Das Konzept, auf dem CULT beruhe, müsse, das sei allen Beteiligten (es blieb in einer seltsamen Schwebe, wen er damit meinte) klar, marktfähig umgesetzt werden. Er sehe in dieser Hinsicht von seiten der Redaktion bislang nicht nur keinerlei Bemühung, sondern geradezu einen Widerstand, der offensichtlich darauf abziele, die ganze Sache „in den Graben zu reiten“. Vennemann sagte, er wisse nicht, wurde jedoch von Wegerich sofort unterbrochen: Obwohl er mehrmals und eindringlich darauf hingewiesen habe, daß ein Kulturmagazin in erster Linie das kulturelle Geschehen wiederzugeben und anregend zu begleiten habe, sei nicht die geringste Bereitschaft hierzu da und nicht der geringste Ansatz zur Umsetzung des gemeinsam erarbeiteten Konzepts zu erkennen. Ganz speziell seien „Clubkultur, Partyszene, People und Events“ derart wichtig, daß er mit Verwunderung und völligem Unverständnis registriere, daß die Redaktion diesem zentralen Bereich mit kompletter Ignoranz begegne. Er könne sich Geduld nicht mehr leisten. Der ausgewiesene Fachmann Spetz habe ihn darauf aufmerksam gemacht, daß in den bisherigen Heftplanungen zum Beispiel der „Magazinteil“, das „Schaufenster des Heftes“, noch gar nicht „angelegt“ sei, ohne den, das hätten „Nachforschungen und Erhebungen“ längst eindeutig belegt, ein Heft grundsätzlich nicht marktfähig sein könne. Das, forderte Wegerich, sei absolut „vordringlich“ und sofort umzusetzen.

Eine Weile herrschte Schweigen, dann fragte Vennemann in hörbar verblüfftem, verwirrtem und neugierigem Tonfall, was man sich unter einem solchen „Schaufenster“ denn vorzustellen habe. Soweit er wisse, sei davon bislang überhaupt nie die Rede gewesen. Er habe, sagte Wegerich, manchmal das Gefühl, es hier mit „Neulingen“ und „Amateuren“ zu tun zu haben, und könne nur noch einmal betonen, wie verwundert er sei. Man habe doch wohl ausführlich genug über moderne Themen diskutiert, um diese angemessen, im Einzelfall auch titeltauglich, repräsentieren zu können. Schnürer sagte, es gehe also offenbar darum, einzelne Geschichten aus den „Ressorts“ herauszureißen, insbesondere „Bestseller, Blockbuster und Megastars“, und daraus ein buntes Panorama zu gestalten. Er sei nicht erfreut über Schnürers negative und ironische Ausdrucksweise, sagte Wegerich, diese zeige aber immerhin, daß er wisse, was los sei. Soweit er sich erinnern könne, sagte Schnürer, sei man sich einig gewesen, daß das von Vennemann redaktionell betreute „Urbane Leben“ das zentrale Ressort und zugleich den einleitenden Hauptteil des Heftes bilden solle, auch um als Vorbild für Einzelausgaben in anderen Städten zu dienen. Das sei Blödsinn, sagte Wegerich. Niemand habe je geplant, Geschichten über „Stadtratssitzungen und Freibiereröffnungen“ zum „Dreh- und Angelpunkt“ eines Kulturmagazins zu machen, weil jeder Mensch wisse, daß man mit solchem Zeug keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken könne.

Von Geschichten dieser Art, sagte Schnürer, sei tatsächlich nie die Rede gewesen. Wenn er sich recht erinnere, sei die lange Liste mit geplanten Themen und Geschichten Wegerich durchaus bekannt. Die Graphikerin Hollerich stöhnte laut. Wenn ihr schlecht sei, sagte Schnürer, solle sie das doch bitte draußen erledigen. Es entstand ein empörtes Durcheinander. Schließlich sagte Schnürer, es tue ihm leid, wenn ihm der Kragen geplatzt sei, aber er frage sich, wozu man wochen- und monatelang an einem vernünftigen Heft gearbeitet habe, wenn die Resultate der Arbeit nun plötzlich niemanden mehr interessierten. Wenn Wegerich vorhabe, CULT zu einer schrillen Konsum- und Klatschgazette für „Yuppies und Partygesocks“ umzugestalten, sei er damit auch kommerziell auf dem Holzweg, was man im übrigen so oft besprochen habe, daß sich eine derartige Diskussion von vornherein erübrige. Das sehe er anders, bellte Wegerich angriffslustig. Was denn nun überhaupt los sei, fragte Vennemann. Wenn das gewünscht sei, könne man ja die ganzen bestellten Geschichten auch wieder abbestellen, seufzte Neitzl, er wolle aber bitteschön möglichst bald erfahren, was denn jetzt eigentlich in dem Heft drinstehen solle. Das sei doch wohl eindeutig klar, zischte der Graphiker Klamm, und seine Kollegin Hollerich schrie, sie könne von diesem „herunterziehenden Zeug“ nichts mehr hören. Es gebe so viele „super Sachen“ in der Stadt, zum Beispiel kenne sie jemanden, der aus Hamburg hergezogen sei und hier jetzt „ganz groß was auf die Beine“ stelle, das sei doch zum Beispiel „ein Superthema“, ebenso wie zum Beispiel „die besten Eisdielen“ und eine von ihr schon oft vorgeschlagene Geschichte über junge Filmemacher und Firmengründer und andere Menschen, die „Visionen“ hätten und nicht nur „alles Scheiße“ fänden.

Schnürer lächelte aggressiv mitleidig, äußerte aber nichts. Es gehe, sagte Wegerich, „natürlich“ um „solche Sachen“. Er sehe sich gezwungen, darauf zu bestehen, daß „bis morgen etwas auf dem Tisch“ liege, weil er sonst „Konsequenzen ziehen“ müsse. Mit ihm, sagte Schnürer mehr zu sich selbst als zu jemand anderem, sei so etwas nicht zu machen. Neitzl seufzte resigniert, sagte, er habe zuviel zu tun, um hier stundenlang wolkige Gespräche zu führen, und verließ den Raum. Sennscheider, der bis dahin geschwiegen hatte, fragte mit leiser, angestrengter Stimme, ob eine Liste mit den von der Graphik gewünschten Themen bis zur morgigen Sitzung vorliegen werde. Plötzlich trat Michalski in den Raum, wurde von einer Welle aus feindseligem Schweigen empfangen, rief „Aha!“ und ging wieder hinaus. Da niemand mehr etwas zu sagen wußte, war die Sitzung beendet.

 

 

 

29

 

Schnürer verbrachte den Nachmittag damit, befeuert von Zorn und triumphalem Zynismus ein neues „Manifest“ zu verfassen:

„Im Zuge der fortschreitenden Orientierung des kulturellen Lebens auf quasi industriell organisierte Veranstaltungen (Events) und Produkte (Platten, Filme) haben sich auch die auf diesem Bereich tätigen Medien verändert. Da es unter anderem nicht mehr darum gehen soll, zu entschlüsseln, welchen Gehalt an Sinn eine Veranstaltung oder ein Produkt enthält und vermittelt (Kritik), sondern zum Besuch einer Veranstaltung bzw. zum Kauf eines Produkts anzuregen oder die breite Palette diesbezüglicher Unterhaltungsmöglichkeiten ansprechend zu präsentieren (was im Grunde dasselbe ist, aber ausrichtungstechnische Unterschiede nach sich zieht), hat sich der Schwerpunkt der Berichterstattung von der nachträglichen Diskussion auf die Ankündigung verlagert. Zwar sind in einigen Medien einige der alten Formen (etwa die Rezension oder das Gespräch mit dem Hersteller oder einem an der Herstellung Beteiligten) erhalten geblieben, aber auch hier hat sich in den meisten Fällen die Einsatzweise verändert (das Interview als Teil der Konsumempfehlung).

Breiteren Raum als in der Vergangenheit nehmen daher Veranstaltungskalender, Ankündigungen von Neuerscheinungen und Programmhinweise aller Art ein, die von kurzen, auf den spezifischen Charakter von Wortwitzen, ironischen ‚Statistiken o. ä. reduzierten Beiträgen zu denselben Themen flankiert werden. Da journalistische Techniken, Regeln und Formen hierbei keine Rolle spielen, wird auch der Begriff Journalismus nur noch in seltenen Fällen verwendet. Gängig ist die Bezeichnung ‚Content, die andeutet, was intendiert und notwendig ist: den Raum zwischen Werbeflächen und Produkthinweisen mit Texten zu füllen, die soviel Aufmerksamkeit generieren, daß der Nutzer des Mediums weiterblättert und so auch Werbung und Produkthinweise zumindest nebenbei wahrnimmt.

Diese Evolution der Medien hatte und hat Auswirkungen auch auf die zugrundeliegenden Vorgänge und deren Rezeption, die im folgenden kurz erläutert werden sollen. Im Mittelpunkt wird dabei die Frage stehen müssen, was Kultur überhaupt ist, wer in welcher Form daran teilnimmt und wodurch sie von ‚oben oder ‚außen beeinflußt wird.

Die heutige Einstellung zu und der (vor allem industrielle) Umgang mit öffentlicher Kultur in einer modernen Gesellschaft beruhen auf einem grundlegenden Irrtum. Produktbezogene Kultur besteht darin, daß über Filme, Bücher, Schallplatten, Konzerte, Aufführungen und Ausstellungen diskutiert wird, die niemand gesehen und gehört hat mit Ausnahme der hierfür beruflich zuständigen Kritiker, deren Einschätzungen und Beobachtungen Ausgangspunkt der Diskussion sind. Über die Produkte, die tatsächlich massenhaft konsumiert werden (Bestseller-Bücher, Hit-Schallplatten, Blockbuster-Filme), wird nicht nur kaum diskutiert, es besteht auch offenbar jenseits der Vorankündigung (mit Erwähnung der Wichtigkeit des Erwerbs bzw. Konsums) kein Diskussionsbedarf. Kritische Gedanken und Hintergrundberichte über den reinen inhaltlichen Sinngehalt von Erscheinungen wie Stephen King oder Phil Collins werden als esoterische Spielart der popkulturellen Postmoderne aufgefaßt und sind wohl auch so gemeint.

Festzustellen ist eine verbreitete ‚Medien-Müdigkeit (die sich in Abstinenz und geringer Aufmerksamkeit, grundsätzlicher Verachtung etc. zeigt).

Durchgesetzt hat sich daher in den letzten Jahren die Tendenz zur Trennung der unterschiedlichen Bereiche von Produkt-/Veranstaltungshinweis einerseits und flankierendem Lesestoff andererseits. Hierfür sind in vielen Zeitschriften Strecken mit Bezeichnungen wie ‚Magazin, ‚Spektrum, ‚Schaufenster etc. entstanden, deren Form und Charakter im Einzelfall Abweichungen und Sonderformen aufweisen, deren grundsätzliche Intention jedoch ähnlich ist. Schreibt man die größte Relevanz einerseits der Repräsentation der angesprochenen Zielgruppe, ihres Lebens und ihrer Träume, andererseits dem Sektor der Produkte und produktgleichen bzw. -bezogenen Veranstaltungen zu, so muß sich das in diesem ‚Magazin-Teil des Mediums unmittelbar niederschlagen. Berichte zu Vorgängen und Themen von ausschließlich gesellschaftlich-sozialer Bedeutung ohne Konsumorientierung und Relevanz für die individuelle Lebensgestaltung können dann höchstens eine marginale, flankierende und füllende Rolle spielen; dabei ist auf Kürze, Lesefreundlichkeit und ansprechende Gestaltung zu achten, da sie sonst ihre Funktion, den positiv anregenden Charakter des Mediums für das Auge und Empfinden des Lesers zu umrahmen und ihn zum Weiterblättern und Dabeibleiben zu animieren, nicht erfüllen können.

(Ein gänzlich anderer Fall liegt vor, wenn ein Medium entscheidet, Kultur als Diskussionsgegenstand und -ergebnis aufzufassen, sie und vom Produktbereich zu trennen und sich nicht als Mittler zwischen Industrie und Konsument, sondern als Forum der Diskussion unter kulturell-sozialen Subjekten zu verstehen. Dieser Fall spielt für die gegenwärtige Ausrichtung und Planung bei CULT keine Rolle.)

Ausgehend von dem Gedankengang, daß ein Kulturmagazin in erster Linie konsumiert wird, um sich zu informieren, was der Markt an Möglichkeiten kommerzieller Unterhaltung sowie hochwertiger Freizeit- und Lebensgestaltung anbietet, richtet sich der Magazin-Teil von CULT vornehmlich an die urbane Elite mit Altersschwerpunkt unter dreißig Jahren (es sei aber darauf hingewiesen, daß die Gruppe der optisch und verhaltensmäßig Unterdreißigjährigen heute einen großen Anteil Übervierzigjähriger enthält), die sich durch Karriereorientierung, ‚konformistische Individualität (die Neigung, sich als Individualist zu definieren, indem man dieselben Produkte konsumiert und dieselben Trendverhaltensweisen ausübt wie alle anderen ‚Individualisten) und hohe Konsumfreudigkeit auszeichnet.

Der Magazin-Teil sollte daher vor allem Artikel enthalten, die

1. verhaltens- und konsumbezogene urbane Trends (Nightlife, Essen, Mode, Lifestyle-Produkte, Trend- und Fun-Sport, Statussymbole etc.) aufgreifen und kommentieren;

2. signifikante Einzelfälle herausheben, die in gewisser Weise stellvertretend für Erfolgserlebnisse oder (wichtiger!) unerfüllte und unerfüllbare Erfolgsträume stehen, die für die Zielgruppe typisch sind (junge Unternehmer, Schauspieler, Models etc.);

3. in ihrer graphisch-optischen Gestaltung und in dem verwendeten Bildmaterial ein Lebensgefühl zum Ausdruck bringen, das von Dynamik, Ereignisreichtum und Zukunftsfähigkeit geprägt ist;

4. Problem- und Konfliktbereiche ausschließlich anhand geglückter und zukunftsweisender individueller Lösungsversuche darstellen;

5. individuelle, kuriose Erscheinungen aufgreifen, die keine weitere ‚Bedeutung haben, sondern für sich stehen und Spaß am Lesen, Schauen und Blättern machen;

6. Kultur und ihre Träger aus Blickwinkeln zeigen, die Anregungen zur eigenen urbanen Lebensgestaltung geben können.“

 

 

 

30

 

Er, sagte Neitzl, als er Schnürer kurz darauf anrief, verstehe sehr wohl, worauf er hinauswolle und sei „vollumfänglich“ auf seiner Seite, doch werde man einerseits mit Polemik nicht weiterkommen, und andererseits sei nicht zu erwarten, daß irgend jemand mit diesem Papier etwas anfangen könne; allerhöchstens werde es zu noch einer „Vergatterung“ durch Wegerich kommen, die den Betrieb aufhalte und auf die er nicht die geringste Lust habe, weil er fertigwerden und nach Hause wolle. Ob es nicht „um Gottes Willen“ möglich sei, etwas zu schreiben, was er „denen verkaufen“ könne.

Schnürer schickte ein falsch dosiertes, bitteres Lachen in den Hörer und formulierte einen weiteren Text, in dem er zunächst von der „in der letzten Woche beschlossenen inneren und inhaltlichen Umstrukturierung des Heftes“ sprach, die „grundlegende praktische Änderungen“ notwendig mache, und dann für jedes einzelne Ressort Vorschläge auflistete, die alle auf das gleiche hinausliefen: Es müßten sämtliche angebotenen „Themen“ vor der Vergabe von Aufträgen unter Absprache mit Graphikern und Bildredaktion auf „Titeltauglichkeit“ getestet, die „größeren“ sodann in das „Schaufenster“ verschoben und die eigentlichen Ressortseiten mit „Listings“ und möglichst kurzen Aufforderungen zum Konsum von Produkten und Veranstaltungen gefüllt werden. Für Texte dieser Art sei eine Zusammenarbeit mit freien Autoren nicht nötig, sie könnten vielmehr aus „Presseinfos“ und Ankündigungen der entsprechenden Hersteller und Veranstalter von der Redaktion selbst „erstellt“ werden. Die vielen geplanten Kolumnen und Meinungsartikel könne man im Sinne des „Servicegedankens“ „eindampfen“ oder gleich ganz weglassen, auf längere „Lesegeschichten“, gar zu „unaktuellen“ Themen, solle man im Zuge desselben Gedankens verzichten, und im übrigen sei darauf zu achten, daß bei jeder Art von Text die Möglichkeit einer Verknüpfung mit Verlosungen, Präsentationen etc. berücksichtigt werde.

„All diese Überlegungen und Vorgaben“, schrieb Schnürer abschließend, „beziehen sich zunächst auf die Erstellung der Nullnummer. Ihre Umsetzbarkeit und die Notwendigkeit weiterer konzeptioneller Schritte in die nunmehr eingeschlagene (oder eine andere) Richtung muß anhand des ‚experimentellen Ergebnisses geprüft und diskutiert werden.“

Nachdem er den Text per E-Mail an Neitzl geschickt hatte, sah er lange aus dem Fenster, bis sein Blick nichts mehr erfaßte, riß sich dann gewaltsam aus der Meditation heraus, betrachtete seinen Bildschirm und stellte plötzlich fest, daß seine Arbeit für CULT (oder was er dafür gehalten hatte) im wesentlichen erledigt und zu Ende war. Er spürte, wie ihn dieser Gedanke mit einem überraschten Aufwallen maßloser Enttäuschung erfüllte, fühlte aber zugleich eine noch etwas unsichere Vorfreude auf die vielen Möglichkeiten, die ihm dieser Abschied eröffnete und die, was sie noch schöner machte, vorläufig winzigen, zarten Keimlingen ähnelten, deren Form und Farbe nicht erraten lassen, ob sie zu Blumen, Bäumen, Gestrüpp oder kleinblättrigem Kraut heranwachsen werden.

Obwohl ihn Neitzl (diesmal ganz sachlich und ohne ironischen Unterton) darum bat, nahm er an der Konferenz, in der sein neues „Manifest“ vorgestellt werden sollte, nicht teil. Das lag weniger an dem Gefühl, seine Arbeit sei getan, als daran, daß er CULT mehr und mehr als eine Art Tragikomödie betrachtete und als solche zu spannend fand, um selbst an der Handlung mitzuwirken. Ohne dies bewußt beschlossen zu haben, begab er sich in die Position eines Zuschauers, der die Gunst seines Applaudierens nicht als selbstverständliche Geste betrachtet.

Vennemann hielt ihn per Telephon und E-Mail auf dem laufenden: Es gebe inzwischen einen noch recht wackeligen, aber einigermaßen „tragfähigen“ Seitenplan, gerechnet werde mit einem Anzeigenanteil von etwa fünfzehn Prozent, was um die zwanzig Seiten ausmache. Es erschien Schnürer etwas paradox, daß er aus seiner augenblicklichen Position heraus Briefe und E-Mails an diverse Autoren schrieb und sie um Mitarbeit an den von ihm konzipierten Kolumnenserien „Außenansicht“ und „5.000 Zeichen“ bat, auch weil er nicht mehr davon überzeugt war, daß es diese Kolumnen je geben würde. Daß er einige Zusagen und bereits nach wenigen Tagen sogar erste Texte erhielt, machte ihn wieder etwas zuversichtlicher. Er redigierte und kürzte die Texte und schickte jeweils einen davon an Neitzl weiter, der nur mit knappem, förmlichem Dank antwortete. Schnürer wußte nicht zu sagen, ob Neitzl zuviel zu tun hatte oder durch seinen Rückzug aus dem Tagesgeschäft gekränkt war, brachte aber auch nicht die Kraft auf, ihn anzurufen.

Neitzl rief dann selbst an, teilte mit, es „stehe soweit alles“, wirkte dabei abwechselnd gekränkt und überarbeitet und bat Schnürer aber am Ende, ihn bei der Pressekonferenz zu vertreten, die am folgenden Tag in den Räumen der Werbeagentur stattfinden sollte. Er habe „weder Zeit noch Lust auf diesen Unfug“. Schnürer solle „denen“ seinetwegen erzählen, er sei krank „oder irgendwas“, und weil Schnürer Neitzls Haltung gefiel und er sich ihm freundschaftlich verpflichtet fühlte, sagte er zu.

 

31

 

Die Agentur war eine derartige architektonische Absurdität, daß Schnürer, als er sie gefunden hatte, zwischen sprachloser Verblüffung und spontanem Lachen schwankte (und beides unterließ). Er hatte eine unscheinbare Hofeinfahrt zwischen zwei gesichtslosen Blockbauten (vermutlich aus den sechziger Jahren) passiert, war im Hinterhof zunächst ratlos vor einer Glasfront gestanden, die keine Tür zu haben schien, war über einen möglicherweise „raffiniert“ gemeinten Seitenschlitz zwischen den Glasscheiben doch hineingelangt und hatte sich in einer komplett überdimensionierten Empfangshalle mit auf Hochglanz poliertem Steinboden und einem gewaltigen Tresen aus demselben dunklen Mineral wiedergefunden, in der sich außer ihm niemand aufhielt. Hinter dem Tresen strahlte ein Emblem aus Gold- und Bunttönen. Schnürer hörte Stimmen, folgte ihnen und gelangte durch einen Gang, dessen schmale, düstere Enge und schmucklos grauweiße Wände einen krassen Gegensatz zum lächerlichen Prunk der Empfangshalle bildeten, in eine grell erleuchtete Kammer ohne Fenster, in der außer einer Kaffeemaschine zwei junge Frauen standen, die sich unterhalten hatten und bei seinem Eintreten erschrocken verstummten. Er wolle zu der Pressekonferenz, sagte Schnürer und korrigierte das „will“ in Gedanken zu „muß“.

Eine der beiden Damen ging ihm voraus, den Gang entlang um drei oder vier Ecken, und führte ihn in einen Raum, der einem Schulklassenzimmer ähnelte. Auf einem Podest am Türende standen ein langer Tisch und ein Overheadprojektor, dahinter hing eine Leinwand. Die gegenüberliegende Wand bestand vollständig aus Glas, nur unterbrochen von Eisenträgern, und gestattete einen Blick in einen monoton bepflanzten Innenhof, der an ein Gefängnis erinnerte und von dem Schnürer nicht zu sagen wußte, wo er, wenn man auf der Straße vor dem Haus stand, zu suchen wäre.

Von den etwa hundert Stühlen waren nur wenige besetzt. Am Tisch saßen Wegerich, Klamm, Michalski und (wie Schnürer vermutete) einer der Inhaber oder Leiter oder „kreativen Köpfe“ der Werbeagentur, ein grotesk dunkelbraungebrannter Anzugträger mit geschorenem Kopf, dessen herrische Agilität an den Guru Spetz erinnerte. Sein Gesicht trug ein strahlendes, optimistisches Lächeln zur Schau. Wegerich blätterte in Unterlagen, Klamm sah sich ausdruckslos um, indem er seinen Kopf knappe Bewegungen nach links, rechts und zurück zur Mitte durchführen ließ wie ein mechanischer Automat; Michalski vervollständigte den schulischen Eindruck der Szenerie, indem er dasaß und blickte wie ein übermäßig vorbereiteter, nervöser Schüler bei einer mündlichen Prüfung. Ein Streber, dachte Schnürer, setzte sich ans Glaswandende des Tischs und ließ zwischen Michalski und sich einen Stuhl frei.

Wegerich beugte sich in seine Richtung, fragte, wo Neitzl sei, und erfuhr, dieser sei krank. Als die über der Tür hängende Uhr auf zehn nach zehn gesprungen war, wurde die Tür geschlossen, und der Mann von der Agentur verstärkte sein Lächeln noch um ein paar Grade, erhob sich dann und sagte, er begrüße die Anwesenden und freue sich über deren Interesse. Schnürer suchte nach bekannten Gesichtern, fand jedoch unter den fünf oder sechs Berichterstattern in den vorderen Reihen niemanden, der ihn auch nur an jemanden erinnert hatte. Die mittleren Reihen der Zuhörerplätze waren vollständig freigeblieben, nur ganz hinten saßen noch drei Leute, die er ebenfalls nicht kannte, von denen er aber vermutete, es handle sich um Mitarbeiter eines oder mehrerer anderer Magazine, worauf die belustigte Erwartung in ihren Gesichtern hinzudeuten schien.

Wegerich hing einen halben Meter weit über dem Tisch, was ihn wie vor Erschöpfung zusammengesunken wirken ließ, sagte, auch er freue sich, und stellte Michalski (der sich ruckartig verbeugte), Klamm (der nicht reagierte) und Schnürer (der „die Redaktion vertrete“) vor. Der Mann von der Agentur schaltete den Projektor ein, und auf der Leinwand erschien der CULT-Schriftzug mit der Parole „CULT – Du bist dabei“, der einige Sekunden lang stehenblieb und von jedermann im Raum stumm betrachtet wurde. Dann drehte sich der Mann von der Agentur wieder nach vorne und sagte, er sehe es als große und lohnende Herausforderung an, mit einer anspruchsvollen Kampagne den Roll-out eines „Magazins völlig neuen Typs“ zu begleiten, das sich „auf die Fahnen geschrieben“ habe, die Stadt von einer Seite zu zeigen und „erlebbar zu machen“, die man noch nicht kenne. Ihm und seinen kreativen Mitarbeitern sei es darum gegangen, die besonderen Qualitäten von CULT in einen Claim zu „destillieren“, der diese Qualitäten widerspiegle und zugleich „Lust am Lesen und Leben“ mache.

Schnürer fühlte sich erröten, wandte sich zu der Glaswand und betrachtete das Quadrat aus unscheinbarem Einheitsgestrüpp, das an den vier Wänden, die den Hof umschlossen, entlanglief. Er, sagte der Mann, der seinen Namen nicht nannte, übergebe das Wort nun an den Herausgeber Wegerich, den er als „Mann mit Visionen“ schätzen gelernt habe und der sich sodann auf Fragen zu seinem Projekt freue. Wegerich schien einen Moment nachzudenken, holte dann Luft und sagte: „Kultur erleben! Die Stadt erleben!“ Dies sei der „griffige Slogan“, der „auf den Punkt bringe“, was er und Michalski und eine Gruppe „kreativer Geister“ als „publizistische Lücke erkannt und umgesetzt“ hätten. CULT sei … Schnürer dachte an ein Durcheinander von Dingen, die kurz durch seinen Kopf trudelten und nichts miteinander zu tun hatten, und hörte erst wieder hin, als um Fragen gebeten wurde.

Was das neue Magazin von den anderen Kultur- und Stadtmagazinen unterscheide, wollte jemand erfahren, und Wegerich antwortete ohne Zögern und ohne seine Antwort näher zu erläutern: alles. Ob er für das neue Magazin auf dem „überlaufenen Sektor“ überhaupt einen Platz sehe? Wegerich sagte: „Ohne jeden Zweifel.“ Weitere Fragen wurden nicht gestellt, und so kündigte er an, es werde im Anschluß noch Gelegenheit zu Einzelgesprächen geben, und wandte sich wieder dem Mann von der Werbeagentur zu, der nun mit dem Projektor eine Folge von Anzeigen- und Plakatentwürfen zeigte, auf denen außer dem Claim nicht viel zu erkennen war. Es handle sich, sagte er dazu, vorläufig noch um Entwürfe, man habe sich jedoch entschlossen, den innovativen Weg zu gehen und diese Entwürfe bereits im vorliegenden Stadium zu präsentieren, weil auch ein Kulturmagazin, ebenso wie die Kultur als solche, immer und notwendigerweise „im Fluß“ und nie in irgendeiner Weise „fertiggestellt“ sei. Nach dem fünften Entwurf, der seinen Worten zufolge einen einsam am blauen Himmel schwebenden Fallschirmspringer zeigte, der durch den „Kontrast“ die Botschaft „CULT – Du bist dabei“ verstärke und verdeutliche, erlahmte das Interesse. Der Mann von der Werbeagentur sagte, dies sei im Grunde ein „Urknall“, aus dem ein ganzes Universum entstehen werde, und verwies auf die von Wegerich bereits angekündigte Gelegenheit zu Einzelgesprächen.

Schnürer stand auf und ging zu der einzigen Tür in der Glaswand. Ein junger Mann, an dessen Schulter ein Tonbandgerät mit einem Tragriemen hing, hielt ihm ein Mikrophon vors Gesicht und fragte, worin er die besondere Kompetenz der CULT-Redaktion sehe. Schnürer sagte irgend etwas, bemerkte dann, daß er dabei war, in einen Monolog hineinzugleiten, in dem er sich über die Sinnlosigkeit eines „Ankündigungsjournalismus“, dessen reklameartiges Wesen und die Unvereinbarkeit derartiger Ansätze mit einem guten Kulturmagazin auslassen würde, und beendete das Gespräch mit einem Lächeln, weil er ahnte, daß sich das, was er da als Konzept und Anspruch des neuen Magazins beschrieb, in dem Magazin in keiner Weise wiederfinden würde, und weil er fürchtete, sich von der lachhaften Szenerie und dem Unsinn, den Wegerich und der Mann von der Werbeagentur geplappert hatten, zu einem allzu heftigen Sarkasmus animieren zu lassen. Er dankte dem Reporter, der sich nachträglich als Praktikant bei einem Privatradiosender vorstellte, bat ihn um kritische Berichterstattung, erntete ein fragendes Lächeln und fuhr nach Hause.

 

 

 

32

 

Als er am nächsten Tag den Kurzbericht des Praktikanten im Radio gehört hatte, wünschte er sich spontan, er hätte völlig andere Dinge gesagt, obwohl er wußte, daß das nichts geholfen hätte, denn die kurzen Zitate, die in den Beitrag eingeschnitten waren, sagten, aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen, gar nichts, und aus jeder anderen Äußerung von ihm hätte man mühelos ebenso sinnlose oder verfälschende Zitate herausschneiden können. Er fand sich damit ab; der Bericht war verklungen, und daß ihn überhaupt jemand – und gar mit Interesse – gehört hatte, war zweifelhaft.

Neitzl sagte am Telephon, Wegerich fühle sich von Schnürer im Stich gelassen, und er persönlich fände es besser, wenn er wenigstens ab und zu vorbeischaute und an den „fürchterlichen“ Sitzungen teilnähme. Es war nicht Neitzls Schuld, daß Schnürer darauf übermäßig gereizt reagierte. Am Abend zuvor war er mit seiner Frau verabredet gewesen, hatte sich, als sie in dem Lokal um die Ecke von seiner Wohnung am Tisch erschienen war, wo er bereits saß, um ein belanglos freundliches Gespräch bemüht und war von ihr mit der Forderung, er solle endlich seine übrigen Sachen aus dem ehemals gemeinsamen Haus schaffen, regelrecht überfallen worden. Seine aufgesetzte Souveränität war von ihrer aggressiven Bestimmtheit ausgehöhlt und weggeschwemmt worden wie eine Sandburg von der Flut; sie hatte ihn kaum einen Satz zu Ende bringen lassen, seine Bitte um Verständnis (die Untermieter, die enge Wohnung, in der jetzt schon kein Platz mehr war, usw.) ignoriert, war nach wenigen Minuten und ohne ihr Getränk auch nur anzurühren wieder aufgestanden und grußlos gegangen. Bebend vor Zorn und Verzweiflung war Schnürer am Tisch sitzengeblieben, in einem Anflug von Peinlichkeit versucht gewesen, nach seinem auch ihr Glas leerzutrinken, hatte es dann doch nicht getan und diese Unterlassung absurderweise wie einen kleinen Sieg empfunden.

 

 

 

33

 

Es sei zum Kotzen, sagte Neitzl. Von dem ursprünglichen Konzept sei man inzwischen kilometerweit entfernt, es gebe keine Anzeigenkunden, die Honorare für Autoren seien immer noch nicht festgelegt, das Budget für Texte werde aber täglich kleiner, ständig schwirrten irgendwelche „Photographenyuppies“ durch die Gänge, ohne daß irgend jemand von den Redakteuren wisse, um was es gehe, Wegerich knurre jeden an, den er treffe, und die Graphikerin Hollerich habe am Tag zuvor einen hysterischen Anfall erlitten, sei vom Stuhl gefallen, habe minutenlang gekreischt und sei schließlich von Klamm hinausgeführt worden. Er, sagte Schnürer, habe mit diesem Circus jedoch nichts zu tun. Er werde die verabredeten Buchbesprechungen und Konzertankündigungen für das Probeheft so schnell wie möglich liefern, ansonsten habe er anderes zu erledigen. Er solle sich aber doch schon mal Gedanken über die Themenauswahl für die ersten Hefte machen, sagte Neitzl fordernd, schließlich sei das „sein Bereich“, zumindest was Musik und Literatur angehe. Da irre er sich, sagte Schnürer, ihn gehe das nichts an.

Eine Viertelstunde nachdem er aufgelegt hatte, stand Neitzl vor der Tür. Man müsse miteinander reden, sagte er zu Schnürer, der ihn nicht hereinbat, sondern sagte, er habe keine Zeit. So gehe das nicht weiter, sagte Neitzl wütend, er könne sich nicht einfach aus allem heraushalten und die anderen sitzenlassen. Das müsse er aber, sagte Schnürer, es gehe nicht anders, er habe alles mögliche zu tun und zu bewältigen und im Kopf (er erwähnte seine namenlose Frau, ohne von ihr zu sprechen – eine heimliche Prüfung für Neitzl, die dieser nicht bestand, was in Schnürers hektische Verzweiflung einen Schuß Zorn hineinrührte) und seinen Teil zu CULT mit dem neuen „Yuppiekonzept“ erschöpfend beigetragen. Wenn ihn dieses neue Konzept so anwidere, sagte Neitzl, verstehe er nicht, wieso er es dann überhaupt geschrieben und sich nicht vielmehr gegen Wegerichs „Terror“ gewehrt habe.

Es habe keinen Zweck, um etwas zu kämpfen, was verloren sei, sagte Schnürer. Es werde eben ein Magazin geben, das derselbe Mist sei wie alle anderen derartigen Machwerke und deswegen genauso scheitern werde. Vielleicht werde Wegerich das eines Tages einsehen, vielleicht auch nicht, ihm sei das im Grunde egal, er habe sich um anderes zu kümmern. Redakteur sei er nicht mehr und könne er mit dem neuen Konzept auch nicht mehr sein, und seine „Textchen“ werde er gerne weiterhin liefern, solange sie gewünscht seien. Neitzl seufzte und sagte, er verstehe Schnürer ja (womit er sich irrte), aber der müsse seine und Vennemanns und Sennscheiders Lage auch sehen. Das tue er, sagte Schnürer versöhnlich und versprach Neitzl, ihn zu unterstützen, wenn er könne. Sie betrachteten eine Weile ihre Gesichter, die langsam weicher und vertrauter wurden, dann seufzte Neitzl. Schnürer seufzte ebenfalls, vollführte eine kleine, nur noch ein bißchen zu groß geratene Handbewegung und gab seinen Widerstand gegen das nur noch ein bißchen zu klein geratene Lächeln auf.

Als Neitzl gegangen war, erhielt Schnürer einen Anruf von Wegerich, der mit keinem Wort auf seinen „Rückzug“, sein neues Konzeptpapier und seine Abwesenheit einging, im Gegenteil sehr freundlich klang und fragte, ob man sich abends „zusammensetzen“ wolle, um nun doch endlich über Geld, aber auch über „allgemeine Dinge“ zu reden. Es wäre ihm, sagte er, lieber, wenn dieses Treffen nicht in den Redaktionsräumen stattfände, auch weil er irgendwann etwas essen müsse.

34

 

Schnürer, der selbst nur ein Bier bestellt hatte, sah zu, wie Wegerich einen Teller Nudeln in sich hineinschaufelte und mit vollem Mund nach dem Kellner winkte, um neuen Wein zu bestellen. Er hoffe, sagte Wegerich, als der Teller leer und abgeräumt war, auch weiterhin auf Schnürers Mitarbeit und Unterstützung. Schnürer lehnte sich zurück, faßte mit der Hand nach seinem Glas, ließ es jedoch stehen und sagte, als Redakteur stehe er für das neue Konzept auf keinen Fall zur Verfügung. Er erwartete, daß Wegerich ihm nun erklären würde, es gebe gar kein neues Konzept, es laufe vielmehr alles wie geplant, aber Wegerich nickte nur und fragte, welche Geldsumme er sich für seine bisherige Mitarbeit vorstelle. Schnürer sagte, er habe davon keine genaue Vorstellung und wolle sich gerne an einem Vorschlag orientieren. Fünfundzwanzigtausend Mark, sagte Wegerich fragend, ob das ein „Eckpunkt“ wäre.

Schnürer tat so, als überlegte er, nickte dann kaum merklich und sagte, es sei auf jeden Fall ein Angebot. Er, sagte Wegerich, könne sich, obwohl die finanziellen Mittel äußerst knapp seien, vorstellen, das Angebot noch zu erhöhen, wenn Schnürer sich eine weitere Mitarbeit vorstellen könne. Als Autor, sagte Schnürer, sei er ja sowieso weiterhin dabei, und wenn Wegerich tatsächlich etwas daran liege, seine Meinung zu hören, dann könne er diese schon ab und zu äußern. Wegerich sagte, ihm liege sehr viel an Schnürers Meinung, schließlich gehe es um ein gemeinsames Projekt. Das könne man so nicht mehr behaupten, sagte Schnürer, das ursprüngliche Projekt sei in wesentlichen Punkten ein ganz anderes gewesen; im verschatteten Bereich seines Hinterkopfes erwachte gähnend die Frage, ob das ganze Beharren auf dieser und jener Sichtweise nicht insgesamt ein Irrtum sei: Möglicherweise, flüsterte sie, sei es den beiden verschiedenen Menschen an diesem Tisch von Anfang an um zwei verschiedene Projekte und Zeitschriften gegangen. Die Frage, ob es unter den von Wegerich gleich zu Beginn vorgegebenen Bedingungen überhaupt je möglich gewesen wäre, Schnürers Idee weiter als in eine beschauliche Sackgasse hinein zu denken, wollte vorläufig noch ein bißchen weiterdösen.

Wegerich schlug vor, Schnürer während der Markteinführungsphase, deren Dauer er auf drei bis sechs Monate schätze, monatlich viertausend Mark zu bezahlen (was, wie Schnürer ohne Nachrechnen wußte, ein vielfaches des selbst im besten Fall zu erwartenden Texthonorars wäre). Damit, sagte Wegerich, wolle er einerseits das Honorar für die von Schnürer geleistete Vorarbeit gewissermaßen nachträglich erweitern (da im Moment eben nicht genug Geld zur Verfügung stehe, um ihm ein wirklich angemessenes Angebot zu unterbreiten), andererseits hoffe er aber auch in Zukunft und für die Dauer dieser Phase auf Schnürers kritische und beratende Unterstützung, wenn es um grundsätzliche und konzeptionelle Dinge gehe. Wenn die Sache erst einmal laufe, könne man ja weitersehen.

Das geht nicht, und das weißt du, dachte Schnürer, aber es gelang ihm nicht, das, was ihm wie formlose Wolken durch den Kopf zog, verständlich zu formulieren (die Frage, ob er wissentlich getäuscht worden sei, war nun endlich auch nach Hause gekommen, jedoch sofort in tiefen Schlaf gesunken, und brabbelte im Traum wirres Zeug), und deshalb schwieg er – war es möglich, daß er sich geirrt hatte und Wegerich eigentlich die ganze Zeit auf seiner Seite war und die enervierenden Reibereien tatsächlich nur daher rührten, daß er aufgrund seiner Position und Verantwortung gezwungen war, gewisse Sachzwänge zu respektieren und sich ihren Konsequenzen so weit zu fügen, wie er es tat, um auf der anderen Seite Freiräume zu lassen für die Vorstellungen und Ideen, die Schnürer hatte und die, wenn er sich das recht überlegte, nicht von selbst entstanden, sondern von Wegerich wie von einem Katalysator zumindest teilweise erzeugt worden waren? Er war verwirrt, hatte das Gefühl, nur halb anwesend und halb ganz woanders und im Grunde nirgends zu sein, als wäre er von der Klinge der Gegenwart gerutscht und hinge nun in einem Zeitnebel herum, unfähig, zu begreifen, was passierte und was es bedeutete, und sagte endlich, mit vielen müden Fragen im Kopf und ohne eine Vorstellung zu haben, was Wegerich eigentlich wollte, er finde das Angebot sehr fair und nehme es an.

Es wäre, sagte Wegerich, „aus abrechnungstechnischen Gründen sehr günstig“, wenn Schnürer den Betrag von fünfundzwanzigtausend Mark auf drei Rechnungen verteilen könnte. Das sei kein Problem, sagte Schnürer. Als er gerade überlegte, ob er sich ein zweites Bier bestellen sollte, um möglicherweise den Rest des Abends über etwas ganz anderes zu plaudern, trank Wegerich seinen Wein in einem Zug aus und sagte, während er schon aufstand, er habe es leider ein bißchen eilig, aber man sehe sich ja in den nächsten Tagen.

 

 

 

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Schnürer sah Wegerich in den folgenden zwei Wochen nur einmal: bei der Verteilung der photokopierten und von Hand gebundenen Probehefte. Ohne wie die anderen darin zu blättern, nahm Schnürer das Heft unter den Arm, schlug es dann doch kurz auf, studierte das Impressum und bat Neitzl, darauf zu achten, seinen Namen zukünftig nicht mehr unter „Redaktion“ aufzuführen. Dann ging er in Wegerichs Büro, wo dieser mit einer Frau sprach, die Schnürer nicht kannte. Ob er kurz stören dürfe, fragte Schnürer, und reichte Wegerich drei Rechnungen über zweimal zehn- und einmal fünftausend Mark, die er mit der Betreffzeile „CULT Projektphase 1“ bis „CULT Projektphase 3“ versehen hatte. Wegerich warf einen kurzen Blick auf die Rechnungen, gab sie Schnürer dann zurück und bat ihn, sie noch einmal zu schreiben und nicht an seine Privatanschrift, sondern an die neue Firma „CULT Print GmbH“ zu richten.

Schnürer tat dies und schickte die Rechnungen diesmal in einem Couvert mit der Post.

 

 

 

36

 

Es mußte ja auch einen Alltag geben. Der bestand für Schnürer aus den episodischen Stunden, die er an seinem Schreibtisch damit verbrachte, die üblichen kurzen Ankündigungstexte zu verfassen, deren Zahl sich dadurch erhöht hatte, daß er sie nun nicht mehr nur für Wegerichs EVENT-Magazin lieferte, sondern (mit kleinen, unscheinbaren kosmetischen Operationen) auch für CULT. Erstaunt stellte er zwischendurch fest, daß es einem widerspenstigen Flämmchen von Idealismus gelungen war, in dem Schutthaufen aus Überdruß, Vergeblichkeit und Entkräftung, der in seinem Inneren das von CULT geschaffene und bewohnte Ambiente bildete, weiterzuglimmen und bisweilen aufzuflackern, wenn er zum Beispiel mit jungen Autoren zu kommunizieren hatte, die ihm, da sie, meist von Neitzl, an ihn als „zuständig“ verwiesen worden waren, am Telephon und per E-Mail „Themen“ anboten – womit sie Geschichten in einem sozusagen vorembryonalen Zustand meinten, die also vorläufig nur aus Namen und vagen Andeutungen von Wichtigkeit bestanden und erst dann zur Lesbarkeit kristallisieren würden, wenn Geld zumindest in hypothetischer Form materialisierte. Derartige Angebote erweckten in Schnürer einen von jenem Flämmchen gewärmten Trotz, gegen den er sich nicht zu wehren versuchte, selbst dann nicht, wenn ihm die vortragende Schreiberin oder der (meist etwas aufdringlichere) Schreiber grundsätzlich sympathisch war und wenn er sich daran erinnerte, daß er selbst, genau betrachtet, ja nichts anderes tat als sie und er und eigentlich noch weniger.

Aus der Küche drang das vormittägliche Gemurmel der Untermieter, hin und wieder gespickt mit glockenhellen Schreien und Kicherstößen, dem Rumpeln eines gewaltsam verschobenen Sitzmöbels, den erschrockenen Schmerzrufen gestoßener Töpfe und Pfannen, dem Rauschen des Wasserhahns, dem aufdringlichen Animationsgeschrei eines Radiokaspers, der zu fürchten schien, in dem von ihm selbst erzeugten schallenden Strudel von kakophonischem Reklamelärm zu ertrinken. Dann wieder läutete das Telephon, ertönten Schritte, floh sein Blick aus dem Fenster, wo er zum Beispiel einen Schmetterling fing, der orientierungslos dem ungefähren Duft vieler Efeublüten entgegentaumelte.

 

 

 

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Vennemann und Neitzl hielten ihn per E-Mail über ihren eigenen Alltag und dessen Entwicklung auf dem laufenden. Wegerich habe in einer „Themensitzung“ gefordert, erfuhr er am 16. Mai, die von Schnürer eingeführte Kolumne „Außenansicht“ müsse „positiv besetzt“ werden. Schnürer schrieb zurück, in diesem Falle könne er die Betreuung der Kolumne selbstverständlich nicht mehr länger übernehmen. An der Sitzung, teilte man ihm weiter mit, habe auch der Guru Spetz teilgenommen, der als „externer Berater“ um eine Beurteilung des Probeheftes gebeten worden sei. Er habe geäußert, CULT habe „viel zuviel Inhalt“, brauche dringend „mehr kleine, verdauliche Happen“, müsse „provokanter, überspitzter und einfach auch mal billig“ sein, um sich ab- und durchzusetzen. Außerdem habe er gefragt: „Wo sind die Produkte?“ Es müßten „geschickte Formen der Einbindung in Stories gefunden werden, weil das jeder liest“. „Mehr klauen!“ habe seine abschließende Aufforderung gelautet. Schnürer antwortete, er könne derartiges Gefasel (das die Graphikerin Hollerich begeistert begrüßt und um die Forderung nach mehr „knackigen Sachen“ ergänzt hatte) nicht einmal als Witz lustig finden und höchstens als radikale Darstellung des absoluten Gegenteils dessen ernstnehmen, was CULT der ursprünglichen Idee zufolge wolle und solle.

Daß ihm Vennemann außerdem berichtete, er sei am selben Tag nach der Sitzung mit Wegerich zur „Präsentation“ der Tageszeitungsbeilage bei Chefredakteur und Geschäftsführer des Boulevardblatts gefahren und dieser habe sich dabei höchst seltsam benommen, registrierte Schnürer nur leicht irritiert, weil er sich für dieses Nebenprojekt nicht recht interessieren mochte. Wegerich, schrieb Vennemann, habe ihm im Auto zunächst eröffnet, er denke daran, einen zusätzlichen Mann für diese Beilage einzustellen, um Neitzl und ihn (die, wie Vennemann nicht geäußert, sondern nur gedacht habe, für diese Zusatzarbeit sowieso eigentlich gar nicht zuständig waren und auch kein Geld bekamen) zu „entlasten“. An wen er dabei denke, habe Vennemann gefragt und als Antwort den Namen eines Redakteurs einer Tageszeitung genannt bekommen, den er nicht kannte. Nach einiger Zeit habe Wegerich dann hinzugefügt, die Beilage werde in Zukunft auch nicht mehr von der CULT Print GmbH produziert werden. Seinen abschließenden Satz habe er, Vennemann, ohne ihn zu verstehen und aber auch ohne nachzufragen, als Handlungsanweisung für das Gespräch mit dem Chefredakteur und dem Herausgeber verstanden: „Wir müssen denen zeigen, daß das nicht geht!“ habe Wegerich gesagt. Schnürer mutmaßte, Vennemann habe da wahrscheinlich etwas falsch verstanden; weil er selbst jedoch gar nicht verstand und auch nicht verstehen wollte, um was es ging, dachte er nicht weiter darüber nach.

Am 22. Mai erfuhr Schnürer – und obwohl frühere Vorstöße in dieser Richtung stets abgewehrt worden waren, war er darüber nicht verwundert –, Wegerich habe ohne weitere Diskussion die Einführung einer „Klatschseite“ beschlossen. Vennemann meldete am 8. Juni von einer „Themenkonferenz“ mit anschließender „Heftkritik“, Wegerich habe eine „stärker sichtbare Dreiteilung des Heftes in Magazin-, und Programmteil“ sowie, was die in den Artikeln verwendete Sprache betraf, „mehr präsentische Tendenz und eine gewisse Lässigkeit statt Nachrichtenstil“ gefordert. Machte sich Schnürer darüber noch Gedanken? Es kam ihm so vor, als liefe alles wie geplant, mit der im Grunde kaum wesentlichen Einschränkung, daß er sich eingestehen mußte, den Plan komplett falsch verstanden oder mutwillig falsch ausgelegt zu haben. Die Graphikerin Hollerich, fügte Neitzl hinzu, finde die Texte „generell viel zu lang“.

So ging es weiter, und so wollte es kein Ende nehmen mit den Verabschiedungen von jedem einzelnen Detail, das ihm an der Idee eines Kulturmagazins einst wesentlich erschienen war. Vielleicht, dachte Schnürer, war es ein Fehler gewesen, sich zurückzuziehen und die ganze Sache ihrem offenbar natürlichen Lauf zu überlassen; aber wollte er denn aus dem unbestreitbaren Faktum, daß er über die Mitteilungen in verzweifelte, trotzige Wut geriet, wirklich herauslesen, daß ihm an dieser Idee noch etwas lag oder überhaupt je gelegen hatte? Wäre es nicht ehrlicher gewesen, sich einzugestehen, daß er im Unrecht gewesen war, daß er nicht getäuscht worden war, sondern sich selbst getäuscht hatte? Und wäre es jetzt nicht am vernünftigsten, den ganzen Fall zu den Akten persönlicher Irrtümer zu legen, sich über die Belange der Freunde Neitzl und Vennemann hinaus nicht mehr damit zu befassen und, auch was diese anging, zu den wesentlicheren Dingen des Lebens zurückzukehren?

Vielleicht fand Schnürer die Vorgänge einfach zu spannend, um sie zu ignorieren. Am 18. Juni, zwei Tage vor dem Erscheinungstermin des ersten Heftes, erfuhr er von Vennemann, die Graphiker seien „weg“ und sollten durch einen „Art Director“ ersetzt werden, nach dem noch gesucht werde. Dann rief Neitzl an und fragte, ob ihn die „Rundmail“ mit der Einladung zur „Startparty“ bei Wegerich am folgenden Abend erreicht habe. Schnürer verneinte; die E-Mail traf eine Stunde später ein: Wegerich entschuldigte sich, er habe alle seine Mails bislang an Schnürers Mailadresse bei CULT gerichtet und lade ihn hiermit herzlich ein. Schnürer antwortete knapp, er werde kommen und bitte darum, alle Mails an seine Privatadresse zu senden oder weiterzuleiten, weil er nichts von einer CULT-Adresse wisse und eine solche, da er nicht Redakteur sei und in den Redaktionsräumen keinen Arbeitsplatz habe, auch nicht brauche.

 

 

 

38

 

Es hatte Schnürer schon seit längerem irritiert, daß ihm seine Untermieter immer und ausschließlich als mehrgesichtiges Gesamtphänomen gegenübertraten und Begegnungen in letzter Zeit – im Grunde seit Monaten, insbesondere aber seitdem er mit Hilfe von Vennemann, Neitzl und einem von ersterem gesteuerten geliehenen Lieferwagen das ehemals eheliche Haus in der Vorstadt endgültig geräumt hatte – weitgehend überhaupt vermieden, ihm – soweit das unter den klaustrophobisch beengten Bedingungen der kollektiv genutzten Räume (Flur, Küche, Bad) möglich war – aus dem Weg gingen, sich in den allerseltensten Fällen einer zufälligen Begegnung in entgegengesetzter Richtung wortlos (sofern man kaum hörbare Räuspergeräusche und Brummlaute nicht als Worte wertete) an ihm vorbeiquetschten, ansonsten bei seinem Eintreten großäugig und erschreckt blickten, in stets derselben oder doch sehr ähnlichen Konstellation (sie auf dem Schoß ihres Freundes sitzend, eine Zigarette in der Hand, er auf der anderen Seite des Tisches, sein seltener vorhandener Lebensgefährte mit dem Rücken zu Schnürer in der Mitte), und sein Verschwinden aus der gemeinsamen Sphäre durch stumme Unterbrechung der Unterhaltungsvorgänge (wie ein Standbild, dachte er) zu beschleunigen versuchten. Eine Ausnahme bildete nur gelegentlich der Freund der Untermieterin, wenn ihn Schnürer antraf, wie er am Herd stand und, während im jalousierten Dunkel hinter einer der geschlossenen oder angelehnten Türen – die zu öffnen Schnürer auch nach komplettem Abmarsch der Mannschaft eine strenge Scheu untersagte – der Fernseher hektische Animationsbotschaften ausstieß, seine Gemüse-Pilz-Mischungen in der Pfanne wendete: Zwar schaute er Schnürer höchstens zufällig an, doch fiel ihm wenigstens beizeiten eine Begrüßung ein.

Schnürer hatte dem Freund, von dem er wußte, daß er in einer Band spielte und ebenso oft im Nachtleben kursierte wie die anderen Mitglieder des Viergestirns, dem er jedoch eine größere Eloquenz zuzutrauen bereit war, angeboten, eine CULT-Kolumne über die Vorgänge in der „Münchner Szene“ (worunter er im weitesten Sinne die Band des Freundes, befreundete Bands und das Publikum der vier bis fünf Tanzlokalitäten, die diese und ihr Umfeld bevölkerten, verstand) zu schreiben. Die bisherigen Ergebnisse waren nicht begeisternd, aber immerhin vorhanden, und ließen sich mit etwas Aufwand an Formulierung und sanft ironischer Erweiterung als Simulation der Abbildung von Lebensvorgängen verwenden. So hatte er mit dem Freund zumindest ein gemeinsames Gesprächsthema, das er ihm nun, da er sich als CULT-Redakteur nicht mehr empfand, aufkündigen mußte.

Er werde sich in Zukunft diesbezüglich an Vennemann oder Neitzl wenden müssen, sagte er in den Rücken des auf die Pfanne konzentrierten Freundes, der dies mit einem „Aha!“ quittierte. Ob er bei „der Sache“ nicht mehr dabeisei, fragte der Freund nach einer Pause zurück, und Schnürer unterbreitete ihm die durch häufigen Gebrauch vorformulierte Erklärung, „die Sache“ habe sich komplett anders entwickelt als ursprünglich gedacht, weshalb er nicht mehr Redakteur sein könne und wolle und selbst ebenfalls nur noch als gelegentlicher Textautor mitwirken werde.

Der Freund sagte, ihm sei das ziemlich egal; er hege keine sonderlichen Ambitionen, Journalist zu werden, und es müsse in seinen Augen auch die Kolumne nicht sein. Warum er denn nicht schreiben wolle, fragte Schnürer, und der Freund sagte, er habe nicht das Gefühl, daß er dafür besonders geeignet sei. Er frage sich eigentlich sowieso, für was er geeignet sei, weil er zur Zeit zwar Bassist sei, sich aber auch als Bassist nicht allzu gut einschätze und die Band, in der er spiele, für nicht übermäßig gut halte. Ob er denn nicht studieren wolle, fragte Schnürer, und der Freund sagte, er täte dies schon gerne, wisse aber nicht, was er studieren solle, und auf ein Studium der Betriebswirtschaftslehre, das, soweit er das mitgekriegt habe, jeder absolviere oder zumindest anfange, der nicht recht wisse, was er studieren solle, habe er keine Lust.

Schnürer, der ihm letzteres zugute rechnete, nutzte den Lauf der Kommunikation und fragte, ob er demnächst mit der Untermieterin zusammenziehen wolle. Das wisse er noch nicht, sagte der Freund; momentan wohne er noch bei seinen Eltern, wobei – er grinste Schnürer an – das vielleicht auch ein bißchen übertrieben sei. Und ja wahrscheinlich auch nicht mehr lange gehe, fügte Schnürer bemüht leicht hinzu, und der Freund rührte wieder in der Pfanne.

Da in diesem Augenblick der Untermieter und in seinem Fahrwasser die Untermieterin mit typisch erschrocken-ungehaltenem Gesichtsausdruck in die Küche einrückten, sich an den Tisch setzten und wortlos Zigaretten anzündeten, als wäre es ihre Mission, den Freund der Untermieterin vor eventuellen Belästigungen zu schützen, ahnte Schnürer (bei aller Anspannung mit einer gewissen Erleichterung), daß das Thema nun endlich auch von ihnen aufgegriffen würde. Und in der Tat fragte die Untermieterin nach dem Ergebnis des letzten Treffens mit seiner Frau. Das Ergebnis, sagte Schnürer freundlich und leicht belustigt, seien die in der Wohnung neu hinzugekommenen Umzugskartons, Regalbretter und anderen Gegenstände. Ob er denn noch mit einer „Einigung“ rechne, fragte der Untermieter, und Schnürer sagte, eine solche Einigung sei, indem er die Vorstadtwohnung nunmehr vollständig geräumt habe, bereits eingetreten. Die Untermieterin sagte, daß also eine „Versöhnung“ wohl nicht mehr möglich sei. Schnürer schüttelte den Kopf. Was er dann vorhabe, fragte sie. Er werde wieder hier einziehen, sagte Schnürer, also: richtig einziehen.

Da müsse man wohl eine Lösung finden, sagte der Untermieter nach einigem Schweigen. Schnürer nickte. Er wolle sie nicht unter Druck setzen, sagte er, aber eine Lösung müsse in der Tat gefunden werden. Ob es für ihn okay sei, fragte die Untermieterin, wenn sie Ende Juli auszögen. Um sich seine Erleichterung nicht anmerken zu lassen, zögerte Schnürer kurz, nickte dann wieder. Er werde ihnen gerne bei der Wohnungssuche behilflich sein, eventuell lasse sich in seinem Bekanntenkreis das eine oder andere Zimmer finden, zumindest für „den Übergang“. Sie wollten, sagte die Untermieterin, auf jeden Fall wieder zusammenziehen, ein Zimmer sei also nicht geeignet, sondern denkbar nur eine Wohnung, die am besten Platz für alle vier bieten müsse. Das werde nicht leicht, sagte Schnürer, zumal wenn man lediglich knapp drei Monate Zeit habe von jetzt – Anfang Mai – bis Ende Juli; aber er werde, wenn sie dies wünschten, auch in dieser Hinsicht „herumfragen“, und falls sich gar nichts ergebe, könne man ja eventuell auch über eine gewisse Verlängerung der Wohndauer reden. Schade, sagte sie und blickte den Untermieter an, während ihr Freund weiterhin in der Pfanne rührte. Schade sei das schon, sagte Schnürer, aber geahnt habe er eine solche Entwicklung mit Sicherheit nicht. Der Untermieter sagte, da hätte er sich die Renovierungsmaßnahmen in seinem Zimmer eigentlich auch sparen können, und Schnürer, peinlich berührt, sagte, auch darüber könne man reden, vorstellbar sei eine Abstandszahlung beim Auszug oder eine Verrechnung mit der demnächst zu erwartenden Jahresabrechnung für Strom und Gas.

Ja ja, sagte die Untermieterin, drückte ihre Zigarette aus, und da offenbar alles gesagt war und der Freund die Pfanne vom Herd nahm, verließen alle drei die Küche, und Schnürer hätte, als sich die Zimmertür der Untermieterin hinter ihnen geschlossen hatte, beinahe laut gejubelt vor Freude. Die Hochstimmung, in die ihn die Materialisierung eines Termins für das Ende der beengten und chaotischen Wohnsituation versetzt hatte, hielt die folgenden zwei Wochen an, bestärkend begleitet von einer dringenden Ungeduld, die ihm jegliche Lust raubte, weiterhin an dem Provisorium herumzubasteln oder auch nur die Staubballen zu entfernen, die sich um ihn herum am Boden sammelten und bei jeder Bewegung in tänzerischen Choreographien herumhuschten.

 

 

 

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Wie Schnürer so am Tisch saß und der plappernden Gemeinschaft, die sich für eine solche wenigstens teilweise tatsächlich zu halten schien, beim Plappern und Essen zusah, bemerkte er, daß ihn aus dem Halbdunkel heraus immer wieder unsicher freundlich lächelnde Blicke eines Mannes trafen, den er nicht kannte. Ob er vielleicht wisse, wer das sei, fragte er Neitzl, und dieser erklärte ihm, es handle sich um den Terminredakteur Styri, der ehemals oder immer noch, er wisse das nicht so genau, als Kulturautor bei einer oder mehreren Tageszeitungen tätig gewesen oder noch tätig sei und den Wegerich eingeladen habe, da er ihn möglicherweise mit der Erstellung oder Betreuung jenes Boulevardzeitungsterminbeilagenprojekts beauftragen wolle oder vielleicht auch schon beauftragt habe. In jedem Fall sei er ein netter Kerl, und Schnürer solle sich doch mal mit ihm unterhalten. Schnürer verspürte dazu keine große Lust und fragte zurück, ob das Terminbeilagenprojekt nun etwa doch nicht „gestorben“ sei.

Das wisse er auch nicht, seufzte Neitzl, man erlebe ja bei Wegerich immer wieder Überraschungen, ihm persönlich sei das aber relativ egal, hingegen finde er es gar nicht schlecht, in Styri einen weiteren, einigermaßen guten Autor gewonnen zu haben oder möglicherweise gewinnen zu können. In der Tat erinnerte sich nun auch Schnürer, den einen oder anderen Konzertbericht von Styri gelesen zu haben und zumindest einen davon, bezüglich einer besonders peinlichen und impertinent dauertourenden uralten Hardrockband, in seinem grobschlächtigen Sarkasmus gar nicht schlecht und sehr angemessen gefunden zu haben.

Da stand Styri schon neben ihm, herbeigeführt von Vennemann, der ihn vorstellte, Schnürer „unser Hirn“ nannte und ebenfalls und aber im Gegensatz zu Neitzl zweifelsfrei erklärte, Styri solle – darüber habe er mit ihm vor drei Wochen gesprochen und ihn sozusagen „eingewiesen“ – das Boulevardzeitungsterminbeilagenprojekt übernehmen, wonach Schnürer nun lieber nicht mehr fragen wollte. Er gratulierte Styri zu jener damaligen Konzertkritik, an die sich dieser erst nach einigem Entsinnen mit einem freundlichen Lachen erinnerte, um Schnürer sodann in ein Gespräch über eine junge Münchner Autorin verwickeln zu wollen, die doch „auf jeden Fall was für die Literatur“ sei, deren Roman über ein merkwürdiges Rockmusikphänomen in der nahen Zukunft Schnürer jedoch nur kurz durchgeblättert und thematisch ebenso wie sprachlich eindeutig mißraten gefunden hatte, ohne sich irgendwelcher Einzelheiten zu entsinnen, weshalb er Styris in enorm sympathischem schweizerdeutschen Dialekt vorgebrachte Werbung mit der Zusage, bei Gelegenheit in das Buch noch einmal „einen Blick hineinzuwerfen“, abwürgte.

Weil damit jedoch der Gesprächsstoff erschöpft war und Schnürer auf die Tageszeitungsterminbeilage nicht zurückkommen wollte, erwiderte er Styris Lächeln und sagte unbestimmt, es werde dem Heft sicher guttun, einen Autor wie ihn zu haben, und sicher habe er bemerkt, daß das Heft „schreiberisch“ bislang noch arg „dünn besetzt“ sei. Styri war anderer Meinung, schwang sich dazu auf, die Erstausgabe, obwohl er sie nur kurz durchblättern habe können, in den höchsten Tönen zu loben; es handle sich um etwas, das lange fällig gewesen sei, eine „Erlösung“ regelrecht, an die er große Erwartungen knüpfe, auch was die Offenheit und Visionarität des Herausgebers anbelange. Schnürer spürte, daß sein Respekt für Styri angesichts derart unkritischer Lobeshymnen sofort zu schwinden begann, und beendete den Sermon mit dem vagen Hinweis, er müsse mit Neitzl noch „etwas besprechen“, und den Roman der jungen Münchner Autorin, den werde er sich auf jeden Fall noch einmal anschauen.

Er fand Neitzl in ein Gespräch mit den beiden nunmehr ehemaligen, Wegerichs Begrüßungsworten zufolge „unter dem Goodwill-Gesichtspunkt“ eingeladenen Graphikern vertieft, mit dem er nichts zu tun haben wollte, sah sich nach Vennemann um, der, auf einer Bierbank neben dem Tisch sitzend, mit den beiden Praktikanten ebenfalls höchst geschäftig diskutierte, dabei hin und wieder die Gabel in den Teller auf seinem Schoß führte, sich einen Berg Nudeln in den Mund schob und kauend weitersprach, während die vor ihm stehenden Praktikanten aufmerksam zuhörten. Als er Schnürers Blick auffing, grinste er, jedoch erschien Schnürer das Grinsen auf merkwürdige Weise unrichtig und beschwichtigend, weshalb er nur kurz die Bierflasche hob und sich nicht näherte. Vennemann hob seinerseits den Nudelteller, machte mit vollem Mund und großen Augen ein über den ganzen Lärm hinweg deutlich hörbares Mmm!-Geräusch und redete dann weiter auf die Praktikanten ein.

Schnürer bemerkte, daß ihn sogar Vennemanns Enthusiasmus über das von Wegerich erstellte Nudelgericht wütend machte. Es handelte sich, wie er fand, nicht um etwas, was man derart lautstark oder überhaupt loben, mit hymnischen Mmm!-Geräuschen bedenken und löffelweise in sich hineinschaufeln mußte oder auch nur durfte. Im Grunde, fand Schnürer, während er vor Wegerichs Kloschüssel stand und seine Blase entleerte, um sie gleich darauf wieder füllen zu können, war das Ergebnis von Wegerichs Kochkunst ein Äquivalent des Ergebnisses seiner Fähigkeiten als Zeitschriftenverleger: ein blasser Haufen Pampe mit ein paar bunten Fetzen von industriell gezüchtetem, leblosem Fischfleisch und viel geschmackfreiem, fettigem Rahm.

Während die anderen das Zeug aßen, ohne darauf zu achten, was sie da taten, und nebenbei hoffnungsfroh plapperten, achtete Schnürer weniger darauf, was sie plapperten, als darauf, was sich insgesamt abspielte: das Mampfen, das sinnlose Durcheinandergeplapper, die seltsame Euphorie über etwas so Banales wie ein Heftchen, mit dem noch vor wenigen Stunden erklärtermaßen keiner der Anwesenden auch nur einigermaßen zufrieden gewesen war. Die Situation erinnerte Schnürer an einen Effekt, den er aus Horrorfilmen kannte: Obwohl sich niemand von seinem Platz wegbewegte und mit großer Sicherheit auch die Dimensionen von Raum und Zeit ihre Stabilität beibehielten, schien sich der Raum zwischen ihm und den anderen zu dehnen und er sich dadurch vom betriebsamen Geschehen zu entfernen. Ab und zu fing er unsichere, prüfende Blicke Wegerichs ein, ohne etwas mit ihnen anfangen zu können. Irgendwann mochte er nicht mehr zurücklächeln und setzte eine nachdenkliche Solitärmaske auf.

Ob es ihm nicht gutgehe, fragte Neitzl, und Schnürer winkte mit einem Kopfschütteln ab. Er solle doch diesen Blödsinn in Gottes Namen nicht ernstnehmen, murmelte Neitzl und brach zu einem neuen Gespräch auf, das er nach kurzer, für Schnürer unverständlicher Ouvertüre mit großzügigen Portionen von lautem Lachen würzte. Ob etwas sei, fragte Vennemann, und Schnürer wollte ihm erklären, daß der (inzwischen fast leere) Nudeltopf nichts anderes enthalte als das CULT-Heft, nämlich einen laschen Berg Mehlpapp mit ein paar grell gefärbten Bröckchen von degeneriertem Fabrikfisch, der sich über Nacht in verdorbenes Stinkzeug verwandeln werde, mariniert in klebriger Tunke, die nach nichts schmecke als nach fehlendem Salz. Vennemann sah ihn an, offenbar entgeistert, zugleich besorgt und bemüht um eine treffende Antwort, die ihm nicht einfallen konnte, da er nicht die geringste Ahnung hatte, was Schnürer sagen wollte und was er damit bezweckte. Nachdem er ein regelrechtes Lachen als unpassend verworfen hatte, äußerte er, es seien eben Nudeln (oder nicht?), und wartete mit staunenden Augen auf nähere Auskünfte, die er nicht erhalten konnte, da in diesem Moment Neitzl wieder herantrat und ihm lachend riet, er solle „den Griesgram“ doch „schmollen“ lassen.

Und dann hatte Schnürer genug gehört, gesehen und getrunken, um gehen zu müssen. Er warf Neitzl und Vennemann eine knappe Verabschiedung hin, registrierte die Antwort, man sehe sich morgen „oder so“, ließ sie jedoch unverknüpft baumeln, blickte, als er Wegerichs erweiterten Radius durchqueren mußte, streng nach vorne und verließ das Gebäude.

Die warme, große Stille, die ihn aufnahm, als die Tür ins Schloß gefallen war und während er sein Fahrrad aufsperrte, war keine; nach wie vor hörte er die vielen Stimmen und das Geklirre, Geklapper und Getrappel, doch kam ihm außer dem Husten und Rülpsen der Klospülung, das durch das offene Fenster schallte, nichts davon mehr nahe. Er radelte davon und pfiff ein Lied, von dem er nicht wußte, wieso es ihm nach so vielen Jahren plötzlich wieder eingefallen war.

Daß er bei der Ausfahrt aus dem ehemaligen Kasernengelände falsch abgebogen war, fiel ihm auf, als es noch nicht zu spät zum Umkehren gewesen wäre, er sich aber an die falsche Richtung bereits so gewöhnt hatte, daß er einfach weiterfuhr und -pfiff und dabei höchstens dachte, es sei eine Stadt ja irgendwie ein geschlossenes System, in dem irgendwann, solange man sie nicht verließ, jeder Weg an jeden Ort führen mußte. Die Häuser wurden kleiner, die Gärten größer, dunkler auch, und Schnürer bog, seiner Intuition folgend, nach rechts ab. Der eine oder andere Straßenname erschien ihm vage vertraut, was, da er keinen davon konkret zuordnen konnte, nicht viel hieß. Als die Häuser wieder höher wurden und die Straßen sich ausgiebiger mit Ampeln schmückten, wähnte er sich auf dem rechten Weg, fuhr schneller und begann nun, das alte Lied zeilenweise laut zu singen. Auf welche Weise er derart schließlich an den südwestlichen Rand der Innenstadt gelangte, war nicht nachzuvollziehen und sowieso gleichgültig. Das Schild einer kleinen Kneipe, aus der, als sie drei Gäste auswarf (wie ein Getränkeautomat Flaschen auswirft: als wäre jemand nötig, der sie aus dem Limbus des Apparats entnähme, um den Vorgang sinnvoll zu beenden, was in diesem Fall ein müder, erfreuter Taxifahrer übernahm), für einen langen Augenblick Musik gedrungen war, erinnerte ihn an eine nicht eingehaltene und längst vergessene Verabredung, vielmehr die Einladung eines Bekannten (der dort, an jenem Abend zum ersten Mal und seither ab und zu, als Discjockey tätig war).

Tatsächlich stand der Bekannte, der Händel hieß, sich gerne mit einer Mischatmosphäre von Seriosität, Eleganz und Kulturmondänität ausstattete und von dem Schnürer sonst nicht viel wußte, am Tresen vor einem Bier, allein. Schnürer stellte sich daneben, erzählte etwas von einem Zufall und bestellte ebenfalls ein Bier. Händels Eigenart war ein geradezu strahlendes Interesse an den Tätigkeiten anderer Menschen, und so erfuhr er nun (wenn auch in polizeistundenbedingt geraffter Form) alles Wesentliche über das neue Magazin CULT, das am nächsten Tag erstmals erscheinen werde und aber, wie er Schnürers Darlegungen entnehmen mußte, ganz und gar nicht das sei, was er, Schnürer, oder irgendein vernünftiger Mensch sich gewünscht oder als wünschenswert vorgestellt hätte. Weil Händel nach einer abschließenden sarkastischen Tirade bezüglich Wegerichs nicht weiter nachfragte und Schnürer statt dessen einen mittlerweile herangetretenen und bis dahin lediglich unsicher lächelnden Menschen namens Jens (dunkelblond, schlank, Mitte dreißig) vorstellte, holte Schnürer (inzwischen beim vierten Bier) dazu aus, diesem die umfassende Geschichte ein weiteres Mal zu erzählen, wurde jedoch von dem Wirt unterbrochen, der sachlich erklärte, er müsse nun endgültig schließen. Schnürer schlug vor, den Abend anderswo fortzusetzen, wußte jedoch nicht zu sagen, wo. Händel zählte ein paar Kneipennamen auf, bis Jens endlich nickte: Der „Kleine Garten“ habe noch bis drei geöffnet und sei zu Fuß zu erreichen.

Es handelte sich um ein zwischen vier kurze Wände und ein Dach gezwängtes Gedränge an einem langen Tresen, das von den hineingepferchten Menschen und lauter Rockmusik derart beschallt wurde, daß man Mühe hatte, sein eigenes Wort zu verstehen. Schnürer beschränkte sich deshalb zunächst darauf, Anwesende und Vorgänge zu betrachten und hin und wieder eine ironische Bemerkung zu machen. Nachdem er wiederum zwei Bier konsumiert hatte, sammelte sich sein inneres Schwanken und Fluktuieren zu einem angenehmen Schwebezustand, der Lärm und Gedränge incorporierte, gleichzeitig aber so weit ausblendete, daß es möglich wurde, fremden Ohren längere Zusammenhänge zu unterbreiten und diese dabei einer klärenden Inventur zu unterziehen. Und so erzählte er nun Händels Freund Jens von dem Kulturmagazin. Es sei, sagte er, eine klaffende Lücke im medialen Getriebe unabstreitbar vorhanden, die ein solches Magazin ausfüllen könne, ja müsse, um den Circus fremdgesteuerter Events, der den modernen Menschen sein Leben wie eine Fahrt in einem exzentrisch konstruierten Kettenkarussell weniger erleben als erdulden lasse, zu konterkarieren, ihm sinnvolle Strukturen entgegenzustellen, die eben keine „Angebote“ seien, sondern, ach was, ihn hinwegzufegen, den ganzen Mist. Wegerich nun habe ihm anfangs den Eindruck vermittelt, er wolle genau oder ungefähr dies oder werde es zumindest ermöglichen oder allerwenigstens nicht hindernd im Wege (ha! ha! ha!) stehen. Dies indes sei ein Irrtum gewesen, nein, es habe sich etwas verändert, nein, anders: alles habe sich geändert, und Wegerich, insgesamt ein wankelmütiger, formbarer Mensch, sei inzwischen, ob ihm dies bewußt sei oder nicht, zu einem Verfechter oder Vertreter und irgendwie auch Opfer (nein, dies dann doch nicht) der Mächte oder Mechanismen oder eben Machtmechanismen geworden, für deren Überwindung er ihn, Schnürer, ursprünglich wenigstens angeblich in die Sache hineingezogen habe.

Daß Jens zwischendurch mehrere Male dringend aufs Klo mußte, deutete Schnürer nicht als Zeichen von Desinteresse oder Überforderung, sondern er nutzte die Pausen (in denen er sich außerdem jeweils ein neues Bier holte, so daß er schließlich mit zwei Gläsern dastand, aus denen er abwechselnd trank), um Zusammenhänge klarer herauszuarbeiten und in Formulierungen zu gießen, die ihm indes, wie er selbst bemerkte, stellenweise – da er sie immer schneller abladen mußte, ehe sie wieder zerschmolzen – verrutschten und entglitten. Es sei alles ein Riesenblödsinn, sagte er, nicht als abschließende Zusammenfassung, sondern um sich zu sammeln. Wegerich, den er im Grunde sehr schätze, habe sich in etwas hineinziehen lassen, was er nicht überblicke und begreife, was sehr schade sei, – und da bekam er eine Ahnung, daß er sich zu wiederholen begann, wollte aber nicht zu sprechen aufhören, und es mußte ja auch hinaus, und Schnürer erreichte die Phase seines Zustandes, in der ihm gewisse Zusammenhänge in so ungeheurer Klarheit vor Augen und auf die Zunge traten, daß sich aus ihnen alles Wesentliche in Leben und Welt übertragend erklären ließe, in der er andererseits ahnte, daß ihm sehr bald Leben und Welt vollkommen gleichgültig sein würden. Man müsse, sagte er, hielt kurz inne, wollte den Satz mit einer wegwerfenden Handbewegung zu Ende bringen, schüttete dabei jedoch den Inhalt seines (etwa viertelvollen) rechten Glases Jens über die Hose und warf das Glas zu Boden, was er einerseits enorm komisch fand, was ihm andererseits, da einige der Umstehenden mit einer deutlichen Distanzierung reagierten, einen willkommenen Anlaß zur Abgrenzung lieferte, denn solches Verhalten zeige die Blödheit der Leute, die ihm, da sie sich offensichtlich ebenso wehrlos dem Konsumzeug fügten wie Wegerich, allesamt den Buckel hinunterrutschen könnten. Einer Frau mit kurzen, dunklen Haaren und scharf geschnittenem Gesicht mit markanten Backenknochen, die ihn für einen blitzkurzen Moment vage angelächelt hatte, sagte er, da die schwindelige Sehnsucht, die ihm bei diesem Lächeln in den ganzen Körper gefahren war, nicht abklang, sondern nur weicher wurde, auf dem Weg zum Klo ins Ohr, sie sei das schönste Mädchen, das er je gesehen habe.

Als er mit der Stirn an der kühlen Kachelwand über dem Urinal lehnte, meinte Händel neben ihm, es sei dies ein lustiger Abend, und Schnürer, der Händels Bemühen, unter allen Umständen Haltung zu bewahren (und diese Haltung, wenn es um eine Kontaktaufnahme mit Frauen ging, strategisch etwas plump einzusetzen), ansonsten manchmal verdächtig fand, fühlte sich ihm auf schicksalhafte Weise freundschaftlich verbunden und schlug daher vor, man müsse unbedingt noch etwas trinken. Es sei nun allerdings spät, wandte Händel ein, und der Wirt werde nach Schnürers Glasmalheur möglicherweise nichts mehr herausrücken. Schnürers zweites (leeres) Glas, das er auf dem bogenförmigen Dachfirst des Urinals abgestellt hatte, geriet ins Rutschen, stürzte sich auf den grauschwarz gesprenkelten Boden und zerschellte klangvoll, woraufhin (sehr wahrscheinlich zufällig) draußen im Schankraum die Musik verstummte und das vielstimmige Plaudergebrüll für ein paar Sekunden anschwoll, um sich dann, als hätte ein Dirigent behutsam seinen Stab gesenkt, auf einem neuen Lautstärkeniveau einzupendeln. Schnürer zeigte kichernd auf die Scherben, vermochte den ihm vorschwebenden Satz über den inzidenten Kommentar des gläsernen Artgenossen jedoch nicht in eine sprechbare Form zu bringen. Händel lachte bellend und schlug vor, ein Café am Viktualienmarkt aufzusuchen, das in den frühesten Morgenstunden öffnete und als Sammelbecken für Menschen diente, denen die Nacht für das erforderliche Maß an Getränkeaufnahme und Gesprächsabgabe zu kurz geraten war. Als sie zu Fuß bei dem Lokal anlangten, mußten sie feststellen, daß es wegen Ruhetag geschlossen hatte. Also setzten sie ihren schwankenden Marsch durch die Fußgängerzone fort und landeten schließlich am Hauptbahnhof, wo sie sich vor einen Getränkestand an einen Tisch stellten, der aus einer runden Platte bestand, die auf ein Faß montiert war, und an dem vor einer halbvollen Bierflasche ein älterer Mann stand, der auf ihre Frage, ob hier noch frei sei, antwortete: „Ich diese Tisch. Ich Mann.“ Schnürer, Händel und Jens stellten sich dazu, der Mann hob seine Flasche und sagte: „Türk Mann gut Bier!“ Schnürer holte bei dem Getränkeverkäufer drei Flaschen, sie stießen mit dem türkischen Tischinhaber an, nahmen einen langen Schluck und starrten schweigend in die Richtung, in die die Gleise führten.

Er, sagte Jens, habe gute Lust, in den nächstbesten Zug nach Italien zu steigen, um „endlich mal rauszukommen“, und als Schnürer ihn pflichtbewußt nach seinem Job fragte, erklärte er, es würde sich in diesem Fall praktisch um eine Dienstreise handeln, da er als Beamter beim Zoll unter anderem für die Ermittlung und Erhebung der Schaumweinsteuer zuständig sei. Diese wiederum sei keine Bagatelle, wie man oft höre, und darüber hinaus sei sie eine enorm diffizile Angelegenheit und ein Feld, auf dem getrickst werde, wo es nur gehe. Im Grunde sei die Sache einfach: Sekt sei ein Produkt, das durch Gärung in Flaschen entstehe, wobei sich in der Flasche Druck entwickle. Erreiche der Druck einen bestimmten Wert, werde Schaumweinsteuer fällig. Die Erreichung des steuerpflichtigen Druckwerts sei praktisch nicht zu vermeiden, es sei denn, man verzichte auf die Herstellung des in der Flüssigkeit enthaltenen Kohlendioxids durch Gärung und verwende statt dessen technische Kohlensäure, was in Deutschland nicht statthaft, in Italien hingegen üblich sei. Das auf diese Weise entstehende Produkt, das unter der abweichenden Bezeichnung „Prosecco“ vermarktet werde, sei mithin kein Sekt und müsse auf Grund des geringeren Drucks in den Flaschen auch nicht mit dem ansonsten vorgeschriebenen Sektstopfen samt Drahtbügel verschlossen werden, sondern es könne ein beliebiger Stopfen zur Verwendung kommen.

„Stopfen gut“, sagte der Türke. „Ich Mann.“

Hier nun, sagte Jens, werde die Sache vollends kompliziert. Nämlich bestehe nicht nur der Verdacht, sondern es sei in vielen Fällen erwiesen, daß der durch die Hinzufügung technischer Kohlensäure zu gewöhnlichen Weißweinmischungen in Prosecco-Gebinden entstehende Druck das schaumweinsteuerfreie Maß überschreite. Doch sei dies einerseits schwer zu messen, weil der Druck, der auf dem Stopfen laste, durch eine Formel berechnet werden müsse, die so lang sei, daß er sie immer noch nicht vollständig aus dem Kopf hinbekomme. Ungefähr dies mal das und spezifisches Gewicht des Extrakts der Trockenmasse durch Umfang mal Alkoholgehalt mal Atmosphäre in Pascal durch Pi in Dingsbums hoch minus neun oder fünf plus irgendwas und so weiter. Des weiteren müsse das Testgebinde zum Zwecke der Messung auf einen exakten Temperaturwert von minus sieben Grad herabgekühlt werden, doch befinde sich das Kühlgerät im Keller, der Meßraum hingegen im vierten Stock, weshalb er inzwischen dazu übergegangen sei, seine private Kühltasche zum innerdienstgebäudlichen Transport zu verwenden, was im Grunde sowieso Unfug sei, weil der entsprechende Passus in der technischen Vorschrift, der behaupte, es sei bei minus sieben Grad ein druckfreies Öffnen der Flaschen möglich, nicht zutreffe und schlichtweg Blödsinn sei. Andererseits komme es im Gegensatz zu den üblichen Messungen bei einheimischen Firmen zu einer stichprobeweisen Messung bei Importgebinden ohnehin nur, wenn der Zollgrenzbeamte einen begründeten Verdacht hege, was eigentlich in jedem Falle der Fall sein müsse, jedoch in Bayern im Gegensatz zu Baden-Württemberg äußerst selten vorkomme; einzige Ausnahme sei ein bestimmter Grenzbeamter, der einen Zorn auf einen ehemaligen CSU-Minister hege, der wiederum im Voralpenland ein teures Nobeletablissement betreibe und des öfteren große Prosecco-Lieferungen erhalte, die dann jedesmal kontrolliert und fast immer nachträglich mit Schaumweinsteuerbescheiden belegt würden.

Nun sei es zu gewissen Unstimmigkeiten gekommen, da auf einer Art halbem Dienstweg und höchstwahrscheinlich durch mehrere anonyme Vermerke die Gültigkeit und Stichhaltigkeit des Druckberechnungsverfahrens in Frage gestellt worden sei. Ein Ringvergleichstest mit einer sektähnlichen Mischung aus Wasser, Glycerin und Zucker habe ergeben, daß seine Dienststelle zwar bei den Meßverfahren nicht nur, wie es neuerdings, ob sinnvoll oder nicht, in allen Bereichen verlangt werde, wettbewerbsfähig, sondern außerordentlich sauber arbeite, bei der Druckberechnung hingegen hinter den Ergebnissen anderer Dienststellen zurückbleibe, was Unfug sei, weil es sich ja um eine reine Berechnung handle, bei der man sich, wenn die Meßergebnisse stimmten, gar nicht vertun könne.

„Nix getan“, sagte der Türke. „Diese gut.“

Auf Grund der widersprüchlichen und unsinnigen Ergebnisse des Ringvergleichs habe er, Jens, zunächst eine Eingabe auf dem Dienstweg veranlaßt, um das Resultat und dessen Bewertung in Frage zu stellen, des weiteren habe er einen grundsätzlichen Versuch unternommen, herauszubekommen, woher diese bewußte Formel zur Druckberechnung eigentlich komme. Dies habe man ihm jedoch weder in den zuständigen Ministerien in Bayern und Deutschland noch bei der EU und in Paris sagen können. Es sei die Formel also offensichtlich gewissermaßen aus dem Nichts entstanden oder von einem spaßigen Zollmenschen eines Tages einfach erfunden und unter Verwischung aller Spuren in die Vorschriften und Ausführungsbestimmungen hineingeschmuggelt worden, wie die berühmte Loriotsche Steinlaus, möglicherweise, ha ha ha, weil der betreffende Beamte sich eine für seine Beförderung nötige Bewertung wie „th“ („tritt hervor“) sichern habe wollen, ohne sich dem komplizierten Bewertungsverfahren zu unterziehen oder irgend so etwas.

„Alles Wurst“, sagte der Türke. „Ich Mann.“

Dies alles, sagte Jens, sei aber im wesentlichen sowieso egal. Entscheidend sei hingegen, daß er inzwischen herausbekommen habe, daß einer seiner wichtigsten „Kunden“, eine große Schaumweinherstellungsfirma in Nordbayern, ihr Produkt längst nicht mehr mittels Flaschengärung, sondern größtenteils in riesigen Tanks herstelle. Da werde dann also die Flüssigkeit aus einem vierzigtausend Liter fassenden Behältnis durch Entleerung am unteren Ende in Flaschen abgefüllt, und dabei stelle sich selbstverständlich die Frage des Abfülldrucks, da durch das solcherart gestaltete Abfüllen im oberen Bereich des Tanks ein Unterdruck entstehe, der durch Einpumpen technischer Kohlensäure ausgeglichen werden müsse. Er habe diesbezüglich angefragt, wie man denn eine einwandfreie und den Vorschriften entsprechende Sicherstellung des zulässigen Gehalts natürlicher Kohlensäure, ähem, also sicherzustellen und unzulässige Beimengungen technischer Kohlensäure zu verhindern gedenke, wofür es seines Wissens überhaupt keine denkbaren und möglichen Trennverfahren gebe, weil die Substanzen logischerweise chemisch vollkommen identisch seien; aber die zuständigen Techniker des Hersteller hätten ihm lapidar versichert, da „passiere nix“. Nun stehe er also gewissermaßen vor einer Grauzone, und man könne die Angelegenheit so sehen, daß ohne eine eingehende vergleichende Erhebung und Untersuchung der in Italien üblichen Herstellungsverfahren der ganze Wirrwarr nicht mehr zu entwirren sei, weswegen er, genau betrachtet, zu einer Dienstreise dorthin so gut wie verpflichtet sei. Nur werde eine solche freilich nicht bewilligt, weil man verlange, daß zunächst seine Dienststelle bei einem neuen Ringvergleichstest so gut abschneide, daß ein entsprechender Etat überhaupt erst zur Verfügung gestellt werden könne. Da drehe man sich im Kreis.

Er nahm einen langen Schluck von seinem Bier und murmelte, bei der Biersteuer sei dies alles ungleich einfacher. Schnürer, der Jens’ Erzählung atemlos und mit einem gelegentlichen beiläufigen Staunen über die Schärfe und Unmittelbarkeit seines Zuhörens verfolgt hatte, sagte, er werde gleich wahnsinnig und es sei unbedingt notwendig, über derlei absurden Unfug einen ausführlichen Hintergrundbericht zu veröffentlichen, weil es sich dabei um eine Ebene des modernen Lebens handle, von der kaum jemand etwas wisse oder auch nur ahne, was Jens sofort abwehrte, da praktisch alles, was er gerade erzählt habe, unter das Dienstgeheimnis falle. Da werde sich ein Weg finden lassen, lallte Schnürer, es finde sich immer ein Weg.

„Bier aus“, sagte der Türke. „Muß neu.“ Er sammelte die halbvollen Flaschen von Schnürer, Jens und dem bis dahin mit vollständig leerem Blick schweigenden Händel, der auch jetzt nach einem versuchsweisen Einschalten seiner Augen nur kurz abwinkte, ein und schwankte zu der Bude.

„Guten Morgen“, sagte einer der beiden uniformierten Männer, die plötzlich am Tisch standen. „Die Fahrkarten bitte.“ Wenn er eine solche besäße, sagte Schnürer, wäre das schön, das tue er aber nicht, was andererseits nicht weiter schlimm sei, weil er gar nicht vorhabe, einen Zug zu besteigen; dies gelte, soweit er das sehe, für alle Anwesenden. Händel nickte stumm, Jens starrte auf seine gestreckten Finger, als sähe er sie zum erstenmal, der Türke war mit den Bierflaschen in der Hand ein paar Schritte vom Tisch entfernt stehengeblieben. In diesem Fall, sagte der zweite Uniformierte, müsse man die Aufforderung aussprechen, den Bahnhof stante pede zu verlassen, da der Aufenthalt und der Erwerb von Waren nur Reisenden mit einer gültigen Fahrkarte gestattet sei. Das, sagte Schnürer, habe er noch nie gehört. Zu einer Diskussion, sagte der erste Uniformierte, sei man nicht bereit.

Als Schnürer am frühen Nachmittag aus einer tiefen Bewußtlosigkeit erwachte, hatte er das (möglicherweise von den Ausläufern eines Traumes herrührende) Gefühl, sein Bett habe sich in eine gigantische fleischfressende Pflanze verwandelt, die ihn umschlungen und Tentakel in seinen Kopf und seine Gelenke gebohrt hatte, um mittels einer von Drüsen abgesonderten lähmenden Giftflüssigkeit sein Inneres zu verflüssigen und abzusaugen. Er erinnerte sich dumpf und dunkel an vernebelte Episoden eines orientierungslosen Heimwegs, auf dem er unter anderem im S-Bahn-Geschoß unter dem Marienplatz Station gemacht und sich in eine Toilettenkabine eingeschlossen hatte, die sich von innen (zumindest von ihm in seinem Zustand) nicht mehr öffnen hatte lassen, weshalb er gezwungen gewesen war, sich durch den Zwischenraum zwischen der Kabinenumwandung und der kalkigen Betondecke hindurchzuzwängen, auf der anderen Seite einem verblüfften Mann, den er nur verschwommen sah, vor die Füße zu fallen und von Kopf bis Fuß weiß bestäubt aus der Toilette zu torkeln. Scham stieg in ihm auf wie die schwarze Flüssigkeit in einer Espressokanne und verdrängte das Gefühl durchdringenden Jammers und völliger, schmerzhafter Bewegungsunfähigkeit.

Rücklings und so flach wie möglich lag Schnürer, da ihm die Kraft fehlte, um wieder in sein Hochbett hinaufzuklettern, nach einem vergeblichen Versuch, die Küche zu erreichen, auf dem Boden und füllte die nicht von Kisten, Bücherstapeln und sonstigem Gerümpel belegte Fläche so gut wie vollständig aus. Er war körperlich damit ausgelastet, zu atmen, ließ seine wirren Gedanken pulsierende Blasen bilden und dachte plötzlich an Geld.

Die Rechnungen, die er Wegerich vor fast sechs Wochen geschickt hatte, waren noch nicht bezahlt worden (wenn, wovon Schnürer ausging, um die Kompliziertheit des Gedankengangs in einem erträglichen Rahmen zu halten, nicht in den letzten beiden Tagen etwas passiert war, wovon er noch nichts wissen konnte). Ende Mai hatte Schnürer eine weitere Rechnung über viertausend Mark geschrieben, vor einer Woche – etwas verfrüht, vielleicht in unbewußt drängender Absicht – die nächste, für „redaktionelle Mitarbeit“ in den Monaten Mai und Juni. Die Konstruktion mit der angeblichen „redaktionellen Mitarbeit“ und der Aufteilung des ersten großen Betrages auf drei Rechnungen erschien Schnürer nun nicht mehr recht verständlich. Er hatte gedacht (und Wegerich hatte diesen Anschein erweckt), es gehe darum, die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel nicht sozusagen auf einen Schlag über Gebühr zu belasten – eine Art Ratenzahlung, zu der auch die letzten beiden Rechnungen gehörten, die ja nichts mit einer „redaktionellen Mitarbeit“ zu tun hatten, sondern sein Honorar für die Projektarbeit an CULT gewissermaßen nachträglich erhöhten.

Wieso aber hatte Wegerich, wenn es ihm darum gegangen war, die Einzelbeträge bezahlbar zu halten, keinen der Einzelbeträge bezahlt, so daß er jetzt letztlich doch eine Summe bezahlen mußte, die sogar den auf seinen Wunsch hin in drei Einzelbeträge aufgeteilten Grundbetrag weit überschritt? Waren seine Rechnungen im Trubel um die Fertigstellung des ersten Heftes und die Markteinführung des Magazins „untergegangen“? Oder gab es finanzielle Schwierigkeiten, die die Bezahlung bislang unmöglich gemacht hatten? Schnürer erinnerte sich an die Geldbeträge für Photographen, die exorbitanten Summen, die laut Vennemann und Neitzl an die beiden ehemaligen Graphiker bezahlt worden waren. Er dachte an die Werbeagentur und ihre Anzeigenkampagne, die inzwischen sogar Reklamefilme in Kinos umfassen sollte und wohl kaum realisiert worden wäre, wenn kein Geld geflossen wäre. Ohne eine Ahnung von der finanziellen Struktur derartiger Agenturen zu haben, ahnte er doch, daß sein Honorar im Vergleich zu den dafür angefallenen Kosten kaum groß ins Gewicht fiel.

Als es ihm endlich gelang, eine stehende Haltung einzunehmen, läutete augenblicklich das Telephon. Neitzl fragte, wo Schnürer am Abend zuvor „abgeblieben“ sei, und ließ auf dessen nicht ganz ernsthaft gemeinte Bitte, nicht so schnell und laut zu sprechen, ein schadenfroh schallendes Gelächter ertönen. Ob er in das druckfrische Heft nicht wenigstens einen Blick hineinwerfen wolle, fragte Neitzl, und Schnürer bat, ihn mit Wegerich zu verbinden, den er sowieso dringend treffen müsse und der ihm dann ja gleich ein Heft mitbringen könne. Was es so Dringendes gebe, fragte Neitzl, und Schnürer sagte, das wolle er ihm gerne bei Gelegenheit erklären, wenn er mit Wegerich gesprochen habe und überhaupt wieder ein der Lage sei, etwas zu erklären. „Aha“, sagte Neitzl unzufrieden, und nach einer kurzen Pause war Wegerichs Stimme am Telephon. Schnürer verabredete sich mit ihm am späten Nachmittag und verbrachte die Zeit bis dahin mit ausgiebigen Erfrischungsbemühungen.

Da die Küche während seines Aufenthalts im Bad von den fröhlich lärmenden Untermietern (deren für Ende Juli verabredeten Auszug er seit dieser Verabredung so wenig erwarten konnte, daß er ihre Anwesenheit kaum noch ertrug und in den sieben Wochen, die seither vergangen waren, auch seinerseits jeden Versuch einer Kommunikation eingestellt und kein Wort mehr mit ihnen gewechselt hatte) in Beschlag genommen worden war, setzte sich Schnürer an den kleinen Tisch im Hinterhof des Hauses, blätterte in Paul Lafargues „Recht auf Faulheit“, das er zufällig aus einem Bücherstapel hinter seinem Schreibtisch gezogen hatte, las aber nicht wirklich, weil sein immer noch dröhnender und pulsierender Kopf damit ausgelastet war, auf Wegerich zu warten und Gedankenfetzen abzusondern.

Dann blätterte Schnürer, ebenfalls ohne große Aufmerksamkeit, die CULT-Erstausgabe durch, die ihm Wegerich auf den Tisch gelegt hatte. Schade, sagte er, sei es schon, daß es nun wieder kein „richtiges“ Kulturmagazin gebe, sondern nur eine leicht abgewandelte Konkurrenz für das unsägliche MY CITY. Er, sagte Wegerich, sei da anderer Meinung; er finde, CULT sei durchaus auf einem guten Weg. MY CITY hingegen habe, wie er aus „Quellen“ erfahren habe, große Schwierigkeiten, stehe möglicherweise sogar vor dem Aus und müsse sich mit Tricksereien behelfen, etwa indem das verlegende Haupthaus in Hamburg einen großen Teil der Auflage der wenigen verbliebenen lokalen Ausgaben aufkaufe und vernichte, um Anzeigenkunden zu verschaukeln, die aber trotzdem ihre Anzeigen inzwischen teilweise umsonst bekämen, weil ihr Ausfall ansonsten weitere Anzeigenkunden zum Absprung bringen könnte. Insofern sei er sehr zuversichtlich, zumal die „Resonanz“ überwiegend positiv und schon nach einem Tag absehbar sei, daß die Abverkäufe gut liefen: Er kalkuliere mit einer Auflage von fünfzehntausend, was sehr erfreulich sei und sich durch die in wenigen Tagen beginnende Verteilung von zehntausend CULT-Gutscheinen, die bei Tankstellen, Kiosken und Zeitschriftenhändlern eingelöst werden könnten, noch beträchtlich steigern werde. MY CITY arbeite „offiziell“ mit einer Auflagenzahl von zwölftausend, die man jedoch aufgrund der erwähnten Tricksereien erheblich nach unten korrigieren müsse; in Wirklichkeit liege die belastbare Zahl wohl kaum höher als dreitausend und damit nur unwesentlich über der Reichweite, bei der sich KKK gegen Ende eingependelt habe.

Das erwiesene Scheitern des MY-CITY-Konzepts, sagte Schnürer, mache es für ihn noch unverständlicher, warum CULT exakt dieselbe Richtung einschlagen und man das ursprüngliche Konzept, ohne es auch nur auszuprobieren, über Bord werfen habe müssen. Er könne natürlich nur hypothetisch sprechen, sei jedoch davon überzeugt, daß ein „richtiges“ Kulturmagazin eine noch wesentlich bessere Resonanz und – zumindest auf lange Sicht – auch eine höhere Auflage erzielen könnte, auch deshalb, weil der Markt für ein weitestgehend auf Termine und „Event“-Ankündigungen beschränktes Magazin durch das kostenlose HIER und Wegerichs eigenes EVENT-Magazin sowieso abgedeckt sei. Er, sagte Wegerich, könne diesen Standpunkt nicht nachvollziehen. Er sehe CULT als hochwertige Alternative, die journalistische Qualität und Anregungen für das urbane Leben in „idealer“ Weise vereinige, jedoch selbstverständlich noch nachgebessert werden könne und müsse. Schnürer schwieg, um die leergelaufene Diskussion zu beenden.

Er müsse, sagte er dann, auf seine Rechnungen zu sprechen kommen. Dieser Bereich, fiel ihm Wegerich sofort ins Wort (und betrachtete bei seinen zögerlich folgenden Ausführungen vornübergelehnt die Tischplatte), sei noch „etwas problematisch“. Er müsse Schnürer um eine weitere Woche Geduld bitten, da ein Investor seine Einlage noch nicht bezahlt habe, dies aber „aller Voraussicht nach mit Sicherheit“ bis zum Ende der Woche erledigt haben werde. Für die kurze Zeitspanne bis dahin seien ihm „die Hände gebunden“. Schnürer fragte vorsichtig, worin die Schwierigkeit mit diesem „Investor“ bestehe, aber Wegerich beschränkte sich auf Andeutungen, erwähnte eine „Garantie“ einer Bank, sprach von „Unterschriftsreife“, veränderten Bedingungen und einer teilweise neuen „Ausgangslage“, die „Modifizierungen“ nötig gemacht hätten, und weil Schnürer nichts von dem verstand, was er da hörte, fragte er auch nicht weiter nach. Er, sagte er, vertraue auf Wegerichs Versprechen einer Bezahlung zu Wochenbeginn und hoffe, daß er sich auf ihn verlassen könne. Daß er das könne, sagte Wegerich abschließend, sollte er eigentlich wissen, und selbstverständlich werde er ihn diesbezüglich auf dem laufenden halten.

 

 

40

 

Schnürer spürte an sich selbst eine gewisse Abwesenheit, als wäre die Welt ihm ein Stück entrückt und hätte sich mit Schleiern aus dünnem Nebel getarnt. Er sah, wenn er hinsah, Dinge, Menschen, Vorgänge sehr wohl, doch schienen weder Geschwindigkeit noch Richtung zu stimmen, und daß er selbst eingreifen könnte, war kaum denkbar.

Er spazierte in der drückenden Sonnenglut die Leopoldstraße entlang, wunderte sich, wie viele Menschen offenbar ebenfalls nichts anderes zu tun hatten, wühlte in den Pappkisten der Bouquinisten, erwarb einen 1944 auf holzigem Papier gedruckten Gedichtband eines ihm völlig unbekannten Mannes, der in verlogen elegischem Heroismus von nächtlichen Erlebnissen an der Kriegsfront und dem Schicksal eines Volkes erzählte; er warf einer Bettlerin, die auf einem abgerundeten Steinstumpf vor einer Bankfiliale saß, eine Münze in den Plastikbecher und bezahlte der eher belustigten als empörten Frau, deren Kaffee er solcherart irrtümlich metallisiert hatte, einen neuen Kaffee (die Münze, von der er dies, ohne darüber nachzudenken, angenommen hätte, reichte dafür nicht).

Acht Tage nach dem Erscheinen des ersten CULT-Heftes teilte ihm Neitzl per E-Mail mit, durch die Einführung eines neuen „Schlüssels“ seien die Honorare für Autoren ein weiteres Mal gesenkt worden. Ihm, schrieb Schnürer zurück, sei das vollkommen egal, aber die Redaktion solle sich angesichts der ebenfalls erneut gekürzten Längenvorgaben für Texte vielleicht überlegen, gänzlich auf freie Autoren zu verzichten, um noch mehr Geld zu sparen, da man die nun offenbar gewünschten Veranstaltungshinweise von ein paar Zeilen doch durch „Eindampfen“ der entsprechenden Ankündigungen selbst erstellen könne. Statt einer Antwort erhielt er eine E-Mail von Vennemann: Neitzl sei zur Zeit „ungenießbar“, der neue Art Director hingegen ein „sympathischer Spinner“, der „dauernd kurz vor einem Nervenzusammenbruch“ stehe.

Da sich Neitzl nicht mehr meldete und Schnürer befürchtete, er sei wegen seiner E-Mail beleidigt, rief er ihn am 2. Juli in der Redaktion an. Er sei soeben bei der Bank gewesen, sagte er, und habe mit großer Freude festgestellt, daß auf seinem Konto tatsächlich (wenn auch eine Woche später als von Wegerich versprochen) Geld von CULT eingegangen sei (wenn auch nur der auf der ersten von fünf fälligen Rechnungen ausgewiesene Teilbetrag von zehntausend Mark). Das sei schön für ihn, brummte Neitzl, und freue ihn ehrlich; er selbst hingegen hege eine gewisse Besorgnis, weil sein Gehalt für den Juni überfällig sei. Er habe Michalski deswegen angesprochen, der habe aber nur erstaunt geschaut und sei stotternd und kopfschüttelnd davongestoben. Es könne also sein, sagte Neitzl, nun wieder lachend, daß man sich über Texte und gar ihre Längen sehr bald keine Gedanken mehr machen müsse, wenn der Laden insgesamt „zusammenklappe“.

Vier Tage darauf erfuhr Schnürer von Vennemann, die Gehälter der gesamten festen Belegschaft seien „endlich doch noch“ überwiesen worden. Dafür habe er von den Anzeigenverkäufern mitbekommen – sozusagen indirekt: mehr als ein intensives Grummeln und Armewerfen sei ihnen nicht zu entlocken gewesen –, daß da „was im Busch“ sei. Wiederum vier Tage später sagte Neitzl, der Anzeigenverkauf laufe „katastrophal“, weshalb Wegerich und Michalski beschlossen hätten, im August nur ein Heft (ein „Doppelheft“ mit normalem Seitenumfang) zu veröffentlichen, um Druckkosten zu sparen. Der Anruf beunruhigte Schnürer derart, daß er sich sofort an den Schreibtisch setzte, seine CULT-Rechnungen in einer „Gesamtmahnung“ zusammenfaßte, diesmal (was er bisher aus Scheu, wie ein typischer „Geschäftsmensch“ zu wirken, unterlassen hatte) eine Zahlungsfrist setzte (sieben Tage) und die Mahnung per Einschreiben abschickte.

Ob Schnürer Mitte Juli, nachdem seine Mahnung wohl angekommen, jedoch ohne Reaktion geblieben war, tatsächlich noch glaubte oder doch wenigstens hoffte, er werde sein Geld bekommen, ist schwer zu sagen. Daß ihn ein gewisser Fatalismus befallen hatte, läßt sich nicht abstreiten; möglicherweise rührte er auch daher, daß Schnürer das Geld nicht wirklich dringend brauchte – für seinen Lebensunterhalt reichte das Einkommen, das er für die Texte in Wegerichs EVENT-Magazin und anderen Heften bezog –, was seinen „moralischen“ Anspruch darauf etwas zu mildern schien. Aber so oder so blieb die Zahlung weiterhin aus. Neitzl schilderte ihm die Lage als „dramatisch“: Wegerich, offenbar in höchster Panik, hatte am 16. Juli eine Redaktionssitzung einberufen, um den Redakteuren zu erklären, er habe jegliches Vertrauen auf sie und ihre Kompetenz verloren und werde sich daher selbst zum Chefredakteur ernennen. Die Redaktion, sagte Neitzl, habe für diesen Fall ihren sofortigen Rücktritt und die kollektive Kündigung zum 1. September angekündigt. Vennemann schickte Schnürer eine Kurzmitteilung per Mobiltelephon: „Der Ofen“ sei „bald aus.“

Am nächsten Tag war die Sache beschlossen: Wegerich, sagte Vennemann, habe nach einer erneuten Diskussion („Schreierei“) vergeblich versucht, die Praktikanten (die Wegerich neuerdings als „Volontäre“ bezeichne) zum Bleiben zu überreden. Michalski wiederum habe die Trennung der gesamten Redaktion vom Verlag mit der Aussage kommentiert, seiner Meinung nach sei die „Personalstärke“ ohnehin zu hoch und eine „Reduzierung“ seit längerem geplant gewesen. Man werde nun, sagte Vennemann, noch das letzte Heft zu Ende produzieren – dessen vierwöchige Gültigkeit der Geschäftsführung so gelegen komme, daß er sich frage, ob das wirklich Zufall sein könne –, und was danach mit CULT passiere, sei ihm vollkommen egal.

Auch die kleine, dennoch auffällige Zeitungsmeldung über die „Redaktionsumstrukturierung“ bei dem „erst kürzlich am Markt eingeführten Magazin CULT“ (in der von Kultur nicht die Rede war) sowie Wegerichs per E-Mail in alle Richtungen (und auch an ihn) versandte Stellungnahme – es sei „die Pflicht eines „innovativen Magazins, journalistische Kompetenz mit überzeugendem Service zu verbinden und das klassische Themenspektrum zu erweitern um neue, urbane Inhalte“, und deshalb werde CULT Ende August „mit frischen Köpfen und neuer Ausrichtung“ erscheinen – nahm Schnürer aus großer Entfernung wahr, unfähig, eine Verbindung herzustellen und wohl auch schockfasziniert von dem Bild, der Filmsequenz, in die sich die Vorgänge verwandelten und die vor seinem Tagtraumauge wieder und wieder abgespielt wurde: eine Explosion, rückwärts gefilmt; eine gewaltige Staubwolke, erst langsam, dann immer schneller, schneller, schließlich in rasendem Tempo schrumpfend, am Ende blitzartig – verschwindend. Zurück blieb sichtbare Stille, nichts: Gegend, Umgebung, eine Fläche, als wäre nie etwas geschehen, als würde nie etwas geschehen können. Als wäre es, zumal aus der entrückten Entfernung des träumenden Beobachters, der er war, gänzlich unmöglich, etwas geschehen zu machen.

Ungleicher Zwilling seiner inneren Abwesenheit war eine unwiderstehliche, flammende Empörung, ein hilfloser Zorn auf Wegerich, der alles, was Schnürer da sah, zu sehen empfand, imaginierte, mit Bedeutung erfüllte, den Hintergrund eines in Einzelheiten noch diffusen Plans auffaltete: Was geschah, was geschehen war, war nicht zufällig geschehen. Nun schien es an ihm, zu reagieren, dem Zorn die konkrete Form von Handlungen zu geben, das Spiel, diesen Akt, zu Ende zu führen, um in der zweiten Runde selbst die Initiative zu ergreifen, die rückwärts laufende Explosion wiederum umzukehren, um zu erfahren und für „die Welt“ sichtbar zu machen, was passiert war und wieso es passiert war. Zu welchem Ende? Das würde sich weisen.

Schnürers Gedankengänge blieben vorerst wirr (daß sich auf die von ihm vorgestellte Weise nicht mehr ergeben würde und könnte als die bereits bekannte gewaltige Staubwolke, kam ihm nicht in den Sinn). Aber er hatte seine Rolle angenommen.

 

 

 

41

 

Die Situation, die Schnürer vorfand, als er am Vormittag des 20. Juli die Redaktionsräume von CULT betrat, würde ihm im nachhinein noch unwirklicher erscheinen als alles andere in diesen Tagen. Vennemann und Neitzl wirkten fröhlich, wie sie da an ihren (mit leeren Bierflaschen sporadisch dekorierten) Schreibtischen saßen und ihn lachend „auf dem sinkenden Schiff“ begrüßten. Auf seine Frage, was denn eigentlich los und passiert sei, erfuhr er von Neitzl nur, es sei eben „alles zu spät“ und kein Geld mehr da, weshalb Wegerich „durchgedreht“ sei und offenbar beschlossen habe, die Redakteure als Sündenböcke hinzustellen und an ihnen seinen Zorn abzureagieren. Was sie dann noch hier machten, fragte Schnürer. Das frage er sich auch, sagte Neitzl lachend, und Vennemann lachte noch lauter, fast brüllend, als wäre etwas in ihm geplatzt.

Die „Buchhalterin“, deren Zimmer Schnürer daraufhin (ohne anzuklopfen; die Tür stand offen) betrat, saß nicht an ihrem Tisch, sondern trug mit hektischen Bewegungen Papier und andere Dinge durch den Raum, eine Beschäftigung, die sie nicht unterbrach, während sie Schnürer versicherte, sie tue „ihr Möglichstes“, könne aber „auch nichts tun“. Für die Auszahlung der Honorare sei Michalski oder Wegerich zuständig, genau wisse sie das „ehrlich gesagt“ nicht, und jedenfalls könne sie ihm, da keiner der beiden anwesend sei, nicht weiterhelfen, da sie für jegliche Art von Auszahlung eine Unterschrift benötige. Ob denn wenigstens absehbar sei, wann „wieder Geld fließen“ werde, fragte Schnürer ungeschickt und ratlos, und die Buchhalterin sah ihn noch ratloser und mit einem Anflug von Empörung an, als hätte er eine unverschämt dumme Frage gestellt. Schnürer überlegte, ob er sich auf einen Stuhl setzen und sagen solle, er stehe erst wieder auf, wenn er wisse, wann sein Geld komme, mußte über die Vorstellung dieser Szene aber lächeln. Es bleibe ihm nichts anderes zu tun, sagte er, als noch einmal eine Mahnung zu schreiben. Das solle er doch bitte machen, sagte die Buchhalterin, als wäre sein Anliegen und damit auch die Störung ihrer Tätigkeit mit dieser Aufforderung beendet, und da sie nichts weiter äußerte und Schnürer nicht mehr beachtete, legte er alle verfügbare Schärfe in seinen abschließenden Satz, er erwarte dringend und „noch heute“ einen Anruf von der Geschäftsführung, und verließ das Büro.

Eigentlich, sagte Wegerich, als er Schnürer am Abend anrief (was dieser, wie er erstaunt feststellte, tatsächlich gar nicht mehr erwartet hatte, weil es seiner Vorstellung von den Abläufen nicht entsprach), müsse er „finanziell gesehen den Laden zusperren“. Sein Laden, sagte Schnürer, immer noch wütend über die Abkanzelung durch die Buchhalterin, interessiere ihn nur noch insofern, als er Geld von ihm zu bekommen habe, dessen Bezahlung er, Wegerich, ihm vor über vier Wochen für „die nächsten Tage“ zugesagt und versprochen habe. Er wisse das, antwortete Wegerich. Seine Stimme klang unterwürfig, zerknirscht, aber Schnürer war nicht bereit, sich auf eine entgegenkommende Position herabzulassen (was Wegerich offenbar zu provozieren versuchte), und wartete schweigend. Es gebe Probleme mit dem Investor, sagte Wegerich und hielt wieder inne, abwartend (ob Schnürer die Wiederholung bemerken würde? ob er bereit wäre, darauf ebenfalls mit einer Wiederholung zu reagieren? und diese Phase der Implosion noch etwas auszudehnen?). Er habe nur deshalb beschlossen, „weiterzumachen“, weil ihn in der „Krisensitzung“ der „noch vorhandene Enthusiasmus einiger Mitarbeiter“ überzeugt habe. Was das heißen solle und wen er damit meine, fragte Schnürer, wartete Wegerichs Antwort aber nicht ab und sagte, ihm sei das alles vollkommen egal. Er, Wegerich, habe ihm, Schnürer, ein Versprechen gegeben, ihm versichert, er könne sich auf ihn verlassen, und darauf werde er bestehen. Es laufe nicht immer alles so, wie man sich das wünsche, sagte Wegerich, und Schnürer sagte mit noch einmal verstärktem Nachdruck, er wünsche nichts, sondern erwarte, daß Wegerich „seinen Verpflichtungen nachkomme“.

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Es bleibt uns noch, die revertierte Explosion an ihr unvermeidliches Ende zu führen. Am 25. Juli erfuhr Schnürer nacheinander von Neitzl und Vennemann, die Buchhalterin habe geäußert, daß die Gehälter der festangestellten Mitarbeiter für Juli nicht mehr bezahlt werden könnten. Am Morgen habe Michalski, zu Vennemanns Irritation mit unüberhör- und -sehbarer triumphierender Belustigung, verkündet, es sei „finanziell keineswegs sicher“, daß das so gut wie fertiggestellte August-Doppelheft überhaupt gedruckt werden könne. Von dieser Aussage alarmiert, habe Neitzl eine Betriebsversammlung einberufen, in deren Verlauf Wegerich gesagt habe, es müsse bis zum 31. Juli ein Investor gefunden werden, andernfalls werde man Insolvenz anmelden müssen. Michalski habe unklare Andeutungen über diesbezügliche Gespräche mit einem Radiosender und einem im Ausland ansässigen, international tätigen Werbebeilagenverlag gemacht, jedoch hinzugefügt, er persönlich rechne „wenn man mal ehrlich ist“ nicht mehr damit, daß sich ein solcher „neuer Investor“ finden lassen werde. Insgesamt, habe Michalski gesagt, sei der Busineßplan „sehr konservativ kalkuliert“ gewesen, man müsse aber „wegen des katastrophalen Anzeigenaufkommens“ nun trotzdem „mit einer vollkommen unwirtschaftlichen Situation umgehen“.

Sofort nach dieser Mitteilung verfaßte Schnürer mit frierenden Fingern eine E-Mail an Wegerich, in der er ihn bat, ihn über den Stand der Dinge und die mögliche weitere Entwicklung zu unterrichten, auch was seine offenen Rechnungen angehe. Ihm, schrieb Schnürer, werde „da ehrlich gesagt langsam ein bißchen mulmig“. Wegerich antwortete nicht; erst am folgenden Tag erreichte Schnürer eine E-Mail (die jedoch nicht nur an ihn, sondern an eine unübersehbar lange Liste von Adressen gerichtet war), die den Start der Sommer-Open-air-Konzertreihe eines CULT-Werbepartners ankündigte, für die jedem Mitarbeiter zwei Freikarten zur Verfügung stünden. Dies sei „zur Abwechslung mal eine gute Nachricht“, begann die zehnzeilige Mitteilung, die Schnürer vergeblich auf Anzeichen von Reue, Verzweiflung oder irgendeiner anderen spürbaren, auf die doch offenbar bevorstehende Pleite bezogenen Regung durchsuchte. „Die Atmosphäre bei den Konzerten“, schrieb Wegerich, sei „superschön“, alle seien „herzlich eingeladen“ und er wünsche „viel Spaß“.

Tags darauf meldete Vennemann, Michalski habe soeben verkündet, die Gehälter der Mitarbeiter könnten „definitiv“ nicht mehr bezahlt werden. Man werde deshalb – zumal das Doppelheft, ob es nun gedruckt werde oder nicht, jedenfalls fertig sei – „Punkt sechzehn Uhr dreißig“ die Arbeit niederlegen, die Redaktion verlassen und den Rest des Nachmittags sowie das Wochenende nutzen, um sich zu beraten. Am Montag seien Neitzl und er zu einem Gespräch bei der Gewerkschaft angemeldet, dann werde man schon sehen.

Das Wochenende verbrachte Schnürer damit, Zeit totzuschlagen: Er zog Bücher aus Stapeln, blätterte ein paar Sekunden lang, legte sie wieder zurück, schaute aus dem Fenster, rauchte viele Zigaretten und rief alle paar Minuten seine E-Mails ab, um auf eine eingehende Nachricht von Wegerich sofort reagieren zu können. Er wartete vergeblich, und er wartete auch noch den Montagvormittag ab, ehe er seine E-Mail noch einmal schickte, diesmal mit mehreren Versionen des Wortes „dringend“ versehen, und tatsächlich antwortete Wegerich schon nach einer Viertelstunde und teilte Schnürer „in aller (leider) gebotenen Kürze“ mit, „Investoren und Bank“ seien „abgesprungen“, die Firma werde Insolvenz anmelden. Ein Gutachter werde sich „den Laden ansehen“ und entscheiden müssen, ob ein Insolvenzverfahren eröffnet (was bedeuten würde, daß „es“ zumindest drei Monate „weitergehe“) oder mangels Masse abgelehnt werde (in welchem Falle der „Laden sofort zugesperrt“ werde). Wegerich schloß, ohne auf Schnürers Frage nach seinem Geld einzugehen: „Gehälter werden drei Monate weiterbezahlt, Rest ist noch offen.“

Sofort fragte Schnürer zurück, was das für ihn bedeute. Er müsse abwarten, schrieb Wegerich. Sobald er Näheres wisse, werde er sich bei ihm melden. Auf Schnürers Mitteilung, er könne sich weiteres Warten nicht erlauben und ersuche „kurzfristig“ um ein Gespräch „zwecks außergerichtlicher Einigung“ (die, wie er inzwischen beim Herumsuchen im Internet herausgefunden zu haben glaubte, einem Insolvenzantrag vorausgehen müsse), reagierte Wegerich nicht mehr.

Um drei Uhr nachmittags erreichte Schnürer eine E-Mail von Vennemann: „Aus ist’s.“

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