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GRÜN GERETTET Jetzt gebe es einen Krach, hat sie zu ihrem Mann gesagt, als in aller Frühe das Geräusch eines Rasenmähers hörbar wurde und sich langsam, aber sicher dem Haus näherte. Auf dem schmalen Grünstreifen zwischen Straße und Gehsteig wachse sowieso nichts, da müsse man die wenigen Pflänzchen nicht auch noch mähen und dabei zu allem Überfluß Abgas erzeugen und zentnerweise Hundedreck in der Gegend herumsprühen. Das sei doch nicht ihre Angelegenheit, hat ihr Mann gesagt. Sie solle eben die Fenster nach vorne hinaus zumachen und warten, bis sich der Gestank verzogen und der Kotnebel niedergeschlagen hat. Darum gehe es gar nicht, hat sie gemeint. Es sei ihr grundsätzlich wurst, was vor den Nachbarhäusern geschehe, aber wenn die Kerle mit ihren Maschinen ihren Lieblingen auch nur ein Blatt krümmen, dann schreite sie ein. Wie man nur ein solches Theater um ein paar längst verblühte Osterglocken und Frühlingsknotenblumen machen könne, seufzt ihr Mann; er findet jedoch kein Gehör, denn als er sein Gesicht wieder aus der Kaffeetasse erhebt, ist die Wohnungstür offen und seine Frau weg. Der städtische Angestellte in der orangefarbenen Plastikjacke ist baß erstaunt, als sich Frau Reithofer seinem Rasenmäher in den Weg stellt und über den Lärm des Motors hinweg schreit, sie werde nicht weichen, bis er sich geschlichen habe. Das gehe nicht, sagt er, denn es sei nun einmal sein Auftrag, den Grünstreifen abzumähen, ob er wolle oder nicht. Dann, sagt Frau Reithofer, müsse er sie mit Gewalt entfernen. Sie solle sich nicht so anstellen, brüllt der Kollege des Mannes, der ein Stück von der Szene entfernt auf der Ladefläche eines Lasters sitzt und ein Wurstbrot verzehrt. Das sei doch bloß Gras. Eben nicht, schreit Frau Reithofer, sondern es handle sich um Osterglocken, Hyazinthen, Frühlingsknotenblumen, Tulpen und andere edle Blumen, die sie allesamt selbst gepflanzt habe. Da könne er nichts machen, sagt der Mann mit dem Rasenmäher, es müsse alles weg. Frau Reithofer stürmt zur Ladefläche des Lasters, greift sich eine Handschaufel und kündigt an, in diesem Fall werde sie die Pflanzen eigenhändig vor der Vernichtung retten. Wenn sie das tue, ruft ihr der Mann hinterher, mache sie sich strafbar. Es sei nämlich grundsätzlich verboten, städtisches Eigentum umzugraben und zu entfernen. Herr Reithofer, der die Szene vom Wohnzimmerfenster aus verfolgt hat, ruft hinunter, man solle es ja nicht wagen, gegen seine Frau handgreiflich zu werden, sonst rufe er die Polizei oder werde notfalls selber handgreiflich. Der weitere Verlauf der Angelegenheit ist etwas wirr. POM Stangradl wird später als Zeuge aussagen, er sei in ein völlig entfesseltes Menschengewühl hineingeraten und von der Vermutung ausländerfeindlicher Ausschreitungen ausgegangen, die er unter Einsatz aller Kräfte notdürftig unterbunden habe, wobei ihm eine unbekannte Person mit einer Kehrschaufel eine erhebliche Verwundung am Hinterkopf zugefügt habe. Frau Reithofer hingegen wird feststellen, sie habe lediglich ihr Eigentum schützen wollen. Wie es geschehen habe können, daß dabei ein benzinbetriebener Rasenmäher vollständig zerstört, ein Fahrrad sowie zwei am Straßenrand geparkte Sportwagen erheblich beschädigt, der Inhaber des einen sowie ein Hundebesitzer, dessen Dackel, ein Postbote und zwei weitere Passanten unflätig beschimpft und mit Erde beschmutzt wurden, sei ihr unerklärlich. Da der Tathergang nicht zweifelsfrei zu klären ist und allen Beteiligten eine gewisse Teilschuld an dem Gesamtschaden angelastet werden muß, wird das Verfahren straf- und ergebnislos eingestellt, wofür sich Frau Reithofer beim Richter mit einer frisch geschnittenen Hyazinthe bedankt. e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer |
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