
![]() |
|
| hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief | |
|
VERHEIZT Seine Frau war anfangs skeptisch; schließlich gebe es in ganz Schwabing keinen Kohlenlieferanten mehr, ausreichende Mengen Holz seien schwer zu beschaffen und noch schwieriger zu lagern, und außerdem solle er zuvor zumindest den Bezirkskaminkehrermeister anrufen und fragen, ob das überhaupt legal ist. Das hat Herr Reithofer getan und erfahren, daß es dem Kaminkehrer und dem Gesetzgeber wurst ist, mit was er heizt, solange er keinen offenen Kamin benützt und keine alten Socken und Preßspanplatten verheizt. Also hat Herr Reithofer den Gashahn abgedreht, den Firlefanz vom Ofen entfernt und beschlossen, den freien Allerheiligentag zu nutzen, um im Luitpoldpark nach Heizmaterial zu suchen. Das erweist sich als schwierig. Was an Holz herumliegt, ist naß, moosig, faulig, schleimig, von Pilzen bewachsen, von Hunden angefieselt, sogar (wessen Herr Reithofer mit eigenen Augen Zeuge wird) vollgeseicht und bekotet oder überhaupt kein Holz, sondern verrotteter Müll. Zu allem Überfluß muß sich Herr Reithofer von Kindern bestaunen ("Mama, warum sammelt der Mann Hundescheiße?"), von Hundehaltern, Eichkätzchen und Krähen beschimpfen und von einem Parkgärtner dahingehend belehren lassen, daß es nicht gestattet sei, von lebendigen Bäumen Äste abzureißen. Demoralisiert macht er sich mit drei halbfeuchten Stöcken auf den Heimweg, quetscht sich zwischen den Möbelwagen, die wie alle vierzehn Tage die Straße blockieren, hindurch, ignoriert den zufällig des Weges kommenden Herrn Hammler und dessen Frage, ob er Schwammerl zu züchten gedenke, - und findet direkt vor der eigenen Haustür einen Haufen Altbretter, die er flugs in den Keller verschafft, in handliche Trümmer zersägt und ordentlich aufschichtet. Mit einem Stoß Scheitern unter dem Arm und einem schweren Triumphgrinsen im Gesicht stapft er in die Wohnung hinauf, postiert sich vor dem Ofen und widmet sich die nächsten zwei Stunden hingebungsvoll und fröhlich pfeifend der Tätigkeit des Einschürens - bis er von seiner Frau gestört wird: Ob er das ganze Haus in eine Sauna verwandeln wolle, fragt sie, und ob er das Läuten an der Tür nicht gehört habe, vor der ein Herr stehe, der etwas mit ihm besprechen wolle. Der Herr, ein Mann mittleren Alters in feinem Anzug, erklärt, er sei gerade aus Hannover angelangt, um in dieses Haus einzuziehen, und ob Herr Reithofer als offenbar einzig anwesender Mieter vielleicht mitbekommen habe, welcher der asozialen Umzugsunternehmer diebischerweise seinen erst vor zwei Wochen erworbenen friesischen Bauernschrank aus dem Spätmittelalter eingepackt und mitgenommen habe. Einen Moment lang ist Herr Reithofer sprachlos, dann erklärt er, er habe durchaus gar nichts gesehen, weil er mit Einheizen beschäftigt sei, wobei man ihn auch bitteschön nicht stören möge, und man lasse aber auch kein antikes Gerümpel auf der Straße herumstehen, um sich dann womöglich noch zu beschweren, wenn es ordnungsgemäß im Sperrmüll lande, und im übrigen gehe ihn das alles gar nichts an und seiner Meinung bleibe sowieso jeder am besten dort, wo er herkomme, dann gebe es auch keine Mißverständnisse. Nun ist der Herr aus Hannover sprachlos, und er bleibt es auch in der Folgezeit, wenn er Herrn Reithofer zufällig im Treppenhaus begegnet, was nicht oft vorkommt, denn schon als zum nächsten Monatswechsel die Umzugswagen vorfahren, trägt er die Reste seines Mobiliars wieder aus dem Haus und verzieht unbekannt. e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer |
|||
|
|
||||
|
|
||||
|
|
||||