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ERINNERUNGSSTÜCKE Herr Hammler hat sich mühsam einen Weg in das muffige Kellerabteil gebahnt und angefangen, herumzuwühlen und Sachen hinauszuschmeißen, um sie sodann in großen blauen Müllsäcken zur Aschentonne zu expedieren: einen alten Radio, eine Kiste voller Bierdeckel aus der Weimarer Republik, stapelweise aufgequollene Bücher in Fraktur, einen Lampenschirm samt Gewebekabel, etliche Paar Schuhe, die Frau Reibeis in ihrem vierundneunzigjährigen Schrumpelzustand höchstens noch als Ruderboot benützen könnte, einen angeschimmelten Koffer mit Aufklebern aus dem Engadin und Südtirol, einen verrosteten Vogelbauer, eine Holzkiste mit der Aufschrift "Augustiner=Bräu München", randvoll mit Postkarten, Photos und anderem Zeug, - und vielleicht hätte er die Kiste lieber nicht hinausschmeißen sollen, denn damit hat das Malheur angefangen. Frau Reibeis nämlich, die während seiner Räumungsbemühungen staunend und begeistert vor dem Kellerabteil stand, hat sich jetzt hingekniet und ebenfalls angefangen zu wühlen, und dabei hat sie eine Ansichtskarte von ihrer Tante Zenta aus Kroatien gefunden, von 1916. So etwas müsse man allerdings aufheben, hat sie beschlossen, schon wegen der Briefmarke und weil die Tante nun auch schon wieder 55 Jahre tot sei und weil es sich schließlich um eine Rarität handle aus einem Land, das es gar nicht mehr gebe. Kroatien, hat Herr Hammler gegrummelt, gebe es schon lange wieder, aber das sei freilich ihr Bier. Frau Reibeis hat nach einigem weiteren Wühlen rigoros die ganze Kiste in ihre Wohnung hinaufgewuchtet und ist gleich wieder hinuntergerumpelt, um die Modellschuhe zu suchen, die ihr ihre Schulfreundin Sidonie 1941 aus Paris geschickt hat und die aber leider schon in Herrn Hammlers blauem Sack verschwunden waren. Er könne doch nicht die guten Schuhe einfach wegwerfen, hat sie gesagt und sofortige Leerung der Tüte angeordnet, woraufhin sie dann den Radio ("Beromünster! Hach, denken Sie nur!"), die Schuhe ("Neue Sohlen sind schnell gemacht!"), drei leere Weinflaschen ("Damals mit meinem seligen Albert in der Wachau ..."), die Bierdeckelsammlung, Lampenschirm, Vogelbauer, Koffer, Bücher, die zerbeulte Kohlenschütte, ein paar alte Kleiderhaken, einen Satz Blechgeschirr, drei Strohhüte, Bilderrahmen, eine Porzellanpuppe sowie überhaupt alles, was da lag, in die Wohnung hinaufgeschleppt und gejauchzt hat, dies und das suche sie ja schon so lange und was man da alles finde und es sei doch wunderbar. Herr Hammler hat seinen blauen Müllsack wieder zusammengerollt, ihr bei den restlichen Sachen geholfen und daheim zu seiner Frau gesagt, die alte Kachel sei inzwischen vollkommen dement und er trinke jetzt ein Bier. Dazu ist es aber nicht gekommen, denn als Herr Hammler gerade das Haus verlassen wollte, um in den Augustinergarten zu radeln, hat es schon wieder geklingelt, und die alte Frau Reibeis hat gefragt, ob er ihr vielleicht mit den Kisten aus dem Speicher helfen könne, und da hat Herr Hammler gesagt, sie solle ihm den Buckel hinunterrutschen mit ihrem alten Gelumpe, und weil Frau Reibeis darum selbst Hand anlegen mußte und mit dem Buffetaufsatz die Treppe hinuntergefallen ist, wobei sie sich zwar nichts getan hat, aber das 44teilige Teeservice von ihrer Großtante Adelheid samt und sonders in Scherben gegangen ist, worüber Frau Reibeis so erzürnt war, daß sie die meisten anderen Sachen vor Wut aus dem Fenster auf die Straße geschmissen hat, von wo sie Herr Hammler dann aufsammeln und wieder in Speicher und Keller verfrachten mußte und deswegen den "Tatort" verpaßt hat - darum hängt jetzt der Haussegen einigermaßen schief. e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer |
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