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RÄTSELHAFTES BRUMMEN Frau Reitinger hat Frau Hammler erzählt, sie selber höre zwar keinen Brummton, von einem solchen seien aber in Schwaben tausende von Menschen betroffen, und es sei gewissermaßen erwiesen, daß es sich dabei um Außerirdische handle. Außerirdische gebe es überhaupt nicht, sagt Herr Hammler, außer denen, die vom Mond zurückkommen, und das seien ganz normale Leute, die schwitzen, in Tüten biseln und Tubenzeug essen, aber ganz bestimmt keinen Brummton absondern, den man noch in Schwabing hören kann. Seine Frau ist nicht überzeugt. Es werde sowieso alles immer verrückter; erst neulich habe ihr der kleine Fritzi aus dem dritten Stock erklärt, er werde sich jetzt, wo so was erlaubt sei, klonen lassen, weil er dann nicht mehr selber in die Schule gehen muß, sondern zum Baden fahren kann. Im Radio höre sie auch immer so merkwürdige Botschaften, und wenn dann noch der Brummton komme, möchte sie sich am liebsten nackt ausziehen und auf die Straße rennen, weil sie nicht mehr aus noch ein wisse. Er werde noch wahnsinnig, brüllt Herr Hammler. Es sei doch nicht zu fassen, daß sie ihm mit Gewalt seinen Sommer ruinieren müsse! Im Radio ertöne keine Botschaft, sondern Musik, die sich halt geändert habe in den letzten dreißig Jahren; der saudumme Fritzi werde jedes Jahr depperter, und sie sei schon so weit, daß sie sich von Kindern Märchen erzählen lasse und den Mist auch noch glaube, und jetzt gehe er sofort zum Stammtisch. Das solle er ruhig tun, brüllt Frau Hammler zurück. Er werde schon sehen, wo er hingerate, wenn er sich in Zeiten, wo das Klima tropisch werde und man ständig mit vierzig Grad und einem Torrago rechnen müsse, mittags schon besaufe. "Das heißt Tornado!" schreit Herr Hammler außer sich und schaltet den Fernseher an, in dem eine Talkshow mit Menschen läuft, die unerklärliche Geräusche hören. Sie solle halt beim Fernsehen anrufen, um sich vollends lächerlich zu machen! Dann beendet er die Diskussion, indem er in einem dringend nötigen, tiefen Mittagsschlaf fällt. Frau Hammler, die so etwas ansonsten nie tun würde, ruft tatsächlich beim Fernsehen an. Dort erklärt ihr eine flotte Frauenstimme, das Thema Brummton sei "durch", und ob sie nicht vielleicht eine homoerotische Sexbeziehung mit einem Haustier oder so etwas vorzuweisen habe. Entsetzt legt Frau Hammler auf, läßt sich aufs Bett fallen, stöhnt und möchte am liebsten schreien, tut es aber nicht, weil in diesem Moment der Brummton wieder anschwillt und sie diesen schon aus Beweisgründen nicht verpassen darf. Vielleicht ist sie inzwischen so daran gewöhnt, vielleicht ist auch der Schlafmangel übermächtig geworden; jedenfalls schläft sie nicht nur ein, sondern durch, und zwar bis zum nächsten Vormittag. Nachdem sie erwacht ist, dauert es eine ganze Weile, bis ihr auffällt, daß sich etwas verändert hat: Der Brummton ist verstummt und kehrt auch nicht wieder. Es wird noch länger dauern, bis sie in der Küchenschublade das Rührgerät findet, das ihr jemand zu Weihnachten geschenkt, das sie aber nie benützt hat, weil der Schneebesen praktischer ist. Wie es geschehen konnte, daß es sich von selbst eingeschaltet hat, ist ihr egal, denn jetzt sind die Batterien jedenfalls leer, und daß Frau Hammler ab und zu trotzdem noch über einen Brummton klagt, liegt daran, daß sie sich doch ein bißchen schämt. e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer |
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