
![]() |
|
| hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief | |
|
FISCH, EI UND BIER Als die Mama sagt, daß sie jetzt dann langsam den Fisch auftauen werde, stellt Onkel Rainer fest, daß er unter diesen Umständen auf keinen Fall in der Lage sei, einen Fisch zu sich zu nehmen, und schon gar nicht in der verstänkerten Wohnung. Der Fritzi sagt, er wolle sowieso lieber eine Pizza, und weil die Mama sagt, das komme überhaupt nicht in Frage, schreit er, dann gehe er eben zum Fußballspielen. Allerdings sind die neuen Fußballschuhe noch naß vom Donnerstag, weil da der Ball in den Eisbach hineingerollt ist, und einer hat ihn schließlich wieder herausholen müssen; also wühlt der Fritzi die alten Fußballschuhe aus der untersten Schublade im Kleiderschrank, und wie er aber hineinschlüpfen will, um zu prüfen, ob er noch nicht herausgewachsen ist, stellt er fest, daß er nicht hineinkommt, und zieht ein weiteres Ei heraus, diesmal ein rotes (das erste war blau). Das könne ja theoretisch auch ein neues sein, sagt er und will es aufschlagen, aber Onkel Rainer fährt mit einem Grollen wie eine anlaufende Kettensäge dazwischen, reißt ihm das Ei weg und schmeißt es zur offenen Balkontür hinaus. Der Schrei, der unmittelbar danach ertönt, klingt so sehr nach Frau Hammler, daß sich nun niemand die Balkontür zumachen traut, um nicht gesehen zu werden. Daß es tatsächlich Frau Hammler ist, erweist sich, als wenige Minuten später im Treppenhaus ein Riesengepolter und Geschrei anhebt und -schwillt, das in Sturmklingeln mündet und, da Onkel Rainer die Mama und den Fritzi handgreiflich am Öffnen der Wohnungstür hindert, nach einiger Zeit langsam wieder abebbt. Als der Fritzi gerade ungeduldig Entwarnung geben will (weil die erste Halbzeit bestimmt schon läuft), ertönen schwere Schritte und endlich die Stimme von Herrn Hammler, der "ein für allemal" klarstellt, daß man es sich nicht bieten lassen werde, "von Malefizhanswursten mit Stinkbomben und altem Dreck beschmissen zu werden". Als Antwort ist aus dem dritten Stock ein krächzendes "Ruhe!" von der alten Frau Reibeis zu hören, dem Herr Hammler wiederum entgegnet, sie müsse "ganz still sein". Warum und wie die Mama in dem ganzen Durcheinander den Fisch doch zum Auftauen aus dem Kühlschrank geholt und ihn dann aber mitsamt dem Teller in den Geschirrschrank geräumt hat, wo ihn Onkel Rainer auf der Suche nach einem Aschenbecher am Montag finden wird, bleibt vorerst offen. Daß Onkel Rainer daraufhin dem Fritzi das Fußballspielen verbieten will, ist auch nicht ganz leicht zu erklären; aber einen ernsthaften Versuch, das Verbot durchzusetzen, unternimmt er sowieso nicht, weil er auf die Frage der Mama, ob "jemand" einen Eierlikör will, drei Bier hintereinander trinkt, vor dem Fernseher einschläft und erst am Dienstag in der Früh wieder aufwacht, und da ist die Wohnung dann gut gelüftet (und die Gefahr auch für die Zukunft weitgehend gebannt, weil niemand daran gedacht hat, neue Eier zu verstecken). e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer |
|||
|
|
||||
|
|
||||