
![]() |
|
| hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief | |
|
JÄGER UND SAMMLER
Einen solchen Schmarren könne auch nur ein Japaner daherschwätzen, grummelt Herr Hammler. Ein Pilz, den er jahrelang beschwerdenfrei verzehrt habe, könne gar nicht giftig sein. Im übrigen müsse sie vom Vergiften ganz still sein, dazu habe ihre Familie seit jeher einen Hang; sie solle nur an ihre Großtante Anni denken, die dazumal ein Pfund Salz in den Strudel getan und ihn dann auch noch allein aufessen habe wollen. Wenn man sie nicht handgreiflich gehindert hätte, wäre sie an einer NaCl-Überdosis verschieden, die qualvoller sei als der schönste Knollenblätterpilz. Blödsinn, sagt seine Frau, es sei Tradition, daß die Köchin aufißt, was sie vermasselt, außerdem sei Salz ein Gewürz, ein Pilz hingegen im Notfall eine Krankheit, und wenn seine Familie in den Wald gehe, komme selten etwas Gutes heraus; er solle nur an seinen Onkel Xaver denken, der damals von einem Jäger erschossen wurde, weil der ihn aufgrund seiner Haartracht für einen Hirschen gehalten hat, der er im übrigen auch gewesen sei, genauso wie er selber, und er solle bloß nicht glauben, daß sie ihm das Zeug auch noch zubereite und womöglich Knödel dazu mache. Herr Reithofer zum Beispiel habe ihr neulich erzählt, er esse überhaupt keine Pilze, weil die seit Jahren nicht nur giftig, sondern auch noch radioaktiv seien. Herr Hammler braust nun ziemlich auf: Der depperte Onkel sei durchaus nicht mit ihm verwandt, sondern ein angeheirateter Gerstein aus Nederling gewesen, der Jäger so betrunken, daß er seinen Irrtum erst bemerkt habe, nachdem er den depperten Onkel ordnungsgemäß, wenn auch etwas schlampig, aufgebrochen gehabt habe, und der Herr Reithofer könne ihm auf den Hut steigen, das sei ein Beamter, der außer Kantinenzeug nichts mehr vertrage, und Radioaktivität sei eine Propagandalüge der grünen Chaoten, und außerdem müsse er schon deshalb unbedingt in die Schwammerl, weil es den Wald hinter der Panzerwiese sowieso nicht mehr lange gebe. Wenn bei der nächsten Wahl die CSU hinkomme, werde dort sofort gebaut, und zwar womöglich am Ende ein Atomkraftwerk. Und auf ihr Gekoche und ihre Knödel verzichte er gerne, weil, wie jedermann aus Michel Rudolfs grundlegender Pilzfibel wisse, man Pilze sowieso besser trocknen solle, als sie zu Rahmpampe zusammenzudämpfen. Und jetzt sei eine Ruhe, sonst komme er morgen wieder nicht aus dem Bett. Aus dem Bett kommt Herr Hammler am nächsten Morgen wohl, aber nicht aus dem Haus, denn auf der Treppe begegnet er Herrn Reithofer, der ein Fernglas um den Hals und ein zwar ledern verpacktes, aber deutlich identifizierbares Gewehr über den Schulter trägt, dazu auch noch »Im Wald, da sind die Jäger« pfeift, sich jedoch unterbricht, um Herrn Hammler zu fragen, ob er auch auf die »Pirsch« gehe, und, als er dessen Weidenkorb erblickt, ein leicht pikiertes Schweigen folgen läßt. Die Diskussion, die sich entspannt, wird recht laut und dauert bis weit in den Mittag hinein, woraufhin beide ihren Plan der eigentätigen Nahrungsbeschaffung auf »ein anderes Mal irgendwann« verschieben und sich lieber auf ein Versöhnungsbier ins Wirtshaus begeben, wo ihre neuentdeckte Seelenfreundschaft beim Anblick der Speisentafel (»Rehbraten mit frischen Pfifferlingen«) noch ein Stück weiter erblüht. e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer | pdf |
|||
|
|
||||
|
|
||||