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VERGLEICHSWEISE
Die hat so begonnen: Frau Reibeis ist, ihrem Alter entsprechend, nicht mehr besonders gut zu Fuß, und deshalb war ihr das Auto, das direkt vor dem Haus auf dem Gehsteig parkte und sie zwang, sich entweder für die Durchquerung des schlammigen Massivs von Hundekotbergen alias Grünstreifen oder das mögliche Aufreißen ihrer Bekleidung beim Vorbeipressen am Rauhputz der Hauswand zu entscheiden, nicht nur ein Ärger-, sondern ein ernstzunehmendes Hindernis. Sie entschied sich für den ersten Weg, da sich Schuhsohlen notfalls desinfizieren lassen, erschauerte unter dem lauten Wummern, das aus dem offensichtlich bewohnten Fahrzeug drang, und fiel nach kurzem Taumeln der Länge nach in den Dreck, als sich die Fahrertür sehr plötzlich öffnete. Aus dem Auto stieg ein Mann mit Aktenkoffer, der die hilflos am Boden zappelnde und sich dabei noch erheblicher verschmutzende, aber offenbar nicht wesentlich verletzte Frau kurz betrachtete, sich dann die freie Hand am Jacket abwischte, nach links und rechts sah und die Tür schloß. »Sind Sie okay!« sagte er forsch. Frau Reibeis hatte sich unter größten Mühen in eine annähernd sitzende Haltung aufgerappelt, ihre Stimme war jedoch aufgrund des Schocks vorläufig nicht einsatzfähig, weshalb ihre diesbezüglichen Bemühungen zunächst denen eines Fisches glichen, den es unversehens auf eine Sandbank gespült hat. Als sie dann etwas äußern konnte, war es im wesentlichen nicht druckreif, doch ist Frau Hammler, die zur gleichen Zeit auf dem Balkon stand und recht ausdauernd Wasser in Blumentöpfe tröpfeln ließ, unter anderem die Feststellung aufgefallen, »das« sei ja »wie beim Adolf«. Was da schon wieder los sei, fragt ihr Mann aus dem Wohnzimmer hinter seiner Zeitung hervor, und Frau Hammler berichtet: »Die alte Frau Reibeis hat gerade so einen Rüpel mit dem Hitler verglichen.« Das sei ja jetzt mal wieder groß in Mode, brummelt ihr Mann und fügt hinzu, ein Blödsinn sei es trotzdem, denn erstens könne sich die alte Schachtel sowieso nicht mehr an das tausendjährige Reich erinnern, und wenn sie es doch könne, dann falle ihr vielleicht auch wieder ein, was ihr eigener Gemahl zu jener Zeit getrieben habe. Frau Reibeis, die inzwischen, wenn auch leicht derangiert, wieder steht, muß sich von dem jungen Mann sagen lassen, er müsse sich so etwas nicht sagen lassen, denn er sei Demokrat und als solcher Mitglied einer entsprechenden Partei, und als sie in keifendem Ton erwidert, sie könne, wenn er wolle, auch einen Schutzmann alarmieren, brüllt der Mann, wegen eines kleinen Mißgeschicks müsse man sich nicht aufführen wie ein Nazi-Blockwart. Jetzt werde es kompliziert, meldet Frau Hammler. »Jetzt hat der junge Kerl die alte Frau Reibeis mit dem Hitler verglichen.« Herr Hammler stöhnt und schweigt. Dann wird es noch komplizierter: Der Zivildienstleistende, der Frau Reibeis mit Essen auf Rädern versorgt, kommt hinzu, des weiteren ein junges Ehepaar sowie eine alterslose, grellbunt verpackte Rollschuhfahrerin, die, da sie das Auto zu spät sieht, in dieses hineinrast, dabei einige Zähne und das Bewußtsein verliert und für eine leichte Verschiebung der Diskussionsgrundlage sorgt. Frau Hammler wendet sich ab, schließt die Balkontür und zieht die Gardine vor. Was denn weiter passiert sei, wenn überhaupt, fragt ihr Mann beiläufig (um seine aufkeimende Neugier zu verbergen). »Ach, was weiß ich«, sagt Frau Hammler, »ein Riesendurcheinander. Wie in der Räterevolution.« e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer | pdf |
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