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Einsam
am Strand des Lebens Zu
Lebzeiten kannte ihn in der weiten Welt der Popmusik so gut wie niemand.
Heute, 31 Jahre nach seinem Tod, fällt auf die Frage nach den einflußreichsten
Künstlern aller Zeiten kaum ein Name so oft wie der von NICK
DRAKE. Während
seines Studiums in Aix-en-Provence begann sich Nick Drake für die Literatur
französischer Symbolisten und Existenzialisten zu begeistern. Er rauchte
Haschisch, hörte Tim Buckley, Van Morrison und Randy Newman und schrieb
eigene Songs, die all diese Einflüsse verarbeiteten. Zugleich zog sich
der scheue Poet immer mehr von der Welt zurück, vermied körperlichen Kontakt
sogar mit Freunden und gab nur in seiner Musik Auskunft über sein Innenleben.
Auf der Bühne begleiteten ihn zwölf Streicherinnen in schwarzen Abendkleidern
und weißen Federboas. Eine bezeichnende Szene ereignete sich, als während
eines Auftritts sein Mikrofon ausfiel: Hingebungsvoll sang Nick einen
Song zu Ende, den niemand hörte. Auf
Empfehlung der Folkband Fairport Convention lernte Drake den Produzenten
Joe Boyd kennen, der von seinen Tapes überwältigt war. Das Debütalbum
„Five Leaves Left“ (benannt nach dem Warn-Zettel in Zigarettenpapier-Packungen)
erschien 1968. Drakes zerbrechlich-lyrische Songs, gelegentlich umrahmt
von verspielten Orchesterarrangements seines College-Freunds Robert Kirby,
begeisterten alle Kritiker und verkauften sich immerhin so gut, daß Drake
sein Studium aufgab, um nach London zu ziehen. "Ich bat ihn inständig,
die Sicherheit des Studiums nicht einfach so hinzuwerfen", erinnert
sich sein Vater, "aber er meinte, genau die Sicherheit sei das, was
er nicht wolle." Die
Tournee zum Album wurde für Nick Drake zur Tortur: Ganz allein saß er
am Bühnenrand auf einem Stuhl und sang mit gesenktem Kopf, unbemerkt vom
Publikum. Die Folge war ein weiterer Rückzug. Sein Zimmer in London -
nur von einer blanken Glühbirne beleuchtet und im Winter so kalt, daß
ein Aufenthalt nur mit Decken am Ofen erträglich war - begrenzte fortan
die Welt des Songwriters. Dort entstanden die Songs für "Bryter Layter",
aufgenommen mit einer "richtigen" Band und für Drakes Verhältnisse
überraschend "fröhlich". Obwohl die Kritik wiederum jubelte,
wurde das Album zum kommerziellen Desaster. Nicht genug damit, verkaufte
zudem Joe Boyd, Drakes einziger wichtiger Freund, sein Label an Island
Records, um nach Los Angeles zu ziehen. Depressionen waren fortan ständige
Wegbegleiter des dünnen, blassen Song-Poeten, dessen Eltern ihm dringend
rieten, einen Psychiater aufzusuchen. Er lehnte zunächst ab, aus Angst,
sich vor Bekannten zu blamieren, fügte sich aber, als Boyd ihn darum bat.
Die Antidepressiva, die Nick Drake fortan immer wieder in großen Mengen
nahm, um sie dann wieder für einige Zeit trotzig abzusetzen, besserten
seinen Zustand nicht: Drei düstere Jahre verbrachte er damit, in dunklen
Zimmern herumzusitzen, aus dem Fenster oder auf seine Schuhe zu starren.
Er zog sich ins Haus seiner Eltern zurück, hielt sich von Menschen fern
und sprach mit niemandem. "Ich kann nicht mehr", sagte er seinem
Freund Brian Wells. "Ich habe keine Kraft mehr." Seinen Eltern,
die ihn oft tagelang verzweifelt suchten, während er durch die Gegend
streifte, erzählte er: "Die ganze Zeit fließt Musik durch meinen
Kopf. Aber ich kann sie nicht festhalten." Chris Blackwell, der Chef seiner neuen Plattenfirma, stellte Drake schließlich sein Haus an der spanischen Küste zur Verfügung, dort besserte sich sein Zustand kurzzeitig etwas. Gleich nach seiner Rückkehr nach England entstanden in zwei Nächten die Aufnahmen zu "Pink Moon", das nicht nur Robert Kirby für Drakes Meisterwerk hält. Dunkel, irritierend und nackt klingen die Songs, verzweifelt ohne den Trost des Selbstmitleids die Texte, die Nick schrieb, während er erneut in die persönliche Katastrophe schlitterte: "Er war so verwirrt, daß er hilflos am Straßenrand stand", erinnert sich Kirby, "weil er nicht hinübergehen konnte." "Pink
Moon", dessen Bänder Nick Drake auf die Türschwelle seiner Plattenfirma
legte, weil er sich in das Büro nicht hineintraute, sollte sein Abschied
vom Musikgeschäft werden. Der vorzeitig Gealterte verbrachte einige Zeit
in einer psychiatrischen Klinik und zwang sich danach zu regelmäßigen
Besuchen bei Freunden, wo er dann schweigend saß. Auf Sheila Woods mutige
Frage, wieso er sich nicht umbringe, wenn er so unglücklich sei, antwortete
er: "Das wäre zu feig. Außerdem habe ich nicht den Mut dazu." Ein
Versuch, zur Armee zu gehen, scheiterte ebenso wie der Plan, Studiomusiker
oder Computerprogrammierer zu werden. Neue Songs entstanden nicht, weil
Drake den völligen Mißerfolg seiner Alben weder verstehen noch verdauen
konnte. Zwar verachtete er Geld so sehr, daß er sogar vermied, welches
bei sich zu tragen. Daß das Anliegen seiner Poesie, die Sicht der Menschen
auf die Welt und sich selbst zu verändern und verfeinern, so wenig Widerhall
fand, enttäuschte ihn jedoch maßlos. "Seine Alben waren sagenhaft
gut, aber niemand hat sich je um ihn gekümmert", erinnert sich der
Platten-Mogul David Geffen. "Ich wollte ihm helfen, aber seine Plattenfirma
hat mich so lange hingehalten, bis es zu spät war." Schließlich
fand Drake doch die Kraft, vier Songs aufzunehmen, die zu seinen brillantesten
und zugleich erschreckendsten gehören. "Ich finde keine Worte mehr",
verabschiedete er sich nach den Studio-Sessions von John Wood, seinem
Produzenten. "Ich fühle nichts. Ich will weder lachen noch weinen.
Ich bin innerlich tot." Danach
machte der 26jährige plötzlich Pläne: Er reiste nach Paris und verlebte
den Sommer 1974 in einem Hausboot auf der Seine. Eigene Platten wollte
er nicht mehr aufnehmen, aber Songs für andere Interpreten schreiben,
worum ihn unter anderen Francoise Hardy gebeten hatte. Und zum ersten
Mal seit Jahren sah seine Mutter Molly Nick Drake bei seiner Rückkehr
"richtig glücklich. Es war so aufregend, so erleichternd und hoffnungsvoll." Am
25. November 1974 fand Molly Drake ihren Sohn tot im Bett, gestorben an
einer Überdosis Tryptizol, das ihm gegen Depressionen und Schlaflosigkeit
verschrieben worden war. Gegen einen Freitod spricht nicht nur, daß Drake
keine Zeile des Abschieds hinterließ: Kurz zuvor hatte er seiner Mutter
aus Paris Albert Camus’ "Mythos von Sysiphos" mitgebracht. Der
französische Existenzialist vergleicht darin das Leben mit Sysiphos’ endlos
vergeblichem Versuch, einen schweren Stein einen Berg hinauf zu rollen.
Worum es gehe, so Camus, sei nicht das Erreichen des Ziels. Der Sinn des
Lebens ist der Versuch, die Anstrengung, die Suche. e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer |
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