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Die Diva der gebrochenen Seelen Sie hat die ganze Popgeschichte miterlebt – wie der Ball ein Fußballspiel miterlebt. Zwanzig Jahre nach ihrer triumphalen Wiedergeburt mit »Broken English« widmet sich MARIANNE FAITHFULL nun wieder der Popmusik. Michael Sailer besuchte sie bei den Proben zu ihrer aktuellen Tournee.
Da
ich der einzige Zuhörer bin – abgesehen von zwei Tonleuten und Mariannes
Manager –, ist meine Ankunft das Startsignal für eines der kuriosesten
und zugleich anrührendsten Konzerte, die ich je erlebt habe. Nachdem
sich Marianne zunächst geweigert hat, Ansagen mitzuproben, dauert es
dann ungefähr 20 Sekunden, bis sie im Intro zu »Broken English«, dem
Titelsong ihrer nach wie vor bekanntesten LP, die Band vorstellt. Ihre
Stimme, das ist vom ersten Ton an klar, ist so etwas wie ein guter Rotwein:
Sie wird solange immer besser, bis sie irgendwann umkippt. Das kann
nächstes Jahr passieren oder erst in 30 Jahren. Bis dahin bleibt Marianne
musikalisch ein naives Kind im Körper einer gealterten, mißbrauchten,
gestrandeten, wiedererstarkten und stolzen Frau. Ihre Tanzschritte sehen
so aus, wie man sich vorstellt, daß auf Filmparties und Atelierfesten
der mittleren 60er getanzt worden ist. Dabei schließt sie die Augen
und scheint sich in jene Zeit zurückzuträumen, und tatsächlich strahlt
in solchen Momenten eine Jugendlichkeit aus ihrem Gesicht, die weder
die Katastrophen der letzten 30 Jahre noch die Jahre selbst antasten
konnten. Von der
Vergangenheit nahtlos in die Zukunft: »Vagabond Ways«, der Titelsong
des neuen Faithfull-Albums, macht neben den Einflüssen ihrer Beschäftigung
mit der Musik von Kurt Weill eine Qualität deutlich, die man Marianne
Faithfull für gewöhnlich nicht zuschreibt: Ironie, von Barry Reynolds
geisterhaft schöner Slide-Gitarre in ein prächtiges Gewand aus samtener
Melancholie gehüllt. Ein kurzer Plausch in der Pause, dann geht es zurück
an die Arbeit. Das Programm, durch das Marianne ihre größtenteils ein
bis zwei Generationen jüngere Band treibt wie eine freundliche, manchmal
strenge Lehrerin, ist eine Rundreise durch alle Stationen ihrer Pop-Karriere:
von »Come And Stay With Me« vom allerersten Album über Obskuritäten
wie »Dreaming My Dreams« von »Faithless« (1975 sieben Wochen Nr. eins
in Irland, im Rest der Welt kaum bemerkt) bis zu ganz Neuem. Die Auswahl
erfolgte beim Wiederhören: »Die
gehören alle« (ihrem Manager) »Francois«,
sagt Marianne zu dem CD-Stapel mit ihrem Gesamtwerk, der neben dem Sofa
steht. »Schon komisch, so ein Haufen Arbeit, dabei
hat es sich nie wie Arbeit angefühlt.« Kein Wunder, daß das Set
noch viel zu lang ist und schweren Herzens gekürzt werden muß.
Mit
dem krautigen Glimmstengel im Mund versammelt Marianne ihre Band wieder
um sich und kündigt den nächsten Song an. Auf Barrys erstaunten Blick
wegen des eigentümlichen Geruchs bekommt er eine Rauchwolke ins Gesicht
geblasen und spielt unter allgemeinem Gelächter die Anfangssequenz von
»The End« von den Doors. Das folgende »Wilder Shores Of Love« bricht
Marianne nach zwei Strophen ab, aber nicht etwa, weil sie was zu meckern
hätte, sondern weil sie jetzt in Schwung kommt: »Können wir noch mal anfangen? Ich glaube, jetzt sind wir da, wo wir hinwollten
...«
e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer |
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