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Tod on tour Alkohol und Drogen waren dabei, seine Karriere zu ruinieren. Um zu retten, was zu retten war, machte sich HANK WILLIAMS auf den Weg zu einem Comeback-Konzert. Die Reise wurde zum Sinnbild seines Lebens - mit einem ebenso grotesken wie tragischen Ende.
1952 brachte Hank Williams nach drei Jahren sagenhaften Erfolgs und ununterbrochener Präsenz in den Single-Top-ten eine Kette von Rückschlägen und Abstürzen. Der Sänger, Gitarrist und Songwriter, von dem niemand genau sagen kann, wieviele Lieder er wirklich geschrieben hat - seine eigene Schätzung liegt bei 500 -, hat sich im Januar von seiner Frau Audrey getrennt, die auch seine Managerin war und den gemeinsamen Sohn Randall Hank jr. nach der Scheidung bei sich behält. Seither ist die dunkle Seite in Williams, zuvor im Auge der Öffentlichkeit meist vom Erfolg überstrahlt, deutlicher als je zum Vorschein gekommen. Der Sohn eines Weltkriegssoldaten, ohne Vater aufgewachsen und zeit seines Lebens infolge einer unbehandelt gebliebenen Rückenmarkskrankheit (Spina bifida occulta) von quälenden Schmerzen, mentalen Störungen und zunehmender Inkontinenz geplagt, hat, obwohl seine Platten nach wie vor gut laufen, im August wegen seiner notorischen Sauferei den mühsam erlangten Platz in der wichtigsten Country-Institution der USA, Nashvilles Grand Ole Opry, verloren und ist wieder dort gelandet, wo alles begann: auf der Straße, beim Tingeln von Club zu Club. Er will, er muß beweisen, daß er nicht am Ende ist, daß er den Dämon besiegen kann. Die Flasche Whiskey, die Hank dabei hat, ist in dieser Angelegenheit allerdings kein guter Begleiter.
Auf der Geburtsurkunde stand ein falscher Name: "Hiriam" Williams hieß in Wirklichkeit Hiram, aber auch dieser Name gefiel dem Jungen nicht, der am 17. September 1923 in einer Blockhütte nahe der Kleinstadt Georgiana, Gemeinde Mount Olive, im US-Südstaat Alabama zur Welt kam, und sobald er richtig sprechen konnte, nannte er sich Hank. Vielleicht auch, um weitere Fehler zu vermeiden, denn richtig schreiben lernt Hank Williams sein Leben lang nicht. Hanks Eltern sind einfache Leute. Vater Elonzo "Lon" Huble Williams ist Holzarbeiter, Mutter Jessie Lillybelle "Lilly" Skipper Williams hütet Hank, seine zwei Jahre ältere Schwester Irene (ein zweiter Bruder ist kurz nach der Geburt gestorben) und das Haus, das nie lange dasselbe ist, weil Lons Job häufige Umzüge innerhalb Alabamas erzwingt. Hank ist vier Jahre alt, als sein Vater, der unter den Nachwirkungen eines Gasangriffs während seiner Zeit als Soldat im Ersten Weltkrieg leidet, in ein Hospital für Veteranen eingeliefert wird; während der zehn Jahre, die er dort verbringt, läßt sich Lilly scheiden.
1937 zieht die Familie nach Montgomery, wo Lilly in der S. Perry Street eine kleine Pension eröffnet und sich als Managerin ihres Sohnes betätigt. Der gewinnt seinen ersten Talentwettbewerb und gründet seine erste Band, die Drifting Cowboys, die auch seine einzige bleiben wird, allerdings in dauernd wechselnder Besetzung. Die Alabama-Clubs der späten 30er haben wenig mit heutigen Konzerthallen gemein, und so ist es naheliegend, daß Hank als Bassisten den ehemaligen Ringer Cannonball Nichols engagiert. Und obwohl er es schon bald zu einer gewissen lokalen Bekanntheit gebracht hat, ist seine Mutter mit Hanks Karriereeifer ebensowenig zufrieden wie Audrey Mae Sheppard, die er als Teilnehmer einer "Medicine Show" kennenlernt und im Dezember 1944 heiratet. Ihr gelingt es, den Schüchternen zu einer Fahrt nach Nashville zu überreden, wo Hank am 14. September 1946 den Produzenten Fred Rose kennenlernt. Gekannt hat Williams Rose schon vorher: Dessen Song "Death Is Only A Dream" bleibt für alle Zeiten sein Lieblingslied. Rose nimmt Hank unter Vertrag. Am 11. Dezember entstehen die ersten Aufnahmen für das kleine Label Sterling, dann verschafft Rose seinem Schützling einen Vertrag mit MGM und schickt ihn nach dem ermutigenden Erfolg der Single "Move It On Over" 1948 mit dem "Louisiana Hayride", einer prestigeträchtigen Radioshow und fahrenden Konkurrenz zur Grand Ole Opry, auf Tournee. Der Rest ist Musikgeschichte: 1949 nimmt Williams gegen Roses Rat Emmett Millers 24 Jahre alten Jodler "Lovesick Blues" neu auf - die Platte steht 16 Wochen lang auf Platz eins der US-Country-Charts, bleibt ein Jahr lang in den Hitlisten und ist der Anfang einer Hitserie, die drei Jahre lang anhält und dem Mann, der von sich sagt, er habe außer Songwriting keine Hobbies und sei nur daran interessiert, einfache, ehrliche Geschichten zu erzählen, ein Jahressalär von astronomischen 200.000 Dollar einbringt - ihn aber auch durch häufige Reisen von zu Hause und der Familie entfremdet. Immer öfter ertränkt Williams seinen Kummer, fällt von der Bühne, vergißt Texte oder taucht zu Konzerten erst gar nicht auf, bis ihn im Herbst 1952 auch seine Band und sein väterlicher Partner Fred Rose sitzenlassen. Im Oktober sagt er zu der 19jährigen Polizistentochter Billie Jean Jones: "Wenn du noch nicht verheiratet bist, wird dich der alte Hank heiraten" - der Traum vom neuen Familienglück ist von kurzer Dauer. Vielleicht hat er das Ende geahnt: Am 20. Dezember erscheint die Single "I'll Never Get Out Of This World Alive". Sie erreicht Platz eins der Billboard-Country-Charts, aber der Triumph kommt für Hank drei Tage zu spät.
Wo und wann Hank Williams wirklich gestorben ist, wird sich nie mehr feststellen lassen. Zu seinem Begräbnis am 4. Januar strömt die größte Menschenmenge, die Montgomery je gesehen hat; obwohl die Trauerfeier ins City Auditorium verlegt wird, ist die Straße schwarz vor Menschen, die keinen Platz bekommen haben. Aber als Hank starb, war er wahrscheinlich der einsamste Mensch der Welt. "I'm So Lonesome I Could Cry" heißt einer seiner größten Songs.
Und dann ist da noch die Belegschaft des Andrew Johnson Hotels in Knoxville, die sich nicht von dem Glauben abbringen läßt, Hank Williams habe das Hotel in jener Silvesternacht gar nicht mehr verlassen. Immer mal wieder, so wird berichtet, ist nachts in den Gängen des Hotels seine leise, traurige Stimme zu hören, die "Death Is Only A Dream" singt. e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer |
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