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60
Minuten im Hyperraum
Blur,
München Bryggerie, Stockholm
Wer
die Stockholm-Beschreibungen in den Krimis von Maj Sjöwall und Per
Wahlöö kennt, braucht sich nur die Buchstaben von den Seiten
wegzudenken, um einen relativ genauen optischen Eindruck davon zu haben,
wie die schwedische Hauptstadt und ihr Umland gegen Ende des Winters aus
der Luft aussehen: strahlend weiß und unberührt (abgesehen
von schüchternen grün-schwarzen Baumgruppen, die höflich
und bescheiden unter sich bleiben), überflutet von einem Sonnenlicht,
dessen Intensität trotz Minusgraden an Badekleidung denken läßt.
Eine schöne Koinzidenz,
daß ausgerechnet hier das sechste Blur-Album seine Live-Premiere
erleben soll. Denn ähnlich makellos und rein schlüpfte die Band
vor zwei Jahren aus dem Brit-Pop-Sumpf heraus und legte, statt sich wie
geplant aufzulösen, mit dem angemessen betitelten Album "Blur"
einen zweiten Karrierestart hin, der sich höchstens noch mit der
Wiedergeburt der Manic Street Preachers vergleichen läßt. "Blur"
wurde das bis dahin erfolgreichste Album, und die schnell abgelutschte
Britpop-Routine von "The Great Escape" ist heute ebenso wie
die Charts-Rivalität mit einer Band namens Oasis nur noch eine Fußnote
der Geschichte.
Nur
für die, die meinen, so was schon erwartet zu haben: Das neue Album
"13" ist ein Sprung nach vorne (und zur Seite), dessen Spannweite
durchaus den Gedanken plausibel erscheinen läßt, man habe dazwischen
elf Alben übergangen. Das Promo-Cover ist weiß wie jenes berühmte
Doppelalbum, und der Vergleich ist gar nicht mal so schwach auf den Beinen.
Das zeigt sich auch live: Blurs Set ist ein solcher Wirbelsturm von völlig
entgleistem Lärm-Crescendo, betäubender Ruhe und einem Zeitraffer-Durchlauf
so ziemlich aller Pop-Stil- und Spielarten, die man sich denken kann,
daß man größtes Verständnis dafür aufbringt,
wenn Damon Albarn seiner alten Gewohnheit treu bleibt und zwischendurch
immer mal wieder den falschen Song ankündigt.
Es beginnt mit der
Single "Tender", für die Alex James eigens seinen Kontrabaß
auf die Bühne geschleppt hat, den er nach der extended version des
Britgospel-Hits dann gleich wieder nach hinten reicht. "Tender"
ist grandioser Anfang und Alibi zugleich: Für die, die glauben, Blur
könnten vor lauter Experimenten keine Ohrwürmer mehr schreiben,
haben sie in den Song gleich drei verschiedene Refrains reingepackt und
dafür auf Strophen verzichtet.
Danach
bricht ein Orkan los, der den Verdacht nahelegen könnte, da stünden
in Wirklichkeit nicht vier, sondern mindestens vierzig Musiker auf der
Bühne, die nach den Kommandos eines unsichtbaren Dirigenten scheinbar
einfach durcheinander spielen, während sich das Chaos im Ohr des
verblüfften, konsternierten, begeisterten Hörers zu einer unerhörten
Form neuer Musik sammelt, von der Punk-Raserei in "B.L.U.R.E.M.I."
bis zum Space-Zydeco in "Swamp Song". Obwohl von Anfang bis
zum abschließenden Tränendrüsen-Abschied "No Distance
Left To Run" nur neue Songs ertönen, tobt das größtenteils
minderjährige Publikum ebenso vor Begeisterung wie die Band selbst,
deren halsbrecherisches Herumgehüpfe den Sanitätern am Bühnenrand
Fracksausen verursacht. Abgesehen von Alex James, der sich unter dem Einfluß
seines aktuellen Lieblingsgetränks Absinth offenbar in eine Abform
des frühen Nicky Wire verwandelt hat und nur neblig grinst, wenn
ihm immer mal wieder ein freundlicher Mittelfinger entgegengestreckt wird.
Musikalisch wird vor allem eines deutlich: So erfreulich und gelungen
der Versuch ist, das neue Album von dem absolut "un-rocknrolligen"
William Orbit produzieren zu lassen – zu ihrer ganzen Wucht und Größe
wachsen die Songs erst live, wenn alles aus dem Ruder läuft.
Die Zugaben werden
dann doch noch zum Trip in die Vergangenheit, allerdings verläuft
auch diese Reise nicht auf gewöhnlichen Pfaden: Auf "Beetlebum"
folgen mit "No Other Way" und "Popscene" zwei Uralt-Singles
in Warp-13-Versionen, die kaum noch wiederzuerkennen sind. "Song
2" bildet den Abschluß einer berauschenden Raserei, nach der
mancher noch lange erschöpft und verwirrt im längst beleuchteten
Saal sitzen bleibt.
Den
perfekten Kontrast liefert die After-Show-Party im angesagten "Spy"-Club:
Da stehen Horden von jenen businessüblichen Typen rum, die aussehen,
als wären sie im letzten Leben Roadies bei Showaddywaddy gewesen,
und alle zehn Minuten "Hu! Hu!" schreien, weil sie alles mögen,
was alle mögen, und lassen mit verbissenem Grinsen den geilsten und
wahnsinnigsten Lärm der Menschheitsgeschichte noch einmal in Studioversion
über sich ergehen, und unüberlesbar steht auf ihre Hinterköpfe
geschrieben: "Oh Gott! Das steh‘ ich auch noch durch!" Mittendrin,
weitgehend unbemerkt: Damon, er strahlt und plaudert und ist einer der
wenigen ganz normalen Menschen.
Und für den Moment
sind Blur das, was sie früher immer sein wollten, aber erst sein
können, seit sie es nicht mehr wollen: die beste Band der Welt.
e-mail:michael
sailer | impressum
| © Michael Sailer
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