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Chaos-Tage in London Das legendäre Jahr 1968 gilt vielen als Geburtsstunde der modernen Pop- und Rockmusik. Hauptverantwortlich dafür sind die BEATLES, die mit ihrem »Weißen Album« acht Jahre vor Punk alles Bekannte auf den Kopf stellten – auch sich selbst. Ein
ganz normaler Januar, der sechste, den John Lennon, Paul McCartney,
George Harrison und Ringo Starr zusammen als Beatles erleben: »Hello
Goodbye« führt die englischen Charts an, John und Paul geben Interviews
über ihren geplanten »Apple«-Konzern, George fliegt zu einem ersten
Kurz-Trip nach Indien, Ringo probt für einen Auftritt in Cilla Blacks
TV-Show im englischen Fernsehen. Zwölf Monate später werden fast alle
existierenden Ehen, Partnerschaften, Geschäftsbeziehungen, sogar die
Band selbst geschieden, gescheitert, geplatzt oder in Auflösung begriffen
sein. 1968 wird als Jahr der Triumphe, Tragödien, Katastrophen und Verirrungen
in die Beatles-Geschichte eingehen. Doch
greifen wir nicht vor: Anfang des Jahres ist die kreative und menschliche
Partnerschaft der Fab Four krisenfrei. John und Paul versuchen sich
sogar gemeinsam als Produzenten für die Band Grapefruit, deren erste
Single »Dear Delilah« im Januar erscheint, drei Tage vor der Eröffnung
der ersten »Apple«-Zentrale im Londoner Stadtteil Marylebone. Gleichzeitig
arbeiten die Beatles an ihrer nächsten Single »Lady Madonna« und nehmen
diverse Songs für ein Album mit dem Arbeitstitel »Get Back« auf: »The
Inner Light«, »Across The Universe«, »Hey Bulldog«. Am 16. Februar fliegen
John und George mit ihren Ehefrauen Cynthia und Patti nach Indien, um
den Guru Maharishi Mahesh zu besuchen. Ringo und Paul folgen drei Tage
später, ebenfalls in weiblicher Begleitung. Der bärtige Guru schenkt
George zu seinem 25. Geburtstag eine Weltkarte aus Plastik. Während
die Band in Rishikesh weilt, wird unter wütenden Fan-Protesten der Liverpooler
Cavern-Club geschlossen, wo die Karriere der Beatles begann. Ein Omen? Die
getrennte Rückkehr nach London wird von einigen Beobachtern als Krisenzeichen
interpretiert: Ringo kommt als erster, um mit Elizabeth Taylor und Richard
Burton bei der Premiere des Films »In 80 Tagen um die Welt« das zu tun,
was er am liebsten tut: ausgiebig feiern. Zum Beispiel die vier Grammys,
die die Band am 9. März für »Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band«
bekommt. Paul
und Jane Asher folgen zwei Wochen später, als »Lady Madonna« gerade
Platz eins der Charts erreicht. Und am 12. April ist auch der Rest von
Band und Anhang wieder in London – enttäuscht vom Guru, der angeblich
die Schauspielerin Mia Farrow tätlich angegriffen hat, wendet man sich
dem gewohnten Leben zu: Am 20. April erscheint die berühmte »Apple«-Anzeige,
die um Demo-Bänder bittet, um die Einsender zu Millionären zu machen.
Tags darauf wird in London ein plausiblerer Grund für die Abreise aus
Indien bekannt: Die Beatles haben die drei Prüfungen der »Akademie für
Transzendentale Meditation« nicht bestanden und daher kein »Guru-Diplom«
erhalten. Die
»Apple«-Pläne werden nun zum Zentrum der Beatles-Aktivitäten: Johns
früherer Schulfreund Ivan Vaughan soll das »Apple«-Kinderheim leiten,
die »Apple«-Boutique erregt Aufsehen mit einem psychedelischen Wandbild,
John und Paul machen in New York Werbung für ihren Phantasie-Konzern.
Die erste Aufsichtsratsversammlung findet in einer chinesischen Dschunke
statt, die die Freiheitsstatue umsegelt. Amerika applaudiert den Firmengründern
in der »Johnny Carson Show«, ist jedoch weniger begeistert von Johns
Aussage in einem Fernsehinterview, der Vietnamkrieg sei eine »Angelegenheit
von Wahnsinnigen«. Ab
Ende Mai geht es dann endlich wieder um Musik: Am 30. beginnen im Studio
zwei in Abbey Road die Aufnahmen für ein neues, noch (und weiterhin)
unbetiteltes Album mit zwei programmatischen Tracks: »Revolution 1«
und »Revolution 9«. Gast im Studio ist ein ganz neues Gesicht im Beatles-Dunstkreis:
die japanische Filmemacherin und Aktionskünstlerin Yoko Ono. Die
Aufnahmen gestalten sich schwierig, weil jeder der vier mit einem ganzen
Berg fertiger Songs ankommt und von Produzent George Martin verlangt,
jeder einzelne davon müsse aufgenommen und veröffentlicht werden. Erstmals
hat sogar Ringo eigene Kompositionen dabei, von denen es jedoch nur
»This Is Some Friendly« unter dem Titel »Don’t Pass Me By« aufs Album
schafft. Resultat
der kreativen Explosion sind eine ganze Reihe von Neuerungen. Erstmals
sind Gastmusiker wie Eric Clapton (auf George Harrisons »While My Guitar
Gently Weeps«) dabei, erstmals singt eine Frau (Yoko Ono auf »The Continuing
Story Of Bungalow Bill«), und vor allem: Erstmals nehmen alle Beatles
getrennt voneinander Songs auf, teilweise ohne die anderen auch nur
zu informieren. So sind bis zu drei Studios gleichzeitig in Betrieb,
und so kommt es auch zum bis dahin größten Eklat der Bandgeschichte:
Anfang August erwischt Ringo Paul dabei, wie er für einen seiner Songs
selbst Drums aufnimmt, und erklärt seinen sofortigen Austritt aus der
Band. Die
Aufnahmen behindert das bezeichnenderweise nicht sonderlich. Ohnehin
waren Ringo und George schon Anfang Juni erstmals den Aufnahmen für
eine ganze Woche ferngeblieben, um in den USA für Ravi Shankars Film
»Raga« vor der Kamera zu stehen. Als die australische BBC am 11. Juni
die Beatles bei den Aufnahmen filmt, ist überhaupt nur Paul da und nimmt
seinen »Blackbird« auf. John Lennon wohnt inzwischen (erstmals öffentlich
begleitet von Yoko Ono) der Premiere der Theaterbearbeitung seines Buches
»In His Own Write« bei, George produziert eine Platte für Jackie Lomax.
Immerhin sind Ende Juni fünf Songs einigermaßen fertig: »Revolution
1«, »Revolution 9«, »Don’t Pass Me By« und »Blackbird«. 365
weiße Luftballons verkünden am 1. Juli die Eröffnung der Kunstausstellung
»You Are Here (To Yoko From John Lennon, With Love)« in der Fraser Gallery
in Mayfair. Vier Tage darauf verkauft John seinen weltberühmten, »psychedelisch«
lackierten Rolls Royce, eine Woche später sein Haus, die BBC sendet
erste Ausschnitte aus dem Zeichentrickfilm »Yellow Submarine«, und am
Horizont ziehen die ersten dunklen Wolken über »Apple« auf. Und über
den Beziehungen von Paul und John: Während die Beatles eine über 27minütige
Version von »Helter Skelter« aufnehmen, verkündet Jane Asher am 20.
Juli im Fernsehen ihre Trennung von Paul. Eine Woche später schließt
die »Apple«-Boutique und verschenkt ihr Inventar. Paul nützt den leeren
Laden als Werbefläche, indem er die beiden Titel der nächsten Beatles-Single
aufs Schaufenster schmiert: »Hey Jude« und »Revolution«. Am 22. August,
Ringo hat gerade die Band verlassen, reicht Cynthia Lennon die Scheidung
ein. Die Aufnahmen laufen nun auf Hochtouren, und die bei allen Sessions
anwesende Yoko Ono ist unübersehbar schwanger. Am 30. August erscheint
»Hey Jude«, verkauft sich innerhalb von drei Tagen über eine Million
mal und bleibt während der ganzen restlichen Aufnahmen ununterbrochen
auf Platz eins der englischen Charts. Als
Ringo am 5. September nachgibt und wieder ein Beatle wird, findet er
sein Schlagzeug mit einem Berg von Blumen überschüttet. Die ersten Aufnahmen
der wiedervereinigten Band mit »Aushilfsproduzent« Chris Thomas (George
Martin ist in Urlaub) sind 17 völlig entfesselte Versionen von »Helter
Skelter«, darunter auch die endgültige. Danach wird getrennt und gemeinsam
praktisch ohne Pause wie besessen weitergearbeitet, bis John Lennon
schließlich (zum ersten Mal ganz alleine) am 13. Oktober »Julia« als
32. und letzten Song aufnimmt. Am 14. Oktober ist das Album »The Beatles«
fertig, aber die Arbeiten am Mix ziehen sich noch einige Tage hin. Während
dieser Zeit entsteht auch gleich noch die Musik zu »Yellow Submarine«. Am
18. Oktober werden John und Yoko nach einer Durchsuchung ihrer Wohnung
am Montague Square wegen Drogen verhaftet und tags darauf auf Kaution
entlassen. Zwei Tage nach der Ankündigung, sein Kind von Yoko komme
im Februar zur Welt, ist John geschieden; am 31. Oktober zieht Linda
Eastman mit ihrer Tochter bei Paul ein. Israelische und arabische Radiostationen
senden Friedensappelle von John und Yoko, die inzwischen gemeinsam Aufnahmen
machen – im Queen Charlotte’s Hospital, wo John auf dem Boden übernachtet.
Am 11. November erscheint »Unfinished Music No.1 – Two Virgins«, zehn
Tage später nimmt John die letzten Herztöne seines sterbenden Sohnes
auf. Kaum jemand achtet darauf, daß inzwischen Ringo und George eigene
Musikverlage gegründet haben. »The Beatles« kommt am 22. Oktober in
die Läden und verkauft sich innerhalb einer Woche zweimillionenmal. Daß
sich die Beatles den Überredungsversuchen ihres Produzenten, den Song-Berg
auf ein Album zu reduzieren, widersetzt haben, erweist sich als Glücksfall:
Mit 30 Tracks (nur »What’s The New Mary Jane« und »Not Guilty« fallen
weg, »Etcetera« bleibt unfertig liegen) ist »The Beatles« das erste
klassische Doppelalbum der Popgeschichte, das die Turbulenzen seiner
Entstehungszeit musikalisch genial widerspiegelt und dessen Vielfalt,
Lebendigkeit und Einflußreichtum höchstens von »Exile On Main St.« (Rolling
Stones 1972) und »London Calling« (The Clash 1979) erreicht wird. e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer |
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