
INHALT
8 - Kekse und Kassettenrekorder
11 - Wolken und Jahre
12 - Fenster und Bilder
13 - Zäune und Duschen
14 - Natur und Scheiße
15 - Wackeln und Weggehen
Junger Unfug |
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JUNGER UNFUG 11 - Wolken und Jahre Daran, daß man in die Schule gehen mußte, merkte man nach einiger Zeit auch, daß man älter wurde. Verwandte und Bekannte, die länger nicht mehr dagewesen waren, sagten voller Verwunderung: Bist du aber groß geworden! Man gehe ja auch schon zur Schule, antwortete man brav und nahm ein paar Groschen als Geschenk entgegen, die für einen Besuch beim Friseur gedacht waren, weil man nämlich nicht nur selbst größer, sondern auch die Haare länger geworden waren. Alt sagten die Verwandten und Be-kannten zwar nicht, aber die Eltern: Du bist jetzt alt genug, begannen viele strenge Sätze meiner Mutter, wenn ich Sachen gemacht hatte, für die ich schon zu alt war. Manchmal wünschte ich mir, noch ällter zu sein, um überhaupt alles zu dürfen und solche Sätze nicht mehr hören zu müssen. Wenn ich alleine im Hof war, setzte ich mich auf eine Bank und betrachtete den Himmel. Da waren Wolken wie Güterzüge, die in luftiger Verpackung riesige Mengen klares Wasser nach Osten fuhren. Die Wolken kamen aus dem Häuserblock nebenan, wurden größer und zogen weiter. Wolken konnten auch als Zeittunnel dienen. Im Fernsehen gab es eine Serie, in der zwei Männer in einen Tunnel gingen und in einer anderen Zeit wieder herauskamen. Ich stellte mir vor, daß die Wolken innen genauso aussahen wie der Zeittunnel. Wenn man es schaffte, hineinzukommen, konnte man in eine völlig andere Zeit reisen, zu den eisernen Rittern ins Mittelalter, zu den Indianern, den römischen Kaisern, in den Krieg oder am liebsten in die Zukunft, in der schimmernde Raumschiffe mit leisem Summen abhoben und fröhliche Menschen in entfernte Galaxien beförderten. Aber ich fand keinen Weg, in den Tunnel hineinzukommen. Daß der Zeittunnel wirklich im Häuserblock nebenan anfing und man von dort hineinkommen konnte, erzählte ich höchstens dem kleinen kastenförmigen Jungen oder dem, der im Keller wohnte, weil die das vielleicht noch glaubten und sich sowieso nicht für die Zukunft interessierten. Ich hingegen interessierte mich brennend für die Zukunft, seit mir klargeworden war, daß ich eines Tages sterben würde. Ich stellte mir vor, kurz vor meinem Tod die anderen Menschen zu bitten, dafür zu sorgen, daß nichts mehr geschehen würde, wenn ich tot war, weil ich nichts versäumen wollte. Aber auch das war nur eine Notlösung. Wenn im Fernsehen oder in Comicheften die Zukunft zu sehen war, bekam ich eine solche Sehnsucht danach, daß ich manchmal weinen mußte, weil ich sie nicht erleben würde. Der Weltraum, die Sterne und Planeten, die gläsernen Raumschiffe mit freundlichen Robotern waren so weit weg von dem grauen Haufen aus Beton, Blech und Bäumen, in dem ich lebte, daß ich beschloß, eine Zeitmaschine zu bauen. Dazu nagelte ich verschiedene elektrische Teile aus der Aschentonne auf ein Brett, verband sie mit Drähten und wollte die Enden der Drähte gerade in die Steckdose stecken, als meine Mutter ins Zimmer kam und sich sofort mit offenem Mund und großen Augen auf mich stürzte, die Drähte wegriß und zu schreien anfing. Ich erhielt die Erlaubnis, die Drähte mit dem Trafo einer elektrischen Eisenbahn zu verbinden, aber damit waren natürlich die Voraussetzungen für eine Zeitreise nicht gegeben. e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer |
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