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BRÜDER, ZUR SONNE Wir hatten das Wochenende lang eine gut sichtbare Spur durch die Stadt hinterlassen und landeten deshalb zuguterletzt in einer Aso-Kneipe in einer der vielen Straßen ohne Erinnerung, aus denen namenlose Betonvorstädte bestehen, wo uns weder die diversen Feinde, die wir uns wohl in Wirten und ähnlichen Passanten gemacht hatten, noch die diversen Frauen, die rachsüchtig (vielleicht noch) in unseren Wohnungen warteten, finden konnten. Es war Sonntagnachmittag, fünf Uhr, wie Stevie nach einem Blick auf seine Uhr kundgab. Oder viertel nach drei, wie Peters Uhr dagegenhielt. Allemal war es sowieso zu spät. Oder zu früh, was ich nur behaupte, um mal wieder eine meiner Lieblingsfloskeln anbringen zu können: je nachdem. Wir ernteten seltsame Blicke, als wir die Kneipe betraten. »Wie schaugn denn die aus?« »Wo sind denn die her?« »Was wolln denn die hier?« Keiner fragte jemand anderen als die Luft vor seinem Gesicht, was uns der anstrengenden Suche nach einer ohnehin nicht aufzufindenden Antwort enthob. Bill ließ seine zwei Zentner donnernd auf einer Bank landen und rief: »Bier!« »Ihr seid aber nicht zufällig Ausländer?« wollte der unerfreulich gelbe Haufen Warzen wissen, den ein dreckverschmierter Lumpen über dem Arm als Wirt kennzeichnete. »Die wolln wir hier nicht.« »Ich war mal zwei Wochen einer«, antwortete Peter beflissen, »in Italien.« Lustig wollte man hier auch nicht und bedachte den netten Scherz mit einem verächtlichen Grunzen Marke Halt's-Maul-verarschen-kann-ich-mich-selber. »Was ist das überhaupt für ein Gerede: keine Ausländer«, sagte ich so scharf wie nötig und so leise wie möglich. »Möchte wissen, wer den Kerlen hier die Mülltonnen leert.« »Niemand. Sonst wär die Kneipe leer«, erkannte Peter. Wir tranken und versuchten, unsere Ohren an dem Liebling-ich-komm-zurück-in-die-Heimat-Gedudel vorbeizuschlängeln. Für unsere freizügigen Gemüter war schon der Wald von völkischen Wimpeln und Zinntellern aus allen Gauen des großen Reiches zuviel, der an den Wänden rauschte. »Ich sag' euch was: Wir müssen selber eine Partei gründen«, sagte uns Stevie was, »um mit dem Gesindel fertigzuwerden.« »Klar, wir sperren sie am besten in ein KZ, du Neonazi!« »Blödmann, wir müssen sie agitieren, mobilisieren, solidarisieren, aufklären, revolutionieren! Dafür brauchen wir die Radikale Partei!« »Radikal was?« »Radikal überhaupt. Eben radikal, gegen alles, was an historischen und politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Fehlern, Lügen und Skandalen existiert!« »Ne Menge Arbeit«, ahnte Bill und bestellte sein drittes Bier, »aber gut, ich bin dabei und werde Schatzmeister.« »Und wieso wirst gerade du Schatzmeister?« wollte Peter wissen, der sich um die korrekte Abrechnung seiner steuerfreien Zulage sorgte. Er hatte Erfahrung mit der korrekten Abrechnung der Beträge, die er Bill bei diversen Gelegenheiten lieh. »Weil ich dem rechten Flügel angehöre und in der Industrie beschäftigt bin. Klar, Mann?« Bill lächelte und zwinkerte etwas zu auffällig. »Wir brauchen einen Kandidaten. Das würde ich großzügigerweise übernehmen«, zierte ich mich und putzte mir die Fingernägel. Ein Trick, der immer wieder hilft. »Wenn Chrissie Kandidat ist, werde ich Fraktionsvorsitzender«, lautete Peters Karriereplanung. »Ich leite die Strategiekommission«, brachte Stevie sein Schäfchen ins Trockene. »Radikal ins dritte Jahrtausend!« »Das klingt zu dick aufgetragen. Wie wär's mit 'Für ein radikales drittes Jahrtausend'?« »Erstens: Wo ist der Unterschied? Zweitens: Wer leitet hier die Strategiekommission?« deklamierte Stevie im Ton eines Landesfürsten. »Wir dürfen die Öffentlichkeit nicht durch uneinheitliche oder widersprüchliche Aussagen bezüglich unserer Zielvorstellungen verunsichern. Das Wahlvolk muß eine verläßliche, progressive Kraft in uns wissen.« »Ich bin für die radikale Festlegung eines Höchstpreises für Bier!« gab Bill zu Protokoll und bestellte sein fünftes. »Und zwar höchstens eine Mark!« »Versuch mal, den Wirt diesbezüglich zu agitieren!« schlug Peter vor und sich vor Lachen auf die Schenkel. »Die korrupten Arrangements des Realoflügels berühren mich überhaupt nicht. Ich vertrete die Forderungen der Basis. Und ehe wir das Parteiausschlußverfahren einleiten, bitte ich um den Mitgliedsbeitrag.« Er hielt uns die offene Hand hin »Moment mal, was heißt hier Mitgliedsbeitrag! Eine radikale Volkspartei darf sich nur aus Spenden finanzieren, um ihre Mitglieder nicht finaziellem Druck auszusetzen, der die Minderbemittelteren aus der politischen Tätigkeit ausschließen würde!« rief mein Geldbeutel. »Okay«, gab sich der Schatzmeister geschlagen, »wir brauchen eine Million für den Wahlkampf. Wo kriegen wir die her?« »Wer hat hier was von Kontakten zur Industrie gelabert, hä?« raunzte der Fraktionsvorsitzende hämisch. »Mit solchen Praktiken will ich nichts zu tun haben«, distanzierte sich der linke Flügel in Gestalt der Strategiekommission. »Was solln das Geschrei!« brüllte der Wirt, ohne eine Antwort zu erwarten. »Wir wolln unsere Ruhe haben!« »Mann, stören Sie doch nicht die innerparteiliche Diskussion. Die kommt Ihnen als Mann aus dem Volk doch nur zugute!« »Partei? Ihr Laffen wollt eine Partei sein?« »Wir sind der prominente Kern der Radikalen Partei! Radikal ins dritte Jahrtausend!« Irgendwas hatte dem Wirt an Stevies Agitationsversuch mißfallen. Er sah aus wie der andere Teilnehmer eines Stierkampfes, als er an unseren Tisch kam. »Also gut. Sechsunddreißig zwanzig und raus.« »Aber hören Sie ...« Der Kerl würgte Peters Antwort mittels einer Hand an seinem Kragen ab, die eher einem verkrüppelten Baumstumpf aus dem Gebiet um Tschernobyl glich. »Radikale wollen wir hier nicht«, zischte er, »noch weniger als Ausländer!« »Sie berauben die leidenschaftlichen Fürsprecher Ihrer Interessen!« Bill knallte zwölf Mark auf den Tisch. »Eine Mark für Sie, Mann. Ich trage Ihnen Ihre Verblendung nicht nach.« Der Stier war von der Festsetzung eines Bierhöchstpreises nicht begeistert. Wir trafen uns an der übernächsten Straßenecke wieder, verschwitzt und keuchend. »Wo ist Peter?« »Ich glaube, den hat er als Geisel genommen.« »Ich hab' mir gleich gedacht, daß es vernünftiger wäre, eine Terrorgruppe zu gründen.« »Gute Idee. Wer besorgt die Waffen?« Bill betrachtete die parkenden Autos. »Wir brauchen erst mal ein paar Schlagringe«, meinte er und brach diese von diversen Kühlern einer bekannten Automarke ab. Der vierte Kühler begann laut und jämmerlich zu heulen. »Scheiße.« Keuchend und verschwitzt erreichten wir wiederum die übernächste Straßenecke, wo Peter erschöpft wartete. »Wißt ihr was«, stief ich hervor, »am besten gründen wir einen Sportverein.« »Und ich«, ächzte Bill, »bin der Schatzmeister.« e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer | |
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