|
|
SAMPLER + TRIBUTES: Badlands
(A Tribute To Bruce Springsteen's Nebraska) Boom, Bust And The
New Deal (Songs Of The Depression) Burning London
(The Clash) Cowabunga! (The Surf Box) Cyperpunk
Fiction Die Erben der Scherben French Cuts
Für Jasmin (Das Blümchen-Remix-Album) Girls! Coole
Hits für coole Mädchen Great Jewish Music: Burt Bacharach Great
Jewish Music: Marc Bolan Humanary Stew (A Tribute To Alice Cooper)
Light On A Darkening Shore (A Shinkansen Compilation)
Motor Mania - 120 Minutes Of Legendary Bike Sound Die
München-Szene The Nürnberg Dolphin Orchestra Nuggets (Original
Artefacts From The First Psychedelic Era 1965-1968) Orbitones
Paradies der Ungeliebten Random (A Tribute To Gary
Numan & Tubeway Army) Rare Schellacks Rio
Bravo And Other Movie & TV Themes 20th Century Blues (The Music
Of Noel Coward) Twist in Germany Velvet Goldmine
(Soundtrack) With Every Breath (The Music Of Shabbat
At BJ) You Thought It Was The End Of The World When The Rain Ruined
Your Hair ... u. a.

Badlands (A Tribute To Bruce Springsteen's Nebraska)
Man hatte Bruce Springsteen viel zugetraut, und für
seine manchmal etwas kryptischen Texte über das US-amerikanische Leben
zwischen Straßenrand, Abgrund und Alltag ist er gelobt, mit Woody Guthrie
und Dylan verglichen und gelegentlich auch scharf kritisiert worden. Aber
als der mit Verspätung längst zum Superstar avancierte 1982 zu einer nackten
Gitarre Zeilen wie diese sang: »From the town of Lincoln, Nebraska / with
a sawed-off 4.10 on my lap / through the badlands of Wyoming / I killed
everything in my path / I can't say that I'm sorry / for the things that
we've done / at least for a little while, Sir / me and her we had us some
fun« - die wahre Geschichte eines Massenmörders, die Springsteen bis zum
vorletzten Atemzug (auf dem elektrischen Stuhl) erzählte -, als er solches
mit bis dahin ungehörter Trauer und Verzweiflung in seiner Stimme sang,
waren die eloquentesten Kritiker sprachlos. »Atlantic City«, »Mansion
On The Hill«, »Johnny 99« (noch eine Mordgeschichte: Diesmal fleht der
zu 99 Jahren Gefängnis Verurteilte um die Todesstrafe), »Used Cars«, »Open
All Night« ... alle zehn Songs auf der Platte bildeten zusammen ein Panorama
der Kälte, Angst, Ausweglosigkeit, von Haß, Enttäuschung, Verbitterung,
sinnloser, extremer Gewalt, Einsamkeit und Verlorenheit, wie es bis dahin
niemand in dieser niederschmetternden Klarheit, ohne jegliche Larmoyanz,
ohne Pathos, ohne Rührsal geschaffen hatte - um mal einen Vergleich aus
der Kunst zu bemühen: eine Mischung aus Francis Bacon und Edward Hopper,
aber ohne Farben, nur schwarz. Einem solchen Album per Coverversion gerecht
zu werden, ist eine verdammt harte Aufgabe. Manchen mißlingt sie gründlich:
Los Lobos reiten »Johnny 99« in die Wüste der Belanglosigkeit, zwar ohne
dem Song seine Substanz wirklich nehmen zu können, was aber nur für diesen
spricht. Andere - die Mehrzahl - treffen besser, etwa Chrissie Hynde und
Adam Seymour mit dem elegisch-brutalen Titelsong, Ani Di Franco mit dem
fast restlos reduzierten »Used Cars«, Aimee Mann und Michael Penn mit
»Reason To Believe«, Dar Williams mit einer nüchtern-sehnsüchtigen Version
von »Highway Patrolman« und Ben Harper mit »My Father's House« (in dem
der Sohn ihn nicht mehr findet); und Deana Carters Version von »State
Trooper« ist fast noch gespenstischer und entfremdeter als das Original.
Dazu gibt es Interpretationen von drei Songs, die für »Nebraska« aufgenommen
wurden, aber nicht aufs Album kamen - herausragend Johnny Cash als melancholischer
Päderast in »I'm On Fire«; kein Wunder: Wenn es den Mann nicht gäbe, hätte
ihn Bruce Springsteen für »Nebraska« erfunden. Wie gesagt: Es ist schwer,
dem vielleicht traurigsten Album aller Zeiten etwas hinzuzufügen, was
ihm nichts nimmt. Ich würde gerne sagen, es sei immerhin schön, die Songs
mal wieder zu hören; aber es war noch nie schön, »Nebraska« zu hören,
im Gegenteil. In den guten Momenten gelingt den sich Verbeugenden immerhin
das, was dem Original durchgehend gelang: Man sitzt da, fassungslos, und
schüttelt sich unter Gänsehäuten. »They declared me unfit to live / to
that great void my soul would be hurled / they wanted to know why I did
what I did / Well, I guess there's just a meanness in this world« - danach
kann man eigentlich nur noch schweigen. (November 2000, popXL)

The Big Stiff Box Set
Bei Coolness gibt es einen historischen Faktor, der nur emotional zu ermessen
ist, subjektiv wie die Mercalli-Erdbebenskala und mit ähnlich großen Wirkungsunterschieden
zwischen leichtem Rütteln und totaler Zerstörung. Daß Nick Lowes harmlos-fröhliches
"So It Goes", die erste Stiff-Single von August 1976 und hörbar abgekupfert
bei Thin Lizzys "Cowboy Song", mal die Welt verändern sollte - wer kann
sich das heute vorstellen? Daß all diese mittelalten Männer mit mittellanger
Haarmatte damals als revolutionäre Bahnbrecher durchgehen sollten - auf
den ersten Blick würde man sie heute eher in Richtung San Francisco 1967
verorten, was auch für die (zweifellos sauwitzige) graphische Gestaltung
ihrer Platten inklusive Slogans wie "If it ain't Stiff, it ain't worth
a fuck" gilt. Und schließlich: daß Stiff mal das DAS Punk-Label galt,
ist als historischer Irrtum leicht nachweisbar: Zwar erschien im Oktober
1976 mit "New Rose" von The Damned die allererste Punksingle (und später
auch das erste Album) bei dem Londoner Winzwitzlabel von Jake Riviera
und Dave Robinson, aber außer Adverts und Voidoids war's das dann schon.
Den Hauptteil des Frühprogramms nahmen zwei Genres ein: der (seitdem klassische)
britische Popsongwriter (Nick Lowe, Ian Dury, Elvis Costello, Jona Lewie,
Wreckless Eric, Mickey Jupp und andere) und der bisweilen haarsträubende
Novelty-Schmarrn, der dem anarchistischen Faktor der Firmenpolitik entsprach:
Platten wurden oft am selben Tag aufgenommen und gepreßt, standen anderntags
in den Läden, und so wirbelte Stiff tatsächlich Frischluft in die abgestandene
Mainstream-Käserei der späten 70er. Daß viele der Ergebnisse heute harmlos
bis skurril klingen, macht gar nichts - lustig sind die meisten immer
noch. Ohne Riviera (der im Streit ging und Costello sowie die Yachts mitnahm)
wurde in der Spätzeit (bis zum Verkauf 1987) das Gefälle größer: hier
die mittelmäßigen bis grandiosen Hits von Madness, Lene Lovich, Tracey
Ullman, Pogues und anderen, dort die Masse der Flops von den Belle Stars
bis zur hinterletzten Eintagsfliege. Daß Dr. Feelgood, die den Start des
Labels ermöglicht hatten, indem sie Riviera und Robinson 400 Pfund pumpten,
am Ende selber bei Stiff unterschrieben (und von Nummer-eins-Hits nur
noch träumen durften), schließt den Kreis - nicht ganz, denn seit 2006
gibt es Stiff wieder, und neue Platten von The Enemy, Eskimo Disco et
al. knüpfen ziemlich genau an den frühen Geist an. Dies ist nicht die
erste Stiff-Compilation und auch nicht die Traumversion einer solchen,
aber interessant und spaßig ist sie allemal nicht nur für Sammler und
Historiker. (Oktober 2007, Musikexpreß)

Boom, Bust And The New Deal (Songs Of The Depression)
Es gibt (mindestens) zwei Theorien über den Zusammenhang
zwischen Kunst und wirtschaftlicher Situation. Die eine betont (mit einer
Prise Zynismus) die Notwendigkeit eines gewissen Leidensdrucks für die
Entstehung großer Werke. »Die Noth ist die Mutter der Künste (aber nicht
der schönen)«, glaubte Schopenhauer. Die andere Ansicht meint, mit einer
gehörigen Portion Frohgesang und heiler Welt könne man die Menschen wirksam
davon abhalten, sich der wahren Ursachen ihrer Not bewußt zu werden und
am Ende gar auf Abhilfe zu sinnen. In beidem ist, wie meist, ein Körnchen
Wahrheit. »Die Mutter der Ausschweifung ist nicht die Freude, sondern
die Freudlosigkeit«, wußte Friedrich Nietzsche, und mit diesem Gedanken
im Hinterkopf werden die Vorgänge während der großen Depression in den
amerikanischen 30er Jahren verständlich: Auf der einen Seite eine Wirtschaft,
in der die entfesselte Gier der Wenigen für Börsenkatastrophen, massenhafte
Arbeitslosigkeit, Hunger, Obdachlosigkeit und Not sorgte; auf der anderen
Seite ein förmlich explodierendes Showbusiness, in dem sich jedoch der
Zustand des Landes niederschlug: Songtitel wie »Tips On The Stock Market«,
»Sweeping The Clouds Away«, »Laughing At Life« und »Cheer Up, Good Times
Are Coming« spiegeln den Beginn der Krise, die Hoffnung auf eine baldige
Besserung. Als die nicht eintrat, wurden auch die populären Songs deutlicher:
»Last Dollar«, »Whistling In The Dark«, »(We've Got To) Put That Sun Back
In The Sky«, »Sittin' On A Rubbish Can« und »Brother, Can You Spare A
Dime?« zeigten ein verbissenes Grinsen, während andere die Ausweglosigkeit
ungeschmückt wiedergaben: »It Must Be Swell To Be Laying Out Dead«. Erst
ab 1932 fand mit Roosevelts US-sozialistischem »New Deal« der Optimistismus
wieder Einzug in das klingende Wort: »We're Out Of The Red«, »Gotta Go
To Work Again«, »Dawn Of A New Day« und »Happy Days Are Here Again« gaben
wieder, was viele dachten oder wenigstens erhofften. Daß diese unmittelbare
Korrespondenz zwischen populärem Liedgut und politischer Entwicklung in
den Jahren vom New Yorker Börsenkrach 1929 bis zum »unerklärten« Kriegseintritt
1941 so deutlich werden kann, ist das Verdienst dieser meisterhaft zusammengestellten
Vier-CD-Box und ihres luxuriösen Beibuchs. 88 Songs von berühmten und
weniger bekannten Orchestern, Solisten und Sängern und eine kenntnisreiche,
üppig bebilderte Dokumentation rufen längst Vergessenes ins Gedächtnis
(etwa die zeitweilige Popularität der Kommunistischen Partei der USA)
und lassen das Bild einer Zeit auferstehen, in der die USA an der Schwelle
zu Anarchie und Bürgerkrieg standen und das glitzernde Treiben im Showbusiness
für viele ein einsamer Hoffnungsschimmer war. (Februar 1999, WOM-Journal)

Burning London
20 Jahre ist es her, daß The Clash unter dem Motto
»die einzige Band, die zählt« über Amerika herfiel und einen Einfluß auf
die weitere Entwicklung der dortigen Musik nahmen, der offenbar alle Genre-
und Stilgrenzen überschreitet. Trotzdem: was die Magie und Einmaligkeit
von The Clash ausmachte, haben die meisten ihrer US-Jünger noch nicht
annähernd verstanden. Es war die Experimentierlust, der Mut, Dinge zu
tun, die man eigentlich (noch) nicht konnte, die Weigerung, ein 08/15-Standardprogramm
herunterzuknüppeln und sich an irgendwelche Vorgaben zu halten. Daß das
meistens auch noch so genial hinhaute, war wahrscheinlich Glück, hat aber
dafür gesorgt, daß The Clash heute den Mythos Rock 'n' Roll verkörpern
wie niemand sonst. The Clash als Reggae-, Ska-, Funk-Band - das war Risiko
und Abenteuer. No Doubt als Ska-Band (und damit sind wir bei dieser Platte)
- das ist Routine. Dabei gehört deren Version von »Hateful« noch zu den
wenigen besseren Momenten auf einem Album, das sich ansonsten über weite
Strecken geradezu borniert auf ödes Nachklopfen beschränkt. The Urge,
Rancid, Third Eye Blind, 311, Afghan Whigs, Unwritten Law, MXPX, Face
To Face, Silverchair - eine ganze Horde stumpfsinniger Knüppel-Kombos
knüppelt die Klassiker derart uninspiriert vom Notenblatt herunter, als
ginge es darum, zu beweisen, daß Clash-Songs EIGENTLICH auch bloß irgendwelche
Songs waren. Das ist ärgerlich und so belanglos wie ein graues Steinchen
in der Kiesgrube. Dazwischen fallen die wenigen Versuche, etwas mit den
Vorlagen anzufangen, fast zwangsläufig angenehm auf: Die Indigo-Girls-Version
von »Clampdown« zeigt, was in der im Original recht einfachen Nummer an
Möglichkeiten und Kraft steckt. Leider versickert das Ganze dann ein bißchen,
ohne zur spielerischen Offenheit des Originals zu gelangen. Ice Cube &
Mack 10 dagegen machen soliden, etwas öden Standard-HipHop, für den die
Clash-Akkorde nicht nötig gewesen wären. Cracker sorgen für gewohntes
Amüsement, indem sie »White Riot« zum Saloon-Rocker verwursten, und schließlich
fallen ganze zwei gelungene Adaptionen völlig aus dem Rahmen: Three Amoebas
wagen sich als einzige an eine »Sandinista«-Nummer und lassen »Washington
Bullets« nicht nur sehr geschmackvoll, sondern peinlicherweise fast besser
als das Original klingen. Und die Kooperation von Moby und Heather Nova
auf »Straight To Hell« hat zwar nicht die Kraft und Wut, immerhin aber
die Melancholie der Vorlage und ist sehr angenehm zu hören. Und zeigt
in ihrer bewußten Einfachheit um so deutlicher das völlige Versagen der
Rumpel-Kapellen, die für ein gutes »Tribute«-Album so geeignet sind wie
der namenlose 55jährige besoffene Samstagnachmittags-Tresenhocker-Fußballfan
im Warngauer-Stüberl für die Champions League. Im Interesse der historischen
Größe und Bedeutung von The Clash sollte man mit dieser Platte vor allem
eines tun: schnell vergessen. (Mai 1999, WOM-Journal)

Cowabunga! (The Surf Box)
Was war das eigentlich - das Atomzeitalter? Wie sollen
wir später mal unseren Enkeln erklären, daß ein paar Generationen vor
ihnen braungebrannte Burschen mit strohblonden Rasiermesserscheiteln ausgelassen
grinsend in bunten Badeklamotten am Strand der westlichen Welt standen
und Interkontinentalraketen auf die andere Hälfte richteten, die ausgereicht
hätten, das halbe Universum in eine ungewisse Erinnerung zu verwandeln?
Das machen wir ganz einfach so: Wir legen ihnen diese Box mit vier CDs
auf den Tisch. Denn eine bessere Metapher auf jene seltsam futuristischen,
bis heute stilistisch gänzlich enigmatischen Zeiten gibt es nicht als
das, was die Beach Boys 1961 mit ihrem ersten Hit »Surfin« lostraten:
Vier Jahre lang bevölkerten fortan lebende Hamburger-Brötchen mit Shatter-Gitarren,
auf Brettern, mit denen sie in ihrer Freizeit durch Wellentunnels glitten
(und die sinnigerweise überfahrenen Haifischen ähnelten), die US-Charts
- so weiß und anständig amerikanisch, als hätte sie der Ku-Klux-Klan am
Reißbrett entworfen. Hier finden wir sie alle wieder: die Anfänger (1960
- '63), die Wellenkammreiter (1963), die Absteiger (1963 - '67) und die
Revivalisten (1977 - '95). Namen wie The Pyramids, The Surfaris, The Sunsets,
The Frogmen, The Mar-Kets, The Surfmen, The Sandals, The Sunrays, The
Sea Shells sind allein schon Grund für ein sonniges Lächeln, und nur den
wenigsten davon unterläuft Fehler Nummer eins (das Wort »surf« nicht im
Songtitel zu verwenden). Was Surfen eigentlich soll, hat noch nie jemand
sagen können. Ich weiß es auch nicht. Niemand wird es je wissen, denn
wenn eine so akribische und umfassende Historie wie die vorliegende keine
Antwort geben kann, dann gibt es vielleicht einfach keine. Dafür gibt
es jede Menge gute Laune, Texte zu Themen wie Sonne, Meer, Fun, Mädels
und - Surfen (die so ausnehmend blöd sind, daß die meisten davon gleich
wieder gelöscht wurden, was zur Erfindung des Instrumental-Rock-'n'-Roll
führte). Und es gibt in der wunderschön aufgemachten Kiste ein wunderschönes
Begleitbuch, das nicht nur sehr unterhaltsam zu lesen, sondern auch so
futuristisch/rätselhaft anzusehen ist, daß es mehr über jenes Zeitalter
der Science-Fiction-Antike sagt als tausend Worte. (August 1996, WOM-Journal)

Cyperpunk Fiction
Ins Kino geht der Doc sehr gerne, auf daß er von der
Welt was lerne. Die Kugel fliegt - da fällt der Gangster: Sein letzter
Schlaf ist auch sein längster! Zu Haus erinnert euer Doc sich gern noch
mal an manchen Schock, doch ohne Bild und nur mit Ton; die meisten Soundtracks
hat er schon. So auch »Pulp Fiction« mit Travolta, doch sagt' ihm kürzlich
wer, es sollt' da doch eine Fortsetzung schon geben (ist da denn dann
noch wer am Leben?) - und schon rennt euer Doktor los, und siehe da, dies
eine Mal braucht er gar keinen Kinosaal! Denn »Cyberpunk Fiction« - ganz
prosaisch - ist kein Film für die Leinwand, sondern ein elektronisch verzerrtes
Spiegelbild des Originals: der Soundtrack zu Tarantinos Schon-Klassiker,
interpretiert von einigen der innovativsten Elektro-Projekte unserer Zeit
(alle beheimatet auf dem US-Label Re-Constriction). Naturgemäß geht's
hier eine Stufe härter und pulpiger zu als seinerzeit: »Son Of A Preacher
Man« läßt euren Doc in der Interpretation von Collide eher an ein Auspeitsch-Ritual
in Lack und Leder denken (wenn's denn schon was Kultiges sein muß); Hotbox
piercen »You Never Can Tell« an den intimsten Stellen und legen dem Golden
Oldie ein glühendes Kettenhemd um; Nimpf spielen »Lonesome Town« zu Ehren
aller Blade Runner dieser menschenleeren Galaxis, und bei Purr Machines
Version von »Girl, You'll Be A Woman Soon« wäre wohl auch dem armen Herrn
Travolta die Nadel aus den zitternden Fingern gefallen (Äh, Schwester,
könnten Sie wohl mal kommen?). Das besondere Schmankerl für den Fan sind
natürlich die sieben Original-»Pulp Fiction«-Dialoge, die so plötzlich
einen ganz anderen Sinn (oder Film) ergeben. Ach ja, und dieses läßt sich
nicht bestreiten: Wir leben schon in harten Zeiten. ((Januar 1999, WOM-Journal
(Rubrik »Doktor Trend«))

Die Erben der Scherben - Keine Macht für Niemand
Es gab Zeiten, da sprach man aus, was man dachte. Das
führte dazu, daß es auch die nachbrüllten, die es gar nicht im Herzen
hatten, und schließlich endete alles in einem Circus von Parolen, die
nur noch peinlich waren, vor allem deshalb, weil jeder wußte, was stank,
und doch keiner was tun konnte. Die versprochene Weltverbesserung blieb
aus, der »lange Weg« führte nicht ins Paradies, sondern in leere Seminare,
Drei-Personen-K-Gruppen und Überdruß-Kopfschmerzen; aus ehemals »fetten
Schweinen« wurden coole, junge, flexible Start-up-Stars, die man bewundert,
und Protest gegen soziale Sauereien kommt plötzlich von ganz rechts. Deshalb
verstecken Popmusiker heute ihre »Botschaft«, wenn sie eine haben, hinter
Gags, Effekten und Geräuschwänden, murmeln, flüstern und jodeln sie, verzerren
ihre Stimmen und zerhacken den Text zu enigmatischen Kunst-Schnipseln.
Soweit die Vorgeschichte. Ich konnte mit Ton, Steine, Scherben damals
nicht viel anfangen - nicht nur, weil ich manche ihrer Botschaften peinlich
fand. Sie spielten auch nicht besonders, waren aber keine Punks. Das heißt:
sie dudelten, statt zu toben. Das war mir fremd. Wie klein der Unterschied
zwischen »Wir wollen keine Bullenschweine!« und »Aus dem Weg, Kapitalisten!«
war, fällt mir erst jetzt auf. Schade, aber der Irrtum läßt sich wenigstens
rückwirkend korrigieren. Doch den Geist von damals wieder zum Leben erwecken?
schon gar per Rückgriff auf das Original? Zwar fühlt sich die heutige
deutsche HipHop-, Crossover- und Hart-Rock-Szene zu weiten Teilen als
geistige Erben der Aufstand-Rocker um Rio Reiser, aber ihre ruppigen,
wütenden Randale-Agit-Rocksongs durch die moderne Gag-Effekt-Geräusch-Mix-Maschine
drehen, ohne sie ihres Gehalts zu berauben - kann das funktionieren? Es
könnte, vielleicht, aber es funktioniert (von ein paar ansatzweise wirksamen
oder wenigstens witzigen Ausnahmen abgesehen) nicht, weil die plakativen
Parolen der Scherben von der einlullenden Begleitung höhepunktloser Konsumbeschallung
und effektheischender Gag-Mixereien mit Originalitätszwang ad absurdum
geführt und streckenweise (unfreiwillig?) selbstironisch entlarvt werden:
»Wir brauchen keinen starken Mann« - natürlich, wir tun ja von selbst,
was die Konsumindustrie von uns verlangt. Aus dem anrührend unbeholfenen
»Komm schlaf bei mir« wird mit Gezirpe, Gepiepse und Gezicke ein billiger
Chill-out-Schlager. Und hätte man den Scherben und ihren Fans damals eine
derart unverschämte Blödelei wie »Keine Macht für niemand« in der Version
einer »Die Erben der Scherben-United Kapelle« vorgespielt, hätten sie
den Interpreten wahrscheinlich das Band in den Hals zurückgestopft und
die verwendeten Instrumente umgehend sozialisiert. Und da wiederum, wo
die Musik absichtlich gewalttätig und hart klingen will, dreht sich die
Ironie in die andere Richtung um - mit derselben Wirkung: Die Schwarzfahrer-Hymne
»Mensch Meier«, schon im Original (wie vieles) ein bißchen vordergründig,
wird komplett unglaubwürdig in einer Zeit, in der eine Fahrpreiserhöhung
um (damals) ein paar Pfennige nur noch die kratzt, die sowieso zu Fuß
gehen und gar nicht heimfahren können, weil sie kein Heim haben (zumal
man sich die »Bonzen Bros.« nur im Auto vorstellen kann und »Schwarzfahra
United« aus dem Song einen Faschings-Fun machen). Gunjahs Version von
»Paul Panzer's Blues« (im Original ohne sächsischen Apostroph) nimmt dem
wütenden Text mit formatiertem Crossover-Gedresche jede poetische Spitze
und Revolten-Sprengkraft - zu solcher Musik singt man ja sowieso immer
Zeug wie »fuck« und »kill« und »Drecksau« und fordert irgendeine »revolution«.
Getan wird dann nur Biertrinken. Die, die angeblich die Gesellschaft verändern
wollen, sitzen zu Hause vor der Festplatte und schrauben Klänge zusammen,
und die Straßen gehören Autos und Nazis. Ist das nicht nur chic-moderner
Kulturpessimismus und die Trauer über ein Lebensgefühl, das mit dem Abtransport
seiner Protagonisten in Gefängnisse, Parlamente und auf Friedhöfe rückstandslos
verflogen ist? Natürlich, aber nicht nur. Eine kurze Gegenhörprobe mit
dem Original zeigt: Bei all ihrem Dilletantismus hatten und haben die
Scherben ihren durch und durch professionellen Nachspielern das Entscheidende
voraus - sie verausgaben sich, sie fetzen und rocken, sie feuern an und
wiegeln auf. Das schlägt sich auch im Cover nieder: Die hübsche »Flugblatt«-Ästhetik
der CD wirkt nicht mehr roh, subkulturell, aufregend und direkt, sondern
- eben hübsch, inklusive der »revolutionären« Vignetten. Ja, schade. (Oktober
2000, popXL)

The Essence Of Swedish Progressive Music 1967-1979
låkulla und Rävjunk statt Yes und Deep Purple - höchst
wunderliche und amüsante Geschichtsforschung.
In Schweden müssen irgendwo Maschinen herumstehen, die "verpopfältigen"
- man steckt oben etwas hinein, sagen wir: einen Stil-Trend, so was wie
Beat, Prog, Punk, und schon purzeln unten dutzend-, ja hundertweise "Popien"
heraus. Wer sich wundert, daß die zwar nicht besten, aber zweifellos allermeisten
Britpopbands aus Schweden kommen, der sollte erst mal in der Prog-Rock-Abteilung
nachfragen (nur zum Beispiel). Dem wunderhaften Großbuch "Enzyclopedia
Of Swedish Progressive Music" (in Heft ?? besprochen) folgt nun ein CD-Quartett
mit 71 Bands bzw. Projekten bzw. Künstlern (alphabetisch sortiert!) mit
lustigen, vertrauten und rätselhaften Namen wie Saga, Shaggy, Sogmusobil,
Vildkaktus, Asoka, Mecki Mark Men, Panta Rei, Kvartetten Som Sprängde
und Kebnekajse und dem ebenso authentisch-angemessenen wie herrlich blöden
Untertitel "Schwangere Regenbögen für farbenblinde Träumer". Da wird,
in der Tat, geträumt, geschwebt, regengebogen und sanft in den Open-air-Sonnenuntergang
hineingedudelt, aber auch kräftig losgedampft und auf den Solo-Putz gehauen,
und mag das meiste davon auch niedlich derivativ sein, ein Lächeln ist
es aus 30 Jahren Abstand allemal wert. Es findet sich manch deutlicher
Beleg für die These, daß Welt und Mensch vor 1977 gänzlich andere waren,
und es finden sich auch echte Überraschungen, etwa die abstruse, improvisierte
Mini-Oper "Pythagorean Child No II - Arrival In Time" von BIB Set und
die verblüffend psychedelisch-abenteuerlichen Baby Grandmothers (von M.
A. Numminen produziert!). Gänzlich Genre-Unerfahrene sollten sich auf
einiges gefaßt machen; aber die durchgängig mindestens solide musikalische
Qualität läßt vermuten, daß da wirklich nur die alleroberste Schublade
im Prog-Schrank der Verpopfältigungsarchive geöffnet wurde. (Februar 2008,
Musikexpreß)

French Cuts
Alles, was an den 70er Jahren wirklich cool war, ist in
den 60er Jahren in Frankreich erfunden worden - vom Rollkragenpulli über
diverse Cocktails bis zum Klicker-Pop. Vieles davon trug klangvolle Namen:
Brigitte Bardot, Jacques Dutronc, France Gall, Nino Ferrer ... Bislang
war es nicht eben leicht, eine abendfüllende, kompetent zusammengestellte
Kollektion französischer Sixties-Pop-Perlen für die Spiegelkugel-Party
zu finden, die ohne Orchesterschmus und obskuren Ramsch auskommt. Hier
ist sie: 25 der nicht unbedingt bekanntesten, dafür garantiert coolsten
Hits aus Zeiten und Breiten, in denen Titel wie »Harley Davidson« (Brigitte
Bardot), »Hashish Faction« (Sulivan) und »Sexologie« (Daniel Gerard) für
samtige Gänsehaut sorgten. (Januar 1999, WOM-Journal)

Für Jasmin (Das Blümchen-Remix Album)
Ich lach mich tot: Sharon Stoned, die Schröders, Andreas
Dorau, Headcrash, Ozonsuppenwürfel und noch ein paar so, ähem, Zeitgenossen
setzen sich ein paar Minuten ins Studio, lassen eines dieser unerträglichen
Dung-Dung-Dung-Dinger namens »Bumerang« und »Herz an Herz« (insgesamt
fünf, die alle gleich klingen) aufs Band laufen und schreiben ihren Namen
drunter. Das ist so lustig, daß man am besten die Studiotür zusperren
und den Schlüssel wegwerfen hätte sollen, wären nicht aus unerfindlichen
Gründen auch Schorsch Kamerun und die Sterne mit dabei gewesen. (August
1996, Guide)

Girls! Coole Hits für coole Mädchen
Die »Konsumenten-Betreuung« informiert: »Die CD für
trendige Mädchen mit coolen Hits von Britney Spears, Eiffel 65, Echt,
Blümchen und Sasha. Die mußt du haben!« Wenn man das liest, hat man sie
aber schon. Noch nicht hat man: »Lutscher von Chupa Chups - die muß man
einfach haben!« Und: »Reiterferien zu gewinnen! Wir danken dem Deichhof
für die liebevolle Unterstützung!« Das ist nicht alles in Sachen Haben
oder Sein: Zu haben gibt es außerdem »Abenteuerrucksäcke«, T-Shirts, »Graffiti-Lutscher
im Metalleimer«, »X-treme Sour Lutscher im Metallfaß«, ein nebulöses »Fashion
Kit« und mehr. Ein Beiblatt wirbt für Blümchens neue Single »Die Welt
gehört mir« aus dem aktuellen Album »Die Welt gehört dir«. Chupa! Und
gefragt ist man auch: »Kaufst du auch Gute Zeiten Schlechte Zeiten CDs?«
und: »Welcher Track gefällt dir am schlechtesten?« Hm. Nach einer guten
halben Stunde hat sich die wirbelnde Zuckerwatte halbwegs wieder in ein
Gehirn verwandelt; ich trage zwei große Mülleimer voller Kulturpessimismus
zum Recycling-Container und stelle fest: Britney Spears ist süß. Marque
auch ein bißchen. Die A*Teens auch. Oli P. auch. Eiffel 65 nicht so, aber
schon. Justin auch. Atemlos auch. Das Hundi und das Pferdi auf dem Cover
auch. Laura, Darling, Passion Fruit, Westlife und und und irgendwie auch.
Blümchen gehört sowieso die Welt, die mir gehört. Bin ich jetzt ein cooles
Mädchen? (September 2000, popXL)

Great Jewish Music: Burt Bacharach
Jahrzehntelang war Burt Bacharachs Name in Rock- und
Popmusikerkreisen ein Unwort, seine Musik ein verbotenes Terrain gefährlichen
Gut-Klangs, den man mit dem Schimpfwort »easy listening« diskreditierte
und in die völlig unpassende Nähe zu jenem süßlichen Dudel-Käse abschob,
der in den 70er Jahren die Partys der älteren Generation zum Schwingen
brachte. Als sich die Stranglers 1978 an Bacharachs »Walk On By« wagten,
war das ein erster (und für lange Zeit letzter) Versuch, das ungeheuer
reiche Oeuvre des Genies für die jüngere Gegenwart zu retten. Seine wirkliche
Rehabilitation erfuhr der amerikanische Jude erst mit der aus der Rebellionsmüdigkeit
der 90er Jahre entstandenen Erhebung des Begriffs Easy Listening zum »Kult«.
Daß Bacharach, dessen Melodien uns unbemerkt all die Jahre durchs Leben
oder zumindest die Kinogeschichte gefolgt waren (man denke an »The Man
Who Shot Liberty Valance« oder »What's New Pussycat«), daß der Mann, den
in letzter Zeit unter anderem Elvis Costello, Noel Gallagher und die Manic
Street Preachers zum Idol kanonisierten, Jude war, mag man zunächst als
wenig wesentlich abtun. John Zorn war es Anlaß, ihn in die von ihm herausgegebene
Reihe »Great Jewish Music« aufzunehmen und so unterschiedliche Musiker
wie Wayne Horvitz, Marc Ribot, Fred Frith, Mike Patton, Lloyd Cole, Bill
Frisell, Sean Lennon, Elliot Sharp (neben vielen anderen) für eine interpretierende
Werkschau zu gewinnen, die dem Begriff tatsächlich gerecht wird: Ob etwa
Joey Baron aus »Alfie« ein Drum-Solo macht, Zeena Parkins sich von »Freefall«
zu einem magischen Tanz auf der Grenze zwischen Free Jazz und Weltklang
verführen läßt oder Kramer »Walk On By« als Underground-Chanson empfindet,
die schier unglaubliche Vielfalt dieser Doppel-CD zeigt, was Bacharachs
Genialität und Unvergänglichkeit begründet und ausmacht: Die Substanz
seiner Musik läßt sich beinahe beliebig aneignen, verändern, umformen,
destillieren, füllen und verwandeln, ohne je ihren Kern und Zauber zu
verlieren. Eine Lehr- und Sternstunde für das 20. Jahrhundert. (Juli 1997,
WOM-Journal)

Great Jewish Music: Marc Bolan
»Wer war denn am Telefon, Schatz?« - »John Zorn. Er
macht mal wieder eine neue Folge aus seiner Reihe ›Great Jewish Music‹.
Ob wir auch was beisteuern wollen.« - »Hui, da heißt es aufpassen und
extrem sein! Wahrscheinlich werden die sich wieder gegenseitig überbieten
mit möglichst rätselhaftem Lärm. Wer ist denn dabei, ich meine: außer
Mike Patton, Arto Lindsay, Marc Ribot, Kramer und den üblichen Verdächtigen?«
- »Na ja, paar so In-Leute. Cake Like, Buckethead, Sean Lennon, die Tall
Dwarfs, Lloyd Cole ...« - »In-Leute sagtst du? Cole und Lennon?« - »...
Medeski, Martin & Wood und so weiter eben.« - »Hm, ob wir ihm unsere ›The
Groover‹-Version von Silvester geben, in der Besetzung Schmelzblei, Kanonenschlag
und brennender Christbaum?« - »CHRISTbaum? Du spinnst wohl!« - »Dann nehmen
wir den Remix, für den wir das fertige Band bei minus fünf Grad einmal
um den Eiffeltum gewickelt haben. Du weißt schon, diese ›Documenta‹-Kiste.
Oder doch lieber das Anrufbeantworter-Tape, auf das Joseph und Arnulf
damals aus Reikjavik ›Metal Guru‹ gegrölt haben, mit den furzenden Schlittenhunden
und der Schiffssirene im Hintergrund! Oder wir fragen die Nachbarn, ob
sie uns eine Viertelstunde ihr Baby und ein paar Töpfe leihen! Oder, hm
...« - »Schatz, Zorn hat gerade nochmal angerufen. Er ist stinksauer,
weil Lindsay und Ribot ›Children Of The Revolution‹ einfach nur runtergeklampft
haben. Er fürchtet, daß Cole dasselbe machen wird. Wir sollen uns was
echt Gutes überlegen, sonst ist's vorbei mit Avantgarde-Bonus und Sektsaufen
bei Vernissagen.« - »Ich hab's: Wir nehmen einfach gar nichts auf, schicken
ihm ein leeres Band und behaupten, das sei die einzige noch mögliche Annäherung
an Bolan ohne Zitat und Wiederholung!« - (...) - »Schatz, Zorn hat angerufen.
Da ist was Blödes passiert im Preßwerk. Die haben vergessen, unserem Song
eine Track-Nummer zu geben. Jetzt ist er gar nicht drauf auf der CD.«
- »Na ja, macht nichts. Verkaufen wir's als hidden track, das steigert
den Kultfaktor!« (Dezember 1998, WOM-Journal)

Humanary Stew (A Tribute To Alice Cooper)
Es ist schon schade, daß Alice Cooper aus irgendwelchen
Gründen (oder präziser: wegen der zweiten Hälfte seiner Karriere) seine
Fans vor allem im Heavy-Metal-Lager hat. Ein Tribute-Album für das große
Schwarzauge hätte so lustig werden können: Suede spielen »Refrigerator
Heaven«, Supergrass »School's Out«, Marylin Manson »Mary Ann«, Robbie
Williams singt »Desperado«, Fats Domino »I'm Eighteen« ... nichts da.
Hier regieren die Dudel-Gitarre, das Walzwerk-Schlagzeug und eine Riege
von Geisterbahn-Vokalisten, deren bloße Namen dem Feingeist Gänsehäute
verursachen: Bruce Dickinson! Ronnie James Dio! Vince Neil! Don Dokken!
Joe Elliott! Dave Mustaine! In solchem Umfeld fällt kaum auf, daß Roger
Daltrey mit »No More Mr. Nice Guy« zwar die peinlichste Gesangsleistung
seiner Karriere abliefert, trotzdem aber noch zu den Höhepunkten zählt,
weil er wenigstens nicht gar so krampfhaft versucht, wie eine Vampir-Karikatur
aus dem Vormittagsprogramm zu krähen. Am Ende, wenn man die Aspirinschachtel
schon halb geleert hat und sich alle Quadropeliolen-Flinkfinger dieser
Welt in eine ferne Galaxie wünscht, ruhen die letzten Hoffnungen auf Ex-Pistol
Steve Jones, aber dessen Guns-N'-Roses-Kumpane brettern das wunderbare
»Elected« so dermaßen uninspiriert in die Binsen, daß man froh ist, wenn
das Nölen und Grölen endlich verklingt. (Februar 1999, WOM-Journal)

Light On A Darkening Shore (A Shinkansen Compilation)
Mit Labels ist es ähnlich wie mit Verlagen - hat man sich
erst mal in zwei, drei Produkte aus einem Hause verliebt, hat man auch
schon die »Unternehmensästhetik« verinnerlicht und kann es gar nicht erwarten,
Nachschub mit dem bewährten Signet zu bekommen. Das heißt: mit Verlagen
war es mal so - als man noch jedes Diogenes-Buch unbesehen kaufen konnte
und bei Rogner & Bernhard auch selten falsch lag, von Haffmans und Maro
zu schweigen. Das hat sich - natürlich - längst geändert, und auch Labels
sind heute zumeist Gemischtwarenhandlungen. Das Londoner Label, das sich
nach dem japanischen Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen benannt hat und
dessen Büro zugleich Schlafzimmer ist, bildet eine seltene Ausnahme: Hier
sind die Melancho-Popper Monograph zu Hause, die verhuscht-zärtlichen
Trembling Blue Stars, die Eighties-Synth-Pop-Revivalisten Cody, die schüchtern-verspielten
Akustik-Maler Blueboy, Trompot Blenny, Fosca und Harvey Williams - und
wenn man all diese zeitvergessenen, empfindlichen Menschen hintereinander
musizieren hört, macht die ganze Sache fast noch mehr Sinn als auf ihren
eigenen, wunderschönen Platten: Da entsteht ein Universum herbstlich-bunter,
kühler, unspektakulärer Popmusik, die den Gedanken und das Weltgefühl
der mittleren 80er aufgreift, als die Smiths noch nicht Geschichte, sondern
Zukunft waren, als Nick Drake noch kein Kultstar düsterer Metal-Haluter,
sondern ein fast vergessener Musik-Dichter war, als man die Sonne noch
nicht auf Brettern und Rollen genoß, sondern im Sitzen und am liebsten
Anfang Oktober, als man fremden Lauten auf der Straße um den Hals fallen
und sie küssen wollte, wenn man einen Song wie Tompot Blennys »Smile Again«
das erste Mal gehört hatte - und es natürlich nie tat. Die erste Shinkansen-Platte
war »Abba On The Jukebox« von Trembling Blue Stars, eine der hinreißendsten,
schönsten Singles aller Zeiten. Wer sie noch nicht liebt, kann sie hier
lieben lernen und sich von 18 weiteren Songs im selben Geiste auf den
Schwingen der Phantasie in eine Paralellwelt entführen lassen, wo es all
das Schlimme, Laute, Böse, Dumme, was uns Mainstream und Underground in
den letzten 15 Jahren zugemutet haben, nie gegeben hat. Wo wir alle aus
dem Staub vergessener Stars neu erschaffen werden. Like Gun N' Roses never
happened. (Juli 2000, popXL)

Motor Mania - 120 Minutes Of Legendary Bike Sound
Die Compilation an sich hat einen etwas zwielichtigen
Ruf - daran ist sie selbst bzw. sind ihre Macher schuld: Meist werden
da bloß ein paar Hits mit billigem Füllmaterial verquirlt, um im Fahrwasser
der Single-Charts noch mal kurz nachzumelken. Wenn man nicht sowieso auf
die immergleiche Ramschkiste sogenannter »Oldies« setzt, die seit den
Zeiten der unvergeßlichen »Dominion präsentiert!«-TV-Werbung in Millionen
Varianten Kaufhaus-Wühltische und Sondermüll-Entsorgungs-Tonnen füllt.
Nur sehr selten gelingt es einem thematischen Rahmen, wirklich glaubwürdig
zu begründen, wozu man das Ding erwerben sollte - meist sind es unveröffentlichte
Songs, seltene B-Seiten oder Remixe, die zum Beispiel Soundtracks auch
für jene interessant machen, die den Film gar nicht gesehen haben (in
dem ja oft sowieso nur ein Teil der auf die CD gepackten Songs vorkommt).
Das ist hier natürlich alles gaaaaanz anders, denn die Zielgruppe von
»Motor Mania« (das übrigens ungeschickterweise nicht bei Motor Music erscheint)
ist von vorneherein begrenzt und fest abgeriegelt. Zwar gäbe es einen
nicht zu unterschätzenden Markt an »Normal«- oder Gar-kein-Benzin-Verbrauchern,
die ihre Sammlung gerne um Brigitte Bardots »Harley Davidson«, Deep Purples
»Speed King«, Canned Heats »Harley Davidson Blues« oder die Live-Version
von Lynyrd Skynyrds »Travelin' Man« ergänzen würden - aber dazu eine ganze
zweite CD mit Motorgeräuschen zu erwerben wäre für diese absurd. So bleibt
es den Winter über radlosen Bikern vorbehalten, sich den tristen Alltag
in der Bude oder gar in öffentlichen Verkehrsmitteln zu versüßen, indem
sie sich mit zwei CD-Spielern und einem Doppelkopfhörer ausrüsten, um
das originale Ambiente der Road virtuell nachzustellen - während Curtis
Knight seinen »Harley Song« intoniert, röhrt im Vordergrund das Echt-Geräusch,
etwa von der Evo (»warm, Start, Hochdrehen, Stopp«), der Knucklehead (»Start,
Tod, Neustart«) oder der Panhead (»Von hinten« - ein Genuß, den man sich
im wahren Leben sowieso nur mit Gasmaske gönnen kann). Da ist die schlimme
Zeit schnell überstanden (auch wenn, dies sei immerhin kritisiert, eine
ziemliche Reihe einschlägiger Klassiker fehlen)! (Oktober 2000, popXL)

Die München-Szene
Man weiß ja so wenig von München. Am wenigsten weiß
man von dem, was früher in München war. Dahinter könnte ein Trick stecken,
denn während auch der fanatischste Deutsch-Rock-Historiker inzwischen
dank Teipel-Vollbehandlung zum Aspririn greift, wenn er an Hamburg, Berlin
und Düsseldorf denkt, klafft in seiner Sammlung bei "M" eine große Lücke,
zu deren Füllung man schon sehr besserverdienend sein müßte. Gehen wir
noch mal zehn bis 15 Jahre zurück, wird die Sache nicht viel anders, höchstens
noch dunkler. Wer würde schon glauben, daß der wahre deutsche Bill Haley
auf den unwahrscheinlichen Namen Paul Würges hörte (und noch hört) und
nebenbei unter dem Pseudonym "Cliff Jackson" plärrenden Rassel-Sixties-Beat
mit revolutionär undimpfeligen Quetschkommodenklängen kombinierte? Daß
The Beatstones 1967 im Circus Krone die Kinks um ein Haar von der Bühne
gerockt hätten, "Beat from Pasing"mal ein echtes Markenzeichen war, The
Lovers 1972 in Kitzbühel John Mayall auf die Bühne baten und mit ihm "Die
alten Rittersleut" spielten, der unsagbare Faschings-Dieterbohlen Fancy
früher Ric Tess bzw. Elvine bzw. Tess Teiges bzw. Manfred Lehmeier-Perilano
hieß und seine Combo The Dynamits zu den schärfsten Beat-Kapellen einer
Stadt gehörte, in der es mit hunderten narrischer Bands und Dutzenden
angesagter Schuppen nur so brodelte, wenn abends die Sonne hinter dem
Weißwurst-Horizont versunken war? Doch, ist alles wahr, nachzulesen (auf
44 bebilderten Seiten) und zu hören auf diesem Album. Leider sind es nur
29 Tracks aus den Jahren 1959 bis 1967 geworden, denn schon damals schaffte
es der Münchner Untergrund kaum auf Platte, weshalb es von den meisten
Bands der großen Jahre nicht mal mehr Aufnahmen gibt. Und während man
so gründelt und wühlt im Vergangenen, fällt eine Schuppe nach der anderen
von den Höraugen und man stellt staunend fest, daß ja von Krautrock bis
Disco, von Punk bis Studentenrevolte und noch ganz anderen Sachen praktisch
alles irgendwann in München los- und dann aber einfach nicht mehr weiterging.
So war es mit dem Sixties-Pop halt auch, und das Schöne daran ist: Man
kann sich im weiten Nachhinein mit Platten wie dieser an Sternstunden
und grandiose Bauchklatscher erinnern, die konsequent zwischen Ekstase,
höchster Musikkunst und schreiender Komik herumtaumeln und damit München
genau so zeigen, wie es immer war und immer ist, - und die es irgendwie
gar nie gegeben hat. (Datum unbekannt, Musikexpreß)

The Nürnberg Dolphin Orchestra
Delphine sind eigenartige Tiere: Schwer verständlich
zum Beispiel ihre scheinbar angeborene Liebe zum Raubtier Mensch, die
soweit geht, daß sie zugunsten seiner Nähe sogar die Gefangenschaft in
Delhinarien in Kauf nehmen und auf die Freiheit der Ozeane verzichten.
Eigentlich naheliegend daher der Gedanke, daß Delphin und Mensch auch
musikalisch harmonieren könnten. Eigentlich verwunderlich angesichts Hitparaden
voller singender Schlümpfe, Mainzelmännchen, Gummivögel und ähnlichem
Gekreuch und Gefleuch, daß erst jetzt jemand auf die Idee kommt, die musikalische
Verbindung von Mensch und Meeressäugetier, in der antiken Geschichte von
der Rettung des Sängers Arion durch Delphine belegt, neu zu erproben.
Der Nürnberger Freigeist Mike Neun hatte diese Idee, begab sich ins dortige
Delphinarium und richtete seine Mikros eine Woche lang über und unter
Wasser auf Gespräch und Gesang der Bewohner. Vollkommen unabhängig voneinander
»vertonten« dann Bands und Künstler diese Aufnahmen zu 14 Tracks, die
nichts zu tun haben mit esoterischem Naturbrimborium: Metal, Dancefloor,
Dub-Reggae und ambienter Freiklang erhalten durch die außergewöhnlichen
Vokalismen ein faszinierendes Flair. Und - für Delphinohren - umgekehrt.
Beide dürfen am Schluß auch noch ohne den anderen ran - da haben die Nassen
die künstlerische Nase vorn. Erfreulich ist zudem der ausführliche, fundierte
Unterbau aus Dokumentation und Reflexion im Booklet. Daß das Ganze nebenbei
noch der Unterstützung der Gesellschaft zum Schutz wasserlebender Säugetierarten
Südamerikas dient, sei angesichts der bemerkenswerten Ergebnisse des Projekts
nur am Rande erwähnt. (Datum unbekannt, WOM-Journal)

Nuggets (Original Artefacts From The First Psychedelic Era 1965-1968)
1977 entbrannte zwischen London und New York ein ganz
eigenartiger Streit darum, wer denn nun wirklich schuld war an dem Punk-Urknall,
der die ganze Welt der Popmusik in ihren Grundfesten erschüttert hatte.
Da das jugendliche Herz der neuen Szene zweifellos in England seine schlagende
Hauptkammer hatte, grub man in Amiland in den Randgebieten der Rockgeschichte
und stieß auf die New York Dolls, Stooges, MC 5 und Patti Smith als Vorläufer
neuer Wellen. Deren Bassist Lenny Kaye hingegen hatte schon 1972 ein ganzes
Stück tiefer geschürft: in der aberwitzigen Frühzeit der Psychedelic-Szene,
die von 1965 bis '68 geradezu ein Füllhorn obskurer, unverstandener, kurzlebiger
und vergessener Bands war. Das bemerkenswerte Ergebnis seiner archäologischen
Bemühungen veröffentlichte Kaye auf einem legendären Doppelalbum mit dem
Titel »Nuggets«: 27 Bands, von denen nicht wenige zumindest für ihre Attitüde
jenen ominösen Titel verdient hatten, den Kaye in seinen Liner-notes als
einer der ersten benützte: »punk-rock«. Jahrzehntelang blieb »Nuggets«
ein Klassiker: gesucht, geliebt, gelobt, einflußreich und immer wieder
zitiert von Musikern, Journalisten, Fans und Sammlern. Und - natürlich
- längst prädestiniert für eine CD-Neuauflage. Also machte sich Lenny
Kaye mit einigen Gesinnungsgenossen erneut ans Werk, und das Ergebnis
wird zweifellos ebenso Geschichte machen, wie es Geschichte dokumentiert:
118 (!!) Tracks umfaßt die Vier-CD-Box, jeder einzelne davon mit Kommentar,
genauer Dokumentation seiner Entstehung, der beteiligten Personen (soweit
bekannt) und eventuellen Charts-Plazierungen (da finden sich einige Überraschungen!).
Mir schwinden die Sinne schon bei einem kurzen Blick auf die Namen: The
Seeds, 13th Floor Elevators, Chocolate Watch Band, Strawberry Alarm Clock,
Beau Brummels, Nazz ... Musikalisch läßt sich (wenn man aus der Begeisterungstrance
wieder erwacht ist) zweierlei feststellen. Erstens, wie sehr die US-Underground-Szene
der mittleren 60er Jahre nicht nur von der »British Invasion« beeinflußt
war. »Public Execution« von Mouse etwa ist von der Stimme bis zum Einzelton
ein Abziehbild von Dylans »Like A Rolling Stone«; »Lies« (Knickerbockers)
knüpft frech an »I Wanna Hold Your Hand« an; The Vagrants zitieren in
der Eröffnung von Otis Reddings »Respect« Velvet Undergrounds »Waiting
For My Man«. Andersrum finden sich im Heer der Anonymen nicht nur (später)
bekannte Namen wie Todd Rundgren, Ted Nugent, Warren Zevon, Dan Hicks,
Glen Campbell, Richard Gottehrer, Robbie Robertson und Creedence Clearwater
Revival (als The Golliwogs); Liebhaber des (etwas) Abseitigen werden auch
viele ihrer Lieblingssongs in lange verschollenen Originalversionen entdecken.
Nur ein paar Beispiele: »I Had Too Much To Dream (Last Night)« (Electric
Prunes/Wayne County), »Strychnine« (The Sonics/Billy Childish), »Shape
Of Things To Come« (Max Frost & The Troopers/Slade), »Journey To The Centre
Of The Mind« (The Amboy Dukes/auch Slade), »Time Won't Let Me« (The Outsiders/Iggy
Pop), »Little Bit O'Soul« (The Music Explosion/Ramones), »I Want Candy«
(The Strangeloves/Bow Wow Wow), »Louie Louie« (The Kingsmen) und nicht
zuletzt jene »Hey Joe«-Version von den Leaves, die den Song ins Repertoire
von Jimi Hendrix und jeder zweiten Band der Welt brachte. Und so weiter
und so fort. Bereitet euch auf einen langen Winter hinter verschlossenen
Türen vor, ihr Freaks dieser Welt. Wärmen wird euch der heißlaufende CD-Spieler,
und langweilig wird euch mit »Nuggets« frühestens im März 2000! (November
1998, WOM-Journal)

Orbitones
Euer Doc ist (wie wir alle) ein Pawlowsches Hundetier:
er reagiert auf bestimmte Reize mit bestimmten Handlungen. Zum Beispiel
der Name »Orbitones«: Da fällt ihm doch gleich ein, daß Morrisseys Drummer
Spencer Cobrin mal in einer Band dieses Namens gespielt hat, daß Roy-Orbison-Fans
seit Jahren auf die gleichnamige Tribute-Band schwören und ... doch war
es eher der Untertitel, der dem Reflex das Interesse beigesellte und euren
Doc so richtig neugierig werden ließ: »Spoon Harps & Bellowphones - Experimental
Musical Instruments«. Das ist doch ein Fall für die Trend-Praxis! Zwar
steht selbst bei optimistischster Augeneinstellung nicht zu erwarten,
daß sich demnächst die Hitparaden mit Frauen und Männer füllen, die mit
Ocarina, Pencilina, Huaca, Great-Island-Mundbogen, Adlerfederflöte, Mondglocken,
Gamelan, Stiltophon, Pongophon, Rumitone und Zgamonium hypnotisch-seltsame,
höchst imaginative Ton-Musik erzeugen, doch geben sie damit den Ohren
das aufregende Gefühl, sie würden zum ersten Mal seit Jahren wieder richtig
HÖREN (weil irgend jemand die längst zur weltweiten Dauerbeschallung entarteten
Rhythmuscomputer, Gitarren und Dancefloor-Synthesizer abgedreht hat).
Unter den Beteiligten sind neben vielen auch dem Spezialisten neuen Namen
John Cage, Tom Waits und der Elektronik-Träumer Aphex Twin, dessen Instrumentarium
in diesem Umfeld fast schon konventionell wirkt. Die Instrumente zu beschreiben
überfordert selbst das akademische Vokabular eures Doc, deshalb sei auf
ein Merkmal der CD hingewiesen, das sowohl ihren Genuß- als auch den Informationswert
entscheidend erweitert: Das 100seitige Buch zur Platte enthält neben Robert
Moogs Vorwort genaue Beschreibungen, Erklärungen und Bilder. (November
1998, WOM-Journal (Rubrik »Doktor Trend«))

Paradies der Ungeliebten
Das »Paradies der Ungeliebten« - benannt nach einem
Reptilienzoo - ist ein vielbesuchter und gleichwohl einsamer Ort: Die
Lieder und Worte, die dort gesungen und gesprochen werden, singt und spricht
man, wenn die Wohnung leer ist und Türen und Fenster so lange geschlossen
sind, daß man sie vergessen hat. Tom Liwa versammelte 17 verschieden Gesinnte
von Rossmy bis Rellöm, von Katrin Achinger bis Dorothee Becker, und ließ
sie tun, was sie tun, wenn sie an Liebe denken (das Ergebnis ist - aufatmen!
- erstaunlich hell, direkt und klar). Dirk von Lowtzow (Tocotronic) schließt
den Kreis nach draußen: Er sang sein Lied auf Liwas Anrufbeantworter.
(Juni 1998, WOM-Journal) Random (A Tribute To Gary Numan And Tubeway Army)
Was Englands neue Pop-Generation(en) an Gary Numan finden, ist manchem
von uns doch ein Rätsel. Auf dem ganz in schwarz gehaltenen Tribute-Album
»Random« legen uns u. a. Saint Etienne, Matt Sharp & Damon Albarn, Kenickie,
EMF, Moloko, Dubstar, Republica, Bis und Jimi Tenor nahe, daß uns eine
eingehendere Beschäftigung mit dem bleichen Murrgesicht auch einiges über
ihre eigene Musik erhellen könnte. Die Techno- bis Punk-Bearbeitungen
elektronischer Klassiker wie »Are ›Friends‹ Electric?«, »Cars« und »We
Are So Fragile« sind zudem meist erfreulich gewagt und gelungen (von Gravity
Kills' Dumpfbacken-Metal vielleicht mal abgesehen). (Datum unbekannt,
WOM-Journal)
    
Rare Schellacks
Man kann sich nicht entscheiden zwischen Kehlenkrampf
und Sodbrennen, wenn man sich ab und an versehentlich den Zumutungen aussetzt,
die im deutschen Kultursupermarkt mit dem warnenden Etikett »Volksmusik«
als schlimmster Tümel-Müll kenntlich gemacht sind. Daß der Begriff eigentlich
was ganz anderes meint, ist schon so lange vergessen, wie die beweiskräftigen
Originaltonträger höchstens noch als Kellerstaubfänger und Autobahnbelag
dienen. Da passiert es, daß man Karl Valentin für einen Kabarettisten,
Weiß Ferdl für eine Art Reittier mit hellem Fell und den großen Rest der
echten Volksmusiker und -sänger für gar nichts mehr hält. Den Kulturpflegern
des Münchner Trikont-Verlags ist es zu verdanken, daß die Originale endlich
wieder für sich selbst sprechen dürfen. Nach einer ersten Ladung von vier
CDs vor fünf Jahren liegen nun weitere fünf Sammlungen rarer Schellacks
vor, deren regionaler Horizont sich erweitert hat. Zu »Szenen & Vorträgen«
und »Lieder & Couplets« aus »München-Bayern« und den Jahren 1901 bis zur
unguten Zeitenwende 1939 kommen »Zoten & Pikanterien« aus dem Wien der
Vorkriegsantike, »Volkssänger« aus dem »gemietlichen« Sachsen und Berliner
»Großstadtklänge«, die als einzige (etwa mit Pola Negris wunderhübschen
»Zeig' der Welt nicht dein Herz«) auch die dem Zugriff der »Reichskultur«
fernen Nischen der dunklen zwölf Jahre mit einbeziehen. Es gibt viel zu
entdecken: Verrücktes, Kurioses, Derb-Blödes, Aberwitziges (ganz groß
z. B.: »Beim Hundemetzger« von den Münchnern August Junker und Alois Hoenle«!),
Charmantes, Rührendes, Trauriges und Lustiges, von Großen wie Valentin/Karlstadt
und Weiß, weniger Klassischen wie Claire Waldoff und Otto Reutter, aber
auch von den vielen Vergessenen, die in den umfangreichen Kommentarheften
dem Sumpf der Zeiten entrissen werden. Ein hinreißend schönes, unterhaltsames
und lehrreiches Paradies nicht nur für Sammler und Liebhaber und ein wirksames
Gegengift gegen die eingangs erwähnte Gleichschaltung auf Null-Niveau.
(Dezember 1999, Musikexpreß)

Rio Bravo And Other Movie & TV Themes
Manche Leute mögen Western nicht so gerne. Ich zum
Beispiel. Das hat damit zu tun, wie sich eine bestimmte Ideologie auf
den Gesichtern vieler Figuren niederschlägt und ihre Darsteller manchmal
sogar bis ins richtige Leben verfolgt. Auf Seite 19 des tollen Booklets
zu dieser tollen CD ist ein Foto zu sehen: Da schüttelt Lorne Greene (»Bonanza«)
Johnny Cash (Interpret des Titelsongs der Serie) die Hand und grinst dabei,
als wollte er sagen: Okay, Stranger, du hast noch fünf Minuten zu leben.
Wahrscheinlich war Lorne Greene ein sehr netter Mensch. Deshalb mag ich
Western nicht so gern. Es läßt sich nicht abstreiten: Was an Gefühlen
in so einem Western steckt (und erst recht in der dazugehörigen Musik),
ist meistens irgendwie falsch: Hinter dahinschmelzenden Schnulzen verbergen
sich ungewaschene Prärieschweißfüße; die fröhlichsten Tänze tanzt man
mit einem Hagel von blauen Bohnen unter den Stiefeln, und die Romantik
einsamer Westmänner hat wenig mit Romantik, dafür umso mehr mit Einsamkeit,
Kuhdung und natürlich billigem Whisky zu tun. Von ihrer »Einstellung«
zur Frau an sich ganz zu schweigen. Deshalb ist diese CD so schön: 25
Songs und Melodien lang in einem Schaumbad von romantischen, dahinschmelzenden,
fröhlichen und tieftraurigen Gefühlen zu baden, von denen kein einziges
echt ist, das reinigt die Seele, stärkt das Nervenkostüm, heilt reale
Wunden - und ist ein Quell größter Freude für Nostalgiker, die auf 44
Seiten Booklet mehr Filmplakate und Darsteller wiedersehen, als auf einmal
gut fürs Gemüt ist. Und Hinweise auf einen Berg weiterer CDs aus dem Genre
- stop! Irgendwann muß auch wieder Schluß sein! Diese CD jedoch sollte
auf keiner Alltags-Ranch fehlen: Mag der Haussegen senkrecht stehen, Papa
im Keller Bierflaschen zertrümmern, die Kinder verwahrlosen, der Wellensittich
in die Suppe stürzen, Mama den Hund prügeln und Oma nackt mit entsicherter
Flinte ums Karree laufen - man lasse Anthony Perkins »The Kentuckian Song«,
Dean Martin »My Rifle, My Pony And Me« oder Frankie Avalon »Green Leaves
Of Summer« singen, und schon wird alles wieder gut. (Mai 2000, WOM-Journal)

20th Century Blues (The Music Of Noel Coward)
Daß Noel Coward der erste englische Popstar war, ist
eine diskutierenswerte These. Der 1899 geborene und 1973 gestorbene Coward
definierte in seinen Songs das Wort »Pop«: Ironie, Romantik, Pessimismus,
Schönheit und Melancholie sah niemand durch eine so wunderbar britische
Brille wie er. Entsprechend vielgesichtig sind die Huldiger auf dem lange
fälligen Tribute-Album »Twentieh Century Blues«: von Robbie Williams'
genialem »There Are Bad Times Just Around The Corner« über Texas, Divine
Comedy, Pet Shop Boys, Elton John, Marianne Faithfull, Shola Ama, Suede
(mit Raissa), Space, Sting, Damon Albarn und Vic Reeves bis zur gänsehäutigen
Suhl-Schönheit bei Paul McCartney und Bryan Ferry ein absolut außergewöhnliches
Erlebnis. (Juni 1998, WOM-Journal)

Twist in Germany
»Der Twist beginnt!« - und folgendes passiert: »Hüft-
und Kniegelenksveränderungen, Muskelzerrungen, Knöchelbrüche, Knochenabsplitterungen,
Sehnenscheidenentzündungen, Wadenkrämpfe und ganz besonders Bandscheibenvorfälle«
stellen sich ein, so befürchtete jedenfalls die medizinische Fachwelt,
als plötzlich die »Pantomime eines Sexualtraums« (laut dem »italienischen
Psychologenverband«) über die biederen ganz frühen 60er Jahre hereinbrach.
Ein Lebensalter später hingegen setzen wir unsere Gesundheit aufs Spiel,
indem wir uns haareraufend am Boden wälzen und hysterisch lachend um uns
schlagen. Denn es ist tatsächlich Chubby Checker selbst, der da mit einer
verdeutschten Version von »Let's Twist Again« einen Reigen der schwungvollen
Absonderlichkeiten eröffnet, der gleichwohl auch heute noch bisweilen
blitzartig ins Tanzbein fährt. In 30 Tracks und garantiert heimatsprachlich
ist hier alles versammelt, was von 1961 bis 1963 dafür sorgte, daß die
ganze Republik wie entfesselt »mit dem ganzen Rumpf und allen Gliedern«
tanzte, bis endlich am Schluß die Einsicht dämmert: »Der Twist ist passé«.
Caterina Valente, Viva Bach, Ronny Baer, Peppino Di Capri, Max Greger,
Ralf Bendix, Benny Quick und und ... und natürlich nochmal Chubby Checker
mit dem unvergleichlichen »Autobahn Baby« sorgen für einen Heidenspaß,
bei dem die fondantfarbene, dem Original-Geist getreue Verpackung und
ein Sammelsurium von historischen Tanzanleitungen und moralischen wie
medizinischen Warnungen den Genuß noch erhöhen. »Twist ist gut für die
Linie« (Paul Würges) - stimmt, auch wenn man diese Erkenntnis vorsichtshalber
nicht auf Straßenbahnen und Busse beziehen sollte, ähem. (April 1999,
WOM-Journal)

Velvet Goldmine (Soundtrack)
Wenn sich ein Kinofilm und sein Soundtrack mit den
wunderbaren, entgleisten, irren, poppigen, unwiederbringlichen Glam-Rock-Jahren
beschäftigt, drückt man gerne ein paar Augen zu: Daß die Plattenfirma
im abenteuerlich »formulierten« Begleitinfo unter anderem das 25 Jahre
alte »Needles In The Camel's Eye« (inklusive Druckfehler) als »neuen Track
von Brian Eno« bezeichnet, so ziemlich alles falsch schreibt, was man
nur falsch schreiben kann (»Elastika«, »Personality Crisir«, »Bitter End«,
»T-Rex«, »Andy McKay«, »Bernard Buttler«), und Beiträge von Slade, Bryan
Ferry und Gary Glitter ankündigt, die es auf der Platte gar nicht gibt
- macht alles nichts. Dafür ist der Rest - Coverversionen und Originale
- um so geiler, oder? Fast. Es wird vor allem deutlich, was die Bands
von damals und heute unterscheidet, obwohl es schwer fällt, den Unterschied
zu benennen. Placebos Version des T.Rex-Klassikers »20th Century Boy«
zum Beispiel zeigt, wie genial das Original nicht nur gespielt und gesungen,
sondern auch arrangiert und (von Tony Visconti) produziert war/ist. Mehr
als eine akzeptable Imitation ist da nicht drin, ebenso wie bei Ewan MacGregors
optisch durchaus beeindruckender Iggy-Pop-Wiedergabe. Allein durch Thom
Yorkes verblüffend variable Stimme sorgen die Roxy-Music-Annäherungen
der u. a. mit Original-Saxophonist Andy Mackay und Bernard Butler hochkarätig
besetzten Film-Band The Venus In Furs für erheblich mehr Spannung. Wenn
dann allerdings eine Biedermeier-Kapelle wie Grant Lee Buffalo (andeutungsweise)
auf Bowie macht, fragt man sich doch, wieso ausgerechnet der ganz bestimmt
nicht für seinen Hang zu sexueller Ekstase, Ausschweifung, Glamour und
Dekadenz bekannte Michael Stipe diesen Soundtrack zusammenstellen durfte.
Und nicht Brett Anderson, zum Beispiel. Aber Pulps »We Are The Boys« (aber
das haben wir uns eigentlich gedacht, oder?) und das grandiose New-York-Dolls-Cover
»Personality Crisis« von Teenage Fanclub und Elasticas Donna Matthews
machen alles wieder gut: Sie strahlen jene Mischung aus Verwegenheit,
Kaputtheit, Glitter und Sex aus, die wir an den 70ern so mögen, weil sie
uns heute so fehlt. (Dezember 1998, WOM-Journal)

With Every Breath (The Music Of Shabbat At BJ)
Daß Musik der jüdischen Welt (Klezmer mal ausgenommen)
vom allgemeinen Welt-Musik-Boom bislang verschont (?) geblieben ist, verwundert
doch ein bißchen. Andererseits ist es natürlich für westeuropäische Ohren
von weit geringerer Exotik, was das weltalte, verstreute und gequälte
Volk singt und spielt, um Seelentrauer, Lebensfreude und beides zusammen
in der Gottesnähe des Shabbat auszudrücken, als etwa die Klänge der Südsee
und der afrikanischen Steppe - schließlich ist oder war die jüdische Religion
und Kultur auch hierzulande bis vor nicht allzu langer Zeit fest verwurzelt.
In einem New Yorker Studio versammelte Anthony Coleman Mitglieder der
3.000köpfigen New Yorker Synagoge B'nai Jeshurun (der ältesten der USA),
in deren Musik sephardische, ashkenazische, europäische, türkische, israelische,
Sufi- und andere Traditionen aus allen Erdteilen weiterleben und in Gegenwart
und Zukunft reichen. Eine höchst meditative, horizonterweiternde und,
um mal im westlich-liberalistischen Jargon zu bleiben, »lohnende« Erfahrung,
selbst wenn man sie nur zur Entspannung benützt. (Januar 2000, WOM-Journal)
 
You Thought It Was The End Of The World When The Rain Ruined Your Hair
In seinem sehr wunderbaren
Buch »45« erzählt der sehr wunderbare Bill Drummond folgende Geschichte:
Während einer Reise durch Finnland hören er und sein Freund Z im Autoradio
jede Menge tolle Songs von seltsamen Bands - Lappen-Punk, Finn-Progressive,
Ice-Biker-Metal, arktischen Soul usw. Sie wollen einen Sampler herausbringen,
suchen sich die merkwürdigen Platten zusammen und stellen beim Wiederhören
fest, daß sie in Wirklichkeit alle ziemlich scheiße klingen. Also engagieren
Drummond und Z in Helsinki ein paar arbeitslose Musiker, erfinden Bandnamen
wie Aurora Borealis, The Daytonas und The Fuckers und produzieren einen
Sampler mit lauter tollen Bands, die es gar nicht gibt, die sich aber
so anhören, wie die echten Bands eigentlich klingen sollten. Daß irgendjemand
findet, daß die Smiths scheiße klingen, kann ich mir nicht vorstellen.
Eher ist es so, daß viele Leute (zu denen ich selbst gehöre) meinen, es
gebe viel zu wenige Smiths-Platten. Also gründen sie Bands, die alle in
etwa so klingen, wie die Smiths vielleicht klingen hätten können (in einem
sehr nahen Paralleluniversum), und machen Sampler wie diesen: mit lauter
Leuten drauf, die ein kleines sympathisches bißchen verhaltensgestört
wirken, in der Öffentlichkeit und auf der Bühne immer nur ihre Schuhe
anschauen, die bezaubernd schüchtern sind und so britisch denken, daß
man Morrissey dagegen fast für einen Italiener halten könnte. Sie spielen
viele schicke Gitarrenakkorde, von denen die meisten einem Jon Bon Jovi
die Nackenhaare aufstellen würden. Sie singen von traurigen, lustigen,
romantischen und unwichtigen Dingen, ohne sich dafür zu interessieren,
ob man sie versteht. Sie nennen sich The Did, Goldstoned, Delons, the
budapest fanzine, Komëit oder einfach nur so, wie sie heißen (Florian
Glässing, Markus von Schwerin), ohne sich darum zu kümmern, daß sich solche
Namen überhaupt nicht »verkaufen« lassen. Und sie klingen manchmal gar
nicht mehr wie die Smiths, sondern richtig wie sie selber, schreiben viele
nette und auch mal einen wirklich großartigen Song (z.B. »Tomorrow« von
happydeadmen), der in einer guten Welt ein Superhit werden könnte. Es
gibt nicht viele Leute, die solche Platten mögen, weil man die meisten
Bands auch beim fünften Hören nicht wiedererkennt (logisch) und weil sie
sich gar keine große Mühe geben, gemocht zu werden (wozu auch). Ich mag
solche Platten. Ich mag Leute, die mit einem charmanten und intelligenten
Lächeln scheitern. Die gut sind, ohne groß werden zu wollen. Die keinen
Wert darauf legen, daß auch der letzte Eskimo im Bierzelt ihren Refrain
mitbrüllt. Die dem Beton-Moloch Musikindustrie so begegnen wie ein Marienkäfer
einem Panzer: Walz mich nur platt, ich bin trotzdem schöner! Ein Großteil
dieses Samplers klingt so, als hätte sich die Bands jemand ausgedacht,
mit dem ich sehr gut befreundet bin. Es gibt sie aber alle wirklich, und
das ist eigentlich noch viel schöner. (Juni 2000, WOM-Journal)
e-mail:michael
sailer | impressum
| © Michael Sailer |