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N: Willie Nelson Neu! New York Dolls The Nice Nirvana Nits No Bounds No Goods Northern Uproar Nut
Am 30. April ist der Outlaw des 20. Jahrhunderts 65 geworden. Den größten Teil all dieser Jahre hat Willie Nelson damit verbracht, als Komponist und begnadeter Interpret der Country-Musik ein Gegenmittel gegen Nashville-Trends und biederen Stetson-Kitsch zu verabreichen und sie damit für nicht wenige überhaupt erst hörbar zu machen. Sein Leben vor der Karriere definierte deren Charakter: Fahrender Händler in Konversationslexika, Bibellehrer in Sonntagsschulen, Discjockey und Wandersänger - jede dieser Stationen trug einen Teil zu dem Mischgestein Willie Nelson bei, dessen erste eindrückliche Züge ab 1964 Gestalt annahmen. Da hatte er bereits einen Namen als Songwriter für Patsy Cline, Faron Young und andere, machte einige Aufnahmen für das Label Monument und ließ sich kurz darauf von Chet Atkins zur Unterschrift bei RCA überreden. Nelsons eigene Karriere war jedoch nach zwei Hits 1962 wieder versiegt und kam auch während acht Jahren bei RCA nicht richtig in Fahrt. Obwohl sich Atkins, RCAs Nashville-Beauftragter, auch als Produzent alle Mühe gab und Willie den Anweisungen der Legende (zunächst) blind Folge leistete: So kommen wir dank der wie immer bewundernswerten Bear-Family-Recherche-Arbeit etwa auch in den Genuß eines deutschsprachigen »Whisky Walzer«, dessen haarsträubende Wirkung durch die nüchterne Demut in Nelsons Stimme eher noch erhöht wird. Erst in der Rückschau erwiesen sich die Jahre von '64 bis '72 als wichtiger Grundstock für die Bedeutung eines der bemerkenswertesten Musikers der USA. Lückenlos nachzuhören und -lesen: Mit 219 Tracks auf acht CDs in einer wunderschönen Box (auf dem Cover sieht Willie im Profil aus wie Al Gore, aber keine Angst: er ist's nicht) mit einem reichlich bebilderten Prachtband inkl. Biographie und vollständiger Recording-History ist diese Ausgabe selbst ein Stück Musikgeschichte und erspart dem Rezensenten jedes weitere Wort. Vielleicht noch der Hinweis auf das vor einiger Zeit erschienene Album »Can't Get The Hell Out Of Texas«, das Willie Nelsons Reunion mit seiner Band The Offenders 1995 dokumentiert. (Juni 1998, WOM-Journal) Vor ein paar Jahren rief mich Klaus Dinger an und erzählte von den bösen Leuten, die ihm die Namen seiner zwei Bands geklaut hätten und daß er die auch vor Gericht nicht zurückbekomme und daß er jetzt nur noch in Japan tun könne, was er tun wolle und müsse und wirr und warr, und irgendwann dachte ich: das ist vielleicht gar nicht Klaus Dinger, der mich da angerufen hat; er war es aber wahrscheinlich doch, weil er von ein paar Platten erzählte, die Klaus Dinger gemacht hatte und die außer ihm und mir und ein paar Japanern bestimmt keiner kannte; ein paar von den Platten hatte er mir nämlich zugeschickt, die hatte ich auch gehört, und sie klangen in etwa wie das, was ich damals, als ich immer Musiker werden wollte, aber nicht wußte, wie das geht, - was ich da aufgenommen hatte, komplett mit improvisiertem Nonsens-Text und endlos dahingeschraddelter Gitarre und Geräuschen dazwischen, aber ein einziger Track war wirklich großartig, der lief so dahin, als führe ich auf einem Interkontinentalexpreßzug quer durch ein stilles, blendend modernes Europa; und da dachte ich: genau, es ist Zeit, mal wieder so Musik zu machen, einfach so spielen und schauen, was passiert, aber meine damaligen Mitmusiker wollten davon gar nichts wissen, von wegen Instrumente tauschen und keinen Rock'n'Roll und so, Hilfe. Punkt. Dann habe ich Klaus Dinger und die ganze Sache vergessen, und erst vor ein paar Monaten kam die Idee wieder, weil inzwischen die Produktion marktkompatibler "Rock-Bands", die immer denselben Ami-Müll brüllen und rocken, das Ausmaß einer weltumspannenden Klon-Industrie angenommen hat und aber auch schon gar nicht mehr erträglich ist, und da wollte ich wieder so Musik machen: einen Ton spielen, zwanzig Minuten lang, und dazu was aus dem Stegreif erzählen, eine oder zwei Zeilen, die nichts und alles bedeuten, immer wiederholen, ohne Punkt und Absatz, einfach so, schließlich hat ja auch alles Gute irgendwann so angefangen, bei Velvet Underground, bei Wire, bei David Bowie, Roxy Music und eben auch bei dem, was man damals Kraut-Rock nannte, und siehe da: eben jetzt kommt ausgerechnet der schlimme Deutsch-Rüde Grönemeyer auf die Idee, die ersten drei Platten von Neu! neu herauszubringen; das waren Michael Rother und Klaus Dinger, von 1971 bis 1974 und dann noch mal 1975, und das war genau das, was ich meinte. Es fing an mit "Hallogallo", mit dem, was die Engländer heute vergötternd "Die Deutsch Motorik" oder ähnlich nennen, es sah irgendwie aus wie Punk, der aber erst Jahre später kam, es klang irgendwie wie New Wave (auch Jahre später), es war zum Teil ziemlicher Humbug, aber als sich die beiden nach der Pause noch mal zusammentaten und die dritte Platte "Neu!75" machten, da war es ziemlich phantastisch und genau das, was ich meinte, meine und jetzt eigentlich nicht mehr machen muß. Da hörte man eine Seite lang Michael Rothers schimmernde, weltvergessene, absolut rocknrollfreie Kindersommermelodien, die er später solo bis zum leeren Exzeß übertrieb, und eine Seite lang Klaus Dingers rohe, hymnische, auch völlig rocknrollfreie Proto-New-Wave-Tracks, von denen David Bowie vor deutschen Fernsehkameras in den höchsten Tönen schwärmte; einer davon hieß "Hero", und daß Bowie später seinen und überhaupt den größten Song aller Zeiten "Heroes" nannte und ab und zu deutsch sang, das findet Klaus Dinger "ein bißchen zuviel des Guten", aber zuviel von so Gutem kann es eigentlich gar nicht geben, vor allem in dieser seltsamen Kombination, und deshalb werde ich mir jetzt auch Dingers spätere Platten mit La Düsseldorf und danach in Ruhe noch mal anhören, und deshalb werde ich das trotzdem selber nach- oder auch machen, weil es einfach so schön dahin rollt und werkelt und romantikmotorikiert und von einer Zukunft träumen läßt, von der man damals einen Moment lang träumen konnte und von der ich in der Hölle des globalkapitalistischen Effektivitätskrieges so gerne mal wieder träumen möchte. Punkt. (Juni 2001, In München)
Die Geschichte von
Arthur Harold "Killer" Kane ist wahrscheinlich die tragischste aller Rock-'n'-Roll-Tragödien,
zu lang und zu schlimm, um sie kurz zu erzählen; es gibt Filme und Bücher,
die das besser können (empfohlen seien Nina Antonias Dolls-Biographie
und die DVD "New York Doll"!). Uns genügt ein beliebiges Bild aus seiner
späten Jugend und die Erinnerung, daß der betrunkene, kaputte Rüpel mit
dem Bauarbeitergesicht, der sich in schreipeinliche Tuntenfummel quetschte
und auf meterhohen Turmabsätzen inmitten einer Bande schriller Hampelgockel
herumstöckelte, in Wirklichkeit ein stiller, empfindlicher, verträumter,
witziger, hochintelligenter und herzensguter Mann war, der bis zum Tod
seiner Mutter außer Schule und Familie nichts im Sinn hatte. Dann war
die andere Seite dran: Jahrzehntelang schwerkranker Alkoholiker, entwickelte
Arthur einen manischen Hang zum Chaos und rutschte dem Tod ungefähr hundertmal
um Haaresbreite von der Schippe, ehe er als glücklich neugeborener Christ
erleben durfte, wie Morrissey die New York Dolls fast dreißig Jahre nach
ihrer Trennung zum Meltdown-Festival einlud und die Band dort wie Götter
gefeiert wurde - ein paar Tage danach, am 13. Juli 2004, fühlte er sich
schlapp, ging zum Arzt, erfuhr, daß er Leukämie hatte, und zwei Stunden
später war er tot.
Die Flagge der Vereinigten Staaten zu zerfetzen und in Brand zu setzen gehörte 1967 ganz bestimmt nicht zum guten Ton, zumindest nicht in der Lononer Royal Albert Hall in Anwesenheit des US-Botschafters. Aber Keith Emerson (der deshalb mit einem erst kürzlich aufgehobenen Auftrittsverbot in der royalen Halle belegt wurde) hatte seine eigenen Vorstellungen davon, was sich gehörte, um als junger Musiker auf sich aufmerksam zu machen. Zunächst als Backing-Band für die Soul-Beat-Diva P.P. Arnold unter Vertrag, emanzipierten sich The Nice sehr schnell zum Top-Act, was nicht zuletzt an Keyboarder Emersons Bühnenshow lag: Er stach mit Messern auf seine Orgel ein, rollte und warf sie durch die Gegend und sprang darauf herum wie eine irrwitzige Karikatur von Chuck Berry, schwang die Peitsche gegen die halbnackte Tänzerin Sandy Sarjeant und verging sich schließlich zu den Klängen des Single-Hits »America« (einer Rock-Bearbeitung von Leonard Bernsteins Evergreen) an dessen Nationalsymbol. Als 1968 ihr Debütalbum erschien, waren The Nice die Superstars der herandämmernden Prog-Rock-Epoche. Ohne optische Ekstase offenbarte ihr Programm jedoch einige Schwachstellen: Emersons Keyboard-Rasereien litten aufgrund eines gerüttelten Maßes Selbstüberschätzung an einem Mißverhältnis von Technik und Gehalt, das sich nach 1970 bei Emerson, Lake & Palmer noch steigern sollte. Die musikalischen Vorlieben der Band - die »vier Bs«: Bob Dylan, Beatles, Dave Brubeck und Art Blakey - ließen sich nur unter Hinnahme manch schroffer Verkantung in eine Kiste bringen, und Bassist Lee Jackson war nicht unbedingt ein großer Sänger, obwohl sein kehliger Ton durchaus individuelle Züge hat. All das spielte zu Beginn noch keine große Rolle: Zu mitreißend war die pure Energie und Liebe zum Jetzt-spielen-wir-einfach-alles-gleichzeitig-Chaos. Darum bleibt »The Thoughts Of Emerlist Davjack« - jetzt um die beiden Singles »America« und den Titelsong sowie alle drei B-Seiten ergänzt - ein faszinierendes und authentisches Zeitdokument aus einer Epoche des Aufbruchs in alle denkbaren Richtungen, das spätere Irrungen und Wirrungen ahnen läßt, ohne allzu sehr darunter zu leiden. (September 1999, WOM-Journal) Über kaum eine Platte wurde in letzter Zeit soviel spekuliert und fabuliert wie über diese. Das Album sei so wüst, schräg und folglich unverkäuflich, daß die Plattenfirma die Veröffentlichung abgelehnt habe, war zu lesen. Soviel gleich vorweg: Derartige Befürchtungen sind unbegründet. Zwar gehen Nummern wie »Scentless Apprentice« und »Milk It« tatsächlich weit über das hinaus, was man biederen Angetsllten biederer Companies zumuten sollte, aber wer eine Band wie Nirvana unter Vertrag nimmt, muß sich eben vorher überlegen, was ihn erwartet. Die Speerspitze der Grunge-Welle verläßt sich auf dem Nachfolger des Millionen-Sellers »Nevermind« nicht auf Erfolgsrezepte, von den typischen Gesangsmelodien abgesehen, die Kurt Cobains Markenzeichen sind. Einzig »Rape Me« klingt wie der Versuch, »Teen Spirit« nochmal zu schreiben. Statt dessen schlägt das Pendel deutlich zurück in Richtung des Debüt-Albums »Bleach«, was gehörige Spannung erzeugt: Selbst in sanften Momenten bröckeln die Strukturen der Songs, das ganze Album ist durchzogen von Feedback, explodierendem Lärm und Cobains Stimmakrobatik, die urplötzlich von schläfriger Entspanntheit in wütendste Raserei umschlägt, dabei aber so souverän bleibt, daß »In Utero« gelegentlich so klingt, wie die zweite LP der Sex Pistols hätte klingen können. Potentielle Hits gibt es zur Genüge: Die erste Single »Heart Shaped Box« wird an hypnotischer Einprägsamkeit noch übertroffen von »Frances Farmer«, »All Apologies«, der Hymne »Penny Royal Tea« und dem mit sanften Cello-Klängen unterlegten »Dumb«. Natürlich ähneln sich die Hooks und Melodien, aber donnernde Noise-Punk-Exzesse wie »Tourrets« sorgen immer wieder für Abwechslung, und wer von einer Band wie Nirvana erwartet, daß sie sich weiterentwickelt, indem sie etwa Funk- oder Blues-Einflüsse verarbeitet, der hat nichts verstanden. (November 1993, WOM-Journal) Wenn ich eines Tages auf die Idee verfalle, die Titel aller Nits-Alben in meinem Lieblingsplatten-Regal nach Mitternacht lauthals der Reihe nach abzulesen, werden meine Nachbarn denken, ich hätte Besuch von relativ einsilbigen Außerirdischen: Tent, Omsk, Henk, Hat, Urk, Hjuvi, Ting, dA dA dA, Nest, Alankomaat - das klingt zweifellos seltsam. Die Musik der Nits liefert aber keinen Grund für nächtliche Erratizismen und Eskapaden - höchstens Anlaß für noch ein Glas Wein und noch zwanzig, dreißig verträumte, romantische Gedanken an all das, was im rasenden Alltag keinen Platz hat. Daß die Nits niemand kennt - ihren Zufallstreffer »In The Dutch Mountain« von 1987 mal ausgenommen - liegt nicht an den Nits. Oder doch? Wenn man ihnen zuhört, möchte man meinen, es sei der Band herzlich egal, ob sich irgend jemand für sie interessiert. Ihre Songs scheinen so zu entstehen wie jene nächtlichen, verträumten, romantischen Gedanken: Man läßt sich schweben, und schon sind sie da. Sich so schweben zu lassen, ist heutzutage verpönt, weil man gefälligst rackern, fernsehen und notfalls schlafen soll, damit der Schornstein raucht. Nits hören grenzt an Arbeitsverweigerung. Vielleicht traut sich deshalb kaum jemand die Nits hören. Es ist egal: Die fünf Niederländer haben sich im geheimen Kosmos der Weltfremden und Verträumten, der Seiltänzer und stillen Zauberkünstler längst einen eigenen, gemütlichen Planeten gesichert, von dem aus sie uns Wenige immer wieder mit kleinen Wunderwerken aus Naivität, Experimentierfreude und bescheidener, hinreißender Melancholie überraschen, schimmernden Perlen im Meer der Beliebigkeit und Vergänglichkeit; Kunstwerken, die das Leben verlangsamen, die anrühren, entspannen, aufmerksam und sensibel machen. Sie erzählen von Sehnsucht, Einsamkeit, Trauer, schmerzlichen Erinnerungen an die Schönheit des Lebens und der Welt: »The Strawberry Girl«, »Seven Green Parrots«, »The Wind The Rain« ... wieder einmal besteht kein Zweifel: »Wool« ist das schönste Nits-Album. Wie alle anderen. Was? Trends? Hit-Potential? Mega-Charts? Sofort raus hier! Sonst sehe ich mich gezwungen, lauthals die Titel aller Nits-Alben in meinem Lieblingsplatten-Regal abzulesen. (Juli 2000, Musikexpreß) Ich will keine glatzköpfigen Dickbauch-Gitarristen mit Kinnbart und knielangen Bundeswehrhosen mehr sehen, die dreinglotzen wie Schwarze Sheriffs beim Anblick lachender Hippies mit Hühnerbrust (ich mag hühnerbrüstige Hippies auch nicht so gerne, aber das ist was anderes). Ich mag keine Sängerinnen mehr hören, die mir mit künstlichem »Zorn« den Aushilfs-Guano-Ape geben. Ich mag keine Schlagzeuger mehr hören, die ihr Instrument mit einem Schmiedeamboß verwechseln und wegen der Anstrengung beim Hämmern (oder aus anderen Gründen) immer nur dieselben drei Regionalliga-Chili-Peppers-Figuren zusammenbringen. Ich mag keine Songs mehr hören, in denen sich laute und leise Teile nach dem ewiggleichen Bauplan abwechseln. Ich mag keine »Melodien« mehr hören, die keine sind, dafür aber ein Schild mit der Aufschrift »Los mitsingen, ihr Arschlöcher!« um den Hals tragen. Ich mag das Wort »Crossover« nicht mehr hören, solange damit nur immer dasselbe witz- und ideenlose Dumpf-Gröl-Gewummer bezeichnet wird. Ich mag keine Bands mehr hören, die glauben, weil sie ins Finale irgendeines regionalen »Contests« eingezogen sind, muß die ganze Welt ihre billigen Imitationen ertragen. Ich mag keine Waschzettel mehr lesen, in denen die Wörter »Eigenständigkeit«, »unverbraucht« und »erstaunlich gereift« stehen, die »Aggression« für lobenswert halten und mir mitteilen: »Das hast du verdient.« Ich bin verdammt noch mal nicht euer unterwerfungsbereiter Massensklave, der sich willenlos mit derartigem Klischee-Dreck beschmeißen läßt. Denkt darüber nach, was Musik ist, schminkt euch die antrainierte »Wut« und eure lächerlichen Befehlsposen ab, lernt spielen, schreibt einen annehmbaren Song, überlegt euch, ob ihr was zu sagen habt, kauft euch einen Englisch-Selbstlernkurs für die Grundstufe, dann können wir möglicherweise eines Tages weiterreden. Ansonsten laßt mich in Ruhe. (August 2000, PopXL)
Jetzt sind das ja keine jungen Männer mehr, der Pichler Peter und der Krenn Tschinge, aber Tunichtgoods sind sie nach wie vor, und das heißt: unverschämt und versponnen und dabei so ernsthaft und liebenswert in ihrer ebenso romantischen wie schlauen Tagträumerei, daß man ihnen zwar manchmal ein paar auf den Hosenboden geben möchte, dann aber doch gerührt innehält und stolz ist, daß man sie kennt und daß es sie gibt. Hier gibt, muß das heißen, denn woanders könnte es so etwas gar nicht geben: ein Hasenbergl am Mittelmeer, Sendling an der Adria und Rimini irgendwo zwischen Feierwerk, Großmarkthalle und Theatron. Dazu braucht es ein Pathos, eine Melancholie und einen intelligenten Witz, die - Verzeihung, liebe Zugereiste - nirgendwo in so trefflicher Verbindung blühen wie eben zwischen Sendling, Hasenbergl und den Rimini-Postkarten an der Küchenwand. Die musikalischen Wurzeln der No Goods waren schon immer geklaute Ableger, die im neuen Topf wunderlich zu wuchern begannen: Seemannschöre, Akustik-Techno, Lärm-Lawinen, Polka, Easy Listening, Folklore-Splitter, Schnaderhüpferl, Punkrock, Onkel-Gustav-Heimorgel, Brecht-Balladen, Swing, Walzer, Schmalz-Chanson, Hans Albers und John Cage - irgendwie werden daraus immer wieder Lieder. Nicht 17 diesmal wie auf dem nach vielen Jahren immer noch frisch klingenden letzten »ganzen« Album »17 Lieder«, aber immerhin 14, die es bis zum Rand in sich haben. Percussion, singende Säge, Bläser, Baß, Geige und Pichlers Akkordeon, E-Piano, Gitarre und (verzerrte!) Zither nudeln nicht etwa wild durcheinander oder effektvoll nebeneinander her (was man heute gerne »Avantgarde« nennt), sondern stravanzen ebenso fein organisiert um die rettungslos sentimentalen, aber nie weinerlichen Geschichten herum wie eine Giesinger Jugendbande um die Eckpunkte ihres Reviers. Man könnte das, was hier geschieht, Weltmusik nennen, denn sie ist hier daheim, aber überall zu Hause, wo jemand Ohren und ein Herz hat. Das lassen wir aber hübsch bleiben. Sagen wir: Es sind verteufelt wahre, charmante und lebendige Lieder von falschen Versprechungen, Entfremdung, Sehnsucht und der ganz großen Melancholie, aus der im richtigen Augenblick plötzlich ein echtes Glück wird. (September 2000, popXL)
Der erste Zorn ist verraucht, das Feedback verklungen, und ein paar Monate älter sind die vier coolen Teenager von Northern Uproar auch geworden. Ihr zweites Album lebt nicht mehr so sehr von der ungestümen Drauflos-Attitüde des ersten, sondern von immens verfeinertem Songwriting und so vielen smarten Refrains, Breaks, Hooks und Riffs, daß sich reifere Kollegen wie Cast und Ocean Colour Scene diesen Winter lieber warm anziehen sollten, um nicht plötzlich im Regen zu stehen. (Datum unbekannt, WOM-Journal) Alles, wo »Trip« und womöglich noch »Hop« draufsteht, stellen wir 1997 erstmal in die Tonne, wo »Müll« draufsteht. Schade, daß sich deutsche Plattenfirmen so wenig Mühe mit ihren »Tips zum Einkategorisieren« geben (finden wir das Wort nicht schick?), denn Nut (die Band) haben die Schnellabtreibung nicht verdient. Die elf Songs sind hübsche, weiche Pop-Marshmallows mit leicht angebitterter Vanillesoße, etwas zu melancholisch, um links rein und rechts wieder rauszugehen. Und Nut (die Sängerin) hat ein wirklich süßes Stimmchen, das der Toningenieur ab und zu durch Toaster und Rasierapparate jagt, um das T-Wort zu rechtfertigen. (August 1996, Guide) e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer |
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