
Geschrieben Mitte Juni 2003 (bis 23.), mit leichten Kürzungen gedruckt im IN München am 9. Juli. Auch enthalten in diesem Buch:
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Humanitäre
Katastrophe: Eine meiner Lieblingsschlagzeilen aus dem Riesenfundus von Deutschlands schlimmster "Zeitung" lautete: "Wilde Sau auf Autobahn: 10 Wagen Schrott!" Eine andere: "Die Hitze! Hammer-Schlacht auf Dachauer Straße". Es liegt ein untergründiger, irgendwie auch peinlicher Reiz in der Vorstellung, daß Menschen von der Sonne so aufgeheizt werden, daß sie alle Hemmungen über Bord werfen und das, was sie nervt (was verdächtig oft genau das ist, was sie eigentlich am meisten lieben, also ihr Auto), einfach zu Klump schlagen (vgl. den schönen alten August-Junker-Schlager: "Nur ein Bier, nur ein Bier, nur ein Bier will i ham, sonst hau i alles zamm!"). Leider ist Gewalt ein Thema, über das man schlecht reden oder auch nur nachdenken kann, ohne rot oder verhaftet zu werden. Es ist verboten, Gewalt auszuüben (mit gutem Grund), es ist verboten, zu Gewalt aufzufordern (mit meistens ebenso gutem Grund), es ist verboten, zu Gewalt bereit zu sein (manchmal dito), und es ist sogar verboten, sich gegen Gewalt zu schützen (wie kürzlich ein Münchner feststellen mußte, der vor Gericht landete, weil er es versäumt hatte, vor dem Besuch einer Demonstration seine an den Armen zum Schutz vor Prellungen verstärkte Motorradjacke abzulegen). Also brennt die Sonne vergeblich, alles taumelt im Friedensgewalle umher, und statt zum Beispiel Tony Blair eine kräftige Watschen zu verpassen, weil er die halbe Welt belogen hat ("Irakische Massenvernichtungswaffen in 45 Minuten bei uns!"), um einen Grund zu finden, ein Land zu zerbomben, patscht man ihm begütigend auf die Schulter (nur symbolisch natürlich, denn etwas wie Tony Blair möchte ein anständiger Mensch nicht anfassen, noch nicht einmal mit "integrierten Unterarm-Protektoren"). Dabei ist Gewalt, wie man uns in letzter Zeit immer wieder einbleut, ein "legitimes Mittel", für was auch immer (letztlich, so hört man, zum "Friedenschaffen" – deshalb wird der Friede auf Erden auch immer mehr), mithin ein "Medium", ebenso wie das erwähnte Gehirnmassenvernichtungsblättchen für Autobahn-Streitaxtleute. Man sollte also schon manchmal darüber nachdenken. Zum Beispiel, wenn man wieder mal vor einem tiefblauen Computerbildschirm sitzt und den Einsatz schwerster, deformierender Sanktionen erwägt, um das Ding zu disziplinieren. Oder wenn man in der Zeitung (diesmal einer echten) liest, der ehemals als zuckender Weltrettungs-Darsteller zum Kindergarten-Idol aufgeplusterte Viertel-Android Michael Jackson sei eine "tickende finanzielle Zeitbombe", und sich genüßlich vorstellt, wie es bei Jacksons nächstem Pseudo-Christus-Spektakel plötzlich "Wumm!" macht und Wolken von Geldscheinen durchs Stadion flattern – weil Gedankengänge nun einmal so funktionieren, fällt einem sofort der Bundesgesichtsknitterminister Josef Fischer und seine Lieblingsvokabel "humanitäre Katastrophe" ein, die man ebenso genüßlich als "wohltätigen Zusammenbruch" übersetzt und damit der Jackson-Sprengung beschreibend schon sehr nahe kommt. Wenn es rummst und Gewalt stattfindet, klirrt meistens Glas; am lautesten und grellsten scheppert es in hiesigen Breiten in der Uschi-Form. Selbige Darstellerin ließ sich unlängst für ein dahinsiechendes Magazin im Bikini, wie man so sagt: "ablichten", was ja nichts Bemerkenswertes ist; schließlich kann jeder drucken, was er will. Wenn jedoch mit der Photographierung von Stoff-Haut-Gemischen sozio-politische Ansprüche verbunden werden, sind wir schon wieder im Einzugsbereich des Gewaltbegriffs angelangt, welcher laut Brockhaus auch die "psychische Gewalt" durch "Schmerzzufügung" umfaßt, womit nicht nur das Abspielen von Rap- und Metal-Musiken vor Diktatorenpalästen, 2010-Agenden und jede öffentliche Zurschaustellung von Michel Friedman gemeint sind, sondern eben auch uschige Klirrschepper-Abtrötungen wie die, es sei unbedingt nötig, sich als 59jährige im Bikini drucken zu lassen, weil "Frauen sich nicht eingraben dürfen, wenn sich irgendeiner eine 18jährige greift". Horrorszenarien entstehen vor dem inneren Auge: Eine Klassenparty im rauchwolkigen Isartal endet spätnachts damit, daß sich alle möglichen jungen Männer die eine oder andere 18jährige "greifen" oder umgekehrt, und schon rückt die weibliche Bevölkerung von Sendling und Thalkirchen mit Schaufeln und Spaten an, um sich stantepede und kollektiv einzugraben – spätestens am nächsten Morgen, wenn sich Rauchwolken und Teenage-Griller verzogen haben, böte sich dem zufälligen Betrachter ein Bild des Grauens. Und da sagen wir: Na gut, wenn sich derartige Exzesse nur durch die Veröffentlichung von Uschi Glas und anderen Mergel-Gestängen im Bikini verhindern lassen, dann wollen wir das mal durchgehen lassen. Schließlich haben wir mit Autobahnen, Hammer-Schlachten und wilden Säuen schon Irrsinn genug am Hals. Und mit dem Erwachsenwerden, übrigens. Darauf weist uns, ähem, jetzt ein neues, logisch: Magazin namens "Neon" im Untertitel hin. Und weil wir so etwas nicht lesen mögen, aber trotzdem wissen wollen, was Zwanzig- bis Vierzigjährige heutzutage als Erwachsenwerden-Ersatz und Lebensmuster so alles wissen sollen, begnügen wir uns mit einem Blick aufs Titelbild. Erstens: "Den Job sichern", zweitens: "Sex und Videos", drittens: "Terror in Deutschland"; und natürlich, wie man das seit FOCUS-Zeiten halt so hat: "Die 100 wichtigsten jungen Deutschen". Die dann irgendwann einmal doch "erwachsen" werden und auf der soliden Grundlage von Arbeit, Videos und Terror ein natürliches Interesse für Autobahnen, Schrott und Uschi Glas entdecken. Ist es nicht schön, das Leben?
e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer
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