
Angefangen irgendwann 2002, fertiggeschrieben Anfang März 2003, bald danach gedruckt. Auch enthalten in diesem Buch:
![]() |
|
| hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief | |
|
Vom
Weg zur Wurst Von dem großen europäischen Moralphilosophen Uli Hoeneß war vor einiger Zeit zu lesen, er habe sich, um Arbeitskräfte zu sparen, eine neue Wurstmaschine angeschafft. Als das Ding geliefert wurde, stellte sich jedoch heraus, daß es nicht gescheit funktionierte, und weil Uli Hoeneß seine Mitarbeiter nun doch nicht hinausschmeißen konnte, zog er vor Gericht. Da wäre er mal lieber nach Schwabing gezogen, denn hier funktioniert die Sache tadellos: Herrchen gibt Hundi ein Wursti, Hundi macht dau dau, und eine Stunde später ist Wursti wieder da. Und wir kommen – zumal in Zeiten rapide wegschmelzender städtischer Schneeschichten, von denen nur die jeweiligen Tageseinlagen zurückbleiben, – in den Genuß von Spaziergängen, auf denen man keine zwei Schritte machen kann, ohne in eine kleine, große, dicke, dünne, weiche, harte, schwarze, braune oder gelbe Wurst zu treten (weiße sieht man nicht mehr so oft, was daran liegt, daß Hunde heute keine Knochen mehr essen, sondern in erster Linie "tierische Nebenerzeugnisse"). Dieser merkwürdige Gesamtvorgang, der als unveränderliches Grundmuster so tief in den Zivilisationskreislauf menschlichen Werdens, Vergehens, Erzeugens, Verbrauchens usw. eingeprägt ist, daß niemand einen historischen Beginn oder eine Epoche vor seiner ersten Durchführung markieren könnte, mag irgendwie eine soziale Komponente haben (angeblich legen Hundis aus Sozialhilfe-Familien ihre Wurstis besonders gerne auf Bonzenstrecken wie die Hohenzollernstraße, aber das hat man mir bloß so erzählt); vor allem aber bringt er uns nicht nur zum verbissenen Kopfschütteln, sondern durch das Schütteln gerät der Klickermechanismus im Kopfkasten in Gang und spuckt meta-ökonomische Erkenntnisse aus: Daß alles so beschissen ist, liegt – wie immer – an mangelnder Effektivität. Hier müssen dringend Reformen her! Das Problem: Zwar ist der Hund ein privatwirtschaftlicher, fiskalisch relevanter Teilnehmer des Marktes, der mit anderen Marktteilnehmern in pfundiger Konkurrenz steht (wer bellt am lautesten? wer macht die dicksten Haufen?) – aber der Bürgersteig nicht. Der gehört zum "öffentlichen Raum", und wie alles, was "öffentlich" ist, ist er somit ein Überbleibsel aus den finsteren Zeiten des Kommunismus, der insgesamt längst gescheitert ist und in Form des Bürgersteigs täglich auf neue scheitert. Beweis: Rudolph Moshammers Klamottenladen ist kein öffentlicher Raum, deshalb auch nicht vollgeschissen, obwohl durchaus hündisch bevölkert q.e.d. Also muß der Bürgersteig ganz einfach privatisiert werden, dann hat nämlich jemand (der Eigentümer) ein Interesse daran, ihn wurstfrei zu halten. Der schaut sich dann um und sieht: Aha! Da lungern ein paar von diesen Pennern und Faulenzern rum! Die werden mir jetzt das Trottoir schrubben, und wenn nicht, dann komme ich ihnen mit Hartz und Flexibilität und tiefergelegtem Sozialhilfeniveau! Umgehend erblüht sodann ein reger Bürgersteig-Wettbewerb ("Hier gehen Sie modern, sicher, sauber und weitestgehend wurstfrei!"), und weil das Säubern spätestens mit der Ankunft beim Reinbeton an seine Grenzen stößt, werden innovative Stars der WWL (Wegstreckenwirtschaftslehre) neue Strategien finden, um die Bürgersteige zukunftsfähig zu machen. Zum Beispiel durch Rationalisierung: Wer braucht bitteschön Pflastersteine? Man kann doch auch ohne sie prima gehen! Zudem läßt sich durch die Entfernung des kostenintensiven Belags die Spezialschuhindustrie ankurbeln! Also weg damit! Und wozu überhaupt gehen? Man kann doch auch mit dem Auto fahren! Was heißt hier Verkehrsregeln! Die müssen eben dereguliert werden! Was heißt hier Sicherheit! Dann muß der Staat eben dafür sorgen, daß Schulkinder schon im frühesten Alter auf ein dynamisches und flexibles Verkehrsleben vorbereitet werden! Man kann doch in Zeiten wie diesen nicht dulden, daß Leute in der Straßenverkehrshängematte herumliegen und sich nicht für die Anforderungen des Wettbewerbs fitmachen! usw. usf. Und während der frühlingsumflorte Gedankennebel noch auf der hoffnungslos rückständigen Situation vor dem Fenster ruht, plärrt aus dem Hintergrund Edmund Stoibers entfesseltes Aschermittwochs-Gebell ("Gerhard Schröder sind seine Haarfarbe wichtiger als diese Probleme!") und Guido Westerwelles spätpubertäres Gekräh ("Die Menschen wollen einen Arbeitsplatz! Sie kriegen es nur, wenn wir mit diesen verkrusteten Strukturen ein Ende machen!"). Und da kriegt man ausnahmsweise mal nicht Lust, sich über die kalauergebärende Sprachinsuffizienz der beiden möglicherweise dümmsten deutschen Politiker zu amüsieren oder lauthals das Halsgericht für weitere Verwendung der möglicherweise dümmsten deutschen Phrase zu fordern, sondern man blickt auf den Bürgersteig, sieht zentnerweise verkrustete Strukturen und wünscht sich, man könnte dem FDP-Brathendl dabei zusehen, wie es energischdynamisch schrubbend Stück für Stück ein Ende mit ihnen macht, gütig aber streng observiert von Boß Stoiber, der ihm ab und zu auf die Schulter klopft und sagt: "Schön brav Krusti-Strukturili aufbrechen und Deutschland nach vorne bringen, gell!" Und irgendwo da hinten grinst Herr Hoeneß.
e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer
|
|||
|
|
||||