
Angefangen am 28. August 2002, fertiggeschrieben am 28. Februar 2003, bald danach gedruckt. Auch enthalten in diesem Buch:
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Auf
ins Land der Wir werden uns demnächst verabschieden müssen. Wenn das, was die sogenannte "Hartz-Kommission" angeblich "erarbeitet" hat, Gesetz wird, dann ändert sich unser Leben grundlegend. Zum Beispiel wird es keine Freundeskreise im geläufigen Sinn mehr geben. Jeder, der eine Anstellung hat, kann jederzeit gekündigt werden und muß sich dann sofort beim "Center" für Zwangsarbeit melden, das ihm befiehlt, zum nächsten Ersten bei irgendeiner halbbankrotten Firma in, sagen wir mal: Kiel anzutreten. Dort macht er eine Zeitlang irgendwas, dann geht die Firma pleite, und unser ehemaliger Freund wird nach Visselhövede, Buxtehude oder Deppenhausen weitergeschickt. Die meiste Zeit wohnt er in Obdachlosenunterkünften, zwischendurch (wenn die jeweilige Firma spendabel ist) auch mal in einer Pension – für uns ist er jedenfalls aus der Welt, von gelegentlichen Telephonaten abgesehen. Wenn es uns dann noch selber trifft und wir die Koffer packen, um Hals über Kopf nach Braunschweig umzuziehen, bricht die Verbindung ab. Dasselbe gilt natürlich auch für das, was man "Lebensgemeinschaften" nennt. Vielleicht hält der Kontakt ein bißchen länger, fährt man ab und zu "nach Hause", aber auf Dauer kann sich niemand von uns die sündteure Hochgeschwindigkeits-"Logistik" der ehemals deutschen Bahn leisten; außerdem stellen wir fest, daß es ein "Zuhause" nirgendwo auf der Welt mehr gibt. Also bleiben wir, wo wir gerade sind, schließlich bietet dort eine boomende Unterhaltungsindustrie dem Humankapital jede Menge Mega-Events für die Stunden zwischen den Arbeitseinheiten. Die wir uns leider auch nicht leisten können, und wenn wir könnten, würde uns die Dummheit, Leere, Nutzlosigkeit des faden Aufzugs nur noch verzweifelter machen. Wir werden nebenbei feststellen, daß es keine Handwerksbetriebe, Fachgeschäfte und ähnliche Stützpfeiler der Verläßlichkeit im Alltag mehr gibt, sondern ein wimmelndes Heer von "Ich-AGs": unbeholfene, verzweifelte Würstchen, ehemalige Schwarzarbeiter, die nichts (oder etwas ganz anderes) gelernt haben und sich nun mühen, minderwertiges Zeug und unnütze "Dienste" an den Mann zu bringen, um ihren erbärmlichen Lebensunterhalt zu fristen. Wir werden uns schämen, aber dann werden wir uns aus Mitleid (das wir für Solidarität halten) doch die Schuhe putzen lassen – wenn wir uns das noch leisten können und nicht selber längst als "Wie kann ich Ihnen dienen?"-Kasperl herumlaufen. Und dann werden wir uns natürlich ans Betteln gewöhnen müssen. Vielleicht bleibt es uns selber erspart, aber es wird zunehmend unseren Alltag bestimmen, und es werden nicht mehr die gewohnten Bettler sein, denen wir von dem, was wir eigentlich selber nicht mehr haben, ein paar Münzen abgeben, sondern Leute, die aussehen wie wir und bloß das Pech hatten, viermal hintereinander einen Kurzzeit-Job annehmen zu müssen, der ihnen jeweils dreißig Prozent weniger einbrachte. Und natürlich die, die sich schämen, aufs Sozialamt zu gehen, weil sie nicht "der Allgemeinheit auf der Tasche liegen" mögen, obwohl diese Allgemeinheit für die gesamte Sozialhilfe pro Jahr neun Milliarden ausgibt und ein paar Superreiche gleichzeitig das dreifache an Steuern hinterziehen. Und so weiter. Ein paar Probleme werden durch ein solches Konzept gelöst: Zum Beispiel wird niemand mehr gegen die Zerstörung von Städten, Beziehungen, Traditionen, Umwelt, politischen und sozialen Strukturen protestieren, denn erstens ist jede solche Zerstörung ein "Konjunkturmotor", zweitens interessiert uns eine ständig wechselnde Umwelt, mit der wir nichts zu tun haben, sowieso nicht. Unser rudimentäres politisches Interesse wird mit knalligen Fernsehberichten über über immer neue Eroberungskriege der kapitalokratischen Anti-Terror-Maschine und – natürlich – den "Kampf" um "neue Arbeitsplätze" gestillt. Vorläufig haben wir noch Glück, denn die Hartz-Kommission hat immerhin auf den Vorschlag verzichtet, Arbeitslose in Lager zu sperren. Vorläufig. In etwa vier Jahren wird sich herausstellen, daß die Zahl der Milliardäre ebenso gestiegen ist wie die der Arbeitslosen. Auch dann wird es keinen Politiker geben, der auszusprechen wagt, daß es nicht genug sinnvolle, bezahlbare Arbeit für alle gibt und es daher klüger wäre, die Arbeitsämter abzuschaffen und das so gesparte Geld den Armen zu geben, zusammen mit einem kleinen Anteil vom nutzlosen Reichtum der Milliardäre. Da solche Einsichten gegen höchste Dogmen der Wachstumsreligion verstoßen, wird statt dessen in vier Jahren erneut verkündet werden, was wir seit dreißig Jahren so oft gehört haben, daß wir uns gar nicht mehr vorstellen mögen, daß den Quatsch noch immer jemand glaubt: weniger Unterstützung, mehr Flexibilität, mehr Druck, mehr Aufschwung, weniger Faulheit, niedrigere Löhne, niedrigere Steuern. Nach wie vor wird niemand daran denken, daß Armut von Reichtum kommt. Nach wie vor wird niemand befürchten müssen, daß sich die Armen, deren winziger Teil am gesellschaftlichen Gesamtvermögen von den Reichen langsam leergezapft wird, irgendwann wehren. Und nach wie vor werden wir uns schämen, weil wir immer noch nicht nicht bereit sind, Familie, Freunde, Zuhause, Lebensgeschichte, Vorlieben und alles andere aufzugeben, um nur irgendwie irgendwo zu arbeiten und dafür zu sorgen, daß der Reichtum mehr wird. Wenn wir nicht irgendwann doch dazu bereit sind.
e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer
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