
Geschrieben Anfang Dezember 2002, gedruckt im IN München kurz vor Weihnachten. Auch enthalten in diesem Buch:
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Ungeordneter vorweihnachtlicher Frühstücks-Hirnschwurbel Wenn man fünfzehnmal hintereinander das Wort "waschen" ausspricht, klingt es so doof, daß man so lachen muß, daß man gar nicht bemerkt, daß man aus Versehen "kaschen" gesagt hat (weil einem so ein Schmarrn nur im abdämmernden Halbschlaf einfällt) und daß es deswegen so doof geklungen hat (und hier jetzt natürlich noch doofer klingt wegen der vier "daß" hintereinander, die gewissermaßen nebenbei eine gedrehte Nase für die Neuschreib-Fanatiker sind; oder nicht "gewissermaßen", weil einem jetzt nicht genau einfällt, was das heißt, sondern: so oder so). Man lauscht dem Radio, der selig verkündet, der "Dachs" sei zwei Prozent "im Plus", fügt hinzu: "Kaschen, kaschen, kaschen – und immer an die Käser denken!" und trinkt seinen Frühstückskaffee in der stolzen Gewißheit, sich in die Ruhmeshalle der Erfinder leerer Phrasen hineingearbeitet zu haben, wo es von Honoratioren nur so wimmelt. Und von Durchschnittspampeln, die besonders gerne zum Beispiel der Zwangsadjektivierung verfallen, weshalb nicht nur – ich habe schon mal darauf hingewiesen – die DDR in jedem Alltagspolitphrasenhaufen immer schon "ehemalig" war, sondern mittlerweile auch manchmal schon der ganze "Osten", und der anstehende Überfall der US-amerikanischen Ölmafia auf die irakischen Ölquellen in Radio und Zeitung neuerdings generell "Ein Möglicher Krieg" gegen den Irak genannt wird; als würde man morgens ins eisige Treppenhaus tappen, den Briefkasten erblicken und freudig jauchzen: Ah! steckt da wohl Eine Mögliche Zeitung drin? Oder man sagt "Keitung! Keitung! Keitung! Keitung! Keitung!" und wundert sich, daß das nicht doof, sondern chinesisch klingt. Das könnte mich jetzt auf Ernst Jandl bringen, weil dessen wundertolle "Radiophone Texte" mir ein Freund als nagelneues CD-Geschenk zu kredenzt hat und, derweil sie im Hintergrund laufen, selbige so wundertoll sind, daß ich sie schon zum fünften Mal höre und immer noch lachen und staunen muß über das seltsame Ding, das da vor mir schwurbelt und mal mein Hirn war. Es bringt mich aber auf deutsche Kinder, von denen jedes dritte angeblich (laut Keitung) nicht weiß, was Weihnachten bedeutet, und den lieben Gott mit dem Kapitalismus verwechselt (beide haben eine unsichtbare Hand, und beide Hände gibt es nur, wenn man an sie glaubt). Statt sich eine ordentliche Religion zuzulegen, wachsen die Bamsen zu Teenagern heran und gehen in Jugendzentren, wo sie sich in kollektive Ekstase summen und dann Zeug ausstoßen wie "Hey Jesus, ich find’s echt cool, daß du so eigentlich da bist und so!", anstatt daß sie Jandl rezitieren und frohklug gedeihen. Und da wundern wir uns noch, wenn am Ende lauter "Terristen" (G. Beckstein) und "Artzlose" (E. Stoiber) draus werden, die nicht das geringste Verständnis für "die notwendigen Flexibilisierungen" (oder sonst was) aufbringen. Na gut, na gut. Raschel. Wir sitzen immer noch am Frühstückstisch und sind bei "kaschen" und den Käsern stehengeblieben. "Kann Käse denken?" fragt uns da unvermittelt die Sonntagszeitung, und wenn Sonntag ist, sinniert man einer solchen Frage schon mal ein bißchen hinterher. Versinkt in der Betrachtung eines besonders treffenden Photos von Max Strauß und entgegnet: Möglicherweise; es kommt darauf an, was man unter Denken versteht! Und unter Käse: Zählt der Leberkäse auch dazu? Fragen über Fragen. "Dose auf!" sagt die Katze. Ich will nicht den Eindruck erwecken, dies alles hätte einen Sinn. Je näher das festlichste aller Fest rückt, je wilder die Konsumstürme durch die Stadt toben, desto weniger ist in den schmalen Zwischenräumen zwischen den zehntausenden allüberall aufgeschwammerlten und nullsubstantiell identischen "Weihnachtsmärkten" und in den Wohnungen, wo sich Wunschzettel und Verlegenheitsgeschenke der letzten zehn Jahre zu ragenden Türmen akkumulieren, ein solcher gefragt. Man fragt sich höchstens selbst: kaufen oder saufen? Neuerdings nämlich hat sich die Parole der herrschenden Ideologie angeblich (schon wieder Keitung!) mal wieder gewendet: Tönte noch vor wenigen Wochen aus den Wachstumskirchen die verzweifelte Botschaft, "die Bürger" müßten endlich endlich endlich konsumieren egal was, so erfahren wir nun, wir sollten unser Geld lieber dem Staat geben, damit dieser Autopisten, Schießflugzeuge, Kunstmuseen und Zukunftsfähigkeitskaderschmieden baue, weil wir so was ja auch brauchen. Während man darüber grübelt, ob man sich jetzt noch ein Käsebrot machen oder lieber das zum Erwerb der Zutaten nötige Kleingeld dem Staat geben soll, damit der den Käse zum Denken bringt, verwandelt man sich selber in einen Brie, schmilzt langsam dahin und kommt doch nicht "voran". Es ist ein rätselhaftes rätselhaftes rätselhaftes Leben. Und in der Ecke steht ein Baum, und alle singen: "Die Börsen tendieren freundlich, aber der rechte Schwung fehlt!" Vor kurzem forderte mich übrigens jemand auf: "Wenn du schon so dermaßen gegen alles bist, dann sag mir doch mal schnell fünf Sachen, die du sofort machen würdest, wenn du an der Regierung wärst!" Fünf Sachen machen? Ich würde fünfzehn mal "waschen" sagen, mich in Ernst Jandl verwandl und lachlachlach.
e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer
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