
Geschrieben von 6. September bis Anfang Oktober 2001, gedruckt im IN München am 10. Juli 2002. Auch enthalten in diesem Buch:
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Der alte Mann und der Fruchtsaft Neulich habe ich einen Hilferuf aufgefangen. Freunde schenkten mir ein Buch, ein sehr hübsches Buch: Peter Bogdanovichs Gespräche mit einer Reihe von Hollywood-Regisseuren. Dieses Buch ist ins Deutsche übertragen worden und in dem bekanntermaßen etwas seltsamen, mittlerweile irgendwie wohl gar nicht mehr existierenden Haffmans-Verlag erschienen; und obwohl fast tausend Seiten Interviews, eingeleitet von Erzählungen, abgerundet durch vollständige Filmographien, einige Bilder und ein Register eigentlich Grund genug sind, das Buch zu besitzen, dachte man sich in diesem seltsamen Verlag offenbar: Das kauft keiner! Da brauchen wir noch ein Vorwort! Dieses "Vorwort" hat Hellmuth Karasek geschrieben, und es ist natürlich kein Vorwort, so wie Karaseks Romane keine Romane, seine Kritiken keine Kritiken und seine Aufsätze keine Aufsätze sind, sondern es ist ein Hilferuf. Ein sehr deutlicher. Aus irgendeinem Grund wird Karasek oft als "Kritiker" bezeichnet. Diesen Beruf hat er nie ausgeübt, aber wenn man jemanden oft genug als solchen bezeichnet, dann gibt es mit der Zeit immer mehr Leute, die das Problem "Hm, wir brauchen einen Kritiker!" mit der Lösung "Na ja, fragen wir mal den Karasek!" beantworten. Der muß dann was schreiben; das heißt: er müßte nicht, aber weil er unter dem Zwang leidet, gesehen, bemerkt, gehört zu werden oder in anderer Form aufzutrumpfen, tut er es doch. Oder er redet, wenn Kameras dabei sind, das geht schneller. Wenn man ihm zusieht, wie er redet, schüttelt man meistens den Kopf, denn es ist Blödsinn, was er da redet, unterstrichen von einer ebenso vergeblichen Handbewegung, die aussieht, als wollte er seit vielen Jahren schon sehr gerne endlich mal eine Fruchtsaftflasche öffnen; allein: es kann ihm nicht gelingen, denn es sind immer nur Schnapsflaschen da oder (vor der Kamera) gar keine, und selbst wenn er eine Fruchtsaftflasche hätte, würde sie sich auf seine Handbewegung hin zwar öffnen, aber unmittelbar danach mit einem "Lümpf!"-Geräusch auf seine Schuhe entleeren. Das kann einen schon ein bißchen verzweifelt machen, und deshalb sieht Karasek vor der Kamera meistens so aus, als hätte ihn gerade jemand aus dem Stehausschank "Zum letzten Pfennig" gezogen: "Ich suche Sie seit drei Tagen! Keine Zeit mehr zum Rasieren! In zehn Minuten beginnt die Sendung! Trinken Sie schnell diese drei Liter schwarzen Kaffee!" Karasek hat häufig die Anstellung gewechselt. Mal war er hier, mal war er dort, und immer wieder machte er denselben Fehler. Nein, nicht den Fehler, Fruchtsaft zu suchen und andere Getränke zu finden – so etwas kann einem "Intellektuellen" beruflich nicht schaden. Aber den mit dem Schreiben. Zum Beispiel ist er mal gebeten worden, einen Beitrag zu einem Buch über Ödön von Horváth abzuliefern. Darin stand, "der Held dieses Romans" – gemeint ist "Der ewige Spießer" – sei ein Mann mit Namen Alfons Kobler, der überhaupt nur im ersten von drei Teilen vorkommt. Die anderen beiden Teile konnte Karasek nicht lesen, denn wieder mal war kein Fruchtsaft im Haus, und da ging es wieder los, das mit dem Schreiben. Und nun also dieses "Vorwort", eine Art "Spätwerk" und zugleich ein Hilferuf, der nicht zu überhören ist. Da wird (in einem Buch, das ansonsten erfreulich arm an Tippfehlern ist) gleich in Zeile zehn ein Regisseur "Roger Coreman" erwähnt (ein Lehrer und Förderer Bogdanovichs, der im Rest des Buches so oft richtig als Corman vorkommt, daß ein Versehen ausgeschlossen ist). Dann sagt Karasek: "Es gibt zwei Filme über den Abschied von einer pubertierenden Jugend in den fünfziger und in den sechziger Jahren. Das eine ist ...", woraus wir lernen, daß es also neuerdings "das Film" heißt, sonst aber gar nichts, weil der erste der beiden Sätze vollkommen sinnfrei ist. Dann quält sich Karasek nach einem Haufen "hinreißend/großartig/imposant"-Geschepper den folgenden Nasenpopel von einem Absatz ab: "Das Buch ist, wie gesagt, nichts Geringeres als eine imposante Geschichte des Films, erzählt von denen, die den Film gemacht, geschaffen haben, demjenigen erzählt, der sie mit seiner wissensdurstigen Neugier immer wieder zum Reden brachte." Dann benennt er einen Hitchcock-Film in "Tropaz" um. Und endlich fällt ihm gar nichts mehr ein, also tippt er einfach die gesamte Seite 584 wörtlich ab (es geht dabei um Hitchcocks alters- und fruchtsaftmangelbedingte Hilflosigkeit), setzt Anführungszeichen davor und danach – und aus. Danach ist er zusammengebrochen, hat wieder mal vergeblich im ganzen Haus nach Fruchtsaft gesucht und gefleht: Nun müssen sie es doch endlich merken! und mich endlich retten! mir Fruchtsaft bringen und dafür die Schreibmaschine mitnehmen! Wir haben es – nicht erst jetzt, aber jetzt erst recht – gemerkt, und darum flehen auch wir: Rettet Karasek! Ruft ihn nicht mehr an! Laßt ihn nicht mehr schreiben! Bringt ihm Fruchtsaft! Vielleicht wird dann ja doch noch etwas aus ihm.
e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer
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