
Geschrieben Mitte bis Ende Februar 2002 für die Münchner Seiten der FAS, dort wegen der am geplanten Erscheinungstag (dem 3. März) stattfindenden OB- und Stadtratswahl zunächst aber nicht gedruckt; am 10. März als Ersatz für den (im Buch folgenden) Fricke-Text nachgeschoben. Auch enthalten in eben diesem Buch:
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Enthaltsam vereint Seit den eingehenden Einlassungen des berühmten Soziologen, Ernährungswissenschaftlers und Wurstfabrikanten Ulrich Hoeneß zu den Auswirkungen des Konsums von Meereskleingetier (»Scampi« bzw. »Scampis«, wahlweise auch »Crevetten«, »Krabben«, »Langusten« oder »Stinkzeug« genannt und in jedem Fall sehr eng mit der Kellerassel verwandt) auf die Leistungsverweigerungsbereitschaft zugereister Leibesübungs-Großverdiener sind die Diskussionen zum Thema Maßlosigkeit wieder aufgeflammt. Schon länger fragt man sich, warum hiesige Menschen sich hinreißen lassen, Schnecken, Würmer, Kopffüßer und deren Gelege zu verschlingen, die zwar in anderen Kulturkreisen als Nahrungsmittel gelten mögen, dies jedoch vor allem aufgrund des dortigen Mangels an Kartoffel, Nudel und Semmel. Es trifft sich gut, daß eine derartige Diskussion gerade jetzt, zur Fastenzeit, in Gang gerät, wo wir ja gerade mal wieder »den Gürtel enger schnallen« und uns aller nur denkbaren malm- und schluckfähigen Genüsse enthalten sollen, um Körper und Geist für den Empfang von Segen und Osterei bereit zu machen. Ich möchte daher, wo wir schon mal dabei sind, für eine Ausweitung plädieren: Es erreicht uns die Nachricht, daß der Passauer Wissenschaftler Heinrich Oberreuter, der demnächst in München einen Lehrstuhl für Politik und PDS-Entlarvung antreten soll, nicht nur Leiter eines Dresdener Insituts für Totalitarismusforschung und PDS-Entlarvung, sondern nebenbei auch noch Direktor der Tutzinger Akademie für politische Bildung und PDS-Entlarvung ist. Da wird es nur so brummen auf den Autobahnen zwischen München, Dresden und dem Starnberger See, denken wir, und wünschen uns insgeheim, wir wären auch in der Lage, derart viel Leistung zu bringen, wie der Mann in seiner (mutmaßlich) 350-Stunden-Woche bringt. Selbst ein Herr Hoeneß jedoch, hauptberuflich für lediglich einen einzigen Verein mit (bezeugter!) Torwartschuh-Entkrustung, Versand von Millionenschecks an spätjugendliche Abzocker und anderen Dingen beschäftigt, erbleicht vor Neid, wenn er erfährt, daß der CSU-Kandidat für das Amt des Zweiten Bürgermeisters von München, Hans »Fortschritt« Podiuk, den Mehrfach-Institutler Oberreuter tief in den schwarzen Schatten stellt, indem er nicht weniger als 34 Vereinen angehört und damit fast siebenmal so vielen wie der Konkurrent Weinfurtner von den bekanntermaßen vereinsmeierischen Reps, dem gleichwohl bereits unterlief, was bei derartiger Vielämterei irgendwann unausweichlich ist: Bei einem Vortrag sei er plötzlich zu einem anderen Ergebnis gelangt als beabsichtigt. Werden wir uns wundern, wenn Podiuk, durch einen schlaumeierischen Zufall tatsächlich ins angestrebte Bürgermeisteramt befördert, sich in seinem bevorzugten Truderinger Musikverein wähnt und diverse Nationalhymnen in den Münchner Stadtrat hineinschmettert, um dann abends im Stopselklub zur Verwirrung der Kameraden flammende Reden für eine sofortige Untertunnelung der Kegelbahn und die umgehende Ausweisung von Mehmet Scholl zu halten? Zwar beschränkt sich das gemeinwohlige Wirken der meisten Vereine darauf, blumige Reden ins Podium zu schwallen, die Verteilung und Kanalisierung von Förder- und sonstigen Geldern auszutarocken und nebenbei in dampfigen Hinterzimmern hopfige Getränke abzukübeln. Dennoch wäre es der politischen und einigen anderen Kulturen sicher zuträglich, wenn auch hier eine gewisse Mäßigung Einzug hielte. Wir schlagen vor: pro Mann zehn Ämter, fünf Institute, eine Partei, ein Verein – und wenn es nur der dringend zu gründende Verein gegen das Vereinswesen insgesamt wäre.
e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer
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