
Angefangen am 13. August 2001, nach einer längeren Pause am 12. Februar 2002 fertiggeschrieben und am 13. März gedruckt. Auch enthalten in diesem Buch:
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Geistwesen zwischen Event und Bullshit Im Osten nichts als Arbeitslosigkeit, Skinheads und Depression? Wir sind anderer Auffassung, tönte vor einiger Zeit (Anfang Juli 2001) die Vereinigte Energiewerke AG (Veag). Solch demagogische Gongschläge hört der Deutsche gerne: Schon der leisesten Kritik brüllt er ein »Bitte was! Soll das heißen! Alles in Butter hier!« entgegen, greift zur Phrasenkeule »nichts als« und zum donnernden Fragezeichen. Stellt jemand beispielsweise vorsichtig fest, es gebe in irgendeiner Bevölkerungsgruppe ein paar »schwarze Schafe«, wagt er es gar, sie »anzuprangern« – schon hat er eine gefangt: »Nichts als schwarze Schafe? Das sehen wir anders!« grölt das gesunde Volksempfinden zurück und greift zur weißen Brille. Da paßt es ganz gut, daß die ansonsten nicht generell mit schreibender Wirklichkeitsreflexion befaßte Firma »Veag« nun einen »Journalistenpreis« ausgeschrieben hat. Der gilt im Wortsinn: Wer bereit ist, aufzuzeigen, wie Menschen aus den Neuen Bundesländern den rasanten Wandel der letzten Jahre angenommen und seine Chancen erfolgreich genutzt haben, wer also bereit ist, sein eventuell vorhandenes journalistisches Ethos in den Ofen zu schieben und so richtig die Reklamepauke für den Wirtschaftsfaschismus zu trommeln, der kriegt eine Prämie von 4.000 Euros dafür (was auch ein Licht auf die durchschnittliche Bezahlung der Schreiberei wirft: Richtige Werbeleute rühren für einen solchen Betrag nicht mal eine Wimper, geschweige denn Maus oder Taste). Man muß nicht erwähnen, daß für derart schamlose Manipulationsförderung vor vierzig Jahren wahrscheinlich selbst konservativste Zeitgenossen zu Boykott und Enteignung aufgerufen hätten. Man könnte aber mal feststellen, daß die Kopfgeld-Aktion der »Veag« nur ein ganz besonders unverschämter Auswuchs dessen ist, was im Journalismus heute ansonsten als vollkommen normal hingenommen wird: daß es einen solchen kaum mehr gibt, daß er vielmehr in den meisten Bereichen vollständig und total durch Werbung ersetzt worden ist. Oder, um den amerikanischen Moralphilosophen Harry G. Frankfurt zu zitieren: durch Bullshit. Von »Journalismus« wird in den Trend-Restaurants, wo die Bosse ihren »Arbeitstag« verbringen, daher seit einiger Zeit höchstens noch mit verkniffenem Stahlmund gesprochen. Denn, so lautet der Konsens: das will doch keiner. Zumindest nicht mehr. Zumindest nicht in Deutschland. Ach, das ist ein BEITRAG?! staunte man bei einem mitteldeutschen Radiosender kürzlich über ein Angebot eines Journalisten. Nein, BEITRÄGE senden wir nicht. Die Leute, so geht der Konsens weiter, wollen nicht pausenlos abgetörnt werden. Sondern angeregt. Zum Aktivsein, Dabeisein, Zeugkaufen und Diebuntekonsumwelterleben. Journalismus steht da im Weg. Etwas anders betrachtet sieht die Sache so aus, daß es in den letzten Jahren wesentlich schwerer geworden ist, etwas zu verkaufen, als es herzustellen. Das liegt nicht nur daran, daß die meisten schon alles haben, sondern auch daran, daß das, was nun noch hergestellt wird, größtenteils »Events« sind. Das heißt: man nimmt einen Ort, stellt einen Getränkeverkauf hin, hängt Werbeplakate der Sponsoren auf, beschallt das Ganze ordentlich und kassiert zwölf Mark Eintritt. So etwas braucht kein Mensch, und damit man trotzdem einen profitablen Menschenhaufen zusammenkriegt, karrt man ein paar »Promis« an und macht tüchtig Reklame. Und weil sich für traditionelle Reklame auch kein Mensch mehr interessiert, treten nun die »Medien« auf den Plan. Was es mit diesen »Medien« im alten Wortsinn auf sich hat, wissen wir: Die haben einen sechsten Sinn, fangen alles auf, was von Astral- und sonstigen Geistwesen in den Äther hineingeplauscht wird, und wenn sie erst mal in einer ordentlichen Trance sind, dann plappern sie das für unsere Ohren nach. Meistens allerdings – das wissen wir ja auch – erzählen die Damen und Herren Verblichenen und Körperlosen nur so was wie: »Ug! Ug! Ug! Buhu! Buhu! Aauuuuuh! Hehehehehe!« Dazu rumpeln dann ein paar schwer beeindruckende Emanationen durch die Gegend. Darin sind die klassischen Medien dem ziemlich ähnlich, was der moderne Para-Journalismus leistet. Der brüllt seinen zufällig vorbeikommenden Konsumenten mit Aktionsbefehlen nieder: Startschuß! Jetzt raus! Aufgepaßt! Wir haben die Tips! Mitmachen! Es geht los/ab/rund/usw.! Fazit: Im deutschen Journalismus nichts als Reklame, Lügen und Verblödung? Nicht ganz. Zum Glück teilt uns wenigstens die Tagespresse auch noch Dinge wie die folgenden mit: daß nämlich nicht nur der Leiter der Propagandakampagne zur Durchsetzung eines Bundeskanzlers Edmund Stoiber mit Nachnamen »Spreng« heißt, sondern der gleiche Mann bei Gerhard Schröder »Donnermeyer«. Wenn wir nun noch folgende »Berichtigung« lesen: Der Generalinspekteur der Bundeswehr heißt nicht, wie in der SZ berichtet, Hartmut Hammer, sondern Hartmut Bagger – dann haben wir mal wieder verstanden, daß Namen prinzipiell viel Schall und Rauch sind, und freuen uns, daß es (zumindest in Honduras) seit einiger Zeit nicht mehr gestattet ist, Kinder nach Autoteilen zu benennen – »Zündkerze Spreng will Vergaser Stoiber zum Bagger befördern – Donnermeyer dagegen!« wäre uns doch ein bißchen zuviel.
e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer
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