
*Gemeint ist: bei den Demonstrationen gegen die »Konferenz für Sicherheitspolitik« (i.e. weltweite Kriegsperpetuierung) in München im Januar 2002 - allerdings war ich, ganz ehrlich gesagt, doch ein bißchen dabei, als »Zaungast« nämlich, der bei dem Versuch, sein Fahrrad durch die Fußgängerzone zu schieben, erfuhr, dies sei verboten, und auf die Frage, warum hinter der Absperrung so entsetzliche Schmerzensschreie ertönten, die Antwort erhielt, es handle sich dabei um eine »Gewahrsamszone«.
Geschrieben wurde der Text am 29. Januar 2002 für die Münchner Seiten der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung; dort ist er am 3. Februar leicht gekürzt erschienen. Auch enthalten in diesem Buch:
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Brunftchoräle im Leberwurstkessel Ich gestehe: Ich war nicht dabei!* Nicht weil ich dazumal als Hosenträträ auf den Schultern meiner Eltern durch die Stadt ziehen und »Nie wieder Verschißmus!« rufen mußte – das war ja lustig. Nicht weil ich Angst vor übermotivierten Ordnungskräften hätte, seit mir mal im Tal ein Zivilpolizist auf reichlich plumpe Weise den Photoapparat rauben wollte – das war ja verständlich: Es war ein schöner Apparat, und behalten habe ich ihn sowieso. Nicht weil einst auf dem Odeonsplatz ein tapferer Mitdemonstrant mein »Kreuz/Kruzifix«-Schild mit dem Aufschrei »Ja Sakrament! Der flucht uns ja!« quittiert hat – möglicherweise war er der einzige, der meine Intention ahnte. Nicht weil ich der Meinung wäre, es gebe nichts, wogegen sich zu demonstrieren lohnte – notfalls würde ich gegen die gesamte moderne Welt demonstrieren, wenn sich dadurch auch nur verhindern ließe, daß zum Beispiel die Panzerwiese weiter mit stilisierten Müllcontainern in Fondant-Farben vollgestellt wird. Nicht weil mir die NATO sonderlich sympathisch wäre – brrr! Und erst recht nicht will ich mich mit einem Dürrenmatt-Zitat rausreden (»Ich war noch nie auf einer Demonstration, ich bin selber eine!«) – ich bin ja kein Snob. Nein, der wahre Grund, wieso ich mich äußerst selten dazu bewegen lasse, meine Ablehnung gewisser Blödheiten im Pulk kundzutun, ist, daß ich erstens nicht glaube, daß Geschrei gegen Geschrei hilft, und zweitens ist mir das Geschrei sowieso schon zuviel, und es schwillt weiter an. Um die Ecke nämlich biegt in Kürze jener gesamtdeutsche Ultra-Demonstrationszug, dessen Vor- und (im wörtlichen Sinne) Ausläufer schon seit Monaten sporadisch das Fernsehprogramm zum hirnfressenden Höllenschlund machen und mir Knie und Fäuste gleichermaßen zittern lassen. Nicht mehr lange, dann wird sich die Münchner Innen- und Außenstadt im Gleichschritt mit praktisch sämtlichen deutschen Metro- und Minipolen in einen wallenden Sudkessel verwandeln, in dem es nur so brodelt vor Menschen mit Fischsemmelgesichtern, die sich mit Alkoholika in sämtlichen Darreichungsformen vollpressen, unartikulierte He-ho-ho-Brunftchoräle intonieren, Paarungsversuche in Stehausschank-Klobuden unternehmen, sich in einem kollektiven Fun-Verzweiflungsgebrüll vollends entmenschen und endlich den ganzen Brei von Amüsierqual, Bratwurstpampe und Leberkäse-Bier-Gemenge getreu dem italienischen Leitspruch »carne vale!« (»Fleisch, leb wohl!«) in alle verfügbaren Ecken und Rinnen erbrechen, sich selbst hineinlegen und solcherart mariniert am nächsten Tag genau in der richtigen Verfassung sind, um die üblichen Aschermittwochstiraden von vollen Booten und durchraßten Sozialbetrügern über sich ergehen zu lassen. Und zu allem Überfluß wird vorab auch noch dem jeweils mutmaßlich beinköpfigsten Repräsentanten der Ich-will-so-glotzen-wie-ich-bin-Elite ein »Orden wider den tierischen Ernst« umgeschnallt, der weder als Antidot gegen das verholzte Betondenken dieser Leute taugt noch eine ritterliche Gemeinschaft versinnbildlicht, die zum Kreuzzug gegen das öffentliche Dummer-August-Verhalten jenes notorischen Brunz-Prinzen aufruft, der als Ein-Mann-Karneval auch außerhalb der, Gott sei’s gedankt, begrenzten Saison die närrische Standarte durch Schlagzeilen und Klatschspalten balanciert. Warum man uns das alles antut, bleibt ein Rätsel, das dereinst ungelöst mit dem Universum vergehen wird. Immerhin entnehmen wir der etymologischen Fachliteratur, der »Rosenmontag« habe nichts mit Rosen, dafür um so mehr mit der Raserei zu tun, in die der ansonsten unter rissigem Zivilisationslack verborgene Narr beim Anblick seiner Artgenossen gerät. Kein Trost, aber ein Grund, auf Gegen- und sonstige Demonstrationen zu verzichten. Denn wenn es irgendwo da draußen im All wirklich vernunftbegabte Wesen gibt, die uns beobachten, dann sind die sicher jetzt schon kurz davor, anläßlich des entfesselten Treibens die ganze Herde der Behandlung zu unterziehen, die zum Beispiel im Falle von BSE vorgeschrieben ist. Und das wollen wir doch nicht provozieren.
e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer
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