
Geschrieben im August und Anfang September 2001 unter dem Eindruck eines besonders hübschen Beispiels des erwähnten Phänomens, dann wegen der andauernden juristischen »Nachbereitung« desselben oder aus irgendeinem anderen Grund immer wieder liegengeblieben und erst am 28. April 2004 gedruckt. Auch enthalten in diesem Buch:
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Vom
Unter- und Übernehmen Wer nichts ist, will im Regelfall was werden. Und weil das nicht so leicht ist, sucht man sich statt dessen einfach einen Beruf, lernt ihn, übt ihn aus und verbringt eben so das Leben. Außer man will etwas werden, ohne was zu lernen, dann wird man am besten »Spieler«. So einen hat jeder schon mal gesehen: wächserne Haut, flackernde Befehlsaugen, wabbelnder Schmerbauch, protzige Karre, Mikrowellengerät am Ohr, eventuell ein brathendlgebräuntes Fitneßskelett auf dem Beifahrersitz. Den Blick, mit dem sie die Welt anschauen, kann man auch leicht deuten: Was kostet das? Wie macht man es schnell kaputt? Wo kann man die Reste hinschmeißen? Solche Menschen interessieren sich nur für Geld und Sex. Geld – das ist der Gegenwert der Arbeit der anderen; und Sex – das ist Geld ohne Körperkontakt (außer in Ländern, wo die Börse noch nicht »online« funktioniert), das pulsiert und wabert und immer mehr wird (»Erektion«) und irgendwann plötzlich weg ist (»Crash«). Wenn solche Menschen nicht genug Geld und Sex kriegen, werden sie superböse. Dann hauen sie erst recht alles zusammen und wollen die anderen samt und sonders in Arbeitslager und -dienste stecken, damit sie gefälligst für Geldnachschub sorgen. Damit kann man dann auch wieder Sex machen. In letzter Zeit haben es die seltsamen Wesen nicht mehr so leicht, denn es gibt zuviele davon. Deshalb nennen sie sich nun nicht mehr so gerne »Spieler« und haben angefangen, sich gegenseitig aufzufressen, weil sie sonst schon alles aufgefressen haben. Oder sie erfinden neue »Branchen« und damit gleich wieder ganz neue Berufe. Wer einen Beruf ausüben will, muß ihn, wie eingangs erwähnt, im Normalfall vorher lernen. Zum Beispiel wird es keinem gefallen, wenn er ein paar Schuhe kauft, aus dem Geschäft rausläuft und an der ersten Ampel in einem undefinierbaren und jedenfalls nutzlosen Haufen Altleder steht. Ebenso hier: schreiben darf eigentlich jeder alles, aber einen Nutzen hat es nur, wenn ein Gedanke oder wenigstens irgendeine Art von Sprache darin vorkommt. Alles andere ist Humbug. Den »Spieler«-Beruf hingegen darf jeder ausüben, ohne auch nur gelernt zu haben, wie man sich den Hintern putzt. Zum Beispiel sitzt ein Mann, der gerade wg. Unlust auf irgendein(en?) Promotion-»Praktikas« sein BWL-Studium erfolgreich hingeschmissen hat, beim Ganztagsfrühstück auf Kosten von Papis Angestellten vor dem Café und schaut sich mal so um. Da laufen Leute vorbei. »Ja wie!« denkt er. »Die haben ja alle Geld über! Das müssen wir ihnen aus den Rippen leiern!« Und schon läuft die restringierte Hirnmaschine an: Was könnten diese Leute noch brauchen? Oder nicht brauchen, sondern wollen? Oder nicht wollen, sondern jedenfalls kaufen, wenn man sie ordentlich mit Reklame zudröhnt! Der nullkommaeinsdimensionale Gedankengang landet in den letzten Jahren eigentlich immer bei: »Medien«. Die braucht jeder! Machen kann man sie auch ganz einfach: bißchen fremdes Geld in die Luft schmeißen und schauen, ob vielleicht mehr davon wieder runterfällt. Genauer gesagt: einen fotzgeilen Titel erfinden, paar »Contents« zusammenmüllen, fertig ist der Lack. Schon ist man »Spieler«. Es schadet nichts, wenn man in dieser Funktion ein bißchen rechnen kann, muß aber nicht sein. Es schadet nichts, wenn man von dem Metier, das man sich anmaßt, ein bißchen Ahnung hat, andererseits: Was soll der Schmarrn! Zeitverschwendung! Wichtig ist in jedem Fall, daß man sich als »Spieler« fühlt und sieht (wenn auch neuerdings nicht mehr so nennt, sondern auf seriös getrimmt mit Reform-Anmahn-Fresse durch die Krisengegend dömmelt) – und daß man einen superduften Plan hat, wie man die anderen »Spieler« auf dem »Markt« ordentlich fertigmachen kann. Oder was heißt Plan: Am besten macht man alles genauso wie die anderen, bloß ein bißchen billiger. Das geht ganz leicht: einfach keine Rechnungen zahlen, und wenn man »Mitarbeiter« braucht, dann auf jeden Fall die billigsten oder am besten solche, denen man gar nichts zahlen muß (siehe oben: »Praktikas«). Geht hier schließlich um die Sache, Leute! Zeigt mal bißchen Idealismus, hrömpf! und bestellt mir zwei Pizzas! Die Möglichkeit, daß nicht mehr soviel Geld runterfällt wie man raufgeworfen hat – oder gar keins –, die nannte man früher (als das manchmal noch zum großen Teil eigenes Geld war) »unternehmerisches Risiko«. Das war doof: Wer sich besonders blöd anstellte, stand womöglich am Ende ohne irgendwas da und mußte vielleicht sogar einen Offenbarungseid ablegen und sich verpflichten, in der nächsten Zeit nicht mehr als »Spieler« durch die Welt zu propellen, sondern die Finger vom »Business« zu lassen. Heute ist das anders: Das Risiko tragen die Angestellten (die sich danach auf dem Arbeitsamt schurigeln lassen und Parolen von Sozialhängematten anhören dürfen, ehe sie aufs Sozialamt weitergeschickt werden, um sich zum Arbeitsdienst zu melden) und die Gläubiger (die ihren eigenen Laden auch gleich zumachen können). Der »Spieler« hingegen faltet seine »Marke« zusammen, streift sich den Staub vom Sakko, denkt sich einen neuen Firmennamen aus, holt sich neues fremdes Geld und wirft es in die Luft. Das ist ein so einfaches und narrensicheres System, daß man es am liebsten selbst machen würde. Wenn man sich dabei, das heißt: bei dem bloßen Gedanken, nur nicht so elend schämen müßte! Ein Jammer. e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer |
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