
Geschrieben am 10. August 2000, ursprünglich für die Serie »Drei Akkorde Kulturpessimismus« in der SZ; dafür jedoch um ein gutes Drittel zu lang, daher liegengeblieben und vergessen und erst im Dezember 2003 wieder ausgegraben. Auch enthalten in diesem Buch:
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Wollt ihr die totale Motivation? Als beamteter Lehrer kommt man bei der Wahl eines Zieles für Klassenfahrt und Schulausflug derzeit kaum darum herum, Hannover und die EXPO wenigstens vorzuschlagen. Schließlich hat man die bürgerliche Pflicht, Papa Staat bei seinen Bemühungen, die deutsche Wirtschaft »wettbewerbsfähig« zu machen, zu unterstützen – um so mehr in einem Fall wie diesem, wo die Pleite von Planungsbeginn an abzusehen war, schon weil in der Besetzungsliste der Name Birgit Breuel auftauchte. Also erzählt man seinen Schülern den üblichen Sermon von »Zukunftsgewinnung« und technischer Machbarkeit, Innovation und Kreativität, läßt am Rande noch das Wort »Arbeitsplätze« (sichern/schaffen etc.) fallen, und schon entsteht im günstigsten Falle das, was aus der echten Wirtschaft seit einigen Jahren nicht mehr wegzudenken ist: Begeisterung! Alle finden alles ganz toll, sind dabei, tun mit, krempeln die Ärmel hoch, spucken in die Hände, glauben ganz fest, drücken die Daumen, blicken zuversichtlich nach vorne, sind zu Zugeständnissen bereit, halten zusammen und ziehen den Karren aus dem Dreck, wie man das so nennt. Freilich weiß jeder, wer den »Karren« in den »Dreck« gefahren hat: Das waren die, die das ganze Geld lieber für sich selbst wollten, als es ihren Arbeitnehmern oder wenigstens der Gesellschaft zu geben. Das ist aber egal, es ist überhaupt fast alles egal, wie das folgende Beispiel zeigt. Bei der Berliner Firma DooYoo arbeiten 160 Leute. Die arbeiten da alle ganz toll gern und mit großer Begeisterung, deswegen macht es ihnen auch nichts aus, daß sie am Tag mindestens elf Stunden arbeiten müssen (sechs Tage in der Woche) und daß sie dafür einen Hungerlohn bekommen – manche der Mitarbeiter haben ihren früheren, normal bezahlten Job sogar extra gekündigt, um hier arbeiten zu dürfen. Ich möchte wetten, nicht wenige davon würden notfalls auch umsonst arbeiten, wenn es der Firma »schlecht« ginge – denn diese Firma ist eines jener Phänomene, die man heutzutage »Start-up« nennt, weil sie was mit dem Internet zu tun haben. Früher war der »Upstart« ein ganz besonders unsympathischer Emporkömmling und Klassenverräter, aber das spielt hier keine Rolle – was eine Rolle spielt, und zwar die einzige Rolle, ist die Begeisterung, die den Leuten offenbar die Sinne vernebelt, weshalb die Berliner Sektion der »New Economy« zum wochenendlichen Austoben auch gleich noch eine Love Parade dazuerfunden hat. Natürlich erinnert das Ganze an religiösen Fanatismus. Ähnliche Wellen von verzweifelter Begeisterung gingen den Kreuzzügen voraus und tobten in den ersten Wochen des ersten Weltkriegs durch die deutsche Bevölkerung, vom »Dritten Reich« gar nicht zu reden. Sie werden immer künstlich erzeugt. Wir kennen das Phänomen auch von Scientologen und Angehörigen anderer Sekten: Negatives Denken und Skepsis sind strengstens verboten, Lächeln Pflicht; was zählt, ist die Orientierung auf ein Ziel, wobei der Aufschwungs- und Zukunftsgewinnungsbegeisterte unbedingt vergessen muß, daß das einzige Ziel im Leben letztlich der Tod ist und daß es eine Zukunft nur bei Perry Rhodan gibt. Vorlaute Punkrocker, die diese Wahrheit allzu laut aussprechen, werden daher eingesammelt und an den Stadtrand verschafft. Damit die Religion funktioniert, muß es Priester geben, die den Menschen einer fanatisierenden Gehirnwäsche unterziehen, welche am besten in der Masse rein- und somit: hinhaut. Also pilgern die Wirtschaftsgläubigen inzwischen zu Zehntausenden in »Motivationstage«, wo sie von gestriegelten Hornochsen ihr Motto eingebleut bekommen: »Du schaffst es!« Was? Egal. »Wollt ihr den totalen Erfolg?« brüllt der Motivator, und selbst die Nachfrage »Wollt ihr ihn wenn möglich totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt erst vorstellen können?« würde von den entflammten Massen mit einem dröhnenden Ja beantwortet. Freilich ist es abwegig, Gestalten wie Jürgen Höller mit Joseph Goebbels zu vergleichen. Der ist schließlich gescheitert! Nichts gegen Begeisterung. Ich kann mich auch freuen wie ein Schneekönig, wenn die richtige Mannschaft das Lokalderby gewinnt, wenn ich nach einem langen Winter meine Haus-Weinbergschnecke gesund im Gebüsch wiederfinde oder wenn nach fünf Jahren ein neues Elastica-Album erscheint. Aber: eine negative Grundeinstellung ist ein enormes Kreativitätspontential. Man muß Kindern eine Macke beibringen, damit sie im Leben nicht so sinnlos glücklich dahinvegetieren, sagt Herbert Feuerstein und hat wie immer so recht, daß man ihm begeistert um den Hals fallen möchte. Tut man zwar nicht, wegen der Ausrutscher mit »Kreativität« und »Potential«; dennoch: Ein bißchen mehr Skepsis, daran sollten wir uns zuweilen erinnern, hätte vielleicht den zweiten Weltkrieg verhindert.
e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer
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