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Ralf Bönt: Berliner Stille Wenn heutzutage ein Buch richtig gebunden, das heißt: mit Fäden geheftet ist, hat sich der Verlag dabei etwas gedacht: Das, so lautet das Signal, kann man zweimal lesen, vielleicht auch öfter, nicht etwa weil man - wie bei all den Wunderfräuleins und Streberbuben - nach zwei Tagen vergessen hat, was das überhaupt war, sondern weil man, wenn man hinterher darüber nachdenkt, vermutet, da stehe mehr drin, als man bemerkt hat. Oder weil das Lesen eine Gefühlserinnerung weckt, die man wieder erleben möchte. Hier: beides. Zum Beispiel in der ersten Geschichte "Steine", über ein Mädchen und einen Jungen, die sich als späte Kinder kennenlernen, eine isolierte, einsame Vertrautheit entwickeln, die in Liebe und Alltag mündet - all das auf ein paar wenigen Seiten erzählt und erfahren; es folgt ein gemeinsamer Fahrradurlaub auf Korsika, der auf die vage angedeuteten Fragen nach Bedeutung und Abgrenzung von Vertrautheit, Liebe, dem Einanderfinden und der Suche nach vermeintlich individueller Entwicklung scheinbar ebenso vage Antworten gibt, Brüche und Irrtümer an Kleinigkeiten spürbar macht und eine sanfte, aber eindringliche Melancholie hinterläßt, nach deren unmittelbarem Auslöser man noch beim dritten Lesen vergeblich sucht, ehe man einsieht, daß sie wahrscheinlich in einem selbst liegt und von der Geschichte nur angeschlagen wurde wie eine Saite. Immer geht es in Bönts Geschichten um ganz oder fast "normale" Menschen, die meist unterwegs sind, ohne zu wissen, was sie suchen: nachts in fremden Wohnungen, Höhlen in Großstadtmaschinen, fremden Ländern und anderen Leben. Sie sagen wenig, wenn sie sprechen; ihre Beziehungen sind ebenso zufällig wie selbstverständlich, und manchmal kommen sie gar nicht zustande, etwa in "Namenlose": Da erzählt ein Mann von aussichtsloser Irrtumsliebe, eine Obdachlose von vergeblicher Unterwerfung; eine seit Tagen beleuchtete Wohnung gegenüber wird zum verbindenden Motiv, sie rufen die Polizei und lassen die Tür aufbrechen. Die Wohnung erweist sich als leer; der Versuch, zueinander zu finden, scheitert kläglich, es bleibt eine schwebende Sehnsucht. Die Gewichtung zwischen Tragik, Gleichgültigkeit und der Spannung der Leere ist nicht in allen Geschichten so gut gelungen. "Russischer Rap" etwa müffelt nach Schreibkurs und modischen Vorleseveranstaltungen, wo man zu belanglosen Realitätsprotokollen auf Bühnen herumfuchtelt. Bönts Sprache ist simpel, knapp, gewollt unoriginell, mit einer gewissen Neigung zur Platitüde und einer Oberflächlichkeit, die im Einzelfall auch mal zu mordsdummen Grammatikfehlern führt. Vielleicht typisch, wie der Autor kürzlich eine ganze Zeitungsseite in der taz mit "Gedanken zum Zustand der Gefühle" füllte: ein schlimmer Schnitzer gleich im ersten Satz, viel Unfug und Gemeinplatz, ein paar feine Sätze. So liest man seine Geschichten gerne ein zweites und drittes Mal, entdeckt jedesmal Neues und vermißt Redaktion bzw. Lektorat jedesmal schmerzlicher. geschrieben Ende Juni 2006 für Konkret e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer |
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| Ich hab dich gestern irgendwo vergraben / wo, weiß ich nicht mehr | |