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Paul Murray: An Evening of Long Goodbyes Den "Lebensstil des Landedelmanns" möchte Charles Hythloday wiederbeleben; die Voraussetzungen sind günstig: Das idyllisch-herrschaftlich auf einer Landzunge gelegene Anwesen würde für jeden ZDF-Pilcher-Schmonz taugen, die Eltern sind fern (Papa tot, Mama im Krankenhaus), der Mehrwert scheinbar selbstreproduktiv gebunkert, die weitläufig exjugoslawische Haushälterin Mrs. P. sorgt für sorglosen Lebensstandard. Wie sich der 24jährige ein rechtes Landedelleben vorstellt, ist auch schnell klar: herumhängen, saufen, Videos glotzen und dabei eine emotionslose Fachidiotie für die Schauspielerin Gene Tierney pflegen, die sich auf Photographien im Schuljahrbuch von Schwester Bel projizieren läßt. Doch schwindet das vermutete Familienvermögen bei näherer Betrachtung wie eine Luftspiegelung, und hochgradig paradox beschließt Hythloday, Haus und gewohntes Leben zu retten, indem er zwecks Lebensversicherungsauszahlung den eigenen Tod vortäuscht und sich in Chile versteckt. Auch der paradoxe Plan haut nicht hin; der Möchtegern-Flanierer landet im Armenviertel von Dublin, ausgerechnet in der Bude von Frank, dem verblödeten, jederzeit gewaltbereiten Anhängsel der Schwester. Der Roman des 30jährigen Iren Paul Murray böte eine schöne Grundlage für eine witzige Posse und eine Versuchsanordnung zur Durchleuchtung sozialer Konstruktionen. Leider scheitert das Buch an seinen Möglichkeiten. Der Witz erschöpft sich in einem hingedengelten "Plot" und hölzernen Dialogen; die angedeuteten Gedankengänge bleiben ungegangen, weil keiner da ist, der denken kann. Das ist vielleicht das Grundproblem: Murray läßt Hythloday selbst erzählen, und der ist nicht nur - was interessant sein könnte - komplett unsympathisch (wie folgerichtig alle anderen Personen auch), sondern dazu noch selbstverliebt, hochnäsig, desinteressiert, unfähig zu Beobachtung und Reflexion und vor allem so dumm, daß das Wort "Depp" (ohne humorvollen Anklang) am ehesten trifft. So wird er also von den Situationen herumgeschmissen, ohne sie zu begreifen, und faselt vor sich hin - in einer strohdürren Sprache, die die blecherne Übersetzung sozusagen kongenial mit einem Hagel haarsträubender grammatischer Fehler und Stilblüten aus dem Nebelfeld zwischen der dritten und siebten oder achten Stufe der "Rechtschreibreform" ergänzt. Britische Kritiker haben den Roman gelobt und den Namen P. G. Wodehouse als Referenz ins Spiel gebracht. In seinen besseren Passagen merkt man ihm die entsprechende Absicht durchaus an. Leider aber ist das Beste, was man dazu sagen kann, daß er sich - wenn man die sprachliche Empfindlichkeit auf Stufe eins zurückdreht - schnell wegliest. geschrieben im Juli 2005 für Konkret, dort gedruckt e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer |
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